Social-Media-Verbot von oben: Lasst die Jugendlichen selbst reden!


Es ist nicht normal, innerhalb weniger Sekunden Videos von Trümmern aus Gaza zu sehen und im nächsten Moment bei Make-up-Tutorials, Katzenvideos und Brainrot-Memes zu landen. Allein 2024 investierte Meta über 52 Milliarden Dollar in die Weiterentwicklung seiner Algorithmen, um es Nutzern durch dopamingesteuerte Rückkopplungsschleifen so schwer wie möglich zu machen, die Plattform zu verlassen. Der Grund ist simpel: Je mehr Zeit Nutzer in der App verbringen, desto mehr Werbung kann ihnen ausgespielt werden. Von TraMy Bach Xuan
Der Kampf um unsere Aufmerksamkeit, algorithmische Manipulation und Dauerbeschallung sind reale Probleme – und sie betreffen Jugendliche besonders stark. Exzessiver Konsum sozialer Medien kann psychische Erkrankungen wie Depressionen oder Essstörungen verstärken. Zeitgleich sorgt Doomscrolling, also endloses Scrollen durch TikToks und Reels, für emotionale Desensibilisierung, kognitive Überlastung und ein negatives Selbstbild. Unsere Gehirne verfallen wortwörtlich dem Brainrot, nur damit Konzerne ihre Profite steigern können.
Medienminister Babler kündigte bis Sommer 2026 einen Gesetzentwurf zu Altersbeschränkungen für soziale Medien an, um „Kinder und Jugendliche besser vor schädlichen Inhalten auf Social-Media-Plattformen zu schützen“. Geplant sei ein Social-Media-Verbot für unter 14-Jährige, das bereits mit Beginn des nächsten Schuljahres in Kraft treten soll.
Doch über die echten Auswirkungen sozialer Medien auf die Jugend spricht von den Herrschenden kaum jemand. Stattdessen schüren sie Panik über den „Hass aus dem Ausland“, wie Paul Stich, Nationalratsabgeordneter und Jugendsprecher der SPÖ, im ZIB-2-Studio betonte: „Wir haben Zwölfjährige, die radikalisierten Predigern anhängen.“ Gleichzeitig hetzt die Regierung mit ihrer dreisten Rassismus-Kampagne und dem Kopftuchverbot nicht nur gegen muslimische Mädchen, sondern spielt auch Schüler und Lehrer gegeneinander aus.
Ginge es der Regierung ernsthaft um den Schutz von Kindern und Jugendlichen, so würde sie nicht bei Schulen, Jugendbetreuung, Jugendpsychiatrie und im Sozialbereich sparen, wo das Geld am dringendsten benötigt würde. Die Regierung will ihre sozialen Angriffe und Einsparungen möglichst ungestört durchsetzen und sorgt deshalb dafür, dass die Massen durch Kulturkämpfe gespalten bleiben. In Wahrheit fürchtet sie die Politisierung und Wut der Jugendlichen.
Nach jahrelanger einseitiger Berichterstattung zu Gaza bricht bei immer mehr jungen Menschen das Vertrauen in die bürgerliche Demokratie, ihre Institutionen und Medien. Jugendliche wenden sich daher lieber TikTok, X oder Instagram als Informationsquellen zu. Nicht nur das Massaker in Gaza, sondern auch die Epstein-Files, der Krieg in der Ukraine und die gesamte Krise des Kapitalismus entlarven die Heuchelei der Kapitalistenklasse. Die Herrschenden begreifen das und versuchen nun, durch ein Social-Media-Verbot den ideologischen Zugriff auf die Jugend zu verstärken.
Tatsächlich befürworten 84 Prozent der Österreicherinnen und Österreicher strengere Regeln für Jugendliche auf sozialen Netzwerken, weil sie selbst merken, wie schädlich die Online-Dienste kapitalistischer Großkonzerne sind. Doch das Problem des Social-Media-Verbots besteht darin, dass man den Kindern und Schülern keinen bewussten Umgang mit sozialen Netzwerken beibringen möchte, sondern aus Interesse der Regierung die kommenden sozialen Angriffe vorbereiten möchte. Eine Regierung, die gleichzeitig soziale Infrastruktur abbaut, handelt nicht aus Fürsorge, sondern aus politischem Interesse.
Die Kraft der Jugend und der Arbeiterklasse international ist enorm: Das hat sich in den letzten Jahren in Nepal, Serbien, Bangladesch, Bulgarien oder Indonesien sowie in studentischen Protestbewegungen für Palästina weltweit gezeigt. An vorderster Front waren Studierende, die sich organisiert und gekämpft haben – auch mithilfe sozialer Medien. Das macht den Kapitalisten Dampf, und es ist kein Zufall, dass derzeit fast jede europäische Regierung über ein Social-Media-Verbot diskutiert. Denn der Klassenkampf kommt auch nach Europa, und die Herrschenden werden alles tun, um die Wut einzudämmen und Kulturkämpfe anzufachen. Wehe, die Massen organisieren sich politisch und richten ihre Wut gegen Banken, Konzerne und die Kapitalistenklasse!
Soziale Medien besitzen das Potenzial, ein nützliches Werkzeug für Austausch, Aufklärung und Organisation zu sein, doch sie stehen derzeit unter der Kontrolle von Konzernen, deren einziges Ziel Profit ist. Im Gespräch mit Jugendlichen wird der wachsende Unmut gegenüber diesen Plattformen immer deutlicher. Viele Schüler gelangen selbst zu dem Schluss, dass solche Konzerne enteignet und demokratisch von Arbeitern und Jugendlichen kontrolliert werden müssten.
Was es braucht, ist kein staatliches Verbot von oben, sondern ein bewusster Umgang mit digitalen Medien und eine selbstbestimmte Jugendbewegung gegen Brainrot, Manipulation und Profitlogik. Nicht Bevormundung, sondern kollektive Kontrolle über Technologie und Information ist die Perspektive! Die Arbeiterklasse soll über ihre eigenen Medien verfügen!
(Funke Nr. 241/19.02.2026)