Leserbriefe – Funke Nr. 247


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Eine aktuelle Befragung des Robert-Koch-Instituts (RKI) in Deutschland zeigt abermals die verheerende Situation im Bereich der häuslichen Pflege. Pflegebedürftige werden zumeist im häuslichen Umfeld gepflegt, und zwar mehrheitlich durch Zu- und Angehörige, wiederum mehrheitlich durch Frauen, mehrheitlich Personen aus niedrigeren Bildungsgruppen. Das hinterlässt bei den Betroffenen Spuren: Über ein Drittel derer, die solch informelle Pflege leisten, gaben diese Aufgabe als stark oder sehr stark belastend an (vor allem die Frauen). Das zeigt sich auch im Vergleich von Personen, die jemanden zu pflegen haben und derer, die das nicht tun müssen: Sie leiden häufiger unter chronischen Krankheiten, Schlafstörungen, Erschöpfungszuständen oder Depressionen. Wenig überraschend zeigt die RKI-Studie hierzu aber auch, dass sowohl eine gute Gesundheitsvorsorge und Krankheitsprävention als auch gute Lebens- und Arbeitsbedingungen ein zentraler Schutzfaktor vor Pflegebedürftigkeit sind. Dass das die Herrschenden reichlich wenig interessiert, bekommen wir seit Wochen auf die Nase gebunden – von allen Seiten schallt das Jammern der Industrie, dass Arbeiter und Arbeiterinnen, sowohl in Deutschland als auch in Österreich, viel zu oft krank sind. Presse und Politik stehen natürlich treu bei Fuß und fordern nicht etwa eine Verbesserung der Gesundheitsversorgung oder Arbeitsbedingungen, sondern dass die Inanspruchnahme von Krankenstand so weit wie möglich erschwert werden soll. Das offenbart die perfide Abwärtsspirale, in die wir getrieben werden: Wir sollen krank arbeiten, um noch kränker zu werden und unsere Angehörigen auch krank zu machen.
Miriam, aus Wien
Ich arbeite in einer altmodischen Kneipe mitten im achten Bezirk. An einem der kühlen Septemberabend stellte ein älterer, grauhaariger Mann fest, nachdem er mit seiner Frau einen Liter Gemischten Satz getrunken hatte, dass er bar bezahlen musste. Mittlerweile gehört es zum Arbeitsalltag, die Leute zum nächsten Geldautomaten zu schicken, der 100 Meter entfernt ist. Aus irgendeinem Grund fühlte sich der alte Mann berechtigt, einfach 5€ schuldig zu bleiben und sie ein anderes Mal zu zahlen, da er in einem Hotel in der Nähe wohnt. Ehrlich gesagt wusste ich nicht, was ich auf sein „Geht das?“ antworten sollte, denn er bat mich, 5€ aus meiner eigenen Tasche zu bezahlen, in der Hoffnung, dass er die Rechnung am nächsten Tag begleichen würde. Ich sagte ihm Nein und bat ihn stattdessen, zum Geldautomaten zu gehen.
Nun stellte sich heraus, dass der Mann vor mir Dr. Hans-Eckhard Sommer höchstpersönlich war, Präsident des Bundesamtes für Migration und Flüchtlinge in Deutschland. Man kennt ihn vielleicht als den Mann, der eine jesidische Familie mit vier Kindern in den Irak abgeschoben hat, obwohl gleichzeitig ein Gerichtsbeschluss vorlag, der diese Abschiebung untersagte. Derselbe Mann bat nun mich, einen Gastarbeiter in Österreich, die fehlenden 5 € seiner Rechnung zu übernehmen, in der Hoffnung, dass er zurückkommt. Die herrschende Klasse ist völlig realitätsfern, sie hat kein Problem damit, Familien in den Tod zu schicken und Arbeiter zu bitten, für sie zu bezahlen. Das sind die Leute, die das kapitalistische System leiten, und genau deshalb müssen wir es stürzen!
AL aus Wien
Ich bin Hortpädagoge in Innsbruck und nicht nur wir sind wütend. Während die Regierung ein rassistisches Kopftuchverbot „im Namen der Kinder“ beschließt, kämpfen wir Pädagogen und Pädagoginnen tagtäglich mit spärlichen Ressourcen, viel zu wenig Personal und unzureichenden Räumlichkeiten.
Wenn von fehlendem Personal geredet wird, sind das nicht jene, die fehlen, um einen Idealzustand zu schaffen, sondern um ein Mindestmaß sicherzustellen. Dasselbe gilt für alle anderen Faktoren der pädagogischen Arbeit.
Wir werden „vollgemüllt“ mit Dokumentation, welche keinen pädagogischen Mehrwert für die Kinder und betreuenden Personen liefern, sondern lediglich der rechtlichen Absicherung des Betreibers und zu Überprüfung der Arbeit dienen. Auch wird immer mehr organisatorische Arbeit auf die Leitungen der Einrichtungen geschoben, was dafür sorgt, dass die pädagogische Arbeit weiter darunter leidet.
Um es konkret zu machen: In meiner Einrichtung, wie auch in vielen anderen, gibt es Kinder, welchen mehr individuelle Betreuung massivst helfen könnte. Momentan muss man sich dazu selbstständig fortbilden und mit der Zusatzbelastung irgendwie umgehen, während die Aufmerksamkeit für die restlichen Kinder darunter leidet. Es bräuchte unterstützendes Personal und auch mehr Fortbildungsmöglichkeiten.
Die Gruppen sind viel zu groß, um qualitative Arbeit zu leisten. Man kann so auch nicht auf die individuellen Bedürfnisse eingehen, welche die Kinder haben. Es braucht eine radikale Wende, welche die Bildungseinrichtungen ernst nimmt und nicht als „Sparmaterial“ sieht.
Für umfassende Veränderungen müssen wir den Kapitalismus überwinden, denn innerhalb der Logik des Kapitalismus hat Pädagogik nur ein Ziel: aus der Jugend eine Arbeitermasse zu generieren, welche dann ausgebeutet werden kann. Es braucht einen ganzheitlichen Zugang zu pädagogischer Arbeit, welcher die Kinder fördert, um sie zu selbstbestimmten Menschen zu machen und nicht zu Verbrauchsmaterial der kapitalistischen Logik.
Max aus Innsbruck
Und die Welt dreht sich weiter,
der Mensch offenbart sich als böser Reiter.
Kriege hier, Kriege da,
unser Ende kommt nah.
Voller Angst und Grauen schauen wir zu,
die Rebellen unter uns, setzen sich langsam zur Ruh.
Die Wut frisst sich in unser Herz,
übrig bleibt der bloße Schmerz.
Die Politiker verbreiten Lügen,
sie werden nie stoppen uns zu betrügen,
Rache oder Frieden?
Gemeinsame Sprache oder Intrigen?
Wir starren gegen die Wand,
doch nirgends finden wir eine helfende Hand.
Der riskante Aufstand gegen das Gesetz,
oder etwas Unahnbares zulassen, dass uns alle verletzt?
Auf die Strasse jetzt.
Lia, Abendschule Innsbruck
(Funke Nr. 247/01.10.2026)