Die Flamingo-Revolution erschüttert Albanien


Seit Wochen erlebt Albanien die größte Protestbewegung seit Jahren. Was als Widerstand gegen ein milliardenschweres Luxusresort auf der Insel Sazan und in der geschützten Küstenregion von Zvërnec begann, hat sich zu einer Bewegung gegen Korruption, Oligarchie und Ausverkauf des Landes entwickelt. Von Dominik Nedić
Unter dem Symbol des Flamingos demonstrieren Zehntausende Arbeiter, Jugendliche, Studenten und Umweltschützer. Von Italien und Deutschland bis nach Österreich fanden Solidaritätskundgebungen statt. In Wien gingen Hunderte Albaner auf die Straße, während viele andere aus der Diaspora nach Albanien reisten.
Im Mittelpunkt der Proteste steht ein milliardenschweres Luxusresort, das mit Jared Kushner – dem Schwiegersohn Donald Trumps – und dessen Investmentfirma Affinity Partners verbunden ist. Die Insel Sazan ist nicht irgendein Stück Land. Während des Kalten Krieges war sie eine der wichtigsten Militärbasen Albaniens. Bis heute befinden sich dort Bunkeranlagen, Tunnel und militärische Infrastruktur aus der Zeit des Hoxha-Regimes. Gleichzeitig gehören Sazan und die Vjosa-Narta-Lagune zu den ökologisch wertvollsten Regionen der Adria.
Viele Albaner betrachten sich als Nachfahren der antiken Illyrer und als eines der ältesten Völker des Balkans. Dies spielt im nationalen Selbstverständnis eine wichtige Rolle. Die Vorstellung, dass eine Insel mit einer solchen Bedeutung faktisch den Interessen internationaler Investoren überlassen wird, empfinden viele als nationale Demütigung.
Marxisten verachten diese Empfindung nicht. In ihr drückt sich der begründete Hass auf Ausbeutung, Fremdherrschaft und den Ausverkauf öffentlicher Güter aus. Doch die Antwort auf den Imperialismus kann nicht der Nationalismus sein.
Bereits im vergangenen Jahr plante Kushner ein Immobilienprojekt auf dem Gelände des ehemaligen Generalstabs der jugoslawischen Armee in Belgrad – einem Gebäude, das 1999 von der NATO bombardiert wurde.
Während die USA versuchen, ihren Einfluss in der Region auszubauen und zugleich Russland zurückzudrängen, geraten auch die imperialistischen Interessen Deutschlands, Österreichs und anderer europäischer Mächte unter Druck. Energieprojekte, Infrastruktur, Immobilien und Tourismus werden zu Instrumenten dieses Konkurrenzkampfes.
Für die Arbeiterklasse des Balkans macht es jedoch keinen Unterschied, welcher Imperialismus die Oberhand gewinnt. Amerikanischer, deutscher, österreichischer, russischer, chinesischer und türkischer Imperialismus verfolgen unterschiedliche Interessen – gemeinsam ist ihnen jedoch, dass sie den Balkan als Quelle billiger Arbeitskräfte, billiger Ressourcen und neuer Profite betrachten.
Es sind die Imperialisten, die den Balkan aussaugen, seine Ressourcen plündern und die verschiedenen nationalen Identitäten gegeneinander ausspielen. Doch sie könnten dies nicht ohne die Unterstützung der lokalen Bourgeoisien, die bereitwillig ihre eigenen Länder verkaufen.
Die Explosion der Wut lässt sich nur vor dem Hintergrund der kapitalistischen Restauration in den 1990ern verstehen. Der Kapitalismus brachte Albanien weder Wohlstand noch Demokratie. Privatisierungen, Korruption und Massenarbeitslosigkeit zerstörten die Lebensgrundlagen eines großen Teils der Bevölkerung. Millionen Albaner mussten ihre Heimat verlassen und Arbeit im Ausland suchen.
Die heutige Jugend kennt kaum etwas anderes als niedrige Löhne, steigende Lebenshaltungskosten und fehlende Zukunftsperspektiven. Das Luxusresort war lediglich der Funke, der diese aufgestaute Wut entzündete.
Immer häufiger wird auf Demonstrationen gerufen: „Rama [Premierminister] ins Gefängnis! Berisha ins Gefängnis!“ Diese Parole ist von großer politischer Bedeutung. Sie zeigt, dass sich immer mehr Demonstranten weder von der Regierung noch von der traditionellen Opposition vertreten fühlen. Die Bewegung beginnt, das gesamte politische Establishment infrage zu stellen.
Rama spricht von „hybrider Kriegsführung“ und behauptet, ausländische Kräfte würden die Proteste beeinflussen. Diese Methode erinnert stark an Aleksandar Vučić in Serbien, der soziale Bewegungen regelmäßig als Produkt ausländischer Manipulation darstellt.
Gleichzeitig setzen Teile der Bewegung Hoffnungen auf die Europäische Union. Doch diese Hoffnungen werden enttäuscht werden. Die EU präsentiert sich gerne als Verteidigerin von Demokratie und Rechtsstaatlichkeit. In der Praxis unterstützt sie jedoch jene Regierungen, die Stabilität für Investitionen garantieren.
Dasselbe Muster war bereits in Serbien zu beobachten. Während einzelne liberale Politiker den Studentenprotesten Sympathie entgegenbrachten, stellte sich die EU letztlich hinter Vučić, sobald ihre wirtschaftlichen und geopolitischen Interessen auf dem Spiel standen.
Auch in Albanien wird Brüssel keinen Kampf gegen Korruption oder Oligarchenherrschaft führen. Die Arbeiterklasse kann ihre Befreiung weder von Washington noch von Brüssel erwarten.
Während die herrschenden Klassen nationale Spannungen schüren, erleben Arbeiter und Jugendliche in Albanien, Serbien, Bosnien, Griechenland, Kroatien und Nordmazedonien dieselben Probleme: niedrige Löhne, Wohnungsnot, Korruption, Perspektivlosigkeit und die Herrschaft einer kleinen Schicht von Oligarchen.
Gerade deshalb besitzt die Solidarität zwischen den Bewegungen große Bedeutung. Die Solidaritätsdemonstrationen der albanischen Diaspora zeigen bereits, dass die Probleme des Balkans über nationale Grenzen hinausreichen.
Die Flamingo-Revolution zeigt das revolutionäre Potenzial der albanischen Jugend und Arbeiterklasse. Doch um zu siegen, muss die Bewegung über spontane Empörung hinausgehen. Keine Nation des Balkans kann sich dauerhaft von imperialistischer Ausbeutung befreien, solange Wirtschaft und Staat unter der Kontrolle der Bourgeoisie bleiben.
Die Perspektive der Arbeiterklasse kann weder ein „besserer“ Kapitalismus noch ein nationalistischer Rückzug sein. Sie liegt im gemeinsamen Kampf der Arbeiter aller Balkanvölker gegen ihre eigenen herrschenden Klassen und gegen die Imperialisten.
(Funke Nr. 245/08.07.2026)