250 Jahre revolutionäre Tradition in Amerika


Vor 250 Jahren verabschiedete der Kontinentalkongress die Unabhängigkeitserklärung Amerikas, eines der revolutionärsten Dokumente der Geschichte. Nicht nur erklärt es Leben, Freiheit und das Streben nach Glück zu unveräußerlichen Rechten, sondern erhebt selbst die Revolutionen und den Sturz der Tyrannen zum Recht eines jeden Volkes. Sie ist einer der ersten Kristallisationspunkte eines jahrhundertelangen Prozesses, in dem die amerikanische Nation im Feuer von Revolutionen, Konterrevolutionen und Kriegen zusammengeschweißt wurde. Von Christoph Pechtl
John Peterson, führender Genosse der amerikanischen Sektion der RKI, zeichnet in seinem neuen Buch „Revolution and Counterrevolution in America“ diesen Prozess nach. Dabei zeigt er nicht nur, wie die unterdrückten Massen an jeder entscheidenden Stelle der Revolutionen die Entwicklung vorwärtstreiben, sondern zieht die zentralen Lehren vom Standpunkt eines aktiven Revolutionärs. Als Vorgeschmack wollen wir einen kleinen Einblick in den ersten Abschnitt dieser kolossalen Kämpfe geben: den amerikanischen Unabhängigkeitskrieg.
Die europäischen Siedler breiteten sich an der Ostküste seit dem 17 Jhdt. aus. Millionen Indigene wurden mit äußerster Gewalt Richtung Westen getrieben oder von Krankheiten dahingerafft. Ende des 17. Jhdts. hatte Großbritannien die Kontrolle über das Gebiet sichergestellt.
Die Bevölkerung war ein Schmelztiegel aus unterschiedlichsten Nationen, Kulturen und Klassen, die, wie Trotzki beschreibt, diejenigen waren, die gegen die alte Welt rebellierten:
„Was Europa Gutes hervorbrachte, das ging über den Ozean. Die Blüte der europäischen Nationen, ihre aktivsten Elemente, die sich um jeden Preis ihren Weg bahnen wollten, kamen so in eine Atmosphäre, wo es keinerlei historische Tradition gab, sondern nur die unerschöpflich reiche, ursprüngliche Natur.“
Diese Natur musste erschlossen werden. Der Drang ins „Grenzland“ prägt bis heute das nationale Selbstbewusstsein der USA: der einzelne Farmer im ewigen Kampf mit der endlosen Wildnis. Der ständige Abfluss von Siedlern in die unbekannten Gebiete und die ergiebigen Ressourcen führten wiederum zu einem ständigen Mangel an arbeitenden Händen. Von Beginn an verbreitete sich vor allem in den Südstaaten Sklavenarbeit. 1776 machten Sklaven, die aus Afrika verschleppt wurden, bereits 1/5 der Bevölkerung aus. Zusätzlich kamen ⅔ der weißen Migranten in Schuldknechtschaft nach Amerika, indem sie den Preis der Überfahrt mit jahrelangen Arbeitsdiensten bezahlten und dadurch auch feudale Überbleibsel in die neue Welt verpflanzten.
Während schwarze Sklaven und weiße Schuldknechte im wahrsten Sinne des Wortes zu Tode geschuftet wurden, häuften amerikanische Händler und Plantagenbesitzer enorme Reichtümer an. Schon vor der amerikanischen Revolution führten diese Gegensätze immer wieder zu sozialen Explosionen, die genauso widersprüchlich waren wie das ganze soziale Gefüge. In der Bacon-Rebellion (1676) erhoben sich schwarze und weiße Schuldknechte und Farmer gemeinsam gegen ihre Ausplünderung, traten aber gleichzeitig für eine brutalere Vertreibung der indigenen Bevölkerung ein, wovon sie sich eigenes Land erhofften. Die Rebellion wurde schließlich blutig niedergeschlagen. Es versteht sich von selbst, dass die britische Krone stets den Status quo verteidigte.
Die Bewohner der 13 Kolonien sahen sich meist als Briten. Doch über mehr als ein Jahrhundert und über 7.000 km von Europa entfernt nahm unter der Oberfläche eine neue Nation Form an: mit einem eigenen Wirtschaftsraum, nationalen Bewusstsein, Traditionen und Institutionen. Das Mutterland wandelte sich zur Fremdherrschaft.
Die Kolonien lieferten billige Rohstoffe, während sie gleichzeitig Großbritannien als Markt für Manufakturgüter dienten. Den Kolonien wurde diktiert, was sie zu kaufen und verkaufen hatten, der Zugang zu Märkten und Krediten beschnitten und das Manufakturwesen wie Textilindustrie, Eisenverarbeitung oder Schiffbau systematisch begrenzt oder verboten. Die Durchsetzung dieser Regelungen aus dem entfernten London war schwierig, ⅓ des Handels bestand aus Schmuggel, doch die Entwicklung war behindert. Eine junge und noch schwache amerikanische Bourgeoisie, allen voran deren Kaufleute, begann zunehmend ihr eigenes Potential zu spüren. Aber dafür brauchten sie einen eigenen Staat und ein Ende ihres Kolonialstatus.
Der Siebenjährige Krieg (1756–1763) zwischen Großbritannien und Frankreich, der unter anderem auf amerikanischem Boden stattfand, gab diesem Prozess einen weiteren Anstoß. Nicht nur lernten die Amerikaner kämpfen, die Niederlage Frankreichs entzog dem Argument, dass Großbritannien Schutz vor Frankreich biete die Grundlage. Zur Kriegsfinanzierung wollten die Briten 1763 die Zölle auf amerikanischen Handel härter durchsetzen und 1764 erstmals Steuern erheben. Der Kampf dagegen läutete die kommende amerikanische Revolution ein.
Die Revolution war ein langer und verwickelter Prozess zunehmender Widersprüche in den internen und internationalen Beziehungen. Eine ganze Reihe von Boykotten, Protesten und lokalen Aufständen mündete schließlich 1775 in den 8-jährigen revolutionären Krieg.
Schätzungen gehen davon aus, dass 15-20% der 2,5 Mio. Amerikaner während dieser Zeit auf Seite der Briten blieben. Die große Mehrheit der Bevölkerung aus den unterschiedlichsten Klassen versammelte sich jedoch unter dem abstrakten Ideal der Freiheit, um Widerstand gegen die Briten zu leisten. Die amerikanischen Händler standen für die Freiheit, den vollen Profit ohne Zölle einzustreichen, die Sklavenbesitzer dafür, frei zu sein von ihren britischen Schulden. Die Farmer verstanden Freiheit hingegen meist als die Freiheit, Land zu besitzen und oft als Befreiung des Landes von den Indigenen. Es waren jedoch die plebejischen Massen, Handwerker, Mechaniker, Arbeiter, Kleinkrämer usw., die gemeinsam mit den verarmten Farmern das Rückgrat der Revolution bilden sollten und die in der Freiheit Amerikas die Möglichkeit sahen, ihr Leben sinnvoll zu leben.
Die unterschiedlichen Klasseninteressen mussten wieder auseinanderbrechen. Während die Spitzen der Gesellschaft stets auf einen Kompromiss mit der britischen Krone aus waren, schoben die Massen die Revolution vorwärts. Boykotte britischer Waren wurden enthusiastisch aufgegriffen und weitergetrieben. Steuer- und Verwaltungsgebäude wurden niedergebrannt, britische Beamte geteert und gefedert und britische Waren vernichtet. Mit der Boston Tea Party 1773, benannt nach der Zerstörung einer Ladung britischen Tees, wurde ein Kompromiss immer unwahrscheinlicher.
Während anfangs die privilegierten Klassen die Massen als Druckmittel mobilisieren wollten, schreckten sie nun vor ihnen zurück. Gasthäuser und Kaffeehäuser verwandelten sich in Komitees der Revolution in denen pausenlos diskutiert wurde. Die revolutionär-demokratischen Traditionen, die viele der ersten Siedler mitbrachten, blühten auf. „Town-Hall-Meetings“ wurden zu revolutionären Tribünen, Milizen wurden organisiert. Neben den Organen der britischen Krone entstand ein neuer Staat.
Die Massen brachten Revolutionsführer wie Samuel Adams, Thomas Paine oder Thomas Jefferson hervor. Sie waren die Speerspitze gegen die alte Ordnung Europas. Paines Pamphlet „Common Sense“ wurde 500.000-mal gedruckt. Es prangert nicht nur die feudalen Relikte und die Halbheiten der englischen Revolution an, sondern skizziert die große Zukunft Amerikas.
Samuel Adams wurde Vater der Revolution genannt. Er organisierte die „Söhne der Freiheit“ und die „Korrespondenz-Komitees“: Netzwerke, die in ganz New England und darüber hinaus die Rebellion vereinheitlichte und koordinierte. Dies war die revolutionäre Avantgarde-Partei der Epoche. Adams hatte ein klares Verständnis der Rolle von Revolutionären: „Unsere Aufgabe ist es nicht, die Ereignisse hervorzubringen, sondern sie mit Weisheit zu verbessern.“ Mithilfe der Korrespondenz-Komitees wurde der oben erwähnte Kontinentalkongress einberufen, die erste nationale Vertretung, welche auch die erste nationale Armee organisierte und die Unabhängigkeitserklärung verabschiedete.
„Die Geschichte des heutigen zivilisierten Amerikas wird durch einen jener wirklich revolutionären Befreiungskriege eröffnet, derer es so wenige gab […]. Jener Befreiungskrieg war der Krieg des amerikanischen Volkes gegen die räuberischen Engländer, die Amerika aussogen und in kolonialer Sklaverei hielten.“ (Lenin)
Die ersten Schüsse der Revolution und damit der Beginn des Unabhängigkeitskrieges fielen 1775 bei einem gescheiterten Versuch, Samuel Adams gefangen zu nehmen. Als die Briten sich daraufhin in die Stadt Boston zurückzogen, wurden sie von über 20.000 revolutionären Soldaten belagert. Verarmte, unterdrückte Farmer, Kleinbürger und Arbeiter erklärten der mächtigsten Kriegsmaschinerie der Welt den Krieg.
Im weiteren Verlauf nahm er einen besonders verbitterten Bürgerkriegscharakter an. Mehrmals schien die Revolution militärisch verloren, doch der revolutionäre Enthusiasmus der Massen rettete sie. Als im Winter 1776 die Kontinentalarmee frierend, ausgehungert und auf nur einige hundert Mann reduziert war, ließ George Washington den Soldaten einen neuen Text von Thomas Paine verlesen:
„Dies ist die Zeit, welche die Gesinnung der Menschen auf die Probe stellt. Der Sommersoldat und der Sonnenscheinpatriot werden in dieser entscheidenden Stunde vom Dienst abtreten, den er seinem Vaterland zu leisten hat; aber derjenige, welcher jetzt standhaft bleibt, verdient die Liebe und den Dank der Männer und der Frauen. Tyrannei wird wie die Hölle nicht so leicht bezwungen; doch wir haben den Trost, dass je härter der Kampf, desto glorreicher der Sieg.“
Am nächsten Tag errangen dieselben Soldaten bei Trenton einen der berühmtesten Siege der Revolution. Auch wenn Washington ein unterdurchschnittlicher General war, verstand er die Bedeutung moralischer Siege, für die er waghalsige Manöver und sein eigenes Leben riskierte.
Die amerikanischen Massen konnten die britischen Soldaten und deutschen Söldner niederringen, obwohl sie die meisten Schlachten verloren hatten, und meist auf Guerillataktiken beschränkt waren. Während die britische Armee für die Privilegien der britischen Krone und amerikanische Loyalisten ins Feld zog, kämpften die Amerikaner für die Freiheit ihrer Nation und die materielle Verbesserung ihres Lebens.
Der Unabhängigkeitskrieg bedeutete eine tiefgreifende soziale Revolution. Alle Bundesstaaten ermöglichten die Enteignung von Loyalisten. So wurde bspw. in New York das gesamte Kronland enteignet, oder in North Carolina der Grund von Lord Granville, der ⅓ der gesamten Kolonie ausmachte. Ähnlich war die Situation in Virginia und Pennsylvania. Das meiste enteignete Land wurde an kleine Farmer verkauft oder verteilt. Feudalabgaben blieben bereits im Krieg unbezahlt. Auch das Wahlrecht wurde ausgeweitet. In sechs der 13 Kolonien wurde die Sklaverei abgeschafft und tausende Sklaven befreit.
Den plebejischen Massen und verwilderten Farmern, den Stoßtruppen der Revolution wurden die Früchte des Sieges jedoch schnell entrissen. Die amerikanische Bourgeoisie, befreit von den Kolonialherren wuchs sprunghaft an. In kurzer Zeit rafften sie das frisch verteilte Land wieder zusammen, oder trieben die freien Farmer in die Verschuldung. Auch die Grundlage des heutigen Staatsapparats wurde zu dieser Zeit von Gangstern wie Alexander Hamilton gelegt, um die Privilegien der Herrschenden gegen den revolutionären Druck der Massen zu verteidigen. Das ausgeklügelte Wahlsystem, das bis heute den Unterdrückten politische Mitbestimmung vorgaukelt, war ein Teil davon.
In mehreren Rebellionen versuchten die Massen, die Festsetzung der „neuen Aristokraten“ zu verhindern und die Revolution weiterzutreiben. Sie waren für Freiheit und Gleichheit gestorben und wollten nun echte ökonomische Gleichheit. Die revolutionären Ideen, in denen sich die Hoffnung der Massen widerspiegelten und die so poetisch in der Unabhängigkeitserklärung gefasst wurden, waren damals jedoch utopisch. Der Stand der Produktivkräfte beschränkte die Revolution von vornherein auf eine bürgerliche Revolution. Die Shays Rebellion, gewissermaßen das „letzte Kapitel der amerikanischen Revolution“, bestand aus verschuldeten Farmern, die sich verzweifelt gegen Wucher und Steuern wehren wollten.
Erst die Entwicklung des Kapitalismus im Weltmaßstab lieferte in Form der modernen Industrie die Grundlage für tatsächliche ökonomische Gleichheit. Heute sind die USA das mächtigste und reichste Land der Welt. Wie vor 250 Jahren gärt eine neue Revolution in der amerikanischen Gesellschaft, die sozialistische Revolution. Erst sie wird die Versprechungen der ersten Revolution und die Träume der ausgebeuteten und unterdrückten Massen endlich verwirklichen.
(Funke Nr. 245/08.07.2026)