…wird ein Feuer entfachen!

Vor 50 Jahren erlebte Frankreich mehr als nur den größten Generalstreik seiner Geschichte – es war eine revolutionäre Bewegung, die den Kapitalismus an den Rand seines Untergangs brachte. Eine der kämpferischsten Traditionen der französischen Arbeiterklasse, welche sie zweifellos wiederentdecken wird und deren Lehren es wert sind, studiert zu werden. Von Martin Halder.


Wie Engels erklärte, ist Frankreich das Land, in dem der Klassenkampf bis zur Entscheidung durchgefochten wird. In der französischen Geschichte finden wir einen sehr reichhaltigen Erfahrungsschatz von Klassenkämpfen. 1936, 1945 und 1947 kam es zu großen Massenbewegungen. Doch durch den Nachkriegsaufschwung und den Wiederaufbau zeichnete sich schlussendlich eine Ruhephase im Klassenkampf ab. Dies führte dazu, dass die Strategen des Bürgertums sowie die Arbeiterorganisationen nicht im Geringsten mit einer starken Arbeiterbewegung rechneten.


The Economist veröffentlichte im Mai 1968 einen Bericht zum 10-jährigen Jubiläum der autoritären Herrschaft von Charles de Gaulle. Der Autor bejubelte den französischen Kapitalismus für den steigenden Wohlstand und die „erb ärmlich schwachen“ Gewerkschaften. In den darauffolgenden Tagen und Wochen stellten Millionen ArbeiterInnen unter Beweis, wie erbärmlich schwach diese „Analyse“ war.Auch der Trotzkist Ernest Mandel erklärte, ohne die Methode Trotzkis verstanden zu haben, einen Monat vor den Mai-Ereignissen eine Massenbewegung der französischen ArbeiterInnen in den nächsten 20 Jahren für ausgeschlossen.


Die Arbeiterklasse sei verbürgerlicht, ihr gehe es zu gut, als dass sie massenhaft für Verbesserungen oder gar für den Sturz des Systems kämpfen würde – so die Denkweise.Und tatsächlich: Der Wohlstand stieg und Frankreich erlebte einen beachtlichen Wirtschaftsboom. Dieser fand allerdings auf dem Rücken der französischen ArbeiterInnen statt. Obwohl 1936 die 40-Stunden-Woche umgesetzt wurde, wurden durchschnittlich 45 Wochenstunden gearbeitet. Oft wurden Bi lliglöhne gezahlt, gerade auch an MigrantInnen, die sehr prekär beschäftigt wurden. 6 Millionen lebten unter der Armutsgrenze, 3 Millionen hausten in den Slums von Paris.

Hinzu kommt, dass De Gaulle das Land seit 10 Jahren autoritär regierte, und dies alles multiplizierte sich durch die Tatsache, dass der Wirtschaftsaufschwung zu einer nie dagewesenen Stärkung der Arbeiterklasse führte. In Fabriken wie den Renault-Werken in Bilancourt arbeiteten nun bis zu 30.000 Menschen an einem Ort.Betrachtet man also die Situation unter der Oberfläche, stellt sich diese als Pulverfass dar, welches auf kurz oder lang hochgehen musste.

Die Jugend macht den Anfang

Wie so oft war es die Jugend, die sich als erstes bewegte und durch die sich Unmut am schnellsten ausdrückte. Im April gab es schon eine deutliche Unruhe unter den Studenten, die sich durch mehrere Demonstrationen und Besetzungen zeigte. Proteste richteten sich zu Beginn vor allem gegen das restriktive Bildungssystem sowie die Geschlechtertrennung in den Studentenwohnheimen.
Am 3. Mai besetzten StudentInnen die angesehene Sorbonne Universität. Der Rektor ließ daraufhin die Universität gewaltsam räumen und schließen.
Als am 6. Mai 60.000 StudentInnen demonstrierten, griff sie die brutale Spezialeinheit der Polizei CRS massiv an. In Straßenschlachten wurden 345 Polizisten und über 600 StudentInnen verletzt, sowie 422 verhaftet.

Trotz oder gerade wegen der Brutalität der Polizei ebbte die Bewegung jedoch nicht ab, sondern schritt weiter voran. In der Nacht auf den 10. Mai wurden bis zu 60 Barrikaden in Paris errichtet. StudentInnen und junge ArbeiterInnen lieferten sich Straßenschlachten mit der Polizei.
Die StudentenInnen hatten große Sympathien in der Bevölkerung, laut einer Umfrage unterstützten 80 % der Pariser Bevölkerung die Proteste.Die Studentenbewegung, welche täglich mit der verhassten Polizei konfrontiert war, stieß die Arbeiterklasse an, um selbst in Aktion zu treten.Ein junger Arbeiter von damals erklärt es so: „Die Studenten kamen zuerst. Sie spielten die Rolle eines Funken. Sie haben die Regierung ins Wanken gebracht… Sie gaben uns das Gefühl, dass wir weiter voranschreiten können.“

Arbeiterklasse betritt die Bühne

Die größten Gewerkschaften riefen für Montag (13. Mai) zum Generalstreik auf, mit vollem Erfolg. Allein in Paris demonstrierten 1 Millionen.Die Intention der Führung war, dass die ArbeiterInnen – erzürnt über die Brutalität des Regimes - in einem Generalstreik Dampf ablassen können und danach normal weitergearbeitet wird. Doch der Hass gegen die Regierung und Bosse, der sich die Jahre über angesammelt hatte, sollte sich nun auf einmal entladen und über die Ufer eines 24-Stunden-Streiks steigen.An einzelnen Orten wurde nach diesem Tag weiter gestreikt und Betriebe besetzt. Es begann schnell ein unbegrenzter Streik, der sich auf ganz Frankreich ausbreitete.
Am 16. Mai besetzten die 60.000 Renault-Arbeiter ihre Fabriken. Zwei Tage danach wurde die Arbeit in den Kohleminen niedergelegt und der öffentliche Verkehr in Paris und anderen Städten stand still. Als nächstes traten die Eisenbahner, das Schiffs- und Flugwesen in den Streik, sowie die Elektro- und Gasarbeiter. In Radio, Zeitung und Fernsehen gaben nun die Streikenden den Ton an. Am Höhepunkt der Bewegung streikten 10 Millionen. Der Streik erreichte alle Sektoren. Ein Augenzeuge berichtet: „Am Mittwoch sind die Bestatter in den Streik getreten. Jetzt ist nicht die Zeit zum Sterben.“

Revolution

Dies war mehr als ein Generalstreik: es war eine revolutionäre Bewegung. Überall wurde über Politik und die Rolle der Bewegung diskutiert. Sogar in einer Kirche in Paris protestierte die katholische Jugend und forderte politische Diskussion statt der Messe.
Die Massen begannen direkt in gesellschaftliche Prozesse einzugreifen. Die Betreuung von Kindern wurde kollektiv organisiert, große Gebäude, wie etwa Schulen, wurden hierfür geöffnet. Die ArbeiterInnen übernahmen die Kontrolle über die Benzinversorgung. Durch Absprache mit den Bauern war es möglich, die Preise für alltägliche Lebensmittel stark zu senken. Beispielsweise wurde der Preis von 1 Liter Milch und 1 Kilo Karotten von 80 auf 50 und der von einem 1 Kilo Kartoffeln von 70 auf 12 Centimes gesenkt.
Es ging schon lange nicht mehr um einfache ökonomische Forderungen, die ArbeiterInnen entwickelten ein Bewusstsein über ihre eigene Stärke und die Möglichkeit, die Gesellschaft selbst zu organisieren. Ein junger Renault-Arbeiter erklärt: „Wir wollen, dass alles von unten nach oben und nicht wie jetzt von oben nach unten entschieden wird!“

Die Macht der Massen

Zu einer revolutionären Situation gehört es, dass die Herrschenden ihre Macht verlieren und die Massen den Ton angeben. Dies wird besonders klar, als Präsident De Gaulle ein Referendum ankündigt und mehr Mitbestimmung und Reformen verspricht. Da die Streikenden wussten, dass dieses Vorhaben das Papier nicht wert sein würde, auf das es gedruckt wurde, verhinderten sie konsequenterweise dessen Druck. Als er die Wahlzettel in Belgien drucken wollte, streikten dort ebenfalls die Druckereien aus Solidarität. Der mächtigste Mann Frankreichs, welcher sich inzwischen außer Landes in Deutschland befindet, hatte nicht einmal die Macht, Papier bedrucken zu lassen.
Auch der „starke Staat“ funktionierte nicht mehr ordnungsgemäß. Mit der wachsenden Bewegung verschwand die Polizei von der Bildfläche. Viele Soldaten erklärten, dass sie niemals auf Streikende schießen würden, da sie selbst Söhne von ArbeiterInnen wären. Es verbreiteten sich sogar Ideen der aktiven Unterstützung der Bewegung und Gründung von gewählten Komitees im Heer.

Was fehlte?

Wir sehen also, dass die ArbeiterInnen die Gesellschaft ab nun von „unten nach oben“ organisieren hätten können. Doch dies wurde nicht verwirklicht. Was lief also schief?
Obwohl nicht mal die Hälfte der Streikenden gewerkschaftlich organisiert war, gewann die größte und kommunistische Gewerkschaft CGT die Führung über die Bewegung.
Ein unbefristeter Generalstreik kann nicht ewig aufrechterhalten werden und stellt per se die Machtfrage, von den Betrieben bis zur ganzen Gesellschaft. Wer sagt wo es lang geht – die ArbeiterInnen, oder die Bosse?

Zu Gunsten der Arbeiterklasse hätte diese Frage nur eine revolutionäre Organisation beantworten können. Konkret hätte diese dazu aufrufen müssen, die schon existierenden Streikkomitees – als Gerüst einer neuen Gesellschaft - von lokaler bis zu nationaler Ebene zu vernetzen und Delegierte zu wählen. Diese Forderung wäre Hand in Hand mit der Verstaatlichung und der Arbeiterkontrolle über die Wirtschaft (von „unten nach oben“) gegangen.

Doch die stalinistische KP, welche das Ziel, die Gesellschaft revolutionär zu verändern, schon lange aufgegeben hat, beantwortete diese Frage ganz klar zu Gunsten des Kapitals. Denn wer den Kapitalismus nicht stürzen will, wird immer darin enden, ihn zu stützen.
So wurde Ende Mai ein Abkommen mit der Regierung verhandelt, welches unter anderem 10 % Lohnerhöhung und die Bezahlung des Lohns für die Hälfte des Streiks beinhaltete. Die Streikenden lehnten dieses Abkommen ab und buhten die Gewerkschaftsvertreter aus. Für solche Kinkerlitzchen hatten sie nicht gekämpft.

Erst als De Gaulle Neuwahlen für den 23. Juni verkündete schaffte es die Kommunistische Partei die Bewegung in gemäßigtes, parlamentarisches Fahrwasser zu lenken. Mitte Juni streikten immer noch 4 Millionen, doch die Bewegung ebbte trotzdem ab. Es gab keine revolutionäre Kraft, die der Gewerkschaftsbürokratie Paroli hätte bieten können.Die KP wurde für ihre verheerende Rolle und ihren Wahlkampf, in dem sie nur von Sicherheit und Ordnung sprach, in den Wahlen abgestraft.Das Kapital ging in die Offensive und machte Ende des Jahres viele Errungenschaften der Streikbewegung durch Einsparungen wieder nichtig.

Der Mai 68 hält viele Lehren bereit. Die Rolle der StudentInnen im Zusammenschluss mit den ArbeiterInnen, sowie die Stärke der Arbeiterklasse, die ganze Gesellschaft umzukrempeln.Von dem werden wir uns in Frankreich und auf der ganzen Welt, die massive revolutionäre Bewegungen erleben wird, noch öfters überzeugen können. Doch für den Ausgang dieser Bewegungen ist eines entscheidend: Die Notwendigkeit des Aufbaus einer revolutionären Organisation, die ihre Ideen und Analysen schärft und sich stark in der Arbeiterbewegung und Jugend verankert.

Dieser Artikel erschien erstmals am 24.4.2018 in der Funke-Ausgabe Nr. 163




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