Energiekrise: Kein Ende in Sicht


Wir sind mitten in einer globalen Energiekrise. Das merkt man nicht nur an den Zapfsäulen (der Diesel steigt und steigt und kostet derzeit ca. 2,25 €, im Jänner waren es 1,50 €), sondern auch an der Inflation (3,2 % im August) und der allgemeinen Versorgungslage. Von Willy Hämmerle
Seit über einem halben Jahr ist die Straße von Hormus, durch die vor dem Krieg etwa 20 Millionen Barrel (~20 % des weltweiten Tagesverbrauchs) an Erdöl und Erdölprodukten transportiert wurden, geschlossen. Unter dem Schutz der US-Navy und auf unter falscher Flagge fahrenden Schiffen (Russland ist nicht das einzige Land mit „Schattenflotte“) schaffen es derzeit wieder etwa 5-10 Millionen Barrel pro Tag durch die Straße, je nachdem wie erfolgreich der Beschuss durch den Iran gerade ist.
Die Mechanismen, die dieses Defizit ausgleichen sollen, sind bisher gescheitert. Am 10. September setzten Drohnen die saudische Ost-West-Pipeline außer Betrieb. Die 1200 km lange Leitung verbindet den Persischen Golf mit dem Hafen Yanbu am Roten Meer und war seit der Blockade von Hormuz Saudi-Arabiens wichtigster Umweg. Mittlerweile fließt zwar wieder Öl, aber durch die zwischenzeitlich von den Huthis unter Kontrolle gebrachte Meerenge Bab al-Mandab kommt es nicht mehr durch und muss jetzt durch den Suezkanal, das Mittelmeer und weiter über das Kap der Guten Hoffnung, was die Frachtkosten erheblich in die Höhe treibt. Insgesamt lagen im August laut der US-Energiebehörde fast 7 Millionen Barrel Tagesförderung im Nahen Osten still. Die Situation ist so zugespitzt, dass Katar heute LNG von den USA kaufen muss, um seine eigenen Lieferverpflichtungen einhalten zu können.
Es handelt sich um die größte Störung in der weltweiten Ölversorgung in der Geschichte und es gibt keine Anzeichen auf eine Lösung der Krise, die sich immer stärker durchschlägt. Der Ölpreis (Brent) liegt seit Anfang September wieder anhaltend bei über 100 $. Noch akuter sind die Dieselpreise, die in den USA ihren historischen Höchststand erreicht haben und seit Jänner um 80 % gestiegen sind, in Europa um 42 %, in Afrika um 58 %. Selbst in China, das über massive strategische Ölreserven verfügt, stieg der Dieselpreis um ca. 26 %.
Das trifft das Rückgrat der Wirtschaft. Industrie, Transport und Landwirtschaft stehen ohne Diesel still. Alle Preise steigen dadurch, nicht nur die eigenen Spritkosten. Ein Indikator für die Knappheit ist der s.g. „crack spread“ – der Preisunterschied zwischen Rohöl und einem verarbeiteten Produkt. Dieser liegt normalerweise bei ca. 20-30 $ pro Barrel, momentan liegt er bei 115 $. Es ist auch nicht möglich, kurzfristig mehr Diesel zu produzieren. Die globalen Produktionskapazitäten sind ausgelastet. Ein wichtiger Faktor dafür sind auch die anhaltenden Drohnenangriffe auf russische Raffinerien, was dafür gesorgt hat, dass Russland trotz historisch hoher Weltmarktpreise einen Exportstopp auf Diesel verhängen musste, um die Versorgung im eigenen Land aufrechtzuerhalten. Der Energiekrieg ist ein zentraler Bestandteil der Weltsituation.
Eigentlich ist es ein Wunder, dass die Weltwirtschaft die letzten 7 Monate überhaupt verkraftet hat. Doch wie heißt es so schön im Kommunistischen Manifest? „Wodurch überwindet die Bourgeoisie die Krisen? … Dadurch, dass sie allseitigere und gewaltigere Krisen vorbereitet und die Mittel, den Krisen vorzubeugen, vermindert.“ Der Grund, wieso sich die Krise ausgerechnet jetzt verschärft, liegt darin, dass einige Puffereffekte aufgebraucht wurden und weiterhin kein Ende der Kriege in Sicht ist: Öltanker bewegen sich langsam, und so konnte die schiere Menge an Tankern, die bereits unterwegs waren, die Versorgung eine Zeit lang überbrücken, ebenso volle Tanklager und das Anzapfen von strategischen Reserven. Diese Möglichkeiten sind nicht vollständig aufgebraucht, aber die Perspektiven werden immer pessimistischer, was sich in den jetzigen Preisen niederschlägt. Es ist nicht dauerhaft möglich, dass bis zu 10 % des weltweit benötigten Erdöls fehlen, ohne dass es zu Verwerfungen kommt, die sich bereits an jeder Ecke spürbar machen.
Europa steht dabei wieder besonders schlecht da. Saudi Aramco teilte mindestens zwei europäischen Raffinerien mit, dass sie im Oktober kein Öl bekommen. Was noch aus dem Golf kommt, geht vorrangig nach Asien. Beim Gas sieht es nicht besser aus. Der Gaspreis hat sich in Europa heuer fast verdreifacht und den höchsten Stand seit 2022 erreicht. Die EU warnt bereits vor einem kalten und/oder teuren Winter und ruft dazu auf, den Verbrauch zu drosseln. Unsere Prognose vom Oktober 2022 lautete, dass Energie „in Europa kurz- und langfristig knapp bleiben wird, beziehungsweise, dass seine Produktion sich weiter verteuert.“
Das liegt, analysierten wir damals, nicht grundlegend an den Kriegen und einzelnen Krisen (die sind nur Auslöser und Brandbeschleuniger), sondern an der Art und Weise, wie im Kapitalismus produziert wird, nämlich für Profit. Das sorgt für irrationale Produktionsketten, hart umkämpfte Märkte und ist anfällig für eben jene Störungen, die wir heute sehen. Es ist auch unmöglich, Lösungen für die Krisen zu finden. Im Gegenteil, die Energiekonzerne profitieren ja von den hohen Preisen und der Unsicherheit, auch wenn das die Stabilität des Gesamtsystems untergräbt.
In Österreich ist die OMV heute, da hat der Tiroler AK-Präsident Zangerl (FCG) völlig recht, ein Kriegsgewinnler – der Profit (2,26 Mrd. €) im ersten Halbjahr 2026 war höher als in den beiden Vorjahren zusammen, alles bezahlt die Arbeiterklasse. Da kann auch die klägliche Spritpreis„bremse“ (ohnehin von uns selbst finanziert, durch die Sparmaßnahmen und den überall von den Reformisten verhandelten Lohnverzicht) niemanden täuschen.
Eines ist klar: Diese Krise wird nicht mehr gelöst werden, solange das kapitalistische System besteht und die Imperialisten an der Macht sind. Das geht erst, wenn die Kontrolle über die Energieproduktion und -versorgung in den Händen der Arbeiterklasse liegt.
(Funke Nr. 247/01.10.2026)