Lohnverlust – wo bleibt die Antwort der Arbeiterbewegung?


Frühjahrsrunde 2026: Chemie kämpft weiter – doch der Elektro-Abschluss zeigt, wohin die Reise geht. Von Zenon Khayat
In der chemischen Industrie und der Elektro- und Elektronikindustrie – zusammen über 110.000 Beschäftigte und Dutzende Milliarden Euro Umsatz – machen die Arbeitgeber klar, dass sie nicht gewillt sind, auch nur einen Cent ihrer steigenden Profite zurückzugeben.
Nach drei ergebnislosen Runden bot der FEEI gerade einmal ein Prozent – ein Angebot, das die Gewerkschafter als „respektlos“ und „schweres Foul an den Beschäftigten“ bezeichneten.
Die Krisenstimmung der Arbeitgeber ist eine bewusst inszenierte Lüge. Die Produktion der Elektrobranche wuchs im Vorjahr laut Statistik Austria um sieben Prozent. Produktionswert und Umsätze pro Kopf sind gestiegen, die Auslastung ist so hoch, dass massenhaft Überstunden geleistet werden. Die Chefs jammern in den Verhandlungssälen – und fahren gleichzeitig Rekordauslastung.
Am 28. Mai wurde der Elektro-KV abgeschlossen — und er zeigt exemplarisch, was die Gewerkschaftspolitik wert ist. Die Ist-Löhne steigen um 1,85 Prozent plus einem Sockel von 22 Euro, die KV-Mindestlöhne um 3 Prozent. Bei einer rollierenden Inflation von 3,3 Prozent bedeutet das für die Beschäftigten: Reallohnverlust. Festgeschrieben, unterschrieben, abgehakt.
Arbeitgeber-Obmann Hesoun erklärte offen, dass ein Abschluss „deutlich unter der rollierenden Inflation“ das vorrangige Ziel gewesen sei. Die Gewerkschaftsführung hat dieses Ziel für ihn erfüllt – und nennt es trotzdem „Erfolg der Arbeitnehmer-Solidarität“. Das ist Klassenpolitik auf Kosten der Beschäftigten, verpackt in Kampfrhetorik.
In der Chemie lautet das Angebot des Fachverbands nach sieben Verhandlungsrunden: 0,5 Prozent und eine Einmalzahlung von 300 Euro oder alternativ eine jährliche „Erhöhung“ von 0,79 % über zwei Jahre. Ein massiver Lohnraub, den die Unternehmer jedes Jahr aggressiver durchsetzen wollen.
Als Reaktion gab es zuerst zweistündige Warnstreiks von 26. Mai bis 1. Juni und in der Woche ab dem 8. Juni werden befristete Streiks bis zu acht Stunden organisiert. Das ist eine absolute Notwendigkeit – anders als durch einen eskalierenden Arbeitskampf, der in die Profite schneidet, kann die Offensive der Unternehmer nicht gebrochen werden.
Doch in Wirklichkeit kämpft die Gewerkschaftsführung für den gleich schlechten Abschluss wie letztes Jahr, wo in beiden Branchen deutlicher Lohnverlust akzeptiert wurde, während die Bosse dieses Jahr noch einmal deutlich mehr Lohnraub fordern.
Das strukturelle Problem ist bekannt: Betriebsräte und Funktionäre sind eingeklemmt zwischen dem Druck von unten und dem sozialpartnerschaftlichen Reflex nach oben. Der Arbeitskampf gilt als letztes Mittel — nicht als legitimes Werkzeug der Arbeiterklasse. Der Elektro-Abschluss beweist: Diese Politik des kontrollierten Rückzugs führt zu systematischen Reallohnverlusten. Jahr für Jahr. Branche für Branche.
Die Beschäftigten in der Chemie kämpfen noch. Aber der entscheidende Schritt fehlt: der Bruch mit der Logik der Sozialpartnerschaft, die aus Rücksicht auf den Wirtschaftsstandort Verschlechterungen verhandelt.
In Wirklichkeit kann die Latte sogar höher angesetzt werden: Warum sollte die Arbeiterklasse sich mit einem Inflationsausgleich begnügen? Die Profite sind gestiegen, weil sie es erarbeitet haben. Die Frage ist nicht, wie viel von der Inflation abgegolten wird — die Frage ist, welchen Anteil am produzierten Reichtum die Lohnabhängigen erhalten.
Es ist Zeit, dass die Beschäftigten diese Politik beim Namen nennen: Die Gewerkschaftsführungen verwalten die Niederlage, statt den Kampf zu führen. Wer das ändern will, muss Druck von unten organisieren – in den Betrieben, in den Betriebsversammlungen, gegen die Empfehlungen der Funktionäre, wenn nötig.
In der Chemie ist noch nichts entschieden. Aber der Elektro-Abschluss zeigt, was droht, wenn der Druck zu früh nachlässt: ein Ergebnis, das die Unternehmer als Sieg feiern dürfen. Die Beschäftigten kämpfen nicht nur für sich – sie kämpfen für den Standard aller Lohnabhängigen in diesem Land.
Wir Kommunisten befürworten die anstehenden Streiks und werben dafür, dass die Beschäftigten selbst, etwa durch Urabstimmungen, über Forderungen und Mittel ihres Arbeitskampfs bestimmen können (zuletzt senkte das Chemie-Verhandlungsteam im Alleingang die Lohnforderung von 3,5 auf 3 Prozent). Unsere Klasse braucht die gesamte Kontrolle über die erwirtschafteten Profite und Mittel, die wir Beschäftigte erzeugen.
(Funke Nr. 244/03.06.2026)