Energiekrieg intensiviert sich


Fragen der Energie spielen in den imperialistischen Konflikten unserer Zeit eine zentrale Rolle, nicht nur in der Straße von Hormuz. Es geht hier vor allem um: Wer kauft welche Art der Energie von wem, zu welchem Preis, über welche Infrastruktur und wer kontrolliert diese? All das hat weitreichende Implikationen, von der einfachen Kostenfrage bis zu langfristigen Abhängigkeiten. Staaten denken hier normalerweise längerfristig und gehen strategisch vor, oder versuchen dies zumindest. Das wird immer schwieriger: Diese Fragen werden heute aggressiv gestellt und immer öfter auch kriegerisch beantwortet. Von Willy Hämmerle
Wendepunkt und Brandbeschleuniger des Energiekrieges in Europa ist der Ukrainekrieg. Die USA nutzten diesen, um Europa (allen voran Deutschland) und Russland wirtschaftlich zu entkoppeln und damit ihre eigene dominante Stellung über Europa zu stärken. Sinnbild dafür war die Sprengung der Nord-Stream-Pipelines. Sie schnitt die deutsche Industrie von russischer Energie ab und steigerte damit die Nachfrage für (deutlich teurere) US-Exporte (Öl und Gas) nach Europa. Beides entspricht der längerfristigen Strategie der USA, die seit den 2010er Jahren mehr Energie exportieren als importieren und diese Position weiter ausbauen wollen.
Der Energiekrieg bedeutet wechselseitige Enteignungen: 2022 wurden Tochtergesellschaften von Gazprom und Rosneft in Deutschland unter „staatliche Kontrolle“ gesetzt, Russland enteignete seinerseits Assets (Anteile an Öl- und Gasfeldern, Kraftwerken usw.) der OMV, Exxon, Uniper und anderer europäischer und amerikanischer Konzerne. Im Jänner dieses Jahres erzwang Washington die Übernahme des Auslandsgeschäfts des russischen Konzerns Lukoil durch den US-Finanzinvestor „Carlyle Group“.
Die USA bedienen sich eines immer aggressiveren Sanktionsregimes. Das letzte Sanktionspaket vom 22. Oktober 2025 schließt alle Unternehmen, die sich zu mehr als 50% in den Händen von Rosneft oder Lukoil befinden, vom US-kontrollierten Zahlungssystem aus. Betroffen sind die wichtigsten Raffinerien am Balkan (Rumänien, Bulgarien, Serbien), Öl- und Gasfelder in Zentralasien oder im Irak und Tankstellen auf der ganzen Welt.
Die betreffenden Länder sind gezwungen, die russischen Anteile an ihrer Infrastruktur loszuwerden, um die Produktion aufrechtzuerhalten. Das geschieht durch „temporäre staatliche Aufsicht“ oder Zwangsverkäufe, faktisch also durch Enteignungen. Die US-Sanktionsbehörde OFAC nimmt sich hierbei das Recht heraus, über zulässige Käufer zu entscheiden, „Übergangsfristen“ zu bestimmen und das durch die „Verkäufe“ umgesetzte Geld auf US-kontrollierten Konten einzufrieren. Länder, die traditionell zwischen „West und Ost“ balancieren, werden gezwungen, sich für eine Seite zu entscheiden. Die USA sitzen hier in der Regel derzeit am längeren Hebel.
Der Energiekrieg wird mit allen Mitteln geführt. Im März 2026 sorgte eine Sabotageaktion an der Transalpine-Pipeline dafür, dass tagelang kein Öl nach Österreich und Deutschland floss. Russische Tanker werden auf hoher See gekapert. In Niger enteignete die pro-russische Militärregierung die französischen Uran-Minen. Mit der Entführung Maduros sicherten sich die USA die Kontrolle über die venezolanische Ölindustrie usw. usf.
Der Energiekrieg beeinflusst auch die Kriegsführung in der Ukraine selbst, wo sowohl russische als auch ukrainische Energieinfrastruktur zum hauptsächlichen Ziel der Langstreckenangriffe auf das Hinterland geworden sind. Erfolgreiche Angriffe auf Raffinerien und Verladestationen bedeuten, dass Russland die durch den Irankrieg in die Höhe geschossenen Ölpreise und gelockerten US-Sanktionen nicht voll auskosten kann: Die Umsätze steigen (+52% im März, +4% im April), während das Exportvolumen stagniert (+16% im März, -7% im April, im Vergleich zum Vormonat).
Erstens: Das auf den Import von Energie angewiesene Europa wird in dieser Frage (wie in jeder Frage) voll aufgerieben und schafft es nicht, eine eigenständige Rolle zu spielen. Die Herrschenden sind in der Frage gespalten, inwieweit man sich den USA unterordnen soll, und ob man nicht doch noch versuchen kann, ein Auskommen mit Russland zu finden. Wir erinnern daran: Orbán blockierte den für die Ukraine überlebenswichtigen 90-Milliarden-Kredit der EU mit dem Hinweis darauf, dass die Ukraine russische Öllieferungen über die Druschba-Pipeline zurückhält. Sein pro-westlicher Nachfolger Magyar ebnete den Weg für den neuen Kriegskredit, stellte dieselbe Logik aber nicht grundsätzlich in Frage. Deutschlands Kapitalisten sitzen zwischen allen Stühlen. Es gibt keine gemeinsame Energiepolitik in der EU, weil die einzelnen Staaten Europas ihre eigenen Interessen auch gegeneinander in Stellung bringen. Das ist ein wesentlicher Faktor für die Deindustrialisierung und kann im Kapitalismus nicht überwunden werden.
Zweitens: Der Kampf um Absatzmärkte und Einflussgebiete für Energie wird sich weiter zuspitzen und mit harten Bandagen geführt, wobei sich ständig beweist, dass kapitalistische Staaten keine Freunde, sondern nur Interessen haben. Die USA planen, ihren Gasexport in den kommenden fünf Jahren nochmals zu verdoppeln. Auf der anderen Seite muss Russland seine Marktanteile zurückgewinnen. Derzeit gleichen Importe von China und Indien einen guten Teil der verlorenen Absatzmärkte aus. Ein Dauerzustand ist das aber nicht. Sanktionierte Energie ist billiger und Russland hat kein Interesse, sich in eine strategische Abhängigkeit einzelner Käufer zu begeben. China wiederum will sich alle Möglichkeiten offenhalten, und erteilt der von Putin gewünschten „Power of Siberia 2“-Pipeline eine momentane Absage, während es in zentralasiatischen Ländern in die Energie-Infrastruktur investiert.
Drittens: Der Imperialismus treibt die Anarchie der kapitalistischen Produktionsweise auf die Spitze. Er braucht eine stabile Infrastruktur, kann sie aber aufgrund der nationalen Widersprüche nicht herstellen. Protektionismus und die zunehmende Fragmentierung der Weltmärkte setzen dem weiter zu. Der tagelange Stromausfall in Berlin im Jänner zeigte, welche Krisen bereits verhältnismäßig kleine Ereignisse auslösen können. Es sind aber größere Katastrophen, die sich anbahnen.
Das weltweite Pipelinenetz umspannt heute etwa 2,2 Mio. km – seit 2010 wurden 220.000 km an neuen Gas- und 130.000 km an neuen Ölpipelines eröffnet (Quelle: Global Energy Monitor). Im selben Zeitraum erhöhten sich die Öltankerkapazitäten um 50%, die Gastankerkapazitäten haben sich mehr als verdoppelt (Quelle: UNCTAD). In einem rationalen System würde das die Energieversorgung sicherer machen. Mehr Kapazität bedeutet im Imperialismus aber: mehr Konkurrenz, mehr Instabilität, mehr Krieg. Solange wir keine weltweite Planwirtschaft haben, werden wir dieses Problem nicht lösen können.
(Funke Nr. 244/03.06.2026)