Noch ist die Konjunktur nicht richtig angesprungen, noch sind die Kapazitäten alles andere als ausgelastet, und schon meldet sich das gefürchtete Inflations-Teufelchen wieder zurück. Eine Analyse von Josef Falkinger.

Seit der Einführung des Euro gibt es einen schwelenden Konflikt zwischen der Profession der Volkswirtschaftslehre und dem „Ottonormalverbraucher“ um die Frage der Preissteigerungen. Während erstere immer auf die relativ niedrige Inflationsrate verweist, beschleicht Zweiteren immer wieder das Gefühl, dass die Preise in Wahrheit viel stärker steigen. Was ist dran an diesem Gefühl?

Der Begriff Inflation bezeichnet die Preissteigerung des gesamten Konsums aller österreichischen Haushalte. Sie wird durch die Veränderung des Verbraucherpreisindex gemessen. Die einzelnen Güter und Dienstleistungen dieses Konsumaggregats steigen jedoch unterschiedlich stark.

Im März stieg die Jahresrate der Inflation auf 3,1%, Heizöl verteuerte sich aber um 29%, Treibstoff um 21% und Obst um 25%. Nahrungsmittel kosteten 4,1% mehr als im Vorjahr. Der Preis eines Neuwagens sank hingegen um 1%. Ein ähnliches Bild zeigt sich auch im langfristigen Vergleich. Während zwischen 2000 und 2008 der Preis für Nahrungsmittel um 24,5%, für Wohnen um 28,8% und der Preis für Treibstoff zwischen 2000 und 2008 gar um 43,8% in die Höhe kletterte, war ein Fernseher im Jahr 2008 um 30%, ein Fotoapparat um 47,1%, ein Flug um 43,2% und ein Computer gar um 78,6% billiger als im Jahr 2000. [Quelle: Statistik Austria]

Inflation ist persönlich

Der Verbraucherpreisindex ist für Wissenschaft und Politik zwar eine wichtige Kennzahl, für die einzelnen KonsumentInnen aber eine Abstraktion. Sie begegnen auf dem Markt nicht dem allgemeinen Verbraucherpreisindex, sondern der individuellen Inflation ihres ganz persönlichen Warenkorbes. Diese individuelle Inflation ist dabei nicht nur subjektiv „gefühlt“, sondern auch tatsächlich zu bezahlen. Wie die einzelnen Individuen so kennt auch jede soziale Schicht ihre spezifische Inflation. Die Preissteigerung in den Ausgabenkategorien Wohnen, Nahrungsmittel und Verkehr treffen überdurchschnittlich stark einkommensschwächere Bevölkerungsschichten. Einkommensstärkere Bevölkerungsteile hingegen geben mehr für Freizeit und Kultur aus, kaufen eher neue Autos oder Computer und fliegen öfter mit dem Flugzeug. Eine Untersuchung der Preisindizes verschiedener Produktgruppen zeigt deutlich, was viele ohnehin vermuten: Finanziell schlechter gestellte Haushalte werden von der Inflation besonders stark getroffen.

Die Statistik Austria misst in einer Sonderauswertung neben der jährlichen Teuerung auch die wöchentlichen Konsumausgaben des österreichischen Durchschnittshaushaltes, der alle langlebigeren Konsumgüter ausklammert. Waren dieses Warenkorbes sind im Dezember 2010 um 16,1% teurer gewesen als fünf Jahre zuvor, während der Verbraucherpreisindex im selben Zeitraum nur um 10,7% gestiegen ist. [Quelle: Statistik Austria] Auch hier zeigt sich, dass armutsgefährdete Menschen, die darum kämpfen, wöchentlich über die Runden zu kommen, stärker von der Inflation betroffen sind als der durchschnittliche Konsument.

Dazu kommt, dass die schwächsten Einkommensgruppen in der Konsumerhebung der statistischen Ämter möglicherweise unterrepräsentiert sind. So haben Familien mit Migrationshintergrund oft sprachliche Schwierigkeiten mit den Fragebögen. Menschen unter der Armutsgrenze möchten oft aus Scham über ihren Konsum keine Auskunft erteilen. Dies könnte die offizielle Inflationsrate zusätzlich verzerren.

Ist der Euro schuld?

Viele Menschen sind der Meinung, dass der Euro alles teurer macht. Tatsächlich ist es so, dass die Währungsumstellung die ständig stattfindende Inflation erst bewusst macht. Wer alle Euro-Preise mit dem Schilling-Preis vergleicht, nimmt unbewusst einen Preisverglich zum Jahr 2000 vor und entdeckt dabei einen Preisanstieg von durchschnittlich 21,1%. Was weniger wahrgenommen wird: Zwischen 1986 und dem Jahr des EU-Beitritts 1996 betrug der Preisanstieg jedoch satte 30,8%.

Eine weitere Ursache für die steigende Sensibilität gegenüber der Inflation liegt darin, dass die Lohnsteigerungen in den letzten Jahren hinter der Teuerung hinterherhinkten. So stieg der Median der österreichischen Bruttolöhne zwischen 2000 und 2009 um 17,8%, während die Inflation im gleichen Zeitraum 18,9% betrug, mit anderen Worten: die Reallöhne sanken. Dieser Zahlenvergleich versteckt aber die tatsächliche Situation armutsgefährdeter Menschen. Die Tariflöhne von ArbeiterInnen erhöhten sich nämlich zwischen 2000 und 2009 um 26,9%, von Angestellten um 25,8%, von öffentlich Bediensteten um 24%. Das bedeutet, dass die ArbeitnehmerInnen, die nicht das Glück haben nach Tarifvertrag entlohnt zu werden, in Wirklichkeit weit weniger als 17,8% Lohnanstieg zu verzeichnen hatten. [Quelle: Statistik Austria] Wenn wir uns ins Gedächtnis rufen, dass genau diese Bevölkerungsteile am meisten von der Preisentwicklung in den Produktgruppen Wohnen und Nahrungsmittel abhängen, dann wird klar, dass eben sie von einer Inflation deutlich über den durchschnittlichen 18,9% getroffen wurden. Deutlich ist zu sehen, dass schlecht gewerkschaftlich vertretene ArbeiterInnen und Angestellte, Arbeitslose und MindestpensionistInnen im letzten Jahrzehnt einen drastischen Verlust ihres Lebensstandards hinnehmen mussten.

Ursachen

Zu Inflation kommt es in der Regel dann, wenn die volkswirtschaftliche Nachfrage über dem Angebot liegt – beispielsweise in Zeiten konjunktureller Überhitzung. Der Anstieg der aktuellen Teuerungsrate hat jedoch andere Gründe. Hauptsächlich verantwortlich für den Anstieg der Inflationsrate im Jahr 2010 ist der fulminante Preisanstieg bei Nahrungsmitteln und Erdöl. Der Lebensmittelpreisindex stieg von Februar 2010 bis zum Februar 2011 um 67% [Quelle: FAO], der weltweite Ölpreis von Dezember 2008 bis November 2010, also vor den sozialen Explosionen im arabischen Raum um 125% [Quelle: EIA].

Preissteigerungen dieser Dimension können nicht durch eine veränderte Beziehung zwischen Angebot und Nachfrage alleine erklärt werden. Beim Erdöl ist es beispielsweise so, dass das maximale Produktionsvolumen laut internationaler Energieagentur nicht vor 2030 erreicht wird. Das bedeutet, dass das Angebot an Erdöl weiter im Steigen begriffen ist. Die Nachfrage nach Erdöl hängt hauptsächlich mit der Entwicklung der weltweiten Industrieproduktion zusammen. Und hier erwarten auch die Investoren aktuell keine großen Sprünge. Beim Anstieg der Nahrungsmittelpreise spielen veränderte Bedingungen von Angebot und Nachfrage zwar eine gewisse Rolle. So werden mehr und mehr Anbauflächen zur stark subventionierten Produktion von Biotreibstoffen verwendet – in den USA bereits 34%. Im letzten Jahr kam es zudem zu Ernteausfällen aufgrund von schlechtem Wetter.

Der exzessive Verfall der Preise für Nahrungsmittel und Rohöl zeitgleich mit der Finanzkrise 2008 und die folgende schwindelerregende Erholung der Preise weist aber in eine völlig andere Richtung: Die Hauptursache für die Preisexplosion liegt weniger in der realen Ökonomie als auf den Finanzmärkten.

Spekulation

Als 2006 die Häuserpreise in der USA zu sinken begannen, suchten Finanzinvestoren, allen voran Investmentbanken, nach neuen lukrativen Geldanlagen. Sie begannen im großen Ausmaß mit Nahrungsmitteln, Rohöl und anderen Rohstoffen – im Jargon des Finanzmarktes Commodities - zu spekulieren. 2008 brach auch dieser Markt zusammen. Als jedoch die US-Notenbank am 16. Dezember 2008 den Zinssatz auf 0% senkte, waren die Schleusen mit billigem Geld wieder geöffnet und der Preiswettlauf der Commodities ging von Neuem los.

Wie funktioniert die Spekulation mit Nahrungsmitteln? Investmentbanken erwerben in großem Stil sogenannte Future-Kontrakte. Das bedeutet: Der Spekulant kauft Waren, die erst zu einem bestimmten Zeitpunkt in der Zukunft geliefert werden müssen, und hofft diese Waren in der Zukunft teurer losschlagen zu können.

Durch dieses Verfahren erhalten Nahrungsmittel, Rohöl und Rohstoffe zusätzlich zu ihrem aktuellen Marktpreis [spot-price] einen sogenannten Zukunftspreis [future-price]. Sobald dieser Zukunftspreis beispielsweise von Weizen den aktuellen Marktpreis überflügelt, gibt es einen Anreiz für Bauern und Agrarkonzerne Weizen zu horten und in Form eines Zukunft-Kontraktes zu verkaufen. Die Preise werden in die Höhe getrieben.

Die Spekulation mit Nahrungsmitteln und Rohöl verursacht zusammenfassend weltweit einen rasanten Anstieg der Teuerungsrate. Ursache dafür ist unter anderem die Niedrigzinspolitik der Notenbanken. Weil die Profiterwartungen in der Realökonomie gleichzeitig prekär sind, scheut das Kapital Realinvestitionen und flüchtet sich in die spekulative Sphäre der Ökonomie. Dieses Phänomen hat besonders schwerwiegende Folgen in sogenannten Entwicklungsländern. Im Jahr 2008 wurden durch einen Anstieg der Nahrungsmittelpreise auf ein ähnlich hohes Niveau wie heute laut UNO zusätzlich 200 Millionen Menschen zu Unterernährung und Hunger verurteilt. Der UN-Sonderbeauftragte Jean Ziegler bezeichnete damals die Situation als stillen Massenmord.

Was tun?

Da ein Großteil der Spekulationsgeschäfte abseits der Börse und der öffentlichen Kontrollmöglichkeit abgewickelt wird, reicht ein Spekulationsverbot alleine nicht aus, um eine wirkliche Verbesserung der Situation zu erwirken. Dringend notwendig wäre es, wie 1946 begonnen und im SPÖ-Programm von 1978 gefordert, die Kommandohöhen der Finanzwirtschaft zu vergesellschaften.

Bezüglich des Kampfes gegen die Teuerung ist die klassische Forderung der ArbeiterInnenbewegung die „gleitende Skala der Löhne“. Das bedeutet, dass die Kollektivverträge eine stetige Anpassung der Löhne und Gehälter an die Steigerung der Konsumgüterpreise beinhalten.

Krise Euro-Krise Spekulation Inflation

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