Zum hundertsten Jubiläum der russischen Revolution 1917 widmen wir den Ereignissen des Jahres eine Artikelserie. Dieses Mal geht es um den Sowjetkongress im November 1917. Von Sandro Tsipouras.

 

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Das Jahr 1917 war das turbulenteste Jahr in der russischen Geschichte. Im Februar hatten die ArbeiterInnen und Bauern spontan den Zaren gestürzt und sich in Sowjets (Räten) organisiert. An der Spitze der Sowjetbewegung stand der Petrograder Sowjet. Unter den revolutionären Parteien waren die Bolschewiki um Lenin und Trotzki die einzigen, die seit April klar die Notwendigkeit ausgesprochen hatten, eine Arbeiter- und Bauernregierung auf Basis der Sowjets zu bilden. Ihr konsequentes Festhalten an diesem Kurs sorgte auch dafür, dass sie im Lauf des Jahres die Mehrheit unter den ArbeiterInnen und der Bauernschaft gewannen, während sich die anderen „sozialistischen“ Parteien – die Menschewiki und Sozialrevolutionäre – immer mehr diskreditierten, indem sie weiterhin die bürgerliche Provisorische Regierung unterstützten, auch nachdem diese schon gezeigt hatte, dass sie den Krieg fortsetzen und den Bauern das Land nicht geben würde. So fand Anfang November ein Aufstand unter Führung der Bolschewiki gegen die provisorische Regierung statt (siehe Funke Nr. 157).

Während der vorangegangen acht Monate hatte ein Prozess stattgefunden, den Trotzki als „aufeinanderfolgende Annäherungen“ bezeichnet. Damit meint er den Lernprozess der Arbeiterklasse, die zunächst immer den Weg des geringsten Widerstands ging, um ihre Forderungen durchzusetzen und deshalb zunächst bei reformistischen, kompromissorientierten Kräften landete, die ihr versprachen, ihre Forderungen ohne Konflikt, in einem Einvernehmen mit den Herrschenden lösen zu können. Erst das Platzen dieser Illusionen drängte die Massen nach links und auf den Weg des revolutionären Marxismus. Erst nachdem jeder Weg ausgetestet und verworfen wurde, der „einfacher“ und „bequemer“ schien als die Revolution, erklärten sich die Massen bereit dazu. Aber dann hielten sie auch umso entschlossener daran fest.

Während also der Oktoberaufstand im Gange war, traten in Petrograd 649 Delegierte von 318 Ortssowjets zusammen. Die ganze arbeitende und bäuerliche Bevölkerung Russlands war hier repräsentiert. Nachdem diese Massen von den „gemäßigten“ Menschewiki und Sozialrevolutionären acht Monate lang hingehalten worden waren, konnte sie nun niemand mehr davon abhalten, sich das zu holen, was sie wollten: Friede, Land und Brot.

Die Machtübernahme

Der Sowjetkongress trat am 7. November um 9 Uhr abends zusammen, während gleichzeitig noch Kämpfe in der Hauptstadt tobten. Noch hatte der Aufstand nicht gesiegt. Im Donner der Kanonen versuchten die Menschewiki und der rechte Flügel der Sozialrevolutionäre alles, um die Machtübernahme durch die Sowjets doch noch zu verhindern. Doch die überwältigende Mehrheit der Delegierten ließen sich von den beschwichtigenden Appellen der Rechten nicht hinters Licht führen. Das machte den entscheidenden Unterschied.

Etwa um 3 Uhr morgens verkündete der Bolschewik Kamenew endlich die Verhaftung beinah der gesamten provisorischen Regierung. Allein Kerenski, ihrem Kopf, war die Flucht gelungen, und er unternahm sofort den Versuch, irgendeine loyale Militäreinheit ausfindig zu machen, mit deren Hilfe er gegen Petrograd vorrücken und sich zurück an die Macht putschen wollte. Doch eine Einheit nach der anderen ging auf die Seite des revolutionären Volkes über.

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Inmitten der Unterstützungerklärungen von Delegierten der einzelnen Frontabschnitte und anderer Militäreinheiten, die nun ununterbrochen verlesen wurden, musste sich der Bolschewik Lunatscharski gehörig anstrengen, um endlich ans Rednerpult zu gelangen und Lenins Entwurf eines Aufrufs an das Volk zu präsentieren: „Gestützt auf den Willen der gewaltigen Mehrheit der Arbeiter, Soldaten und Bauern, gestützt auf den in Petrograd vollzogenen siegreichen Aufstand der Arbeiter und der Garnison, nimmt der Kongreß die Macht in seine Hände. Die Provisorische Regierung ist gestürzt ... Der Kongreß beschließt: Die ganze Macht geht allerorts an die Sowjets der Arbeiter-, Soldaten- und Bauerndeputierten über, die eine wirkliche revolutionäre Ordnung zu gewährleisten haben.“ (1) Der Aufruf wurde mit nur zwei Gegenstimmen angenommen und am nächsten Tag veröffentlicht.

Das Dekret über den Frieden

Am nächsten Abend trat der Kongress erneut zusammen, um die Macht, die er ergriffen hatte, erstmals anzuwenden und die wichtigsten Forderungen der Massen zu erfüllen. Außerdem wählte er eine Regierung unter dem Namen „Rat der Volkskommissare“.

Nachdem die Delegierten sich eingefunden hatten, trat erstmals Lenin ans Rednerpult. Er wurde mit tosendem Applaus begrüßt und kam gleich zur Sache: „Wir beginnen jetzt mit dem Aufbau der sozialistischen Ordnung.“ Um dafür die Bedingungen zu schaffen, musste aber zuerst der Krieg beendet werden und die Bauern mussten das Land erhalten. Zunächst stellte Lenin das Dekret über den Frieden vor: „Die Arbeiter- und Bauernregierung, aus der Revolution vom 25. und 26. Oktober hervorgegangen und gestützt auf die Sowjets der Arbeiter-, Soldaten- und Bauerndeputierten, schlägt allen kriegführenden Völkern und deren Regierungen vor, unverzüglich in Verhandlungen über einen gerechten und demokratischen Frieden einzutreten.“

Daran, dass sich die Sowjetregierung nicht nur diplomatisch an die kriegführenden Regierungen, sondern gleichzeitig direkt an die diesen unterstehenden Völker wandte, zeigt sich unmittelbar ihr jeder bürgerlichen Regierung entgegengesetzter Charakter. Eine bürgerliche Staatsmacht, die sich auf eine national beschränkte Minderheit von AusbeuterInnen stützt, kann sich niemals an andere als ihre „eigenen“ Volksmassen wenden. Eine revolutionäre Arbeiterregierung hingegen hat die Pflicht, als Vertreterin der ArbeiterInnen und Unterdrückten aller Länder zu handeln. Die Sowjetregierung behandelte die Beendigung des Krieges und den Sturz der kriegführenden Regierungen als notwendige Einheit.

Unter einem gerechten und demokratischen Frieden verstand die Sowjetregierung einen Frieden unter Berücksichtigung des Selbstbestimmungsrechts der Völker ohne Annexionen und Kontributionen, das heißt im Klartext: Ohne Sieger und Besiegte. Doch sie machte klar, dass sie so oder so in Friedensverhandlungen mit Deutschland und Österreich-Ungarn treten würde, nachdem diese keinerlei Verlangen verspürten, einen demokratischen Frieden zu schließen, sondern vielmehr einen Raubkrieg gegen Russland führten. Die Sowjetregierung kündigte weiters an, alle Geheimverträge der gestürzten russischen Regierung zu veröffentlichen und sämtliche Verhandlungen öffentlich zu führen. Sie schlug einen sofortigen Waffenstillstand vor.

„Plötzlich, wie auf einen gemeinsamen Impuls“, berichtet John Reed, „standen wir alle und fielen in die aufrüttelnden Klänge der ‚Internationale‘ ein. Ein alter, ergrauter Soldat weinte wie ein Kind.“ Als der letzte Refrain verklungen ist, explodiert der Saal. „Man grüßte Lenin, schrie hoch, warf Mützen in die Luft. Der Trauermarsch wurde gesungen, zum Andenken an die Kriegsopfer. Und wieder Applaus, Schreie und Werfen der Mützen“.

Das Dekret über den Grund und Boden

Als der Jubel sich wieder gelegt hatte, schlug Lenin dem Kongress ein weiteres Dekret vor: „Das Eigentum der Gutsbesitzer am Grund und Boden wird unverzüglich ohne jede Entschädigung aufgehoben.“ (2)

Das Dekret über den Frieden beinhaltete den „Bäuerlichen Wählerauftrag zur Bodenfrage“, den die sozialrevolutionär geführten Bauernsowjets zusammengestellt hatten. Darin kamen direkt die Wünsche der Bauern selbst zum Ausdruck. „Wir könnten“, sagte Lenin, „den Beschluß der unteren Volksschichten nicht übergehen, auch wenn wir mit ihm nicht einverstanden wären ... Wir müssen den Volksmassen vollste schöpferische Freiheit lassen ... Es handelt sich darum, daß die Bauernschaft die feste Überzeugung gewinnt, daß es im Dorfe keine Gutsbesitzer mehr gibt und die Bauern alle Fragen selbst entscheiden und ihr Leben selbst einrichten können.“

Mit einem Schlag wurden so die mittelalterlichen Unterdrückungsverhältnisse auf dem Land beseitigt. Hundert Millionen oft analphabetische Bauern, die jahrhundertelang kaum besser behandelt worden waren als ihr Vieh, wurden so zu freien Menschen, die ihr Schicksal selbst in die Hand nehmen konnten. Später sagte Lenin einmal, dass die proletarische Revolution auf diese Weise die Aufgaben der demokratischen Umwälzung sozusagen im Vorbeigehen gelöst hatte, nachdem das Bürgertum sich dazu als völlig unfähig erwiesen hatte.

Auf dem zweiten Sowjetkongress wurde – wenn man von einigen kurzen Episoden wie der Pariser Kommune oder den Räterepubliken in Bayern und Ungarn absieht – zum ersten und letzten Mal in der Geschichte ein Arbeiterstaat errichtet, der nicht den Interessen einer kleinen ausbeutenden Minderheit, sondern der arbeitenden Mehrheit diente. Das war der größte Erfolg der Arbeiterbewegung in ihrer Geschichte, den wir mit Recht als größtes Ereignis der Geschichte insgesamt bezeichnen. Die Übernahme der Macht durch die Räte der Arbeiter-, Soldaten- und Bauerndeputierten ist der historische Beweis dafür, dass die Ideen des Marxismus nicht utopisch sind. Hier ergriffen nicht die Bolschewiki mit Gewalt die Macht, sondern die russischen Massen selbst, beinah ohne jedes Blutvergießen, und schafften für einige Zeit den demokratischsten Staat, der jemals bestanden hat. Die russische Revolution war ein leuchtendes Beispiel dafür, dass arbeitende Menschen die Macht haben, sich ohne AusbeuterInnen selbst zu regieren und mit Krieg, Armut und Gewalt Schluss zu machen.

Quellen:

(1) Lenin: Werke, Bd. 26, S.237
(2) Lenin: Werke, Bd. 26, S.249


  

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