Krieg im Nahen Osten


Der Irankrieg hat sich zu einem Desaster für die USA entwickelt. Doch während Trump verzweifelt versucht, einen gesichtswahrenden Ausweg zu finden, sind die Auswirkungen auf die Weltwirtschaft schon jetzt desaströs. Von Florian Keller
Friedrich Merz hat eine für die Bürgerlichen unangenehme Eigenschaft: Der arrogante deutsche Bundeskanzler und Ex-Manager spricht oft das laut aus, was für die Ohren der Öffentlichkeit eigentlich unausgesprochen bleiben sollte. So war das auch Ende April, als er beim Besuch einer Schule seine Perspektive zum Iran-Krieg zum Besten gab: Ein schnelles Ende sei nicht in Sicht, „weil die Iraner offensichtlich stärker sind als gedacht und die Amerikaner offensichtlich auch in den Verhandlungen keine wirklich überzeugende Strategie haben“. Die USA seien außerdem „ganz offensichtlich ohne jede Strategie in diesen Krieg gegangen“ – und: „Da wird eine ganze Nation gedemütigt durch die iranische Staatsführung.“
Tatsächlich haben die USA durch eine Fortführung des Krieges militärisch nichts zu gewinnen – im Gegenteil: Die USA haben so viele Tomahawk-Marschflugkörper verschossen, wie in den letzten 10 Jahren zusammen produziert wurden, dazu fast alle verfügbaren neueren radargetarnten Marschflugkörper. Doch insbesondere in Hinblick auf die Luftverteidigung der US-Basen, der Golfstaaten und Israels sieht es düster aus: Im Krieg wurden bisher etwa 1300 Patriot-Raketen (eine 2-Jahres-Produktion) und die Hälfte aller THAAD-Raketen verschossen, die zentral für die Verteidigung gegen modernere ballistische Raketen sind.
Währenddessen hat der Iran laut New York Times weiterhin über 70% seiner Vorkriegsbestände an ballistischen Raketen und Marschflugkörpern und zusätzlich dazu einen konstanten Strom billiger Drohnen zur Verfügung – ein Potential, das sowohl die militärische Präsenz der USA in der Region als auch Israel ernsthaft gefährden kann und ausreicht, um die Golfstaaten durch die Zerstörung von Öl- und Gasproduktion, Flughäfen und Infrastruktur wirtschaftlich völlig zu verwüsten.
Das alles ist nicht nur ein unmittelbares militärisches Problem. Die USA haben den Krieg begonnen, um den Iran zu besiegen und die eigenen Kräfte auf China zu fokussieren. Jetzt müssen sie genau das Gegenteil tun – sie haben z. B. die Lieferung von Tomahawks an Japan ausgesetzt, einem zentralen Verbündeten gegen China in Ostasien.
Doch vor allem die Blockade der Straße von Hormus ist für den Iran eine Trumpfkarte, die er seit Kriegsbeginn ausspielt. In normalen Zeiten werden durch sie etwa 20 % des weltweiten Öls und Flüssiggases sowie große Teile wichtiger Vorprodukte für Plastik, Chipproduktion und Düngemittel transportiert. Seit Beginn des Krieges ist so gut wie nichts mehr davon durchgekommen. Deshalb ist schon jetzt der Ölpreis auf 100–110$ pro Barrel gestiegen, Tendenz weiter steigend. Die Lebensmittelpreise werden ebenfalls in die Höhe schießen. Das übt enormen Druck auf die Weltwirtschaft, insbesondere auf die Verbündeten der USA, aus – Klassenkampf und revolutionäre Bewegungen sind eine konkrete Bedrohung für die Herrschenden.
Nachdem die Militärschläge gescheitert sind, versuchen die USA im „temporären Waffenstillstand“ den Druck durch die Blockade der iranischen Handelsschifffahrt zu erhöhen. Die Kalkulation ist, dass dem Iran ohne seine eigenen Ölexporte das Geld ausgeht und Druck von innen, aber auch von außen (vor allem aus China, das viel von seinem Öl aus dem Iran importiert) das Regime zum Einlenken bringt.
Doch nach 2 Monaten zeigt auch diese Strategie keinerlei Anzeichen eines Erfolges. Im Gegenteil: Das iranische Regime ist nicht geschwächt, sondern sitzt angesichts der imperialistischen Aggression so fest im Sattel wie schon lange nicht mehr. Ein entscheidender Teil der iranischen Massen ist zu Opfern bereit, um den US-Imperialismus und Israel zu besiegen. Ein Zeichen für die gewachsene Stabilität ist die Ankündigung, das seit einem halben Jahr blockierte Internet wieder freizuschalten. Und auch die Hoffnung auf Druck von außen hat sich nicht realisiert – Trump ist von seinem China-Besuch in Bezug auf den Iran mit leeren Händen zurückgekommen.
So sieht der US-Imperialismus immer deutlicher einer Niederlage ins Auge – trotz aller Versuche, diese zu verzögern. Dieser Einflussverlust wird die Machtverhältnisse im Nahen Osten völlig neu ordnen. Schon jetzt sind erste Zeichen von Absetzbewegungen sichtbar. Anfang Juni gab es Berichte darüber, dass der Oman mit dem Iran über eine gemeinsame Verwaltung der Straße von Hormus verhandelt – Trump drohte daraufhin damit, das Land „in die Luft zu jagen“.
Die Länder, deren Interessen direkt von einem erstarkten Iran bedroht sind, tun derweil alles, um einen Rückgang des US-Einflusses zu verhindern, und machen sich dabei noch abhängiger. Die Golfstaaten etwa haben einen hohen Preis für den Krieg bezahlt. Insbesondere die Vereinigten Arabischen Emirate haben große Zerstörungen und Einbußen durch die Blockade zu beklagen. Sie haben sich auch, wie jetzt bekannt wurde, direkt am Krieg beteiligt, indem sie (genauso wie Saudi-Arabien) im März und April direkt Ziele im Iran bombardiert haben. Die wackelige Koexistenz mit dem Iran wurde grundlegend zerstört. Ein Rückzug der USA wäre eine Katastrophe für die VAE – im Versuch, das zu verhindern, haben sie sich enger an die USA gebunden als je zuvor, etwa durch den Austritt aus dem Erdölkartell OPEC.
Insbesondere Israel hat viel zu verlieren. Ein Naher Osten mit einem erstarkten Iran und mit einer verringerten Präsenz der USA wäre für die israelische herrschende Klasse eine Katastrophe. Im Versuch, im Angesicht einer Niederlage die eigene Haut zu retten, spitzen sich auch die Widersprüche zwischen Israel und den USA zu. Netanjahu nutzt jede Möglichkeit, um Öl ins Feuer zu gießen. Die Leidtragenden dieses immer aggressiveren israelischen Imperialismus sind die Massen im Libanon und die Palästinenser.
Ende Mai startete die israelische Armee eine neue Offensive im Libanon. 20% des libanesischen Staatsgebietes sind zur „Evakuierungszone“ erklärt worden, 1 Mio. Menschen wurden so jetzt schon vertrieben. Die „Gelbe Zone“ im unmittelbaren Grenzgebiet, etwa 6% des Libanon, wird vollständig unbewohnbar gemacht, es werden „alle Ortschaften zerstört, Haine niedergebrannt und Äcker vergiftet, um jede Rückkehr der Bewohner unmöglich zu machen“, wie der „Spiegel“ schreibt.
Gleichzeitig hat Netanjahu angekündigt, dass weitere Teile des Gazastreifens erobert werden sollen. Zu Beginn des „Waffenstillstands“ letztes Jahr kontrollierte Israel 53%, jetzt sind es schon 60%. Das Ziel für die kommende Zeit ist, dass die Kontrolle der israelischen Armee auf 70% ausgeweitet wird. Im Westjordanland wird derweil der Siedlungsbau immer aggressiver vorangetrieben. Die Krise des israelischen Imperialismus bedeutet, dass dieser die Unterdrückung der Palästinenser systematisch zum Völkermord vorantreibt – auch wenn er derzeit „stiller“ stattfindet als zum Höhepunkt der Angriffe auf Gaza. Durch die dauernden Kriege stauen sich auch die politischen und sozialen Widersprüche in der israelischen Gesellschaft zu – eine Niederlage im Krieg kann diese zur Explosion bringen.
So bleibt der Nahe Osten weiter eine offene, blutige Wunde des Kapitalismus in seiner tiefen Krise. Weil die USA weiterhin die mächtigste imperialistische Macht auf dem Planeten sind, die eine Niederlage nicht so einfach eingestehen will und kann, ist eine neue Eskalation angelegt – aber nachdem die USA konkret militärisch nichts zu gewinnen haben, versucht Trump jedes Mal, wenn ein neues Aufflammen droht (mit gegenseitigen Luftangriffen, mit der israelischen Offensive im Libanon), die Notbremse zu ziehen.
So hängt die Situation seit Monaten an einem seidenen Faden, in einer dauerhaft unmöglichen Situation zwischen Krieg und Frieden. Das heißt, dass das Leiden weitergeht – für die Massen in der Region genauso wie für die Arbeiterklasse auf der ganzen Welt, die für die Abenteuer des US-Imperialismus mit steigenden Preisen bezahlt. Nur der Sturz des Kapitalismus in der sozialistischen Revolution wird die Grundlage für diesen imperialistischen Irrsinn beenden.
(Funke Nr. 244/03.06.2026)