Während die Kirchenaustritte steigen, schreiben ÖVP und Grüne im Regierungsprogramm, sie wollen „die Schöpfung bewahren“ und laut Kanzler gehe es darum, „die Wirtschaft mit einem respektvollen Umgang mit der Schöpfung in Einklang zu bringen.“ Warum die Vorstellung von „Schöpfung“ im 21. Jahrhundert keinen Platz mehr hat, zeigt Vincent Angerer.

 

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In seiner ersten Rede unter Schwarz-Grün benennt Bundeskanzler Sebastian Kurz die „neuen Herausforderungen“ unserer Zeit: „die Migrationsfrage, die unser System und auch den Sozialstaat gefährdet, wenn wir nicht erfolgreich unsere Außengrenzen schützen, und natürlich Naturkatastrophen, die uns immer wieder daran erinnern, wie wichtig es ist, ordentlich mit der Schöpfung und unserer Umwelt umzugehen.

Neben der militärischen Absicherung der christlichen Nächstenliebe ist offenbar auch der Schöpfungsmythos im Jahr 2020 eine wichtige Staatsaufgabe.

Gleichzeitig steigen in der Realität die Kirchenaustritte: Mit 67.583 Personen traten im Vorjahr 15% mehr als 2018 aus der katholischen Kirche aus, womit die allseits beschworene katholische Tradition Österreichs heute selbst auf dem Papier nur noch knapp 56% der Bevölkerung organisiert.

Im Segment der jungen ungebildeten und der sehr gut gebildeten Männer nehme eine Art von Atheismus mit einer starken religionsfeindlichen Komponente zu. Dies betreffe zum Teil auch junge gebildete Frauen“, meint Pastoraltheologin Regina Polak, und: „Derzeit sind diese Stimmen noch nicht so laut hörbar, aber das wird sich mittelfristig ganz deutlich zeigen.“ (Presse, 16.1.20)

Wir wollen diesen Stimmen Gehör verschaffen und erklären, warum der Schöpfungsmythos heute eindeutig passé ist.

Der Schöpfung zufolge soll ein göttliches Wesen das Universum und das Leben auf der Erde geschaffen haben. Diesen Mythos gibt es in vielen Religionen. Dieser Auffassung zufolge wurde tote Materie durch das Einschreiten des Willens Gottes belebt. Diese Theorie sollte für Jahrhunderte das Denken der Menschen prägen. Sie wirft zwischen organischer und anorganischer Materie eine unüberbrückbare Grenze auf, die nur ein allmächtiges Wesen überkommen kann. Diese starre Grenze, die zwischen Geist und materieller Welt gesetzt wird, entspricht dem philosophischen Idealismus, der von der Vorrangigkeit des Geistes über die Welt ausgeht.

Beflügelt von der Notwendigkeit, die technischen Kräfte weiterzuentwickeln und die Welt durch ihre eigene Vernunft zu verstehen, stießen die Menschen im Zuge der frühkapitalistischen Entwicklung durch Experimente und Versuche auf neue Erkenntnisse. 1827 kam es dabei zu einer revolutionären Entdeckung. Der deutsche Chemiker Friedrich Wöhler erwärmte eine anorganische Substanz und erhielt Harnstoff – eine organische Substanz. Endlich bröckelte die Mauer, die von der Religion und der idealistischen Philosophie zwischen organischer und anorganischer Materie, zwischen Bewusstsein und Welt errichtet worden war.

Engels und der Ursprung des Lebens

Friedrich Engels schrieb über diese historische Erkenntnis:

„Durch Herstellung von bisher nur im lebenden Organismus erzeugten Verbindungen auf anorganischem Wege wies sie nach, dass die Gesetze der Chemie für organische Körper dieselbe Gültigkeit haben wie für unorganische, und fülle sie einen großen Teil der noch nach Kant auf ewig unüberschreitbaren Kluft zwischen unorganischer und organischer Natur aus.“

Für den dialektischen Materialisten Engels war die Verwandlung von anorganischer in organische Materie nichts grundsätzlich Erstaunliches, auch wenn das Rätsel der Entstehung des Lebens aus der anorganischen Natur noch nicht vollends geklärt war.

Allerdings war klar, dass mit dem Voranschreiten der Chemie auch diese Entstehungsgeschichte erhellt werden würde. So schreibt er, dass die Chemie zwar noch einen langen Weg gehen müsse, eines Tages allerdings fähig sein werde, wenn sie den Aufbau von Proteinen, den Baustoffen des Lebens, verstehe, diese aus anorganischen Stoffen herzustellen. Tatsächlich wurde Engels 1952 vom Miller-Urey-Experiment bestätigt – hier wurden aus anorganischen Stoffen Aminosäuren hergestellt, also die Bausteine der Proteine.

Der Grund, weshalb Engels diese Entwicklung bereits vorab nachvollziehen konnte, liegt in seiner Methode, im dialektischen Materialismus, für den die Materie keine starre Kategorie ist, sondern in ihrer ständigen Entwicklung „vom Niedrigeren zum Höheren“ begriffen wird.

Somit war es ihm trotz fehlender konkreter Einsicht in die Details klar, dass organische Materie keinen anderen Ursprung haben kann, als anorganische Materie. Organische Materie stellt nichts anders als eine Entwicklungsstufe im allgemeinen Entwicklungsgang der Materie im Universum dar. Mit unserem heutigen Wissen bestätigt sich das Bild von Engels immer mehr. Wenn massive Sterne explodieren, wird ein dermaßen großes Ausmaß an Energie freigesetzt, dass sich die komplexeren Elemente der Periodentabelle bilden können. Wie der Astronom Carl Sagan schreibt:

„Das Kalzium unserer Zähne, das Eisen in unserem Blut, die Kohlenstoffatome in unseren Apfeltorten wurden im Inneren von Sternen geschaffen. [...] Wir sind in letzter Instanz Sternenstaub, der über die Sterne nachdenkt.“

Ironischerweise kommt der Geist bzw. das Bewusstsein im Idealismus und im religiösen Denken zu kurz. Weil das Bewusstsein nicht als Entwicklungsstufe der Materie angesehen wird, also als ihr höchster und komplexester Ausdruck, wird es de facto in ein abstraktes Jenseits verbannt und aus der Welt gestrichen. Nur auf Basis des dialektischen Materialismus, der uns ermöglicht, die atemberaubende Entwicklung und Verwandlung von Materie im Universum zu erkennen und ihre allgemeinsten Gesetze zu verstehen, kann man die wahre Größe des Bewusstseins wertschätzen.

So steht auch in Wirklichkeit hinter dem Aufgreifen des Schöpfungsmythos durch die Regierung nicht der Willen, eine spezifische ideologische Vorstellung zu verteidigen, sondern – wie sollte es auch anders sein – letztendlich nichts anderes, als die Verteidigung knallharter materieller Interessen. Schon Karl Marx merkte in seinem Vorwort zur Erstausgabe des „Kapital“ richtigerweise an: „Die englische Hochkirche z.B. verzeiht eher den Angriff auf 38 von ihren 39 Glaubensartikeln als auf 1/39 ihres Geldeinkommens.“

Auf die Hoffnung nach einem höheren Wesen stützt sich heute ein gewaltiges Wirtschaftsimperium – sie ist aber auch eine wichtige ideologische Stütze für das herrschende System. Darum wird uns auch der Schöpfungsmythos so lange begleiten, bis durch eine Revolution gegen den Kapitalismus das Paradies auf Erden geschaffen werden kann – und dieses nicht mehr ins Jenseits verbannt werden muss.

(Funke Nr. 180/22.1.2020)


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