Der Funke sprach Sonntagnachmittag - kurz vor den erneuten Sondierungsgespräch - mit einem Gewerkschaftshauptamtlichen über den Metallerstreik und das neue Selbstbewusstsein der ArbeiterInnen.

 

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Der Funke: Einen „Kampf“ zu führen, hat in der Tradition des ÖGB bisher bedeutet, Sitzfleisch in Marathonsitzungen zu beweisen. Warum heuer dieser Umschwung?
Antwort: Die Zeit ist einfach reif für einen Streik in Österreich. Die KollegInnen in den Betrieben sind mehr als angefressen. Sie haben die Betriebe durch die „Krise“ getragen und auf allerhand verzichtet. Der Dank für Kurzarbeit und Lohnverzicht ist es, dass man sie jetzt mit Almosen abspeisen will. Das lassen sich die KollegInnen nicht mehr gefallen und sie wissen sich zu wehren.

Der Funke: Die Streikbewegung ist massiver angefahren als von der Streikleitung geplant (was kannst du uns in diesem Zusammenhang für Zahlen nennen). Die KollegInnen haben die Nase voll. Die Krise gab es nur für die Beschäftigten - in Form von Kurzarbeit, Umstrukturierungen, Leiharbeit, … - während die Gewinnausschüttungen und der Boni-Reigen auch in den Krise weitergingen. Inwiefern geht es hier um mehr als nur den Lohn?
Antwort: Ich bin überzeugt davon, dass wir hier ein neues Selbstbewusstsein der ArbeitnehmerInnen erleben. Die jahrelangen Lügen von der „Rettung der Arbeitsplätze bei Lohnzurückhaltung“, die von Unternehmerseite aufgetischt wurden, greifen nicht mehr. Wenn sich die AktionärInnen im gleichen Atemzug 2,5 Mrd. an Ausschüttungen gönnen und die ManagerInnen ihre Gehälter um 4,5 % erhöhen.
In den letzten Tagen waren ständig zwischen 150 und 200 Betriebe der Metallindustrie im Arbeitskampf.

Der Funke: Die UnternhemerInnen und ManagerInnen waren überrascht. Ich gratuliere euch, ihr habt sie am falschen Fuß erwischt. Es gibt nun bereits erste Solidaritätskämpfe, etwa im Energiebereich. Könnt ihr euch vorstellen die Auseinandersetzung zu intensivieren und auf andere Branchen auszuweiten?
Antwort: Solidaritätskämpfe sind eine schöne Erfahrung und sie beweisen uns auch, dass wir auf dem richtigen Weg sind. Eine bewusste Ausdehnung auf andere Branchen ist jedoch nicht geplant. Allerdings wird die KV-Runde nicht die letzte im heurigen Jahr sein. So gesehen weiß man noch nicht, was die nächsten Verhandlungen bringen werden. Auf alle Fälle werden wir für alles gerüstet sein.

Der Funke: Die UnternehmerInnen warnen vor Konsequenzen für den Standort und werfen euch Klassenkampf vor. Was antwortest du ihnen?
Antwort: Die UnternehmerInnen jammern uns immer etwas von Standortentscheidung vor. Man darf bei dieser Jammerei nie vergessen, dass Österreich ein Steuerparadies für Großunternehmen ist. Die werden es sich zweimal überlegen, bevor sie woanders hingehen und auf die hochqualifizierten ArbeitnehmerInnen von Österreich verzichten.
Wenn Klassenkampf bedeutet, dass sich Menschen keine Ungerechtigkeiten mehr gefallen lassen; dass sie sich dagegen wehren, dass sie mit Peanuts abgespeist werden sollen, während sich andere die Taschen vollstopfen. Ok, dann ist es Klassenkampf.

Der Funke: In einigen Betrieben werden vom Management Maßnahmen gegen Streikende angedroht. Wie reagiert ihr darauf?
Antwort: Uns wurden schon die ersten Kündigungen und Entlassungen gemeldet. Völlig klar, dass die seitens der Rechtsabteilung der PRO-GE sofort angefochten werden. Des Weiteren sollen in Betrieben, in denen es Entlassungen gibt, die Streiks solange fortgesetzt werden, bis die Rücknahme erfolgt ist.

Der Funke: Es droht ein Klassiker: ÖGB-Präsident Foglar, der schon bisher den Anschein machte, dass ihn das ganze nichts angehen würde (und sich sogar dumme Fragen in diese Richtung von bürgerlichen Medien anhören musste), könnte gemeinsam mit Leitl von oben die Sozialpartnerschaft wieder herstellen und einen „Kompromiss“ durchsetzen. Wie hoch schätzt du das Risiko ein, dass die Dynamik des Kampfes von oben herab, also ohne Einbeziehung der Betriebsräte und der Belegschaften gebrochen wird?
Antwort: Ich denke, das ist jetzt nicht mehr so einfach möglich. Es muss zumindest eine Befragung der Belegschaften in einer Betriebsversammlung geben und hier entscheidet die Mehrheit. Natürlich darf so ein Streik auch nicht ewig dauern. „Kurz, massiv und treffsicher“, sag ich immer. Alles andere wäre nicht zielführend. Es gibt nichts Schlimmeres, als wenn die Kampfeslust aufgrund der Länge eines Streiks zu schwinden beginnt.

Der Funke: Was war bisher deine positivste Erfahrung in diesem Streik?
Antwort: Die vielen Solidaritätsbekundungen in weiten Teilen der Bevölkerung und das positive Echo der Medien.

16.10.2011, 15:00


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