Kindergärten vor Arbeitskampf


Die Gewerkschaft Younion hat einen „Heißen Herbst“ in den Wiener Kindergärten angekündigt. Der wäre wirklich notwendig. Genau deshalb müssen Pädagogen und Assistentinnen umso mehr auf unsere eigene Kraft bauen und in die Offensive gehen. Von Tim Elsässer
An den Wiener Kindergärten fehlen 1800 Pädagoginnen. Auf Pädagoginnen lasten hoher Druck und Verantwortung, sie müssen die Kinder betreuen und bilden. Viele beschreiben dies als die einfachste Aufgabe, die auch Freude macht. Sie müssen aber auch Integrationsarbeit leisten, Eltern ohne Wahlrecht die Vorzüge der Demokratie vermitteln, politisch inspirierte und akademisch ersonnene pädagogische Konzepte ohne die nötigen Ressourcen umsetzen versuchen und dies alles ständig schriftlich dokumentieren.
Personalwechsel, Krankenstände, Burnout etc. sind also hoch. 2025 verließen 715 Mitarbeiter die städtischen Kindergärten, davon 592 Kündigungen und nur 123 in die Pension. Nicht eingerechnet sind hier Ansuchen auf interne Versetzungen, was normalerweise der erste Versuch ist, um die Arbeitssituation individuell zu verbessern. Die Lücke wird durch Assistentinnen ohne fachliche Ausbildung überbrückt – mehr Lohn erhalten sie dafür aber nicht. Bildungsstadträtin Emmerling von den NEOS war letztes Jahr gerade bei den Assistentinnen offen für ein neues Besoldungspaket. Seitdem herrscht Funkstille. Jetzt kündigt die Younion einen „heißen Herbst“ an – einmal mehr.
Ein Streik im Kindergarten hat enormes Potenzial: Wer passt auf die Kinder aller auf, wenn nicht wir? Die Gewerkschaft hält sich aber noch zurück: „Streik ist ein sehr weitgefächerter Begriff.“ Es soll erstmal Dienstversammlungen geben, die versammelten Häuser sollen dafür schließen. Dienstversammlungen, an denen tatsächlich alle Beschäftigten teilnehmen können, wären ein Schritt nach vorne.
Zusätzlich wird dem Personal ohne entsprechende Ausbildung mitgeteilt, dass sie die pädagogische Facharbeit verweigern können. Seine Rechte zu kennen, ist ein guter Anfang, aber individuelle Ansätze taugen in der Praxis nicht. Setzt eine Assistentin diese Verweigerung konsequent um, so belastet das nur die anderen Kolleginnen und spaltet das Team.
Der Sinn von gewerkschaftlichen Maßnahmen liegt vielmehr darin, gemeinsam stärker zu sein, um gemeinsame Anliegen durchzubringen. Wenn die Personalvertretung einmal mehr darauf verzichtet, einen gemeinsamen Streik einzuleiten, dann muss man in den Dienstversammlungen selbst dafür argumentieren. Dazu muss man sich erst mal zu Wort melden, das ist meistens nämlich gar nicht vorgesehen – trauen wir uns!
Der Konflikt zwischen der liberalen Stadträtin und der younion ist nicht neu und breit gefächert. Aber die verantwortliche Stadträtin Emmerling hat keinen Grund, Respekt oder gar Angst vor der Gewerkschaft zu haben. Die Gewerkschaft younion nutzte solche Versammlungen (also uns) bisher immer nur als Drohkulisse, um dann wieder über Monate hinweg zu sein, wahrscheinlich beim Klinkenputzen im Rathaus. Machen wir die kommenden Dienstversammlungen also zu einer echten Diskussion unter den Beschäftigten!
Ein Streik ist notwendig, und die Stimmung dafür ist mehr als reif. Weiters braucht es eine feste Allianz mit Eltern. Sie wollen das Beste für ihr Kind – wir kämpfen für das Bestmögliche! Ernster Kampf heißt ernste Forderungen. Es geht hier um die Zukunft unserer Gesellschaft, die im Stich gelassen wird. Der Notstand gehört als solcher behandelt – es braucht eine Schubumkehr!
Historische Frauenberufe werden nach wie vor kaum ernstgenommen. Mehr Lohn ist also das Mindeste, gerade für die Assistentinnen mit Mehraufwand. Gleiche Arbeit verdient den gleichen Lohn. Doch Lohn allein schützt weder vor Burnout noch verbessert er den Alltag für Personal und Kinder. Es braucht kleinere Gruppen: 15 im Kindergarten, acht in Kleinkindergruppen. So werden Bildung, Sprachförderung und Bedürfnisorientierung wieder möglich. So schrumpfen die Formularberge, so wollen Leute die Ausbildung machen, so kommt verlorenes Personal wieder.
Wir müssen die Dienstversammlungen nutzen, um für diese und weitere Forderungen den Weg zu bahnen. Solche Forderungen sind mutig, aber nicht utopisch. Sie sind absolut notwendig und zahlen sich aus: Jeder in frühkindliche Bildung investierte Euro erzeugt langfristig 1,13 Euro durch bessere Bildungschancen, höheres Einkommen und weniger soziale Kosten – 13% Rendite, ein volkswirtschaftliches Wundermittel! Das Geld ist da, aber die Sparregierung spart stets bei den Arbeitern und ihren Kindern. In der Krise schützt der Staat Profite und Kapitalinteressen im In- und Ausland, sei dies durch die Lohnnebenkostensenkung (zwei Mrd. Euro) oder die Verdopplung der Rüstungsausgaben seit 2020 (5,2 Mrd. Euro). Sie brauchen billige Arbeiter und Kanonenfutter, keine glücklichen Kinder. Es liegt an uns, für ihre Zukunft zu kämpfen – mit Arbeitsbedingungen, die Gesundheit und Freude am Beruf nicht systematisch untergraben.
(Funke Nr. 246/03.09.2026)