Mit dem Sozialbereich wagt eine klassische Frauenbranche den Arbeitskampf. Die österreichischen Kapitalisten wehren sich dagegen mit Händen und Füßen. Dies zeigt: der Kapitalismus ist die Grenze der Frauenbefreiung.

 

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Am Opernball gab sich Österreichs oberster Wirtschaftskämmerer lustig: „Wir trinken nur Mineralwasser, weil wir sparsam mit den Mitgliedsbeiträgen umgehen“, so der beschwipste Harald Mahrer in der 24.000 € Loge.

Auch nüchtern verfolgen diese Herren ihre gesellschaftspolitische Agenda zynisch und kaltschnäuzig. „Wir werden in Österreich mit einer generellen Arbeitszeitverkürzung das Licht abdrehen. Dann können wir uns alle weiße Leintücher umhängen und geordnet zum wirtschaftspolitischen Friedhof marschieren“, so der Wirtschaftskämmerer. In der Zunahme von privaten Krankenversicherungen sieht er nicht etwa einen Ausdruck der sich verschlechternden Bedingungen im öffentlichen Gesundheitssystem, sondern „wachsenden Wohlstand“.

Jede sozialpolitische Verbesserung führt nach diesem Denken zum Ende des menschlichen Wirtschaftens. Schon die Einschränkung der Kinderarbeit deuteten die Herren des Profits im 19. Jahrhundert als das Ende des Abendlandes. Jeder sozialpolitische Fortschritt wurde gegen harten Widerstand erkämpft. Daran gilt es zu erinnern, wenn um den 8. März herum auch alle Bürgerlichen und Liberalen ihr hohes Lied auf die Frau anstimmen werden.

Wenn es auch stimmt, dass Frauen aller Klassen unter geschlechtsspezifischen Benachteiligungen leiden, so finden Frauen je nach ihrer Klassenzugehörigkeit enorme Unterschiede in ihrer Lebenssituation vor. Daraus ergeben sich unterschiedliche (politische) Zielsetzungen. Ein oberflächliches Zusammenmanschen von allgemeinen „Fraueninteressen“ dient fast immer nur den Angehörigen privilegierter Schichten und Klassen. Die wiederkehrend angeheizte gesellschaftliche Debatte über den „mangelnden Frauenanteil in Führungspositionen“ steht hier sinnbildlich für eine klassenübergreifende „Frauensolidarität“, die nur bürgerlichen Frauen hilft.

Das Kinderkriegen und die weibliche Gebärfähigkeit an sich bergen das größte „Manko“ der Frauen aus der Arbeiterklasse. Die Unterbrechung der Erwerbstätigkeit für Geburt und Kindererziehung bedeutet einen großen Knick in der Erwerbsbiographie. 38% der Frauen sind 30 Monate nach der Geburt noch nicht in den Lohnberuf zurückgekehrt, jene die es zurück auf den Arbeitsmarkt geschafft haben, verdienen mehrheitlich deutlich weniger als zuvor. Mangelnde Kinderbetreuungseinrichtungen erlauben meist nur Teilzeitarbeit. 53% aller arbeitenden Frauen haben aktuell ein atypisches Beschäftigungsverhältnis (meist Teilzeit) mit stark steigender Tendenz. In der Altersgruppe der 30- bis 44-jährigen teilzeitbeschäftigten Frauen sagen zwei Drittel, dass Kinderbetreuungspflichten keinen Vollzeitjob ermöglichen.

Die Funktion der Frau als Reservearmee des Arbeitsmarktes ist im langjährigen Schnitt zu beobachten: Ist die Nachfrage nach Arbeitskräften groß, werden Frauen beschäftigt, um dann die Ersten zu sein, die wieder nach Hause geschickt werden, wenn es zum Job-Abbau kommt. Schon die Berufswahl spiegelt die untergeordnete Rolle der arbeitenden Frau am Arbeitsmarkt wider: Friseurin, Bürokauffrau und Einzelhandelskauffrau - allesamt Niedriglohnbranchen - machen 43,3% des Lehrstellenangebots für Mädchen aus.

In der Pflege ist der Frauenanteil überwältigend, je prekärer die einzelnen Jobbedingungen im Sektor desto höher der Frauenanteil: 92% der PflegerInnen im mobilen Dienst sind weiblich. Davon arbeiten 88% Teilzeit, 84% der stationären PflegerInnen sind Frauen, davon arbeiten 51% Teilzeit.

Historisch schafft der Eintritt in die Lohnarbeit das Potential zur Befreiung der Frau, indem die einzelne Frau aus dem Gefängnis der Familie (als Tochter, Schwester oder Ehefrau) heraustritt und Teil eines größeren Kollektivs wird, das als Klasse kämpfen und sich befreien kann. Doch diese Emanzipation ist durch die Limits des Kapitalismus nur relativ und letztendlich vor allem ein Potential. In erster Linie überwiegt die gleichzeitige Erfahrung der Mehrfachausbeutung durch Arbeitgeber und den Familienhaushalt.

Bei der ganzen gesellschaftlichen Debatte um die behauptete Unfinanzierbarkeit des Sozialstaates wird geflissentlich verschwiegen, dass die wichtigste Stütze des Sozialsystems die Familie ist, und in der Familie selbst die unbezahlte Arbeit der Frauen: Kindererziehung und -pflege, Kochen, Waschen, wird aller Bewusstseinsarbeit zum Trotz hauptsächlich von Frauen geleistet. Besonders krass: Mehr als 10% der ÖsterreicherInnen (947.000) pflegen ältere Angehörige. Und 80 Prozent aller Pflegebedürftigen werden meistens von Frauen zuhause gepflegt.

Diese konstante Überforderung der Familien in der Arbeiterklasse durch zunehmend entgrenzte Lohnarbeit, hohe Wohnkosten und die Abwälzung gesellschaftlicher Leistungen in die Familie vergiftet menschliche Beziehungen. Die Familie ist eine gut geölte Dienstleistungsmaschinerie, keine freie Vereinigung liebender Menschen. Es ist kein Zufall, dass heute mehr als die Hälfte der Kleinfamilien schnell zerbrechen. Die kindliche „Ken und Barbie“-Idylle ist der Vorspann zum vielschichtigen proletarischen Familien-Horror.

Alle sozialpolitischen Ansätze der aktuellen Regierung setzen an der spezifischen Unterdrückung der proletarischen Frau an. Klarer als jede Vorgängerregierung sieht sie die Pflege als häusliche Angelegenheit. Für diese Frauen ist dies die Kombination der schlechtesten aller Welten: Einsam in prekärer Beschäftigung in der Familie. Generell soll der Pflegenotstand durch das Drücken der Qualifikationen behoben werden, im Herbst starten die ersten Pflege-HTLs.

Die Mobilisierungen der Beschäftigten des Wiener Krankenanstaltenverbundes (KAV) vom letzten Jahr und der dritte Arbeitskampf in Folge in der privaten Sozialwirtschaft stemmen sich gegen die Erosion der Arbeitsbedingungen in diesen klassischen Frauenbranchen.

Der Kampf an sich ist ein Schritt nach vorne: die stumme Selbstausbeutung weicht den zornigen PflegerInnen und BetreuerInnen. Die Forderung nach einer Arbeitszeitverkürzung auf 35 Wochenstunden bei vollem Lohn- und Personalausgleich hat es so in die politische Debatte geschafft. Hier wird sie einerseits ignoriert (SPÖ-Spitze) oder schroff zurückgewiesen (ÖVP). Die Grünen positionieren sich nicht.

Die Mobilisierungsfähigkeit der Beschäftigten ist die beste Basis, die sozialen Bedingungen stabil zu halten. Auch das politisch verursachte Mega-Defizit der Krankenkassen lässt auf große kommende Einschnitte in allen Bereichen der Daseinsfürsorge schließen. Der Ausbruch des Corona-Virus wird auch hierzulande die fahrlässige Unterfinanzierung der Gesundheit und das chaotische Agieren der Behörden offenlegen.

Es gilt, die Mobilisierungsfähigkeit der Arbeiterbewegung zu stärken. Und politisch lautet unsere Leitidee dabei zum Weltfrauentag am 8. März: „Die Frau frei vom Manne und beide frei vom Kapital“.

Wien, am 25.2.2020


 Aus dem Inhalt der Zeitung:

  • Betrieb & Gewerkschaft:
    • Magna: Gemeinsam Arbeitsplätze und Umwelt sichern
    • Secop Fürstenfeld: Widerstand gegen Werkschließung
    • SWÖ: Kein Abschluss ohne Durchbruch!
    • Streikbericht aus einem Betrieb
    • Krankenhaus: Nachtdienste
    • Deutschlehrende für 35h-Woche
  • Österreich:
    • SPÖ: Immer Ärger mit Pam
    • Warum ist Österreich so korrupt?
    • Bericht SJ Verbandstag
  • Schwerpunkt Frauenbefreiung:
    • Frauenunterdrückung und Kapitalismus
    • Femizide in Mexiko
    • Rezension "Die Dohnal"
    • Irak: Gemeinsam gegen Frauenunterdrückung
  • International
    • Bewegung im Iran
    • Corona: Mehr als ein Virus
    • Wirtschaft vor Einbruch
    • Klassenkämpfe in Frankreich
    • Hanau: Naziterror
    • USA und Bernie Sanders

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