Deutsche Revolution. Vor hundert Jahren ließ die Kraft der Revolution das Fundament der Monarchie und des deutschen Kapitalismus erbeben. Wie keine andere verteidigte Rosa Luxemburg darin die revolutionären Prinzipien. Von Julia Brandstätter.

Am Erfolg der Deutschen Revolution hing das Schicksal Europas und der ganzen Welt. Doch die Sozialdemokratie, längst eingespannt in den Dienst des Imperialismus, verbündete sich unter der Führung von Friedrich Ebert, Gustav Noske und Philipp Scheidemann mit der Bourgeoisie und den alten Wachhunden des Kaiserreichs, um „Ruhe und Ordnung“ zu wahren. Und das, „nachdem der vierjährige Krieg durch seine Dialektik die internationale Revolution des Proletariats unvermeidlich gemacht hat!“

Kampf gegen Reformismus und Imperialismus

Rosa Luxemburg hatte – schon lange vor Lenin – hellsichtig die Gefahr des Revisionismus innerhalb der Führung der SPD erkannt und trat schonungslos für eine klassenkämpferische und revolutionäre Ausrichtung der Sozialdemokratie ein. Als Wortführerin des linken Parteiflügels innerhalb der SPD entblößte sie die Anbiederung der Parteiführung an die bürgerliche Theorie und Praxis noch vor dem Ersten Weltkrieg und verkündete den endgültigen Zusammenbruch der sozialistischen Internationale, als die SPD 1914 den zur Kriegsführung notwendigen Kriegskrediten zustimmte. Unmittelbar danach gründete Luxemburg die Gruppe Internationale, aus der 1916 der Spartakusbund hervorging.

Im April 1917 spaltete sich die SPD in die „Mehrheitssozialisten“ (MSPD) und die „Unabhängigen“ (USPD), deren linken Flügel die Spartakusgruppe zunächst bildete. Die USPD war keine revolutionäre Linkspartei wie die Bolschewiki, allein die Ablehnung der kriegsloyalen Mehrheitssozialisten und des imperialistischen Eroberungskrieges einte die Unabhängigen. In allen anderen politischen Fragen war die Partei in ein trübes Licht der Zweideutigkeit getaucht.

Während Luxemburg in Schutzhaft saß, verfasste sie neben den sogenannten Gefängnisbriefen auch die Junius-Broschüre, in der sie den Verrat an den elementarsten Grundsätzen des internationalen Sozialismus anklagte, den menschenknechtenden Imperialismus sowie die Preisgabe des Klassenkampfes zugunsten der Burgfriedenspolitik verurteilte und die „weltgeschichtliche Katastrophe“ der Kapitulation der internationalen Sozialdemokratie feststellte.

Meuterei und Revolution

Doch unter der Oberfläche brodelten Unzufriedenheit und Frustration der Massen. Dieser „molekulare Prozess“ der Revolution äußerte sich in Streiks, Hungerprotesten und Desertionen und erreichte seinen ersten Höhepunkt am 3. November 1918 in der Weigerung der Matrosen in Kiel, ihr Leben für die Rettung der militärischen Ehre zu opfern.

Dieser Matrosenaufstand zündete das revolutionäre Feuer, das sich rasch in allen großen Städten Deutschlands ausbreitete. Anfang November übernahmen Matrosen-, Soldaten- und Arbeiterräte in Hamburg, Bremen und Wilhelmshaven die Macht. Am 9. November wurden schließlich in Berlin Arbeiter- und Soldatenräte gebildet. Die Revolution schritt praktisch gewalt- und widerstandlos fort.

Unter dem Druck der Massen übergab der Reichskanzler Prinz Max von Baden sein Amt an Ebert (MSPD) und verkündete die Abdankung des Kaisers Wilhelm II. Ein taktisches Manöver, um die längst von der Geschichte überholten Reste der Monarchie in die neue Gesellschaft zu retten. Eberts erste Amtshandlung an der Spitze der neugegründeten „deutschen Republik“: Ein Aufruf an die Arbeiter in Berlin, sie mögen die Straße verlassen und für „Ruhe und Ordnung“ sorgen. Am selben Tag rief Karl Liebknecht die „sozialistische Republik“ aus. Die doppelte Proklamation entsprach der doppelten Machtstruktur im ganzen Land. Neben der geschwächten Regierung regierten die Arbeiter- und Soldatenräte die Städte. Dem Spartakusbund gelang es jedoch nicht, die Mehrheit der SPD in den Räten zu brechen. Auch die „Revolutionären Obleute“ (Netzwerk linker Gewerkschaftsvertrauensleute) der Berliner Großbetriebe, die Streikführer aus dem vergangenen Winter, verfolgten nur zum Teil ein revolutionäres Programm. Die meisten blieben vorerst der USPD treu.

Massenaktion oder Parlamentarismus, Revolution oder Reform?

Das war die eigentliche Frage in einer Situation, die der in Russland nach der Februarrevolution ähnelte. Auch in Deutschland würde nur die direkte Erfahrung das Bewusstsein der Arbeiter über ihre Macht einerseits und die Scheinradikalität der sozialdemokratischen Regierung andererseits wecken. „Ohne den bewußten Willen und die bewußte Tat der Mehrheit des Proletariats kein Sozialismus!“, schreibt Luxemburg am 20. November 1918. Aber die Arbeiter und Soldaten waren sich ihrer Macht nicht bewusst. Wären sie es gewesen, hätten sie das Fundament für einen neuen deutschen Arbeiterstaat legen können. Stattdessen vertrauten sie die Macht der SPD/USPD-Koalition an, dem Konkursverwalter des Kaiserreiches, wie Ebert seine Regierung selbst einmal nannte.

Die rechte SPD-Führung versuchte die revolutionäre Energie zu bändigen und mit Reformen in geordnete Bahnen zu lenken, womit sie in Wirklichkeit die Revolution um ihre sozialistischen Ziele betrog. Gegen das Vorhaben der Regierung, eine konstituierende Nationalversammlung einzuberufen, erhob Luxemburg im November 1918 die Parole „Alle Macht den Räten“. Am 20. November 1918 schrieb sie: „Die von der Geschichte auf die Tagesordnung gestellte Frage lautet: bürgerliche Demokratie oder sozialistische Demokratie. Denn Diktatur des Proletariats, das ist Demokratie im sozialistischen Sinne. Diktatur des Proletariats, das sind nicht Bomben, Putsche, Krawalle, ‚Anarchie‘, wie die Agenten des kapitalistischen Profits zielbewußt fälschen, sondern das ist der Gebrauch aller politischen Machtmittel zur Verwirklichung des Sozialismus, zur Expropriation der Kapitalistenklasse – im Sinne und durch den Willen der revolutionären Mehrheit des Proletariats, also im Geiste sozialistischer Demokratie.“

Der schwache Organisationsgrad und die geringe Mitgliederzahl des Spartakusbundes erschwerten den Kampf gegen die Flunkereien und Gerüchte, die verwirrenden Spiegelfechtereien und die leere sozialistische Rhetorik der Regierung. Jetzt rächte sich, dass Luxemburg und Liebknecht nicht schon viel früher den linken Flügel in der SPD organisiert hatten. Die revolutionären Massen fanden keinen Ausdruck in einer Organisation, die der Bewegung eine klare Perspektive zur Überwindung des Kapitalismus zu geben vermochte.

Im Dezember verfingen sich die Ereignisse in einer blutigen Gewaltspirale: Nachdem Ebert schon am Abend des 10. November mit dem Chef der Obersten Heeresleitung General Groener das gemeinsame konterrevolutionäre Vorgehen gegen Entmachtungsversuche der kaiserlichen Offiziere vereinbarte, beorderte er Anfang Dezember ehemalige Fronttruppen nach Berlin. Am 6. Dezember schossen diese reaktionären Truppen auf demonstrierende Arbeiter. Die Berliner Innenstadt wurde zum Schauplatz eines konterrevolutionären Staatsstreichs. Dem folgte die „Berliner Blutweihnacht“, ein zweiter Putschversuch von rechts, in dessen Folge die Koalition aus MSPD und USPD zerbrach.

Am 14. Dezember 1918 veröffentlichte Rosa Luxemburg ein revolutionäres Programm, das im Wesentlichen am Gründungsparteitag der KPD zum Jahreswechsel 1918/9 angenommen wurde. Darin forderte sie unter anderem die Entwaffnung der Polizei und die Bewaffnung des Proletariats, die Absetzung der Offiziere in den Soldatenräten und Übertragung aller legislativen und exekutiven Aufgaben an die Räte, die Aufhebung des Privateigentums an Produktionsmitteln, den sechsstündigen Höchstarbeitstag, die Gleichstellung der Geschlechter, die Konfiskation aller dynastischen Vermögen und Einkünfte. Nur zwei Tage später erlitt die revolutionäre Bewegung jedoch ihre erste große Niederlage am Reichsrätekongress. Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht waren nicht delegiert und erhielten kein Rederecht. Die Mehrheit der Delegierten stimmten für parlamentarische Wahlen zur konstituierenden Nationalversammlung und damit gegen die Revolution. Vor dem Gebäude demonstrierten 250.000 Menschen, angeführt von Karl Liebknecht, für eine Absetzung der Regierung. Aber die Entscheidung war gefallen.
Gegen die neu gegründete KPD wurde eine Hetzkampagne mit Morddrohungen gegen Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht inszeniert. Das war aber nicht die einzige Bedingung, die das Scheitern der Revolution vorzeichnete. Die neu gegründete KPD war eine sehr junge Gruppe, die, von ultralinken Ideen beeinflusst, noch auf wackeligen Beinen stand. Die revolutionären Jugendlichen stimmten etwa gegen eine Teilnahme an gewerkschaftlichen Kämpfen, weil diese von der SPD dominiert waren. Sie widersetzten sich auch Luxemburgs dringender Empfehlung, an den Parlamentswahlen teilzunehmen. Luxemburg blieb kaum Zeit, um die Partei zu einer Organisation mit einer starken Führung umzuwandeln. Die große Kraftprobe für die KPD stand aber kurz bevor.

Blutige Niederschlagung der Revolution

Mit der Absetzung des bei den Arbeitern beliebten Berliner Polizeidirektors Emil Eichhorn (USPD) löste die SPD Empörung unter den ArbeiterInnen und Soldaten aus. Menschenmengen strömten mehrere Tage in Folge auf die Straßen Berlins. Doch der Führung der spontanen Massenbewegung im sogenannten „Spartakusaufstand“ fehlte, wie Luxemburg selbst betonte, „sehr viel an Entschlossenheit, Tatkraft und revolutionärem Elan“ – und eine Perspektive, diese Bewegung auf ganz Deutschland ausweiten zu können.

Dieser spontane Wutausbruch in der Hauptstadt wurde von den vom Sozialdemokraten Gustav Noske organisierten Freikorps, den reaktionärsten Kräften des Landes, schon bald im Blut erstickt. Am 12. Januar war damit die erste Phase der Revolution niedergeworfen. So ebnete die einst mächtigste Arbeiterbewegung Europas letztlich den Weg zum Faschismus. Viele spätere Nazis wurden in den protofaschistischen Bewegungen der Jahre 1918 bis 1920 sozialisiert. Doch bis dahin mussten die ArbeiterInnen in Deutschland noch eine Reihe von schweren Niederlagen einstecken. Bis ins Jahr 1923 gab es noch einige Gelegenheiten, die sozialistische Revolution zu vollenden. Doch zwei führende Köpfe der revolutionären Bewegung würden hier schmerzlich fehlen.

Luxemburg und Liebknecht versteckten sich in ihren letzten Tagen in Berlin. Auf beide wurde ein Kopfgeld ausgesetzt, gegen beide eine Hetzjagd veranstaltet. Am 15. Jänner 1919 wurden sie von Offizieren der Garde-Kavallerie-Schützendivision ermordet. In den schlammigen Landwehrkanal geworfen, fand man ihre Leiche erst Monate später.

Rosa Luxemburg hatte nie ihre Zielklarheit und ihr unerschütterliches Vertrauen in die Massen verloren. Noch am Tag vor ihrer Ermordung, als die Niederlage bereits unausweichlich geworden war, schloss sie ihren letzten Artikel mit den Worten: „Ihr stumpfen Schergen! Eure ‚Ordnung‘ ist auf Sand gebaut. Die Revolution wird sich morgen schon ‚rasselnd wieder in die Höh’ richten‘ und zu eurem Schrecken mit Posaunenklang verkünden: Ich war, ich bin, ich werde sein!“

(Erschienen im Funke Nr. 169/Dezember 2018)


 

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