Schon seit Jahren überflutet eine Welle von Femiziden Mexiko. Die Massen haben diese grausamen Verbrechen satt und gehen dagegen auf die Straße. Sarah Ziermann-Österreicher berichtet.

 

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Am 7. November kam die 20-jährige Bianca Alejandrina (auch als Alexis bekannt), eine Freundin von GenossInnen unserer mexikanischen Schwesterorganisation La Izquierda Socialista, nicht mehr von der Arbeit in den Vorstädten von Cancún nach Hause. Sie wurde tot aufgefunden, zerstückelt in Plastiksäcke gestopft. Alexis war ein lebensfroher Mensch, der für die Frauenbefreiung und eine bessere Welt kämpfte. Vor wenigen Monaten schrieb sie:

„Niemand wird mir das Recht nehmen, jeden Morgen in den Himmel zu schauen. Niemand wird verhindern, dass meine Haut liebevoll und mit Zustimmung liebkost wird. Niemand wird meine Träume stehlen oder mich anders als vor Freude und Vergnügen seufzen lassen. Ich sterbe lieber, als zuzulassen, dass ihr widerlichen Kerle mich ermordet.“

La Izquierda Socialista rief mit anderen linken Frauen- und ArbeiterInnenorganisationen zum Protest auf. Tausende gingen auf die Straße. Die Demo wurde mit brutaler Polizeigewalt unterdrückt: zwei Menschen wurden erschossen, Frauen verhaftet, verprügelt und sexuell belästigt. Der Staat ist voller Lethargie bei der Bekämpfung von Gewalt gegen Frauen, fährt aber alle Geschütze auf gegen die Jugend, die für ihre Sicherheit aufsteht.

Der Mord an Alexis ist nur einer von zahlreichen Femiziden, die täglich im häuslichen Kontext und vom organisierten Verbrechen begangen werden. Alle 2,5 Stunden wird in Mexiko eine Frau ermordet. 97 Prozent dieser Verbrechen werden niemals aufgeklärt. Die Femizide steigen seit Jahren. 2020 ist ein neues Rekordjahr. Die Ursache für diese Gewalt: der marode mexikanische Kapitalismus. Teile der mexikanischen Bourgeoisie versuchen enorme Profite zu schöpfen, indem sie ihre „legalen“ Einnahmen durch Drogen-, Waffen- und Menschenhandel ergänzen. Zudem werden aus Profitgier Millionen von Menschen in die Armut getrieben. Der Staatsapparat ist korrupt, viele BeamtInnen stehen auf den Gehaltslisten der Verbrechersyndikate. Im besten Fall bleibt der Staat untätig, im schlimmsten Fall macht er gemeinsame Sache mit ihnen. Auf diesem Boden wächst das organisierte Verbrechen. Diese Situation ist die Brutstätte für Gewalt jeglicher Art, allen voran für sexistische Gewalt – vor allem gegen arme Frauen.

Kundgebung in Mexiko Stadt

Revolutionäre Massenmobilisierung

Doch die Menschen akzeptieren nicht mehr, dass ihre Schwestern, ihre Partnerinnen, ihre Töchter ermordet werden. Friedliche Routinemärsche reichen nicht mehr als Ventil für die Wut auf diese Verbrechen aus. So zündeten nach dem Ende der offiziellen Demo für Alexis Jugendgruppen den Eingang des regionalen Staatsanwaltsbüros an. Diese radikale Stimmung bietet die Chance, den Kapitalismus mit seinen Unmenschlichkeiten zu stürzen. Unorganisierte Ausbrüche von Gewalt lassen jedoch die Gefahr entstehen, dass die Unterstützung durch die lohnabhängigen Massen verloren geht. Das führt zur Isolierung und die Bewegung wird aufgerieben. Es muss daher ein Kampfplan mit sozialistischem Programm aufgestellt werden, der darauf abzielt, die Massen gegen den mit dem organisierten Verbrechen verbundenen mexikanischen Kapitalismus zu mobilisieren. Dazu braucht es Kampfkomitees, die demokratische Versammlungen zentral koordinieren, in der Arbeit und der Nachbarschaft mobilisieren sowie Selbstverteidigungseinheiten zum Schutz der Bewegung organisieren. So kann die ArbeiterInnenklasse die korrupte Bourgeoisie Mexikos stürzen und selbst die Macht ergreifen.

(Funke Nr. 189/10.12.2020)


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