…wird ein Feuer entfachen!

Im Frühjahr jährte sich zum hundertsten Mal die bayerische Räterepublik. Dieses oft vergessene Ereignis untersucht Florian Keller.

Zum Festakt des hundertjährigen Jubiläums des „Freistaates Bayern“ Ende letzten Jahres hätte man den Eindruck gewinnen können, dass Bayern weiter eine Monarchie ist. Neben der Landtagspräsidentin, dem Ministerpräsidenten und dem Präsidenten des Verfassungsgerichtshofes wurde auch die „königliche Hoheit“ (gemeint ist der Wittelsbacher Max Herzog in Bayern) begrüßt. Ministerpräsident Markus Söder erklärte in seiner Rede über das Gemüt der Bayern: „Man teilt der Obrigkeit gerne mit, dass nicht alles perfekt ist, man wünscht sich auch kleine Änderungen, aber nicht einen grundlegenden Richtungswechsel“. Und ihm kam nicht einmal der Name des Mannes über die Lippen, der den „Freistaat Bayern“ am 8. November 1918 ausgerufen hatte: Der Vorsitzende des Arbeiter- und Soldatenrates, der Sozialist Kurt Eisner.

Novemberrevolution in Bayern

Diese Proklamation war nicht etwa das Ergebnis einer „kleinen Änderung“, sondern einer Revolution. Tags zuvor demonstrierten nach Aufruf der SPD und der USPD (Unabhängige Sozialdemokraten) unter dem Eindruck des Aufstandes der Kieler Matrosen hunderttausende Menschen, überwiegend Arbeiterinnen und Arbeiter, auf der Münchner Theresienwiese für „Frieden und Freiheit“. Ein Teil der Versammlung hinter einer Musikkapelle unter Führung des Sozialdemokraten Erhard Auer marschierte daraufhin in die Stadt, begnügte sich aber mit dieser symbolischen Aktion und löste sich kurz darauf auf. Die Zurückgebliebenen unter der Führung von Kurz Eisner (USPD) dagegen zogen bald darauf zu den verschiedenen Kasernen, wo die kriegsmüden Soldaten sich massenhaft der Bewegung anschlossen und die ArbeiterInnen sich bewaffneten. Nachdem durch die Revolutionäre politische Gefangene befreit worden waren und strategisch wichtige Punkte der Stadt besetzt worden waren, gründeten sie eine Arbeiter- und Soldatenrat unter Vorsitz von Eisner. Der König Ludwig der III. floh etwa um diese Zeit in einer Nacht- und Nebelaktion im Auto zu seinem Gut am Chiemsee – dass er wenige Tage später seine Abdankung bekannt gab, war nur noch Formsache. So beendete die Revolution innerhalb weniger Stunden die 738 Jahre andauernde Herrschaft der Dynastie der Wittelsbacher.

Doch in Wirklichkeit war damit nichts gelöst. Die alte Macht war, wie in ganz Deutschland, durch die unaufhaltsame Massenbewegung beseitigt worden. Aber wie es weiter gehen sollte war nicht so klar. Die russische Revolution, in der die Arbeiterinnen und Arbeiter mit ihren Räten die Macht selbst übernommen hatten, war aber ein eindrückliches Vorbild für die Massen in Bayern, die damit begannen, sich selbst in Arbeiter-, und Soldatenräte zu organisieren. In Bayern bildeten sich unter Eindruck der Revolution und der Führung der Gebrüder Gandorfer, die den linken Flügel des Bayerischen Bauernbundes (BBB) anführten, auch so oft wie nirgendwo anders in Deutschland Bauernräte. So gab es im Dezember insgesamt schon etwa 7000 Räte in ganz Bayern, die vielfach die Organisierung des öffentlichen Lebens übernahmen.

Für den Moment war die Dynamik eindeutig auf Seiten der Massen – in Nürnberg, Augsburg, Rosenheim, Passau und Bayreuth wurden wie in München durch Revolutionäre Amtsgebäude besetzt und politische Gefangene befreit. Nur in Regensburg ergriff der Bürgermeister aus Angst vor den Massen selbst die Initiative und berief die Vertreter der bürgerlichen Parteien, der Sozialdemokratie und der Gewerkschaften ins Rathaus und gründete mit ihnen einen „Ordnungsausschuss“.

Die Rolle von SPD und USPD

Doch nach einem ersten Schock blieben auch die alten Eliten, die Kapitalisten, Adligen und Generäle nicht untätig. Wie in ganz Deutschland waren sie sich bewusst, dass sie den Arbeitermassen zu diesem Zeitpunkt nicht direkt entgegentreten konnten und stützten sich so vor Allem auf die Führer der SPD, um für „Ruhe und Ordnung“ zu sorgen. Noch am 6. November sagte Erhard Auer im Treffen des letzten vom König bestellten Ministeriums (das jedoch nie offiziell zusammentrat) zum geplanten Demonstrationszug: „Reden sie doch nicht immer von Eisner: Eisner ist erledigt. Sie dürfen sich darauf verlassen. Ich gehe selbst mit dem Zuge. Es geschieht gar nichts.“ Dass die Führung der Sozialdemokratie schon die Revolution gegen die Monarchie nicht wollte, beschrieb Auer selbst am 8. November, am Tag nach der Revolution, in der „Münchner Post“: „Unter dem Druck der furchtbaren Drangsale des deutschen Vaterlandes hat sich die gestrige Kundgebung ohne unser Zutun zu einem politischen Willensakt gesteigert, mit dem alle Teile der Bevölkerung rechnen müssen.“

Doch nach der Revolution gab sich die Führung der SPD nach außen hin schnell revolutionär, um ihre Basis in der Arbeiterschaft nicht zu verlieren – und versuchte die Räte unter Kontrolle zu bekommen. Insgesamt hatten sie zu Beginn damit auch Erfolg, insbesondere außerhalb von München. In München selbst bildete sich jedoch spontan der Revolutionäre Arbeiterrat (RAR), der ein Sammelbecken der Linken war und auf dessen Initiative nicht nur ein Münchner Arbeiterrat gewählt, sondern auch eine Landesorganisation der Räte in Bayern mit der Schaffung eines Zentralrates organisiert wurde.

Der Führer der Novemberrevolution in Bayern, Kurt Eisner, schwankte sichtlich zwischen der Initiative der Massen, die ihn zum ersten Ministerpräsidenten Bayerns gemacht hatte, und dem Druck des Kapitals hin- und her. Schon in der ersten Sitzung des provisorischen Nationalrats (einer Mischung aus Vertretern der Arbeiter- und Soldatenräte und vorwiegend sozialdemokratischen Landtagsabgeordneten sowie Gewerkschaftsvertretern) musste er einigen Widerstand brechen, um die Wahl der vorgeschlagenen sozialdemokratischen Minister (Auer wurde so etwa Innenminister) zur Übergangsregierung durchzusetzen – waren diese doch bei den aktivsten Teilen der Arbeiterschaft wegen ihrer Rolle im Krieg tief verhasst. Auch zwei bürgerliche Minister wurden in die Regierung geholt. Letztendlich hoffte Eisner so, den alten monarchistischen Beamtenapparat für eine demokratische Republik gewinnen zu können.

Doch auch der Druck der Massen spiegelte sich in der Gesetzgebung der neuen Regierung in der ersten Periode wider. Fünf Tage nach dem Umsturz versuchte die Regierung so etwa, die Bildung der Soldatenräte unter Kontrolle zu bringen, die sich überall spontan bildeten. Dieses Gesetz räumte des Soldatenräten Rechte ein, die weiter gingen als in anderen Teilen Deutschlands. Die Macht der Offiziere wurde stark beschränkt. Die Soldatenräte erhielten das Recht, einige Unteroffiziere abzusetzen, bei anderen die Absetzung zu beantragen sowie eigene Vorschläge für Ersatz zu machen. Das deutet darauf hin, dass die Revolution in der Praxis die Macht der Offiziere über „ihre“ Soldaten in Bayern sehr gründlich gebrochen hatte.
Doch letztendlich bewegte das Programm Eisners die Revolution in Bayern auf eine Sackgasse zu. Sein Plan war es, vor der Etablierung einer „formellen Demokratie“ (der Einberufung eines Landtages) eine „lebendig tätige Demokratie“ der Massen zu schaffen – letztlich eine Versöhnung der Rolle von Arbeiter-, Soldaten- und Bauernräten mit einem bürgerlichen Parlament; einer Ordnung, in der beide Machtpole ihre Rolle haben sollten. Dass er diese Position einnahm, war sicher auch ein Ergebnis des heißen Atems der Münchner Arbeiterschaft, die er vermittelt über die Räte verspürte. In einer Sitzung des Ministerrates brachte er das offen zum Ausdruck: „[…] selbst wenn die Nationalversammlung nicht so ausfällt, wie wir erwarten, so hat das Parlament nicht mehr die Rolle wie früher, sondern gegen den Arbeiterrat von München kann nie mehr regiert werden, sonst wird eine zweite Revolution da sein.“

Doch blieb er mit dieser Position der „Versöhnung“ auf halben Weg zu einer tatsächlichen Arbeiterdemokratie, gestützt auf die Räte stehen. Eisner war kein Marxist: Eine tatsächliche sozialistische Umwälzung, eine Enteignung des Großgrundbesitzes und der Großindustrie, lag ihm fern – die wirtschaftliche und damit letztendlich auch die politische Macht blieb so weiterhin beim Bürgertum. So musste die Etablierung der „lebendig tätigen Demokratie“ tatsächlich utopisch bleiben. Er stand aber links von der Politik der Sozialdemokratie, die mit der Unterstützung des Bürgertums daran gingen, in ganz Deutschland und unter allen Umständen eine möglichst rasche Wahl zu Parlamenten voranzubringen, um den Arbeiterräten etwas entgegenzusetzen.

Insbesondere in einer Situation der massiven Zuspitzung von sozialen Problemen, in der nach dem Waffenstillstand zehntausende Kriegsheimkehrer keine Wohnung hatten und Massenarbeitslosigkeit um sich griff, konnte aber nur eine sozialistische Umwälzung, gestützt auf die Räte, die Probleme der Arbeiterschaft lösen. Das Ergebnis war eine weit verbreitete Enttäuschung mit der Regierung Eisner in der Arbeiterschaft.

Die erste Welle der Revolution endete in ganz Deutschland so mit einem Betrug an den Arbeiterinnen und Arbeitern: Sie gaben die Macht ihrer traditionellen Partei, der Sozialdemokratie, die diese umgehend an das Bürgertum zurückgab. Die Niederschlagung des Spartakusaufstandes in Berlin im Januar, dem verzweifelten Versuch, diese Dynamik von unten aufzuhalten, bildete den Abschluss der ersten Welle der Revolution in Deutschland.

In Bayern führte dieser Prozess dazu, dass Eisner dem Druck des Bürgertums und der Sozialdemokratie schließlich nachgab und am 12. Januar eine Landtagswahl ansetzte, die unter dem direkten Eindruck der Niederschlagung des Spartakusaufstandes stattfand. Ihr Ergebnis war ein Wahlsieg der BVP (Bayerischen Volkspartei), die aber viele Stimmen verlor, und der SPD, die mit 33% fast doppelt so viele Stimmen wie bei der Landtagswahl 1912 holte. Die USPD dagegen erhielt nur 2,5% der Stimmen.

Dieses Ergebnis zeigte einerseits, dass die ländlichen Gebiete bis dahin kaum von der Revolution erfasst worden waren, das Bewusstsein der Massen daher trotz ihres gewaltigen Sieges gegen das alte Regime noch hinter den tatsächlichen Ereignissen zurückhinkte. Gerade auf dem Land gab es stellenweise einen scharfen Klassenwiderspruch zwischen Landarbeitern, armen Bauern und Großgrundbesitzern: Die 230.000 ärmsten Bauern bestellten unter 2 Hektar Land, insgesamt nur 170.000 Hektar. Die 584 größten Betriebe umfassten dagegen alleine 100.000 Hektar! Doch die Frage einer Landreform wurde von der Regierung Eisner nie auch nur aufgeworfen.

Andererseits spiegelte das Ergebnis aber auch wieder, dass ein großer Teil der Arbeiterinnen und Arbeiter, die durch die Revolution zum ersten Mal zum politische Leben erweckt wurden, die SPD mit ihrer neuendeckten linken Rhetorik als einfachsten Weg ansahen, ihre Interessen zu vertreten – gerade weil sich das Programm der viel kleineren USPD, wie oben beschreiben, letztendlich nicht entscheidend davon abhob und Eisner die sozialen Probleme nicht lösen konnte. So würden auch in der kommenden Periode viele Widersprüche quer durch die SPD laufen, deren einfache Wähler und Mitglieder unter dem Eindruck der Ereignisse oft revolutionäre Schlussfolgerungen zogen, deren Führer jedoch eine bewusst konterrevolutionäre Rolle spielten.

Die Revolution flammt wieder auf

Doch der Druck der Massen war weiterhin so stark, dass der Landtag über einen Monat lang nicht einberufen werden konnte. Generell überschlugen sich die Ereignisse auch in Bayern in diesen Tagen und Wochen. Am 12. Februar gab es eine Erklärung vom Innenminister Auer zur Einberufung des Landtages, die er nicht in der Regierung abgesprochen hatte. Daraufhin fand am 16. Februar eine Großdemonstration auf der Theresienwiese statt, bei der die Rätemacht gefordert wurde und die Auer davor zurückschrecken ließ, den Landtag einzuberufen. Erst als am 19. Februar der Rätekongress auf Druck der SPD-Führung beschloss, das Landtagsgebäude zu räumen, war der Weg frei für eine konstituierende Sitzung am 21. Februar. Noch am selben Tag gab es einen reaktionären Putschversuch gegen Eisner, dessen Führer nichts von diesem Beschluss wussten.

Unter Eindruck dieser Ereignisse machte sich Eisner am 21. Februar auf dem Weg zur konstituierenden Sitzung des Landtages, um dort seinen Rücktritt bekannt zu geben. Doch so weit sollte es nicht kommen. Noch bevor er den Landtag erreichte ermordete ihn der Leutnant Graf Arco-Valley mit zwei Kopfschüssen von hinten. Vor seiner Tat schrieb er in einer Notiz: „Eisner ist Bolschewist, er ist Jude, er ist kein Deutscher, er fühlt nicht deutsch, untergräbt jedes vaterländische Denken und Fühlen, ist ein Landesverräter“ und zeigte damit die reaktionäre Gesinnung der alten Elite aus Adel, Offizieren und Kapital unverfälscht auf, denen Eisner mit seiner unklaren Haltung zur „Ruhe und Ordnung“ und zu den Räten ein Dorn im Auge war – und die den Mord durch eine wahre Hetzkampagne in den Zeitungen heraufbeschworen hatten.

Während diese heimlich frohlockten, breitete sich in der Münchner Arbeiterschaft Bestürzung und Wut aus. Ein Mitglied des RAR, der Koch Alois Lindner, stürmte zum Landtag und schoss auf den Innenminister Auer von der SPD (zuvor einer der heftigsten Eisner-Gegner in der Regierung), nachdem dieser die Landtagssitzung eröffnet hatte. Im folgenden Tumult erschoss ein Unbekannter den konservativen Abgeordneten Osel. So ging der Landtag auseinander, ohne eine Regierung gewählt zu haben.

Durch die bayerische Arbeiterschaft hingegen ging unter dem Eindruck des Mordes an Eisner eine neue revolutionäre Welle. Ein Generalstreik brach sofort aus, die Reaktionäre waren völlig paralysiert. Der am 25. Februar erneut tagende Rätekongress übertrug unter diesem Eindruck dem Zentralrat der bayerischen Räte die gesetzgebende Gewalt und beschloss die Bewaffnung der Arbeiterklasse. Am 26. Februar begleiteten hunderttausende den Sarg von Kurt Eisner auf einem Trauerzug. Am 1. März proklamierte der Rätekongress eine eigene Regierung.

Doch die Widersprüche waren damit nicht aufgehoben – ganz im Gegenteil. Immernoch hatten die Arbeiterinnen und Arbeiter keine andere Führung als die SPD und die USPD. Die KPD war erst neu gegründet worden und sehr schwach in der Arbeiterschaft verankert, auch wenn ihr Programm der sozialistischen Räterepublik enorme Unterstützung in der Arbeiterschaft bekam und ihr Vorsitzender Max Levien sehr beliebt und in der Arbeiterbewegung anerkannt war, er war der Vorsitzende des Münchner Soldatenrates.

Selbst im Vergleich zur jungen Gesamtpartei waren ihre Mitglieder und Kader aber sehr unerfahren, die Partei machte daher viele Fehler. Einerseits boykottierte sie die Landtagswahlen, die Wahlen zur Nationalversammlung und lehnte geduldige Arbeit in den Gewerkschaften ab, was es ihr erschwerte, eine stabile Basis in der Arbeiterschaft aufzubauen und die Reichweite der Partei zu erhöhen. Ein systematischer Kampf um die Erringung der Mehrheit in der Arbeiterbewegung und den Räten wurde nicht geführt, was sich später als fatal herausstellen sollte. Stattdessen gab es unter vielen Mitgliedern Illusionen in die Rolle der USPD und der Anarchisten und der systematische Aufbau der eigenen Partei wurde lange vernachlässigt. Die Situation war so schlecht, dass sich die KPD-Führung entschloss, zum Parteiaufbau eine Reihe von erfahrenen Kadern nach München zu schicken, darunter etwa Eugen Leviné und Paul Frölich. Erst Mitte März begann ein systematischer Aufbau von Parteizellen in den Betrieben und Kasernen.

Räterepublik in aller Munde

Während die Arbeiterklasse so sehr weit nach links drängte, fand sich für dieses Drängen kein Ausdruck. Die SPD-Führung schob, nachdem viele Parteimitglieder nach der Ermordung Eisners die Partei verließen und zur USPD und der KPD gingen, Funktionäre in den Vordergrund, die für die Rätemacht argumentierten. Doch das änderte nichts daran, dass sie sich mit ganzer Macht gegen eine „zweite Revolution“ stemmten: So trat etwa die vom Rätekongress bestimmte Regierung nie zusammen – die SPD unterstützte sie nicht, obwohl ein SPD-Mitglied (Martin Segitz) als Ministerpräsident vorgesehen war!

Doch auch das Bürgertum konnte trotz aller Versuche und der expliziten Unterstützung der SPD die Lage nicht stabilisieren. Erst am 17. März wurde nach einem Kompromiss gewagt, den Landtag erneut einzuberufen und Johannes Hoffmann (SPD) wurde zum Ministerpräsidenten gewählt. Doch seine Regierung hatte besonders im Zentrum der Revolution, in München, keinerlei Basis – nichteinmal eine bewaffnete Macht, auf die sie sich stützen konnte. Um es mit den Worten von Hoffmann in einer Landtagsrede vom 2. Juni selbst auszudrücken, die in jeder Silbe den Hass auf die revolutionären Massen widerspiegeln:

„Als ich am 17. März die Regierung übernahm, war in München ein gegen die Regierung wohlorganisiertes Heer von 30.000 Arbeitslosen und ein durchaus verwahrlostes Militär. […] Die Entlassung der Münchner Garnison sollte alsbald erfolgen. Aber gerade diese Absicht der Regierung hat die Münchner Katastrophe beschleunigt. Auch eine sozialistische Regierung kann keine Wunder tun, und es wäre wirklich ein Wunder gewesen, wenn es bei den verlotterten Zuständen in München möglich gewesen wäre, innerhalb von 14 Tagen aus diesen Truppen eine Schutztruppe zuverlässiger Art für die Regierung zu machen“

Doch das Kapital konnte nicht länger warten. Die „Wirtschaft“ verlangte Ruhe und Ordnung! Auch die Reichsregierung unter Phillip Scheidemann (SPD), die auf der Basis von rechten Freikorps durch Massaker an ArbeiterInnen in ganz Deutschland eine vorübergehende Friedhofruhe in der Arbeiterschaft erzwungen hatte und bedeutend fester im Sattel saß, übte Druck in diese Richtung aus. So berief der Ältestenrat des Landtages (gesetzeswidrig) für den 8. April eine Sitzung des Landtages ein, um der Regierung endlich das Arbeiten zu ermöglichen.

Für die organisierte Arbeiterschaft war dies nach den vorhergegangenen Ereignissen ein rotes Tuch und ein deutliches Zeichen, dass die Revolution beseitigt werden sollte. Gleichzeitig war auf internationaler Ebene ein weiteres starkes Vorbild geschaffen, nachdem am 2. März in Ungarn die sozialistische Räterepublik ausgerufen worden war. Der Gedanke an eine neue Revolution, die eine Räterepublik schaffen sollte, bekam in Bayern immer mehr Unterstützung.

Die Führung der Sozialdemokratie erkannte, dass eine neuerliche Konfrontation mit den Wünschen der Arbeiterklasse sie wegfegen würde und jegliche Kontrolle über die Bewegung verloren gehen würde. Daher entschloss sich ein Teil der Parteiführung, den „Tiger zu reiten“, um ihn zu bändigen. Auf einer Reihe von Parteiveranstaltungen wurden Beschlüsse zur Ausrufung der Räterepublik gefasst. In einer Sitzung in der Nacht vom 4. Zum 5. April, an der der Zentralrat, die Führer der USPD, der SPD, des BBB und einige Anarchisten teilnahmen, sollte so beschlossen werden, die Räterepublik auszurufen. Als einziges stellte sich zur Überraschung aller Anwesenden der Vertreter der KPD, Eugen Leviné, gegen diese Proklamation. Seine Erklärung ist es wert, ausführlich zitiert zu werden.

„Wir Kommunisten hegen das größte Mißtrauen gegen eine Räterepublik, deren Träger die sozialdemokratischen Minister Schneppenhorst und Dürr sind, die die ganze Zeit den Rätegedanken mit allen Mitteln bekämpften. Wir können es uns nur als einen Versuch bankrotter Führer, durch eine scheinbar revolutionäre Aktion den Anschluß an die Massen zu gewinnen, oder als eine bewußte Provokation erklären. Wir wissen aus Beispielen in Norddeutschland, daß die Mehrheitssozialisten häufig bestrebt waren, verfrühte Aktionen ins Leben zu rufen, um sie desto erfolgreicher abwürgen zu können. Die ganze Art Eures Vorgehens gebietet die größte Wachsamkeit. Eine Räterepublik wird nicht vom grünen Tisch proklamiert, sie ist das Ergebnis von ernsten Kämpfen des Proletariats und seines Sieges. Das Münchner Proletariat steht noch vor solchen Kämpfen. Wir bereiten uns dazu vor und haben Zeit. Gegenwärtig ist der Augenblick der Proklamierung einer Räterepublik außerordentlich ungünstig. Die Massen in Nord- und Mitteldeutschland sind geschlagen und sammeln sich erst zu neuen Kämpfen, und Bayern ist kein wirtschaftlich geschlossenes Gebiet, das sich selbständig längere Zeit halten könnte. Nach dem ersten Rausch würde folgendes eintreten: die Mehrheitssozialisten würden sich unter dem ersten besten Vorwand zurückziehen und das Proletariat bewußt verraten. Die USPD würde mitmachen, dann umfallen, anfangen zu schwanken, zu verhandeln und dadurch zum unbewußten Verräter werden. Und wir Kommunisten würden mit dem Blut unserer Besten Eure Taten bezahlen.“

Diese Vorhersage sollte sich tragischerweise bis ins Detail bestätigen. Die Führer der SPD blickten tatsächlich als Vorbild auf Berlin, wo nach dem verfrühten und provozierten Spartakusaufstand die Arbeiterklasse vorläufig besiegt war. Laut verschiedensten Zeugen argumentierte etwa der anwesende Kriegsminister Schneppenhorst von der SPD extrem energisch für die Ausrufung der Räterepublik. Noch bevor diese tatsächlich ausgerufen war und die alte Regierung für abgesetzt erklärt wurde, argumentierte er für eine Verschiebung der Ausrufung um zwei Tage, um andere Städte für die Idee zu gewinnen. Dann reiste er aus München nach Nordbayern ab, um dort laut eigener Aussage „für die Räteidee zu werben“. In Wirklichkeit schloss er sich sofort der aus München nach Bamberg geflohenen Regierung Hoffmann an, die dort umgehend begann, Konterrevolutionäre Truppen (die „Weißen“) zu sammeln, vor allem quasi-faschistische Freikorps.

Die „Scheinräterepublik“

Die Räteregierung wurde schließlich am 6. April für den 7. ausgerufen, im ersten Enthusiasmus schlossen sich auch bis zum 8. April die größeren Räte fast ganz Südbayerns und aller großen Städte – mit der Ausnahme Nürnbergs – der Räterepublik an. Doch schon am 9. April begann dieser Prozess sich umzukehren, in einigen Städten wie Ingolstadt und Würzburg beseitigten konterrevolutionäre Soldaten und Studenten mit bürgerlicher Unterstützung die Räteherrschaft. In anderen Fällen führte die klare konterrevolutionäre Positionierung der SPD-Führung dazu, dass zwar einerseits der Widerspruch zwischen Parteiführung und Basis zugespitzt wurde, aber auch immer öfter die Mehrheit in den Räten kippte.
Nachdem sich die die sozialdemokratischen Führer in München sofort aus dem Staub gemacht hatten oder einfach nichts taten, blieben so als „Führung“ eine Reihe von zufälligen Gestalten übrig; Anarchisten wie Erich Mühsam und Gustav Landauer, Kaffeehausliteraten, Abenteurer, die keinerlei Basis in der Arbeiterklasse, aber dafür ein nicht enden wollendes Reservoir an völlig utopisch-romantisierenden Vorstellungen hatten. Paul Fröhlich schrieb über sie: „Die Herren, welche an der Verschwörung teilgenommen hatten, wählten sich gegenseitig. Rücksicht auf politische Erfahrung wurde nicht genommen. So kam eine Auslese von brüchigen Charakteren und unklaren Köpfen zustande“. Der „Volksbeauftragte für Äußeres“ Lipp, der auf Vorschlag von Mühsam sogar zum Vorsitzenden des Vollzugsrates gewählt wurde, den aber niemand kannte, stellte sich als geisteskrank heraus. Nachdem er unter anderem versucht hatte, Württemberg und der Schweiz den Krieg zu erklären, wurde er abgesetzt und in eine Nervenklinik eingewiesen.

Die USPD war, wie von Leviné vorhergesehen, völlig paralysiert. Nach der Ermordung Eisners war der Pazifist Ernst Toller ihr Vorsitzender geworden, der nur wenige Monate der politischen Erfahrung aufweisen konnte und mit seinem wilden politischen hin- und herschwanken ein passender Ausdruck für die Politik der USPD war. Jetzt bekam er auch die Leitung des Zentralrates und übernahm damit die Regierungsspitze. Doch unter seiner Führung passierte – nichts. Statt mit dem Aufbau einer neuen Ordnung zu beginnen, wurde so etwa der 7. April zum Nationalfeiertag erklärt, anstatt die Arbeiterklasse zu mobilisieren und zu bewaffnen um die zentralen Kommunikations- und Verkehrspunkte zu besetzen, die Verteidigung zu organisieren, die Versorgung sicherzustellen, die Großbetriebe zu sozialisieren. Stattdessen „sozialisierten“ diese Herren am 7. April – die Universität! Frölich schreibt: „Ein Plakat purpurrot prangte an den Straßenecken: Diktatur des Proletariats! Die Bourgeoisie war gefällt – durch ein Plakat. Die Arbeiterklasse war in den Sattel gehoben, ohne daß sie das Geringste dazu getan hatte, durch ein Techtelmechtel politischer Abenteurer. Diktatur des Proletariats bestand nur in einem: Man gab ihm ein Fest.“

Die Arbeiterklasse stand dieser neuen „Räterepublik“ insgesamt freundlich gegenüber, aber praktisch hatte sie mit ihrer Ausrufung „am grünen Tisch“ nicht die Zügel in der Gesellschaft in die Hände bekommen. Die bürgerliche Propaganda verbreitete Horrormeldungen über die Zustände in München, insbesondere in der Bauernschaft (die damals in Bayern noch fast 40% der Bevölkerung ausmachte). Eine ganze Reihe von Bauernräte, die immer mehr von Großbauern dominiert wurden und damit unter Einfluss des rechten Flügels des BBB geraten waren, gaben als Reaktion darauf eine Lebensmittelsperre für München bekannt, was die Ernährungssituation verschärfte. Die Räterepublik war in ernsthafter Gefahr.
Erst am 10. April begann die Regierung die ArbeiterInnen zu bewaffnen. Doch sie konnte insgesamt nur 600 Gewehre auftreiben. Daraufhin erließ sie einen Erlass an die konterrevolutionäre Bourgeoisie, die Waffen abzuliefern. Da sie keinerlei Machtmittel hatte, um diesen Erlass durchzusetzen, waren die Ergebnisse dessen mehr als kläglich.

Der Plamsonntagsputsch

Die Konterrevolution konnte durch diese tagelange Paralyse nur den Schluss ziehen, dass man an die neue Räterepublik nur mit einem festen Hieb herantreten müsste, damit sie wie ein Kartenhaus zusammenfallen würde. So fuhr Alfred Seyffertitz, der Kommandant der konterrevolutionären „Republikanischen Schutztruppe“ (die unbehelligt in München weiter existierte) nach Beratungen mit Münchner SPD-Führern nach Bamberg, um sich vom Ministerpräsidenten im Exil Hoffmann die Erlaubnis für einen Putsch gegen die Räteregierung zu holen. Dieser fand schließlich am Morgen des Palmsonntags, am 13. April statt. Im Namen der „gesamten Garnison Münchens“ wurden Plakate aufgehängt, die den Zentralrat für abgesetzt erklärten. Die „Republikanische Schutztruppe“ besetzte die Räumlichkeiten des Zentralrates, verhaftete eine Reihe von Führern der Räterepublik, unter anderem Erich Mühsam, und brachte sie aus München heraus.

Doch mit der Aussicht der offenen Konterrevolution konfrontiert, mobilisierten sich die Massen. Die KPD hatte die Ausrufung der Räterepublik „am grünen Tisch“ abgelehnt, aber als einzige Partei eine entschlossene Verteidigung argumentiert und vorbereitet, als sich ein militärisches Vorgehen der Konterrevolution abzeichnete.

Auf ihren Aufruf hin bildeten sich Einheiten bewaffneter ArbeiterInnen, viele Soldaten schlossen sich ihnen an. Kämpfe brachen aus, und die konterrevolutionären Truppen zogen sich bis zum Hauptbahnhof zurück. Schließlich wurde der Bahnhof gestürmt, Seyffertitz floh mit den Truppen, die nicht gestorben oder gefangen genommen wurden, mit einer Lokomotive aus München. Aus dem Kern der revolutionären Truppen wurden unter diesem Eindruck vom erst 24-jährigen Matrosen Rudolf Egelhofer die Rote Armee Bayerns gebildet.

Die KPD an der Macht

Eine Konferenz der Betriebs- und Kasernenräte erklärten den alten Zentralrat für aufgelöst und schufe am 13. April einen 15-köpfigen Aktionsausschuss als neue Regierung. Auch wenn Toller diesen Beschluss zuerst nicht anerkennen wollte, musste er sich doch schließlich beugen. Die Regierung kam unter Beteiligung von SPD-, USPD- und KPD-Mitgliedern zustande, stand jedoch unter klarer kommunistischer Führung: An ihrer Spitze stand der Kommunist Leviné, das Programm der neuen Räteregierung war tatsächlich ein Programm der sozialen Revolution

Die Banken wurden verstaatlicht. Abhebungen durften nur mit der Zustimmung der Betriebsräte, bei Summen über 1200 Mark sogar nur mit der Zustimmung des Volksbeauftragten für das Finanzwesen (Finanzminister) abgehoben werden. Die Verwaltung wurde unter Kontrolle der Betriebsräte gestellt – sie konnten Beamte entlassen, die gegen die Rätemacht arbeiteten. Um die Versorgung sicherzustellen, wurden große Mengen Lebensmittel von Spekulanten beschlagnahmt. Die Betriebsräte sollten die vollständige Kontrolle über die Produktion übernehmen. Die Arbeiterinnen und Arbeiter in München und dessen Umland waren zum ersten Mal in der Geschichte tatsächlich die Herren über ihre eigene Lage!

Der Sieg gegen die Konterrevolution hatte der aktiven Schicht der Arbeiterklasse enormes Selbstvertrauen gegeben und gleichzeitig die Fronten deutlicher geklärt. Viele Illusionen in der Arbeiterklasse über die Haltung der SPD-Führung waren verflogen. Doch die objektiven Bedingungen waren nicht besser geworden – die Räterepublik war in einem Teil im Süden von Bayern rund um München isoliert, die Konterrevolutionären Truppen marschierten gegen sie auf.

Die neue Räteregierung ging sofort daran, in einer sehr schlechten Lage eine entschiedene Verteidigung zu organisieren. 20.000 Gewehre wurden an die Betriebe geliefert, wo rote Garden zur Verteidigung gebildet wurden. Aus den revolutionären Truppen und Freiwilligen wurde eine Rote Armee ganz im Geiste des Internationalismus gebildet – neben russischen und italienischen Kriegsgefangenen traten auch viele Österreicher in die Armee ein. Das Bürgertum und Konterrevolutionäre wurden von Roten Garden entwaffnet. Auch wurde zur Mobilisierung der ArbeiterInnen und zur Organisierung der Verteidigung ein 10-tägiger Generalstreik ausgerufen – eine Entscheidung, die die Wirtschaft der Räterepublik völlig abwürgte und einerseits von der Unerfahrenheit der Führung, aber auch von der verzweifelten Lage zeugt.

Lenins Grußadresse

Die Nachricht von der Machtergreifung der Arbeiterklasse war weit über die Grenzen Bayerns hinaus enthusiastisch aufgenommen worden, repräsentierte sie doch einen weiteren Schritt nach vorne für die internationale sozialistische Revolution, die zum damaligen Zeitpunkt nach der Revolution in Russland und Ungarn scheinbar unaufhaltsam voranschritt. Die KPD hoffte insbesondere darauf, dass die Nachricht der Errichtung der Räterepublik in Bayern den Kampfeswillen der Arbeiterinnen und Arbeiter im Rest von Deutschland wiederbeleben würde.

Auch nach Sowjetrussland war die Nachricht von der Errichtung der Räterepublik in Bayern vorgedrungen, nachdem Leviné eine Grußadresse geschickt hatte. Lenin, der zu Beginn des 20 Jahrhunderts zwei Jahre lang in München gewohnt hatte, fand trotz des Bürgerkriegs in Russland selbst die Zeit, ebenfalls eine Grußadresse zurückzuschicken, die es wert ist, ungekürzt zitiert zu werden:

„Grußschreiben an die Bayerische Räterepublik

Wir danken für Ihren Gruß und begrüßen unserseits von ganzem Herzen die Räterepublik in Bayern. Wir bitten Sie sehr, möglichst oft und möglichst konkret mitzuteilen, welche Maßnahmen Sie zum Kampfgegen die bürgerlichen Henker Scheidemann und Co. durchgeführt haben. Haben Sie Arbeiter- und Gesinderäte in den Stadtteilen geschaffen, die Arbeiter bewaffnet, die Bourgeoisie entwaffnet, die Bestände an Kleidung und anderen Erzeugnissen verwendet, um den Arbeitern und besonders den Landarbeitern und Kleinbauern sofortige und umfassende Hilfe zu leisten, haben Sie die Fabriken und die Reichtümer der Kapitalisten in München wie auch die kapitalistischen landwirtschaftlichen Betriebe in seiner Umgebung enteignet, die Hypotheken und Pachtzahlungen für die Kleinbauern aufgehoben, die Löhne für Landarbeiter und ungelernte Arbeiter verdoppelt oder verdreifacht, alles Papier und alle Druckereien zum Druck populärer Flugblätter und Zeitungen für die Massen beschlagnahmt, den Sechsstundentag bei gleichzeitiger zwei- oder dreistündiger Beschäftigung in der Verwaltung des Staates eingeführt, den Wohnraum der Bourgeoisie in München beschränkt, um sofort Arbeiter in die Wohnungen der Reichen einzuweisen, alle Banken in Ihre Hände genommen, Geiseln aus der Bourgeoisie festgesetzt, für die Arbeiter größere Lebensmittelrationen als für die Bourgeoisie eingeführt und die Arbeiter ausnahmslos sowohl für die Verteidigung als auch für die ideologische Propaganda in den umliegenden Dörfern mobilisiert? Die schnellste und umfassendste Durchführung dieser und ähnlicher Maßnahmen bei eigener Initiative der Arbeiter- und Landarbeiterräte und gesondert von ihnen der Kleinbauernräte wird Ihre Stellung festigen. Es ist notwendig, der Bourgeoisie eine außerordentliche Steuer aufzuerlegen und in der Lage der Arbeiter, Landarbeiter und Kleinbauern sofort und um jeden Preis eine faktische Verbesserung herbeizuführen.

Die besten Grüße und Wünsche für den Erfolg
Lenin“

Trotz der sich überstürzenden Ereignisse und der widersprüchlichen Informationen zeugen die Fragen Lenins von einem scharfen Verständnis für die Aufgaben der Räterepublik inklusive der schwachen Seiten ihrer Maßnahmen (wie etwa in der Landfrage, die in der Räterepublik nie beantwortet wurde). Lenin war bewusst, dass nach den Niederlagen in Deutschland die Situation der bayerischen Räterepublik extrem prekär war. In seiner Nachricht versucht er daher, so gut wie möglich zu skizzieren, wie die Revolution doch Erfolg haben konnte- auch wenn seine Nachricht München erst am 27. April erreichte, als die Niederlage schon besiegelt war.

In Wirklichkeit ist dieses kurze Dokument daher eine Anleitung dafür, wie eine Revolution in einer schwierigen Situation siegen kann: Nicht etwa, wie es später die Stalinisten im spanischen Bürgerkrieg argumentierten, dass die sozialen Forderungen der Arbeiterklasse und Bauernschaft in den Hintergrund treten und ein Bündnis mit den „progressiven Teilen der Bourgoisie“ gegen die Reaktion geschlossen werden sollte – ganz im Gegenteil!

Die Räterepublik konnte nur dann Erfolg haben, wenn sie mit radikalen Maßnahmen der sozialen Verbesserungen (Verdoppelung und Verdreifachung der Löhne für ungelernte und Landarbeiter!) die ärmsten, unorganisierten Schichten der Arbeiterklasse und Bauernschaft zum politischen Leben erweckt, aktiviert und ihnen etwas gibt, dass es sich lohnt, zu verteidigen. Auf dieser Basis musste die Revolution ohne falsche Illusionen in die Absichten des Kapitals, die plante, die Räterepublik im Blut zu ertränken, rücksichtslos und entschlossen gegen die Reaktion vorgehen.

Der Kampf gegen die Konterrevolution

Nach dem Sieg gegen den Palmsonntagsputsch konnte die Räterepublik zuerst auch einige wichtige Siege gegen den Versuch der Regierung Hoffmann erringen, die Arbeitermacht militärisch zu zerschlagen. Dabei stellte sich sehr schnell heraus, dass die reguläre Bayerische Armee kaum gegen die Revolution einzusetzen war. So entschieden sich am 15. April 1200 Soldaten des 1. Jägerbattalions in Freising nach Diskussionen mit Revolutionären, ihnen ihre Waffen abzugeben und nach Regensburg zu fahren – die Offiziere mussten sich den Soldaten beugen. Doch auch in den ersten Kampfhandlungen war die Rote Armee siegreich. Am 15. April vertrieb sie die Weißen aus Allach und Karlsfeld nördlich von München, am 16. April endgültig aus Dachau, wo schon tags zuvor Arbeiter der Pulverfabrik hunderte Weißgardisten überrumpelt und entwaffnet hatten.

Doch diese ersten Siege waren nicht von Dauer: Die Revolutionäre nützten ihre Siege nicht aus – nicht zuletzt deswegen, weil der abgesetzte Toller, der jetzt die Truppen bei Dachau kommandierte, lieber auf eine Verhandlungslösung setzte und so der Regierung Hoffmann dringend benötigte Zeit verschafft wurde. Und diese blieb nicht untätig.

Aus dem ganzen Reich wurden kampferprobte konterrevolutionäre Truppen, insbesondere Freikorps herbeigekarrt, die nach und nach in Nord- und Mitteldeutschland die verschiedensten Aufstände der Arbeiterinnen und Arbeiter blutig unterdrückt hatten. Das „prominenteste“ Beispiel ist dabei sicherlich die Marinebrigade Erhard, die später als die wichtigste Basis des Kapp-Putsches traurige Berühmtheit erlangen sollte. Das bayerische Kapital ließ sich die blutige Verteidigung seiner Interessen auch einiges kosten: So berichtete der Oberbefehlshaber der Reichswehr in Bayern Möhl an Hoffmann: „Aus Bankkreisen sind dem AOK 690.000 Mk zur Verfügung an die Truppen überwiesen worden.“ Insgesamt konnte die Regierung Hoffmann etwa 60.000 einsatzbereite Soldaten sammeln.

Am 20. April wurde Augsburg von den Weißen erobert, in den Vororten gab es noch drei Tage lang erbitterten Widerstand. Augsburg hatte sich nicht der Räterepublik angeschlossen, die Arbeiterinnen und Arbeiter waren aber nicht bereit, die Bedingungslose Kapitulation und Entwaffnung der Arbeiterklasse, die vom USPD-Stadtkommandanten mit den Freikorps verhandelt worden war, hinzunehmen.

Das Ende der Räterepublik

Die Lage wurde damit immer unhaltbarer, eine Niederlage war nur noch eine Frage der Zeit. Und auch wenn viele Arbeiterinnen und Arbeiter bis zum Schluss kämpfen wollten, so hofften die unentschlosseneren doch auf einen Kompromiss mit den Weißen. Unter diesen Umständen bekam Toller wieder Oberwasser, der hinter den Kulissen schon länger versucht hatte, seine Absetzung wieder wettzumachen und mit der Hoffnung auf eine Verhandlungslösung am 27. April die Mehrheit der Betriebsräte hinter sich brachte. Doch das war nichts als eine Illusion. Die Regierung Hoffmann wies jeden Versuch der Verhandlung zurück. Jetzt sollte die offene Konterrevolution wüten, um jeden Gedanken der ArbeiterInnen an die Revolution ein für allemal zu unterdrücken.

Mit dem Ausscheiden der Kommunisten aus der Regierung war auch die entschlossene Verteidigung gebrochen – die neue Regierung wollte den Widerstand einstellen. Die neu geschaffene Rote Armee wollte diese Entscheidung nicht akzeptieren und trotzdem weiterkämpfen – doch der Wille bis zum Letzten zu gehen war gebrochen. Am 1. Mai wurde München komplett eingeschlossen und bis zum 2. Mai vollständig erobert. Als Letztes wurde Kolbermoor im Landkreis Rosenheim (Oberbayern) am 3. Mai erobert.

Jetzt tobte die Konterrevolution offen. Bei den Kämpfen starben in den letzten Tagen nach offiziellen Angaben 38 Regierungssoldaten und 93 Angehörige der Roten Armee. Doch darüber hinaus wurden hunderte, nach verschiedenen Angaben bis zu 2000 Rotarmisten und ArbeiterInnen von der wütenden konterrevolutionären Soldateska ermordet, die in den Statistiken entweder als „standrechtlich erschossen“, „verunglückt“ oder gar nicht aufscheinen. 21 Mitglieder eines katholischen Gesellenvereins wurden so zum Beispiel bei der Planung einer Theateraufführung gefangengenommen und misshandelt, einige totgeprügelt, die „Glücklicheren“ erschossen. Auch der Kommandant der Roten Armee, der Matrose Rudolf Egelhofer, sowie Kurt Landauer wurden ermordet. Eugen Leviné wurde gefangen genommen und später zum Tode verurteilt, dieses Urteil wurde von der SPD-Landesregierung bestätigt und vollstreckt. Es war das erste Mal seit der gescheiterten Revolution von 1848, dass in Deutschland das offizielle Todesurteil gegen einen politischen Gegner vollstreckt wurde.

Nachdem die Arbeiterklasse und die Räterepublik besiegt war, dauerte es nicht lange, bis die Reaktion in Bayern direkt die Macht errang. 1920 wurde Gustav Ritter von Kahr Ministerpräsident, unter seiner Führung war Bayern ein Quasi-Militärdiktatur, in der faschistische Banden sich ungestört entwickeln konnten – wie der Hitlerputsch in München 1923 deutlich zeigte. Doch auch wenn die Arbeiterklasse besiegt war, lebten die revolutionären Traditionen und Erfahrungen weiter – die Arbeiterinnen hatten gekämpft und verloren, aber sie hatten im Kampf wichtige Erfahrungen gemacht und nahmen auch an den weiteren revolutionären Ereignissen in Deutschland teil. Die eigentliche Niederlage der revolutionären Bewegung in Bayern ist untrennbar verknüpft mit der endgültigen Niederlage der Deutschen Revolution 1923, die direkt in die Machtübernahme der Nazis zehn Jahre später führte. Doch wenn heute die Bürgerlichen Bayern zu einem ewigen Hort des Konservativismus erklären, können wir ihnen gerade mit dem Blick auf die jüngsten politischen Erdbeben selbstbewusst antworten: Die bayerische Arbeiterklasse hat eine revolutionäre Vergangenheit und sie hat eine revolutionäre Zukunft!

 (Gekürzte Version erstmals erschienen im Funke Nr. 173/Mai 2019)


  

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