Ist Organizing der Ausweg aus der Krise der Gewerkschaften?


Bislang haben die Gewerkschaften für die heurige Herbstlohnrunde keinen Plan präsentiert. So drohen weitere Verschlechterungen des Lebensstandards und die Schwächung gewerkschaftlicher Organisierung. Gibt es dazu eine Alternative? Von Konstantin Korn
Angesichts der Krisen des Kapitalismus sind die Gewerkschaften in der Defensive. Sie akzeptieren die Profitlogik und sehen es als ihre Aufgabe, günstige Kapitalverwertungsbedingungen für österreichische Unternehmer herzustellen. Erst dann könne man wieder zu den Löhnen umverteilen.
Auch wurde die jetzige Bundesregierung unter Einbindung des ÖGB gebildet. Deshalb macht dieser der Regierung auch die Mauer. Mobilisierungen mit Streiks im Zuge der Herbstlohnrunde würden aus dieser Logik nur mehr politische Instabilität bringen. All das erklärt, warum es mit größter Wahrscheinlichkeit heuer keinen „heißen Herbst“ geben wird.
In den Gewerkschaften herrscht dementsprechend Friedhofsruhe. Durch die Mehrjahresabschlüsse fallen Metaller, Sozialbereich und öffentlicher Dienst heuer ganz weg. Die Gewerkschaft gleicht so einem Athleten, der das Training aussetzt. Da verliert man schnell an Spannkraft.
Bei all diesem Trauerspiel stellt sich für Kommunisten die Frage nach einer Alternative zu dieser abgehalfterten Sozialpartnerschaftspolitik der Gewerkschaften. Als Positivbeispiel erscheint das Organizing-Konzept, wie es die VIDA im Bereich der oberösterreichischen Ordensspitäler (und zuvor bei den privaten Busunternehmen) angewandt hat. Die Kampagne hob sich positiv von dem ab, was man sonst in Österreich kennt, und ist dementsprechend in der Mehrheit der Gewerkschaftsführungen ganz unbeliebt. So wirkte es in der Praxis:
Das Ergebnis dieses Arbeitskampfes ist durchwachsen. Die schwarz-blaue Landesregierung war wenig kompromissbereit. Nach dem zweiten Streiktag gestand sie neben Gehaltserhöhungen von 3,3 % nur 15 Stunden mehr Zeitbonus pro Jahr zu. Die geforderte Verkürzung der Wochenarbeitszeit kommt nicht.
Bei der Urabstimmung über das Verhandlungsergebnis votierten nach zwei Streiks 88 % für die Annahme. Die breite Mehrheit war überzeugt, dass man nicht mehr erreichen konnte.
Die Einbindung der Belegschaften in die KV-Auseinandersetzung stärkt die Gewerkschaftsbewegung zweifellos. Wenn Gewerkschaften punktuell „Sammelpunkte des Widerstands“ in ausgewählten Konflikten inspirieren und anleiten, stärkt dies das Selbstbewusstsein der Belegschaften. Uns muss aber bewusst sein, dass das Organizing-Konzept von der Gewerkschaft letztlich nur als Mittel gesehen wird, um ihren Hebel in der Sozialpartnerschaft zu stärken.
Entscheidend ist, welche Politik die Gewerkschaft gesamthaft verfolgt. Sie verfehlen „ihren Zweck gänzlich, sobald sie sich darauf beschränken, einen Kleinkrieg gegen die Wirkungen des bestehenden Systems zu führen, statt gleichzeitig zu versuchen, es zu ändern, statt ihre organisierten Kräfte zu gebrauchen als einen Hebel zur schließlichen Befreiung der Arbeiterklasse, das heißt zur endgültigen Abschaffung des Lohnsystems“ (Karl Marx).
Kommunisten belassen es daher nicht bei der gewerkschaftlichen Organisierung bisher un- oder schlecht organisierter Schichten der Arbeiterklasse, sondern sie fordern die Gewerkschaftsbürokratie und Betriebsratskaiser politisch heraus. Wir beginnen dabei mit der Darlegung einer politischen und ökonomischen Perspektive. Konkret heißt das heute, dass die Kapitalisten und ihre Regierung gar nicht anders können, als die Arbeiterklasse anzugreifen. Eine Gewerkschaft, die nur dann etwas bringt, wenn die Konjunktur so gut läuft, dass Unternehmer nur einen Teil des Profitzuwachses hergeben müssen, ist heute nicht so viel wert – ganz unabhängig davon, wie sie ihre Beziehung zu Belegschaften gestaltet. Fragen wie Arbeitsverdichtung, Standortschließungen und eine offensive Lohnpolitik trotz ständiger internationaler Krisen können nur durch einen Einschnitt in die Profite der Unternehmer und letztlich durch die vollständige Verstaatlichung unter Kontrolle der Beschäftigten umgesetzt werden. Bremsende Betriebsräte und Gewerkschafter müssen daher politisch offen herausgefordert werden. Dazu braucht es eine starke kommunistische Kraft in der Arbeiterbewegung.
(Funke Nr. 247/01.10.2026)