Bosnien: Der Westen zerbricht am Balkan


Am 10. Mai gab Christian Schmidt unter US-Druck seinen Rücktritt als Hoher Repräsentant für Bosnien und Herzegowina bekannt. Nun gibt es einen Kampf um seine Nachfolge. Damit endet eine jahrzehntelange transatlantische Partnerschaft zwischen USA und Europa. Der Balkan wird erneut ein offenes Schlachtfeld imperialistischer Interessen. Von Toni Knežević
Der Zusammenbruch Jugoslawiens und die kapitalistische Restauration hatten in Bosnien die brutalsten Folgen. Der Krieg (1992–95) forderte über 90.000 Menschenleben, spaltete die Bevölkerung entlang ethnischer Linien und daraufhin plünderten westliche Imperialisten (allen voran österreichische sowie deutsche Banken und Konzerne) den gesellschaftlichen Reichtum, den Generationen bosnischer Arbeiter geschaffen hatten.
Mit dem Dayton-Abkommen 1995 wurde Bosnien unter Schirmherrschaft des US-Imperialismus in zwei „Entitäten“ geteilt (serbische Republika Srpska und bosniakisch-kroatische Föderation), wodurch nationalistische Konflikte ständig neu angeheizt und jegliche Entwicklungsperspektiven zunichte gemacht wurden. Seither sind ständig Truppen von NATO bzw. EU stationiert und das Land ist de facto eine Kolonie des Westens.
So gibt es mit dem Amt des Hohen Repräsentanten einen Kolonialverwalter, der nicht vom bosnischen Volk, sondern von einem von Imperialisten geführten Rat gewählt wird. Er verfügt über diktatorische Befugnisse, Gesetze zu erlassen und aufzuheben oder Amtsträger abzusetzen. Bekleidet wurde dieses Amt die längste Zeit von dem österreichischen Diplomaten Valentin Inzko (2009–2021), gefolgt vom deutschen CSU-Politiker Schmidt (2021 bis 1.7.2026), der seine Vollmachten immer häufiger nutzte – im April 2023 setzte er etwa die Verfassung der bosniakisch-kroatischen Föderation für 24 Stunden aus, um eine von den USA gewünschte Regierung zu ermöglichen.
Doch die Ära der gemeinsamen Ausbeutung des Balkans durch amerikanische und europäische Imperialisten ist vorbei. Die neue Weltsituation bedeutet härtere imperialistische Konflikte, und gerade in Bosnien wollen die USA ihren Einfluss ausbauen.
Ein 1,5 Mrd. USD Gaspipeline-Projekt soll amerikanisches Flüssigerdgas (LNG) von Kroatien nach Bosnien transportieren und damit die noch bestehende russische Energieversorgung ablösen sowie Kohlekraftwerke, die den größten Teil des Energiebedarfs des Landes decken, ersetzen. Das Projekt soll von AAFS Infrastructure and Energy durchgeführt werden, einem neu gegründeten Unternehmen, das mit Trumps engstem Kreis verbunden ist und ebenso die Verwaltung von zwei Flughäfen (Sarajevo und Mostar) übernehmen will.
Um das Projekt auf den Weg zu bringen, verlangte Washington von Schmidt, die Genehmigung für den Bau auf staatlichem Grund zu erteilen. Dieser weigerte sich im Einklang mit der EU und trat unter Druck der USA vorzeitig zurück. Interimsmäßig ist nun sein Stellvertreter, der US-Amerikaner Crishock, amtierender Hoher Repräsentant und damit das Staatsoberhaupt Bosnien-Herzegowinas.
Die Frankfurter Allgemeine Zeitung (FAZ) – ein wichtiges Sprachrohr des deutschen Kapitals – erklärt: „Der Fall zeigt, dass Europäer und Amerikaner auch auf dem Balkan inzwischen keine Partner mehr sind, sondern geopolitische Rivalen.“ Sie empfiehlt sogar, das Amt vollständig aufzulösen, bevor es vollständig in die Hände der US-Konkurrenz fällt.
Diese neuen geopolitischen Rivalitäten zeigen sich an allen Ecken. Zuvor hatten sich die westlichen Imperialisten (inkl. USA) vor allem auf die kroatischen Nationalisten in Bosnien gestützt, während der nationalistische Führer der Republika Srpska, Milorad Dodik, einer der engsten Verbündeten Russlands ist. Nun knüpft Trumps Regierung engere Beziehungen zu Dodik, gegen den die US-Sanktionen letztes Jahr aufgehoben wurden.
Und auch in der Frage der EU steht die USA nun auf der anderen Seite. Hat sie zuvor die Einheit Europas unterstützt, befeuert sie nun die Spaltung. Dies zeigt der aktuelle Konflikt um die Nachfolge von Schmidt.
Von großer Bedeutung ist dabei Italien, dessen Kandidat für das Amt, Antonio Zanardi Landi (ehemaliger italienischer Botschafter in Serbien und Russland), bereit ist, die Diktate des US-Imperialismus auszuführen. Auf der anderen Seite wollen Deutschland, Frankreich und Großbritannien ihren Kandidaten – den Franzosen René Troccaz – durchsetzen.
Die FAZ beurteilt die Lage abschließend: „In Europas balkanischem Innenhof [stoßen] feindliche Mächte wie Russland und China – und nun auch die USA.“ Daher schreien die Herrschenden überall in Europa so laut nach Aufrüstung.
Der Balkan entwickelt sich zunehmend zu einem Schauplatz imperialistischer Konflikte. Dies wird die nationalistischen Spannungen weiter verschärfen, die bereits jetzt von den Handlangern des Imperialismus in der Region geschürt werden, um die Arbeiterklasse zu spalten.
Doch dieser Prozess hat auch eine Kehrseite. Vor allem in der Jugend brodelt die Wut gegen imperialistische Ausbeutung. Revolutionäre Unruhen brechen bereits auf dem Balkan aus und hallen über nationale Grenzen hinweg nach. Im vergangenen Jahr gab es große Bewegungen in Serbien, Griechenland und der Türkei. In diesem Jahr kam es nach einem Straßenbahnunfall in Sarajevo zu Protesten gegen Korruption in Bosnien, und nun erleben wir die „Flamingo-Revolution“ der albanischen Massen.
All diese Bewegungen zeigen das Potenzial für den Aufbau eines Balkans ohne kapitalistische Ausbeutung und imperialistische Unterdrückung. Dies ist nur möglich durch eine sozialistische Revolution. Es gilt, die Imperialisten zu enteignen und ihre lokalen Handlanger zu entmachten, eine demokratische Wirtschaftsplanung durchzusetzen. Nur der freiwillige Zusammenschluss aller Balkanvölker in der Sozialistischen Balkanföderation ermöglicht uns ein gutes Leben!
(Funke Nr. 245/08.07.2026)