Wahlen in Serbien: Revolution in Gefahr


Die serbische Bewegung, die im November 2024 begann, ist die größte Massenbewegung am Balkan seit dem Partisanenkrieg. Doch während letztere den Kapitalismus überwinden konnte (wenn auch bürokratisch geführt), stagniert die aktuelle Bewegung. Vučić wurde nicht gestürzt und die sozialen Verhältnisse in Serbien sind unverändert. Warum? Von Vincent Angerer
Die Revolution hat mit der Ablehnung aller Politik begonnen. Diese erste Phase war notwendig, weil die Massen der Politik im Allgemeinen, die sie mit Korruption gleichsetzten, misstrauten. Doch es ist ein historisches Gesetz, dass jede Bewegung früher oder später einen politischen Ausdruck erlangt – bewusst oder unbewusst.
Für die Wahlen im Oktober 2026 tritt nun eine von den Uni-Plena gewählte „Studenten-Liste“ gegen Vučić an. Sie vertritt sechs Forderungen, davon vier rechtliche Reformen (Anti-Korruption) und eine ökonomische (20 % mehr Bildungsausgaben). Sie wählte den Slogan „Serbien oder die Mafia“ und biedert sich dem (anti-albanischen) serbischen Nationalismus an.
Das steht im diametralen Gegensatz zur serbischen Revolution, die am Höhepunkt begann, nach Kroatien und Bosnien überzuschwappen. Serbische Kriegsveteranen der Bürgerkriege grüßten die Studierenden, die zu Fuß aus dem (muslimischen) Sandžak zur RTS-Besetzung gekommen waren, mit „Selam Alejkum“. Im März 2025 feierte man gemeinsam Iftar (muslimisches Fastenbrechen).
Es gab zwei Generalstreikbewegungen mit Massendemonstrationen, die jedoch nicht auf die Industrie übergreifen konnten. Studierende riefen die Bevölkerung und Arbeiter auf, sich in Zborovi (Räten) zu organisieren. Mitte 2025 entstand ein riesiges Netzwerk von Zborovi – Keime eines neuen Staates. Mehrere Millionen nahmen aktiv an der Massenbewegung teil. Die Massen hätten Vučić und den Kapitalismus stürzen können, doch die politische Klarheit in der Studentenschaft fehlte.
Vučićs Stabilität basiert in letzter Analyse darauf, dass er durch geschicktes Manövrieren Geschäfte ins Land holt. Er manövriert zwischen China, USA und Deutschland (EU), zwischen symbolischen Annäherungen an Russland und rollenden Waffenlieferungen in die Ukraine und nach Israel. Die Bewegung spielte Vučić trotzdem über Monate an die Wand. Wo die Revolution die Massen aber vereinte, spaltete sie die schwankende Studentenführung wieder. Die Unklarheit des studentischen Wirtschaftsprogrammes kann kein Vertrauen in der Arbeiterklasse erzeugen. Man muss sich klar positionieren. Liegt Serbiens Zukunft in der Fortführung des korrupten globalpolitischen Balanceaktes oder in einer sozialistischen Balkanföderation der Arbeiterselbstverwaltung? Vučić kann sich hier als Macher gegenüber einer unklaren Studentenschaft vermarkten.
Er nutzte auch ihre politischen Fehler gut aus. Nach dem nationalistischen Schwenk der Studenten inszenierte sich Vučić in muslimischen Restaurants in Novi Pazar. Dann bescherte er dem Schlächter von Bosnien, Ratko Mladić, ein Staatsbegräbnis. Es ist ein Katz-und-Maus-Spiel, das der Präsident besser beherrscht als die unklaren Studentenführer.
Viele junge Leute sind vom Nationalismus der Studentenführung angewidert. Ein neues Bündnis, der antinacionalistički glas (anti-nationalistische Stimme), hat die Führung für ihr Schweigen zum reaktionären Mladić-Begräbnis kritisiert. Außerdem versucht sie, solidarische Verbindungen zur aktuellen Massenbewegung in Albanien herzustellen. Solche Beiträge erhalten Aufmerksamkeit und resonieren in den weiterblickenden Teilen der Bewegung.
Doch durch das Fehlen eines greifbaren Programms ist es wahrscheinlich, dass Vučić die Wahlen gewinnt. Doch dies bietet die Möglichkeit der politischen Klärung. Kommunisten müssen bereits jetzt klar die Fehler der Führung erklären, die Sackgasse des Nationalismus benennen und so ein politisches Instrument herstellen, das der Bewegung gerecht wird.
Kommunist sein heißt nicht, ein fremdes Programm aufpfropfen, sondern der serbischen Revolution das zu geben, was ihrem Wesen entspricht.
Ein solches Programm basiert auf folgenden Prinzipien: Enteignung der Banken und Minenkonzerne – Internationalismus statt Nationalismus, für die freiwillige Sozialistische Föderation des Balkans – statt Unterdrückung und Korruption ein neuer Staat auf Basis der Zborovi!
(Funke Nr. 247/01.10.2026)