Der junge Kreisky – eine Filmkritik


Die Regierungszeit von SPÖ-Kanzler Bruno Kreisky steht für ein längst vergangenes Goldenes Zeitalter, als die Sozialdemokratie noch für soziale Verbesserungen stand. Der neue Kinofilm über Kreiskys Jugend ist aber nicht nur etwas für Nostalgiker. Von Konstantin Korn
Bruno Kreisky kennt man in erster Linie als älteren, meist brummigen, grantelnden Staatsmann und Regierungschef mit einem Ohr für die „kleinen Leute“. Die wenigsten wissen, dass der Sohn aus gutem Hause als Mittelschüler zur sozialistischen Arbeiterjugendbewegung stieß und auch nach der totalen Machtergreifung der Austrofaschisten im Februar 1934 im Widerstand aktiv war. Der Plot springt mehrfach hin und her zwischen der Zeit in der Illegalität, die letztlich mit Verhaftung und Kerkerstrafe endet, und der Vorgeschichte, als der Bürgersohn beginnt, sich gegen alle Widerstände in der damals noch legalen Arbeiterbewegung zu engagieren. In der Zwischenkriegszeit war die Sozialdemokratie noch eine Bewegung, in der hunderttausende Proletarier organisiert waren, und Bürgerliche mussten schon besonderen Einsatz zeigen, wollten sie von den Arbeitern respektiert werden. Es gehört zu den Stärken des Films, die Stimmung in der Arbeiterjugend gut zu fassen. Wirtschaftskrise, steigende Arbeitslosigkeit und die zunehmenden autoritären Tendenzen nach dem Massaker rund um den Justizpalastbrand 1927 radikalisierten eine ganze Generation von Arbeiterjugendlichen, die sich als „Generation der Vollendung des Sozialismus“ verstanden. Bruno Kreisky gehörte in diesem Umfeld zu den Gemäßigten, die lieber mit Ausflügen in die Lobau, Arbeiterliedersingen und Lagerfeuerromantik den „Neuen Menschen“ schaffen wollten, statt konkret den Klassenkampf gegen die Kapitalisten und ihre Regierung zu organisieren. In einer Szene plädiert der junge Bruno gegen alle anderen für den Eintritt der Sozialdemokratie in eine Koalitionsregierung zur Bekämpfung der Krise. Seine Gegenspieler werden hingegen als unbesonnene Hitzköpfe und Sektierer dargestellt, die noch dazu teilweise eine antisemitische Schlagseite zugeschrieben bekommen und wohl nicht zufällig im Kampf gegen den Faschismus ihr Leben lassen müssen. Zumindest wird gezeigt, wie die Arbeiterjugend auf die Provokationen der Nazi-Schlägertrupps reagierte: mit militanter Gegenwehr!
Obwohl Zeitzeugen Kreisky als „wenig jugendlich“ beschrieben, wird er im Film stets charmant und mit einem guten Schmäh dargestellt. Die Sympathie des Publikums ist ihm dadurch sicher. Dafür sorgt auch seine zurückhaltende, unsichere Art gegenüber den jungen Frauen in seinem Umfeld – die ihn aber nicht daran hindert, beim weiblichen Geschlecht gut anzukommen.
Am 12. Februar 1934 griff Bruno Kreisky zwar nicht zu den Waffen, aber man kann ihm nicht vorwerfen, untätig geblieben zu sein. Das Drehbuch hielt sich zwar nicht ganz an die geschichtlichen Quellen, aber in der Tat gehörte er zu jenen Jungsozialisten, die mit Beginn der Kämpfe ein Flugblatt mit einem Aufruf an die Arbeiterschaft herstellen wollten. Das völlige Versagen der austromarxistischen Führung um Otto Bauer, dem großen Idol von Kreisky, im Kampf gegen den Faschismus wird im Film aber völlig ausgeblendet.
Kein Wort verliert Regisseur Sicheritz darüber, dass Kreisky mit Roman Felleis im Untergrund die Jugendorganisation als Revolutionäre Sozialistische Jugend neu formierte und dabei einen abenteuerlichen Kurs verfolgte. Der sinnlose Aktionismus (inkl. Bombenanschläge) und die mangelhafte Konspiration wurden vielen zum Verhängnis – auch Kreisky selbst (obwohl der wahre Grund seiner Verhaftung ein ganz anderer war als im Film dargestellt).
Beim Großen Sozialistenprozess 1936 schlug Kreiskys große Stunde. Bei seiner mutigen Rede im Gerichtssaal sagte er:
„In der Anklage wird mir vorgeworfen, daß wir Sozialisten den Klassenkampf wollen. Das haben wir nie verheimlicht. Wir sahen darin das einzige Mittel der Befreiung der Arbeiterschaft… Wir kämpfen mit den dem Rechtsempfinden des Volkes entsprechenden Mitteln.“
„Der junge Kreisky“ ist sicherlich kein großes Kino. Zu sehr spürt man die fehlenden Mittel der österreichischen Filmindustrie. Bei mehreren Szenen hätte es auch nicht geschadet, wenn die Produzenten etwas mehr in historische Recherche investiert hätten. Regisseur Sicheritz trägt mit diesem Film dazu bei, dass dem Mythos von Bruno Kreisky ein klein wenig neues Leben eingehaucht wird. Mit dieser Produktion soll den Verfechtern einer „Brandmauer der Demokraten gegen rechts“ ein historisches Vorbild geliefert werden. Aus dem Scheitern der Sozialdemokratie im Kampf gegen den Faschismus lernt man in den 90 Minuten Kinoerlebnis aber nichts. Der Film ist bestenfalls ein guter Anlass, sich mit den Strategien im Kampf gegen rechts und mit dem antifaschistischen Widerstand tiefer auseinanderzusetzen. Ganz im Sinne von Kreisky: „Lernen S‘ Geschichte!“
(Funke Nr. 247/01.10.2026)