Revolutionäre Finanzen: Wie die Bolschewiki die Revolution vorbereiteten


Die Geschichte der russischen Arbeiterbewegung zeigt: Klassenkampf, revolutionäre Partei und Finanzen sind aufs Engste miteinander verbunden. Das verdeutlichte sich etwa in der Revolution 1905 in Iwanowo-Wosnessensk. In der Geburtsstadt des ersten Sowjets – jenen Streikkomitees, die in ganz Russland zum Dreh- und Angelpunkt der Revolution wurden – waren die Bolschewiki tief verankert und deckten ihr Budget großteils durch Arbeiterbeiträge. Die höchste Form der politischen Selbstorganisation der Klasse ging einher mit ihrer finanziellen Eigenständigkeit. von Theresa Kerschbaum
Iwanowo war damals noch die Ausnahme. Gerade in ihrer Frühphase war die Arbeiterbewegung vielerorts stark von liberalen Bürgerlichen abhängig.
Die Bolschewiki ordneten – ganz im Gegenteil zu den Menschewiki – die Finanzen stets dem politischen Programm unter. Sie nutzten die Gelder von Intellektuellen und Liberalen, wenn nötig, doch machten dafür keinen einzigen politischen Kompromiss. Unterdessen arbeiteten sie unermüdlich am Aufbau der revolutionären Kräfte in der Arbeiterbewegung, die sich immer direkter gegen die Bürgerlichen stellen musste.
Die Revolution 1905 zwang Teile der liberalen Bourgeoisie in temporäre Opposition zum Zarismus. Als die Arbeiterklasse jedoch mit eigenen Klassenstandpunkten auftrat, lief das liberale Bürgertum sofort ins reaktionäre Lager über – wesentliche bürgerliche Finanzquellen versiegten.
Die Bolschewikin Cecilia Bobrowskaja beschreibt in ihren Memoiren, wie sie regelmäßig Spenden von Wohlhabenden sammelte, illegale „Fundraiser“ im bürgerlichen Milieu organisierte, sich aber nach 1905 die liberalen Bürgerlichen abwandten. Eine Schuhfabrikantin gestand ihr, vom Marxismus und der Partei „enttäuscht“ zu sein und sich stattdessen nun dem philosophischen Idealismus, insbesondere dem Empiriokritizismus – dem Postmodernismus des frühen 20. Jahrhunderts – zuzuwenden.
Nach der Niederlage 1905 folgte für die Partei eine Periode drückender Not, in der sie ihr ideologisches Fundament jedoch bewahren konnte. Dies erwies sich als entscheidend beim Wiedererwachen der Streikbewegung ab 1912. Im Zentrum der bolschewistischen Arbeit stand der Aufbau einer tief verankerten Arbeiterpresse, insbesondere der Prawda.
Finanziert wurde dies Kopeke um Kopeke: In den Fabriken sammelten Arbeitergruppen systematisch Spenden, die einzeln in der Zeitung abgedruckt wurden. Diese Listen waren Ausdruck der großen Opferbereitschaft und des steigenden Selbstbewusstseins der Arbeiterklasse und zeigten, dass die Bolschewiki die aktivsten Teile hinter sich hatten. Lenin analysierte:
„Eine Zeitung, begründet auf Fünfkopekenstücken, die von kleinen Arbeiterzirkeln in den Werken und Fabriken gesammelt worden sind, ist um ein Vielfaches solider, fester und sicherer fundiert (…) als eine Zeitung, die sich auf Dutzende und Hunderte Rubel gründet, die die sympathisierende Intelligenz gespendet hat.“ (LW Bd. 18, S. 178)
Jede Kopeke war bitter nötig, denn Illegalität und die allgegenwärtige Geheimpolizei erforderten große Opfer. Auch der illegale Druck und der gefährliche Schmuggel politischer Materialien vom Ausland nach Russland war teuer.
Dennoch nutzten die Bolschewiki kreativ jeden legalen Spielraum, wie der Streik der Baku-Ölarbeiter (1914) demonstrierte. Denn als der zaristische Gouverneur offiziell Spendensammlungen für Streikende verbot, druckte die Prawda die polizeiliche Anordnung auf der Titelseite in riesigen Lettern ab. Setzte aber direkt darunter die Adresse eines bolschewistischen Duma-Abgeordneten mit parlamentarischer Immunität samt seiner „Sprechzeiten“. Den Arbeitern war klar: Die verbotenen Gelder flossen über den Abgeordneten zu den Streikenden.
Durch Jahrzehnte systematischer Arbeit bauten die Bolschewiki unter Lenin eine Partei auf, die materiell nur von der Arbeiterklasse abhing. Die Lehre ist klar: Während die Menschewiki, die abhängig den Liberalen und ihren Geldern hinterherliefen, bis zum Ende die herrschende Ordnung verteidigten, stürzten die Bolschewiki 1917 zum ersten Mal in der Geschichte den Kapitalismus.
Die Verankerung und Finanzierung aus unserer Klasse sind das Rückgrat, um sich unter allen widrigen Umständen kompromisslos gegen den Kapitalismus stellen zu können.
(Funke Nr. 245/08.07.2026)