Die Flamingo-Revolution: Albanien ist nicht zu verkaufen!


Seit Tagen ziehen Tausende Menschen durch die Straßen Albaniens. Was als Protest gegen ein milliardenschweres Luxusresort auf der Insel Sazan und in der geschützten Küstenregion von Zvërnec begann, entwickelt sich zunehmend zu einer Bewegung gegen Korruption, Oligarchenherrschaft und den Ausverkauf des Landes. Der Flamingo, dessen Lebensraum durch das Projekt bedroht wird, ist zum Symbol dieser Bewegung geworden. Doch die „Flamingo-Revolution“ handelt längst nicht mehr nur von Flamingos. Sie handelt von der Zukunft Albaniens. Von Dominik Nedić
Auslöser der Proteste ist ein milliardenschweres Tourismusprojekt des US-Investors Jared Kushner, Schwiegersohn Donald Trumps. Gemeinsam mit seiner Investmentfirma Affinity Partners plant er den Bau eines Luxusresorts auf Sazan und in der Umgebung der Vjosa-Narta-Lagune. Für die Regierung von Edi Rama handelt es sich um eine „strategische Investition“, die Albanien modernisieren und ausländisches Kapital anziehen soll. Für viele Albaner symbolisiert das Projekt jedoch etwas anderes: den Ausverkauf eines Teils ihres Landes an die Imperialisten und ihre lokalen Verbündeten in der albanischen herrschenden Klasse.
Die betroffenen Gebiete gehören zu den ökologisch wertvollsten Regionen des Balkans. Tausende Flamingos, Pelikane, Meeresschildkröten und andere geschützte Arten leben dort. Doch die Umweltfrage allein erklärt nicht die Wucht der Bewegung.
Die heutige Explosion der Wut hat tiefere Ursachen.
Seit der kapitalistischen Restauration in den 1990er Jahren wurde Albanien zum Spielball neoliberaler Politik und imperialistischer Interessen. Der Bevölkerung wurde versprochen, der Markt würde Wohlstand und Demokratie bringen. Stattdessen folgten Privatisierungen, Massenarbeitslosigkeit, Korruption, die Pyramidensysteme der 1990er Jahre und die Auswanderung Hunderttausender junger Menschen.
Millionen Albaner mussten ihre Heimat verlassen, um in Italien, Deutschland, Österreich, Griechenland oder der Schweiz Arbeit zu finden. Ganze Regionen wurden entvölkert, während sich eine kleine Schicht von Geschäftsleuten, Immobilienentwicklern und Politikern bereicherte.
Die heutige Jugend kennt kaum etwas anderes als steigende Mieten, niedrige Löhne und eine politische Elite, die das Land Stück für Stück den Interessen der Imperialisten unterordnet. Das Luxusresort war lediglich der Funke, der diese aufgestaute Wut entzündete.
Besonders bemerkenswert ist, dass die Proteste nicht der Kontrolle der traditionellen Oppositionsparteien unterliegen.
Seit dem Ende des stalinistischen Regimes von Enver Hoxha, wechseln sich die Sozialistische Partei und die Demokratische Partei an der Macht ab. Beide präsentieren sich als Alternative zueinander, beide verteidigen jedoch dieselbe kapitalistische Ordnung.
Auf den Demonstrationen richtet sich die Wut zunehmend gegen beide Lager. Immer mehr Menschen erkennen, dass die Probleme Albaniens nicht auf einzelne Politiker zurückzuführen sind, sondern auf ein System, das von Oligarchen, Spekulanten und ihren politischen Vertretern beherrscht wird. Die Bewegung beginnt Fragen zu stellen, die weit über den Bau eines Resorts hinausgehen.
Die Parole „Rama ins Gefängnis, Berisha ins Gefängnis“ bringt diese Stimmung treffend zum Ausdruck. Immer mehr Demonstranten ziehen die Schlussfolgerung, dass weder Regierung noch Opposition eine Antwort auf die Probleme der arbeitenden Bevölkerung bieten können.
Viele Albaner betrachten sich als Nachfahren der antiken Illyrer und als eines der ältesten Völker des Balkans. Unabhängig von historischen Debatten spielt dieses Bewusstsein eine wichtige Rolle für die nationale Identität.
Vor diesem Hintergrund überrascht es nicht, dass die Vorstellung, eine albanische Insel werde faktisch der Kontrolle ausländischer Investoren überlassen, starke Emotionen hervorruft. Hinter dieser Reaktion steckt ein berechtigter Instinkt gegen Ausbeutung, Unterdrückung und Fremdherrschaft.
Marxisten dürfen diese Stimmung weder ignorieren noch verachten. Gleichzeitig können wir keine nationalistische Antwort anbieten.
Der Feind der albanischen Arbeiter ist nicht der serbische Arbeiter, nicht der griechische Arbeiter und auch nicht der amerikanische Arbeiter. Der Feind sind die Imperialisten und ihre Verbündeten in den herrschenden Klassen des Balkans.
Es sind die Imperialisten, die den Balkan wie eine Kolonie behandeln, seine Ressourcen plündern, seine Arbeitskräfte ausbeuten und die verschiedenen Völker der Region gegeneinander ausspielen. Doch sie könnten dies nicht ohne die Unterstützung der lokalen Bourgeoisien, die bereitwillig Häfen, Küsten, Infrastruktur und ganze Landstriche an den Höchstbietenden verkaufen.
Anstatt auf die berechtigten Sorgen der Bevölkerung einzugehen, reagiert die Regierung mit Diffamierungen und Verschwörungstheorien.
Rama spricht von einer „hybriden Kriegsführung“ und deutet an, ausländische Kräfte würden hinter den Protesten stehen. Diese Methode ist auf dem Balkan nur allzu bekannt. Auch Aleksandar Vučić in Serbien erklärt soziale Bewegungen regelmäßig zum Produkt ausländischer Manipulation.
Der Zweck solcher Behauptungen ist offensichtlich: Die Aufmerksamkeit soll von den tatsächlichen Verantwortlichen abgelenkt werden.
Nicht „äußere Feinde“ haben die Insel Sazan Investoren angeboten. Nicht „Verschwörer“ haben Schutzgebiete für private Profite geöffnet.
Diese Entscheidungen wurden von der albanischen Bourgeoisie und ihrer Regierung getroffen, die sich bereitwillig den Interessen der Imperialisten unterordnet und am Ausverkauf des Landes mitverdient.
Die Ereignisse in Albanien sind kein Einzelfall.
Von den Immobilienprojekten an der montenegrinischen Küste über die Lithiumminen Serbiens bis zu den Privatisierungen Griechenlands behandeln die Imperialisten den gesamten Balkan als Quelle billiger Arbeitskräfte, billiger Ressourcen und neuer Profitmöglichkeiten.
Amerikanischer, deutscher, österreichischer, italienischer, russischer, chinesischer, türkischer und Golf-Imperialismus konkurrieren um Einfluss, Märkte und Investitionsmöglichkeiten in der Region.
Die herrschenden Klassen der Balkanländer präsentieren sich als Verteidiger ihrer Nationen. In Wirklichkeit fungieren sie als lokale Verwalter imperialistischer Interessen und bereichern sich am Ausverkauf ihrer eigenen Länder.
Trotz aller nationalen Spannungen, die die herrschenden Klassen des Balkans jahrzehntelang geschürt haben, erkennen heute viele junge Albaner, Serben, Griechen und andere Balkanvölker dieselbe Realität: Korruption, Oligarchenherrschaft, Perspektivlosigkeit und Regierungen, die jede Opposition als Verschwörung darstellen.
Die Antwort auf den Ausverkauf Albaniens liegt deshalb nicht im Nationalismus.
Keine Nation des Balkans kann sich dauerhaft von imperialistischer Ausbeutung befreien, solange Wirtschaft und Staat unter der Kontrolle der Bourgeoisie bleiben.
Die natürlichen Ressourcen des Balkans dürfen weder den Imperialisten noch den lokalen Oligarchen gehören. Sie müssen unter demokratischer Kontrolle der arbeitenden Bevölkerung stehen.
Die Flamingo-Revolution zeigt das enorme Potenzial, das in der Jugend und Arbeiterklasse Albaniens steckt. Doch um zu siegen, muss die Bewegung über Proteste hinausgehen und eine unabhängige Klassenperspektive entwickeln. Der Kampf gegen den Ausverkauf des Landes kann nicht von jenen gewonnen werden, die selbst vom bestehenden System profitieren.
Nur die organisierte Arbeiterklasse kann den Imperialisten und ihren lokalen Verbündeten die Kontrolle über Wirtschaft und Staat entreißen. Die Befreiung Albaniens ist untrennbar mit der Befreiung aller Völker des Balkans verbunden.