Volksfront 1936 oder wie man den Faschismus nicht besiegt


Die Weltwirtschaftskrise ab 1929 hat in der politischen Landschaft Europas tektonische Verschiebungen ausgelöst. Der Kampf gegen den Faschismus wurde zu der größten politischen Herausforderung für die Arbeiterbewegung. Von Konstantin Korn
Die mächtige deutsche Arbeiterbewegung hatte 1933 kampflos Hitler an die Macht gelassen. Die Spaltung der Bewegung in die „demokratieverteidigende“ SPD, die ständig zu Kompromissen mit den Bürgerlichen bereit war, und die ultralinke, stalinistische KPD, die keinen wesentlichen Unterschied zwischen Demokratie und Faschismus erkennen konnte („Sozialfaschismustheorie“), war die eigentliche Ursache für diese furchtbare Niederlage. Die Machtübernahme der Nazis wurde dabei von Stalin zuerst noch völlig falsch interpretiert, als Zusammenbruch des Kapitalismus, auf den rasch der Sieg des Kommunismus folgen würde.
Aus den Reihen der Arbeiterschaft wurde aber der Wunsch nach Einheit und militanter Entschlossenheit im Kampf gegen den Faschismus immer deutlicher spürbar. Die Nachrichten von Konzentrationslagern sowie der brutalen Zerschlagung der organisierten Arbeiterbewegung in Deutschland radikalisierten die Arbeiterbewegung, die instinktiv die Fehler und Verbrechen ihrer politischen Führer zu überwinden suchte. Im Februar 1934 stellten sich in Österreich dann Tausende mit der Waffe in der Hand gegen die drohende faschistische Machtergreifung. Sozialdemokratische Schutzbündler und Kommunisten verteidigten Schulter an Schulter Gemeindebauten und Arbeiterheime, doch der Aufstand erfolgte nach Jahren des von der Sozialdemokratie organisierten kampflosen Rückzugs zu spät und blieb deshalb in Österreich isoliert. Gleichzeitig erzwangen Arbeiter in Frankreich die Einheitsfront in einem gewaltigen, erfolgreichen Generalstreik gegen die Offensive faschistischer Gruppierungen.
Inspiriert vom Aufstand des Schutzbunds erhoben sich die bewaffneten Bergarbeiter in Asturien (Spanien) im Oktober 1934 gegen den Eintritt der rechtsextremen Partei CEDA in die spanische Regierung. Ihr Kampfruf lautete: „Uníos Hermanos Proletarios!“ – „Vereint, proletarische Brüder!“ Fabriken und Felder wurden enteignet und von den Arbeitern und Bauern eigenhändig verwaltet.
Die deutsche Rüstungsoffensive ließ keinen Zweifel daran aufkommen, dass die Zeichen in Europa endgültig auf Krieg standen. Die Sowjetunion war nun ernsthaft bedroht und die stalinistische Bürokratie sah sich aus purem Selbsterhaltungswillen gezwungen, zu handeln. Dafür vollzog sie ab 1934 einen großen Schwenk vom ultralinken Sektierertum innerhalb der Arbeiterbewegung zur Klassenzusammenarbeit mit den Kapitalisten. Der Kreml ging ein militärisches Bündnis mit Frankreich ein. Darin erkannte Stalin die „Sicherheitsinteressen“ Frankreichs Kapitalisten an, wozu auch die Aufrechterhaltung des französischen Kolonialreiches gehörte. Diesen Schwenk Moskaus musste auch die KP in Frankreich mittragen. Das Ergebnis war die Bildung einer „Volksfront“ im Januar 1936, ein Bündnis der Arbeiterparteien mit „demokratischen“ Parteien des Bürgertums.
Die KPF-Führung rechtfertigte die Unterordnung unter die Bürgerlichen als „Erweiterung“ der Arbeitereinheitsfront mit der Notwendigkeit der Einbeziehung „der Mittelschichten“. In Wirklichkeit ging es um eine Koalition mit der unpopulären Radikalen Partei, einer bürgerlichen Zentrumspartei, die bislang in der Regierung die Wirtschaftskrise verwaltet hatte und nach links wie nach rechts Unterstützung im Kleinbürgertum verlor. Das Programm der Volksfront sah viele Reformen vor, blieb aber voll und ganz im Rahmen des Kapitalismus und der bürgerlichen Demokratie.
Im Mai 1936 landete die Volksfront bei den Wahlen einen Erdrutschsieg. Zuvor hatte auch in Spanien die Volksfront die Wahlen für sich entschieden. Spontan gingen die Massen in beiden Ländern auf die Straße und forderten die Umsetzung von Sozialreformen. In Frankreich kam es zu einer gewaltigen Streikwelle und Fabrikbesetzungen, die – obwohl nicht von der Gewerkschaft organisiert – allesamt erfolgreich endeten. In diesen Kämpfen entstanden Organe der Arbeitermacht, die zeigten, wie eine neue Gesellschaftsordnung aussehen könnte. Das Recht auf Privateigentum wurde in der Praxis offen in Frage gestellt. Aber die Gewerkschaften, und da vor allem die stalinistischen Funktionäre, bremsten, wo sie nur konnten, und arbeiteten auf einen Kompromiss mit den Unternehmern hin.
Die Führer der Sozialisten und der KPF betonten, dass die Regierung ihr Programm „in einer Atmosphäre von Ruhe und Ordnung“ verwirklichen wolle. Die Radikale Partei hatte zwar massiv Stimmen verloren, dennoch bestimmte sie den Regierungskurs. Vorrangiges Ziel war die Beilegung der Streiks, die mittlerweile die ganze Wirtschaft erfasst hatten. Die Zugeständnisse an die Streikenden waren beachtlich (Kollektivverträge, bis zu 15 Prozent Lohnerhöhung, Recht auf Betriebsräte, bezahlter Urlaub, Arbeitszeitverkürzung …). Doch viel mehr wäre möglich gewesen, nachdem die Macht in den Betrieben bei den Arbeitern lag. Betriebsdirektoren wurden kurzerhand festgesetzt; Arbeiter bewaffneten sich gegen die Faschisten, hohe Offiziere wurden gezwungen, ihre Orden abzulegen. Die Streiks erfuhren enorme Unterstützung von kleinen Händlern, Technikern und leitenden Angestellten – also von den „Mittelklassen“, die man laut der Volksfronttaktik angeblich mit Klassenkampf abschrecken würde. Leo Trotzki fasste die Lage im Juni 1936 so zusammen: „Die französische Revolution hat begonnen.“
Eine ähnliche Entwicklung gab es südlich der Pyrenäen. Im Februar 1936 gewann das Volksfrontbündnis die Wahlen, im Juli 1936 kam es zum Putsch rechter Militärs unter General Franco gegen die Volksfrontregierung. Deren Regierungsprogramm war wie in Frankreich vom bürgerlich-republikanischen Koalitionspartner geprägt, obwohl sie nicht viel mehr als den „Schatten der Bourgeoisie“ repräsentierten. Die herrschende Ordnung sollte nicht in Frage gestellt werden: keine Bodenreform, Marokko blieb unter Kolonialverwaltung, keine Arbeiterkontrolle, keine Demokratisierung, keine wirkliche Autonomie für Katalanen und Basken, außenpolitisch die Unterordnung unter Frankreich (und Großbritannien), um deren Wohlwollen für die Sowjetunion zu stärken.
Doch indem die Volksfront die ökonomischen Grundlagen der Reaktion (Großgrundbesitz, Privateigentum an den Fabriken …), die Kirche, Armee und Justiz unangetastet ließ, machte sie den Putsch erst möglich. Gleichzeitig ging die Regierung überall dort gegen Arbeiter (vor allem gegen die in Spanien sehr starken Anarchisten) vor, wo sich diese gegen die Faschisten zur Wehr setzten oder für ihre Rechte streikten. Doch obwohl besonders die Stalinisten die Hilfspolizei für die Kapitalisten machten, traute die herrschende Klasse lieber den Generälen, wenn es um den Schutz ihrer Interessen ging. „Faschismus ist jene besondere Form der kapitalistischen Herrschaft, zu der die Bourgeoisie schließlich Zuflucht nimmt, wenn das Weiterbestehen des Kapitalismus mit der Existenz von organisierten Arbeitern unvereinbar ist“, so Felix Morrow zu den spanischen Ereignissen.
Die Volksfrontregierung hatte dem rechten Putsch so nichts entgegenzusetzen und hoffte auf einen Deal mit Franco. Doch die Arbeiter nahmen die Sache selbst in die Hand, bauten Barrikaden in den strategisch wichtigen Straßen, stürmten die Kasernen und entwaffneten die Putschisten.
Oft hört man von Verteidigern der Volksfront, die selbstorganisierten Arbeitermilizen hätten die Franco-Faschisten nicht stoppen können. Dafür habe es eine disziplinierte Armee mit einer klaren Hierarchie gebraucht. Die Antwort ergibt sich mit einem Blick auf die Landkarte Spaniens im Spätsommer 1936, wie man im Bericht des österreichischen Revolutionären Sozialisten Joseph Simon aus Katalonien lesen kann. Mit Ausnahme vom Regierungssitz Madrid dominierten die Faschisten überall dort, wo die Arbeiter unter dem Einfluss der Sozialistischen bzw. der Kommunistischen Partei standen und auf die Befehle der Volksfrontregierung gewartet oder sich gar auf die Loyalität der bewaffneten Streitkräfte verlassen hatten. Nur in den anarchistischen Hochburgen wie Katalonien, wo auch die linke Arbeiterpartei POUM stark war, hatten die Arbeiter im Sommer 1936 rechtzeitig die Initiative an sich gerissen und eine revolutionäre Offensive mit Land- und Fabrikbesetzungen gestartet. In einem Bürgerkrieg geht es eben nicht nur um militärische Disziplin, die entscheidende Waffe ist vielmehr die Politik.
Die Konterrevolution war einmal mehr in der Geschichte die Peitsche, die die Massen zu revolutionärer Initiative antrieb. Es bildeten sich vor allem in Katalonien Organe der Doppelherrschaft neben der Volksfrontregierung. Die Arbeiter übernahmen das Transportwesen, kontrollierten die Fabriken und das Land wurde denen gegeben, die es bebauten. Umgesetzt wurde die Bodenreform durch antifaschistische Dorfkomitees. Die Milizen wurden zu einer von unten aufgebauten Armee der sozialen Befreiung.
Die Stalinisten taten alles, um diese revolutionäre Bewegung unter die Kontrolle der Volksfrontregierung (und somit ihrer bürgerlichen Koalitionspartner) zu bringen. Es durfte kein Ziel geben, das über die Verteidigung der bürgerlichen Republik und kapitalistischer Eigentumsverhältnisse hinausging. Zu diesem Zweck schreckten Stalins Gefolgsleute vor keinem Verbrechen zurück. So wurden hunderte revolutionäre Aktivisten ermordet. Der österreichische Revolutionäre Kommunist Kurt Landau fiel auch diesen „Säuberungen“ zum Opfer.
Indem die Volksfrontregierung die soziale Revolution bekämpfte, stärkte sie nicht den antifaschistischen Abwehrkampf, sondern schaufelte sich ihr eigenes Grab. Den Bürgerkrieg hätte man nur mit revolutionären Mitteln gewinnen können: mit der Enteignung des Großgrundbesitzes und einer Landreform zugunsten der kleinen Bauern; Unabhängigkeit für Marokko, womit man die marokkanischen Truppen Francos zersetzen hätte können; durch die vollständige Enteignung der Kapitalisten hätte man der Reaktion die materielle Basis entzogen und Ressourcen zur Verteidigung der Republik mobilisieren können. Nach drei Jahren Bürgerkrieg siegte Franco, der von Hitler massiv unterstützt wurde, während sich die französische Volksfrontregierung mit dem Argument der Neutralität weigerte, Waffen nach Madrid zu schicken. Es folgten Jahre des blutigen Terrors gegen die spanische Arbeiterbewegung.
In Frankreich erging es der Volksfront nicht viel besser. Sie ließ die Schalthebel der kapitalistischen Wirtschaft (die Banken und Großunternehmen) unangetastet und wurde innerhalb kurzer Zeit von den Kapitalisten durch Kapitalflucht in die Knie gezwungen. Gleichzeitig blieb der bürgerliche Staatsapparat, wie er war, und hintertrieb jegliche Reformpolitik, bis die Volksfrontregierung etappenweise zerbrach.
Die Lehren der Volksfrontregierungen in Frankreich und Spanien zeigen, dass der Kampf gegen den Faschismus nur erfolgreich geführt werden kann, wenn die ökonomische Macht des Kapitals gebrochen wird.
(Funke Nr. 246/03.09.2026)