Xi, Trump und die Falle des Thukydides


Der zentrale Weltwiderspruch ist die Expansion Chinas und die Kontraktion der USA. Dennoch ging das lang erwartete Treffen zwischen Trump und Xi vorüber ohne Skandale oder substantielle Resultate. Chinas Präsident Xi Jinping riet dazu, den Konflikt der beiden Länder zu kontrollieren und warnte vor der Falle des Thukydides, in der sich zwei Großmächte in einen Krieg verwickeln, den beide Seiten vermeiden wollten. Kann es tatsächlich friedliche Beziehungen zwischen den USA und China geben? Von Christoph Pechtl
Sieht man sich die Bilder von Trump und seiner Milliardärs-Entourage aus dem Silicon Valley an (Tesla, Nvidia, Apple, Blackstone …) während sie hofiert wurden und Peking-Ente in sich hineinstopften, könnte man glauben: ja. Nach zwei gescheiterten Handelskriegen von Trump gegen China ist dies eine Kehrtwende. Statt China in die Knie zu zwingen, wird nun versucht, „Deals“ rauszuholen.
Dies lässt Trump jedoch eher als Bittsteller erscheinen – der noch nicht einmal erhört wird. China versprach weder, zu helfen, den Iran-Krieg zu beenden, noch die Ausfuhr von seltenen Erden aus China zu erleichtern oder das chinesische Exportvolumen zu beschränken. Der einzige „Deal“, den Trump herausschlagen konnte, war der Verkauf von 200 Boeing-Flugzeugen, woraufhin der Aktienkurs von Boeing um 4% fiel, nachdem der Markt mit mehr gerechnet hatte, und der Verkauf von Sojabohnen (der bereits vor einem Jahr in Südkorea beschlossen wurde …). Die gute Bankett-Stimmung fußte daher auf der Defensive der USA.
China gab hingegen den Ton an: „Die Taiwan-Frage ist das wichtigste Thema in den Beziehungen zwischen China und den USA“, erklärte Xi. Falls die Taiwan-Frage von Seiten der USA falsch gehandhabt wird, „werden die beiden Länder zusammenstoßen oder sogar in Konflikt geraten, was die gesamte US-China-Beziehung in eine äußerst gefährliche Lage bringen würde“. Eine solche explizite Drohung stach aus dem restlichen oberflächlichen Besuch deutlich hervor.
Die ökonomische und militärische Kontrolle des „eigenen Hinterhofs“ ist eine Notwendigkeit für die Entwicklung des chinesischen Imperialismus. Auch innenpolitisch ist das Prestige der „kommunistischen“ Partei Chinas eng mit der Annexion Taiwans verbunden. Anstelle einer militärischen Invasion zielt Xi auf eine Angliederung wie etwa in Hongkong ab. Die letzten Monate intensivierte sich eine Kampagne dafür mit einer Reihe von Propagandafilmen und dem Besuch der taiwanesischen Oppositionspolitikerin Cheng Li-Wun.
Auf der Rückreise erklärte Trump:
„Wenn man sich die Chancen ansieht, China ist ein sehr, sehr mächtiges, großes Land. Das ist eine sehr kleine Insel. Denk mal drüber nach, sie ist 59 Meilen entfernt, 59 Meilen. Wir sind 9500 Meilen entfernt. Das ist ein bisschen ein schwieriges Problem.“
Später setzte er einen 14 Mrd. Dollar Waffendeal mit Taiwan aus, der zu Redaktionsschluss noch immer auf Eis liegt. Sollten die USA tatsächlich die Verteidigung der Insel aufgeben, hätte die taiwanesische Bourgeoisie keine andere Möglichkeit, als sich dem chinesischen Kapital zu beugen.
Die USA können diese Dynamik unmöglich langfristig akzeptieren. Die US-Bourgeoisie kann nicht zum Verwalter ihres Niedergangs gemacht werden. Wenn die USA im Augenblick vor China zurückweichen, dann, weil sie sich in eine ganze Reihe militärischer Abenteuer manövriert hat, die ihre Kräfte von China ablenken.
Der Irankrieg macht die diplomatischen Verschiebungen zugunsten Chinas besonders deutlich. Während die alte Ordnung des Nahen Ostens auf Grund der US-Aggression zerrüttet wird, inszeniert sich China als Friedensstifter. Das Land ist nicht nur der wichtigste Verbündete des Irans, sondern als größter Öl-Importeur der ganzen Region auch eng ökonomisch verbunden mit den traditionellen Verbündeten der USA. Für den Wiederaufbau von zerstörter Infrastruktur ist China bereits positioniert mit seiner „Road and Belt Initiative“. Auch die Rolle des Dollars, die bisher eng verbunden war mit der Sicherheitsarchitektur des Nahen Ostens, wird langsam unter Druck geraten. China wird so in einer Neuordnung des Nahen Ostens eine zentrale Rolle spielen.
Über die Region hinaus zeichnet sich dasselbe Bild ab. Während die Länder in Südostasien besonders unter der Ölkrise leiden, liefert China „Greentech“ und Öl auf Basis von großangelegten Reserven. Auch an US-Verbündete wie die Philippinen oder Australien. Die USA werden demgegenüber immer mehr als Risikofaktor gesehen. Auf der Sicherheitskonferenz in Singapur erklärt US-Kriegsminister Hegseth den US-Verbündeten: „weniger Shangri-La (ein fiktiver Ort in Tibet der für Harmonie steht; Anm.), mehr Schiffe, mehr U-Boote“ und fordert die Erhöhung deren Militärbudgets auf 3,5% während die USA im Gegenzug immer weniger dafür bieten. Neben Taiwan wurden auch Rüstungslieferungen nach Japan verschoben und ein zentrales Raketenabwehrsystem von Südkorea in den Nahen Osten verlegt. China wird dadurch immer mehr zum Gravitationspunkt der diplomatischen Weltbeziehungen.
Allein dieses Jahr besuchten fast zwei Dutzend Staatschefs China, das sich dabei als Friedensnation inszenierte. Der „Pazifismus“ Chinas besteht darin, dass es gezielt Bedingungen diktiert, die widerspruchslos akzeptiert werden müssen und ansonsten wartet. Als Putin kurz nach Trump Xi besuchte, in der Hoffnung auf einen Pipeline-Deal, musste er mit leeren Händen nach Hause gehen. Die Limits der „no-limits“ Freundschaft bestimmt derjenige mit der neunmal größeren und diversifizierten Wirtschaft.
Die Aggression der USA besteht darin, dass ihr als führender Weltmacht dieser Luxus fehlt. Sie muss Bedingungen diktieren, auch wenn sie nicht mehr die Stärke besitzt, sie durchzusetzen. China hat eine Welt zu gewinnen, Amerika kann sie nur verlieren. Eine friedliche Neuaufteilung der Welt zwischen diesen Räubern ist unmöglich. Auch wenn China und die USA einen direkten Krieg vermeiden werden: Der US-Imperialismus wird kämpfend untergehen, wie dessen Politik in Lateinamerika beweist. Doch nicht der chinesische Imperialismus, sondern die amerikanische Arbeiterklasse wird ihm den Todesstoß versetzen.
(Funke Nr. 244/03.06.2026)