James Connolly und der Osteraufstand 1916


Dieses Ostern jährt sich der irische Osteraufstand von 1916 zum 110. Mal. Diese Bewegung kämpfte gegen die Herrschaft des britischen Imperialismus und ihr herausragendster Anführer war James Connolly. Aus diesem Anlass veröffentlichen wir einen Artikel über die Bedeutung dieses historischen Kampfs, den Ted Grant und Alan Woods 2001 zum 85. Jahrestag verfassten.
Es gab viele Versuche, Connolly einfach als irischen Nationalisten darzustellen. Doch Connolly war in erster Linie ein revolutionärer Arbeiterführer und Marxist.
James Connolly kam 1868 in einer armen Familie in Edinburgh zur Welt. Er war ein echter Proletarier. Sein Arbeitsleben begann im Alter von zehn. Sein gesamtes Leben lebte er in und atmete die Luft der Arbeiterklasse, teilte ihre Nöte und Leiden, litt unter ihren Niederlagen und bejubelte ihre Siege. Connolly war ein Autodidakt (jemand, der sich Wissen selbst aneignet; Anm.), der ein brillanter Redner und Theoretiker wurde. Er allein schaffte es, in der Geschichte der britischen und irischen Arbeiterbewegung die Ideen des Marxismus weiterzuentwickeln.
Auf der Basis eines genauen Studiums der Schriften von Marx und Engels entwickelte er einen unabhängigen Standpunkt und leistete einen eigenständigen Beitrag und das ohne direkten Kontakt mit anderen herausragenden Marxisten seiner Zeit wie Lenin, Trotzki oder Luxemburg.
Von Anfang an musste Connolly mit den Problemen kämpfen, die auch den Rest seiner Klasse heimsuchten: bittere und anhaltende Armut, was es ihm zeitweise nahezu unmöglich machte, seine Familie zu ernähren. Doch nichts konnte ihn von seinem Weg abbringen. Mit unaufhörlicher Energie und absoluter Zielstrebigkeit kämpfte Connolly für den Sozialismus. Das von Connolly verfasste Programm der „Irish Socialist Republican Party“ war kein nationalistisches, sondern ein sozialistisches Programm, das auf folgender Grundlage stand:
„Gründung einer IRISCHEN SOZIALISTISCHEN REPUBLIK basierend auf dem öffentlichen Eigentum des irischen Volkes an Land und den Mitteln der Produktion, der Verteilung sowie des Handels. Die Landwirtschaft wird als öffentliche Aufgabe verwaltet, unter der Leitung von Verwaltungsräten, die von der landwirtschaftlichen Bevölkerung gewählt werden und dieser sowie der gesamten Nation rechenschaftspflichtig sind. Alle anderen Formen der Arbeit, die für das Wohlergehen der Gemeinschaft notwendig sind, werden nach denselben Grundsätzen durchgeführt werden.“
Connolly war in erster Linie ein revolutionärer Arbeiterführer. Die „Irish Transport and General Workers Union“ (ITGWU), unter der Führung von Larkin und Connolly, stand an der Spitze der stürmischen Wellen des Klassenkampfes, die Irland in den Jahren vor 1914 schwerwiegend erschütterten Selten sahen diese Inseln so einen scharfen Klassenkampf. Die Auswirkungen erschütterten nicht nur Dublin, sondern reichten bis nach Belfast, wo Connolly es schaffte, katholische und protestantische Arbeiter im Kampf gegen ihre Bosse zu vereinen. Im Oktober 1911 führte er den berühmten Streik der Textilarbeiterinnen in Belfast an und organisierte die Beschäftigten dieses Sektors, die größtenteils schlecht bezahlte und massiv ausgebeutete Frauen waren.
Die Streikwelle wurde 1913 von den Bossen mit dem berüchtigten „Dublin Lockout“ beantwortet. Hier zeigte die irische Bourgeoisie ihr wahres Gesicht: habgierig, unterdrückend und reaktionär. Dublins Bosse, organisiert von William Martin Murphy, dem Vorsitzenden der Arbeitgebervereinigung und Eigentümer der „Irish Independent newspaper“, machten sich auf, um die Arbeiter und ihre Organisationen zu zerschlagen. Die ITGWU reagierte mit dem Boykott von Murphys Zeitung und er reagierte daraufhin mit der Aussperrung aller ITGWU-Mitglieder.
Die Frage der Klasseneinheit zieht sich wie ein roter Faden durch alle Schriften und Reden von Connolly: „Vielleicht werden sie sehen, dass der Grundbesitzer, der seine Bauern auf einem Anwesen in Connemara schindet, und der Grundbesitzer, der seine Mieter in den Elendsvierteln von Cowgate Wucherzinsen abverlangt, in Tat und Wahrheit Brüder sind. Vielleicht werden sie realisieren, dass der irische Arbeiter, der in einer irischen Hütte verhungert, und der schottische Arbeiter, der in einer Edinburgher Dachkammer verkümmert, Brüder mit derselben Hoffnung und demselben Schicksal sind.“ (C.D. Greaves, James Connolly, S. 61.)
Während des Lockouts appellierten Larkin und Connolly immer wieder an die Klassensolidarität der britischen Arbeiter. Sie sprachen auf Massenkundgebungen in England, Schottland und Wales, die gleichermaßen Schauplätze massiver Klassenkämpfe in den Jahren vor dem Krieg waren. Der Appell der irischen Arbeiter stieß nicht auf taube Ohren. Ihr Kampf wurde enthusiastisch von den Massen der britischen Bewegung unterstützt, obwohl die rechte Labour-Führung dazu bereit war, die irischen Arbeiter sobald wie möglich fallen zu lassen. Trotz der Solidarität und Sympathie der britischen Arbeiter weigerten sich die Gewerkschaftsführer, Solidaritätsstreiks zu organisieren. Dies wäre der einzige Weg gewesen, um für die Bewegung einen Sieg zu erringen. Am Ende wurden die Arbeiter ausgehungert, bis sie wieder arbeiten mussten. Connolly schrieb bitter:
„Und so müssen wir irischen Arbeiter wieder in die Hölle hinabsteigen, uns für die letzten Sklaventreiber bücken, unsere Herzen von seinem Hass verbrennen lassen und anstatt des Sakraments der Brüderlichkeit und der gemeinsamen Aufopferung müssen wir den Staub der Niederlage und des Verrates fressen. Dublin ist isoliert.“ (S. 23)
In den Jahren vor dem Ersten Weltkrieg sahen die britischen Herrschenden sich mit revolutionären Entwicklungen in Irland und England konfrontiert. Um die Gefahr der Revolution abzuwenden, spielten sie die „orangene Karte“ aus. Lord Carson organisierte und bewaffnete die Hooligans der Belfaster Slums in den sogenannten Ulster Volunteer Force (UVF), die erklärten, die irische Selbstverwaltung mit der Waffe in der Hand zu bekämpfen. Als die liberale Regierung in London überlegte, die britische Armee in Irland einzusetzen, kam es zur „Meuterei von Curragh“. Connolly blieb im Angesicht von wahnsinnigem Sektierertum standhaft. Er organisierte eine Arbeiterdemonstration unter dem Banner der ITGWU, „der einzigen Gewerkschaft, die keinen Fanatismus in ihren Reihen duldete“. Als Antwort auf Sektierer und religiöse Fanatiker rief er zum Klassenkampf auf und veröffentlichte sein berühmtes Manifest „To the Linen Slaves of Belfast“ (An die Leinensklaven von Belfast).
Um sich gegen die Polizei und die von den Bossen angeheuerten Schlägertruppen zu verteidigen, gründeten die Arbeiter die „Irish Citizens Army (ICA)“ (Irische Bürgerarmee). Zum ersten Mal in Irland organisierten die Arbeiter sich mit Waffe in der Hand, um sich gegen ihren gemeinsamen Feind zu verteidigen: die Bosse und die Streikbrecher. Letztere waren auf Grund massiver Armut und Verzweiflung viel zahlreicher als heute. Ihre wichtigsten Anführer waren James Connolly (er war auch ehemaliger Soldat) und Captain Jack J. White – ein Protestant aus der Provinz Ulster. Doch Connolly sah die ICA nicht nur als Verteidigungskraft, sondern als eine revolutionäre Armee mit der Aufgabe, den Kapitalismus und Imperialismus zu stürzen. Er schrieb:
„Eine bewaffnete Organisation der irischen Arbeiterklasse ist eine Sensation in Irland. Bisher haben die irischen Arbeiter immer als Teil der Armee ihrer Herrschenden gekämpft, niemals als Mitglied einer Armee, die angeführt, trainiert und inspiriert von Männern ihrer eigenen Klasse war. Doch jetzt, mit Waffen in der Hand, steuern sie ihren eigenen Kurs und gestalten ihre eigene Zukunft.“ (Workers Republic, 30. Oktober 1915)
Wie wir diesen Zeilen entnehmen können, sah Connolly die ICA als eine Organisation, die organisch mit den Massenorganisationen des Proletariats verbunden ist. Sie wurde von den Geldern der Gewerkschaftsmitglieder finanziert, und ihre Aktivitäten wurden von der Liberty Hall, dem Hauptquartier der ITGWU in Dublin, organisiert. Die ICA marschierte mehrere Jahre vor 1916 öffentlich auf den Straßen Dublins und hielt Paraden ab. Es handelt sich hier nicht um eine Geheimorganisation mit Methoden von individuellem Terrorismus, sondern um eine echte Arbeitermiliz: Sie war die erste Rote Arbeiterarmee in Europa!
Bedauerlicherweise wurde die Bewegung Richtung Revolution durch den Beginn des Ersten Weltkriegs abrupt unterbrochen. Im August 1914, trotz aller Resolutionen des Kongresses der Sozialistischen Internationale, verrieten alle Führer der sozialdemokratischen Parteien die Losung des Sozialistischen Internationalismus und stimmten für den Krieg. Die einzigen Ausnahmen waren die Russen, Serben – und die Iren. Von Anfang an nahm Connolly eine unerschütterliche internationalistische Haltung an, die in allen grundlegenden Punkten identisch mit Lenins Position war.
Als Reaktion auf den Verrat der Führer der Sozialistischen Internationale schrieb er in der Zeitung „Forward“ (15. August 1914):
„Was passiert nun mit all unseren Resolutionen; all unseren Protesten der Verbrüderung; all unseren Drohungen des Generalstreiks; all unseren sorgfältig aufgebauten Instrumenten des Internationalismus; all unserer Hoffnung für die Zukunft?“
Und er kam zur selben Schlussfolgerung wie Lenin. Als Antwort auf den Pazifismus, der das Markenzeichen der Labour-Linken wie Ramsay MacDonald (zu der Zeit) und der Führung der ILP (Independent Labour Party) war, schrieb er:
„Ein großer kontinentaler Aufstand der Arbeiterklasse würde diesen Krieg stoppen; ein allgemeiner Protest auf öffentlichen Versammlungen würde kein einziges Leben vom sinnlosen Abschlachten retten.“
Connolly war nicht nur Sozialist, nicht nur Revolutionär: Er war ein Internationalist bis ins Mark!
Seit Kriegsbeginn war Connolly praktisch isoliert. International hatte er keinerlei Kontakte. Außerhalb Irlands schien die Arbeiterbewegung in Friedhofsruhe zu verharren. Es gab zwar Anzeichen für eine Wiederbelebung der Bewegung in Großbritannien, wie beispielsweise den Mietstreik in Glasgow 1915, doch Connolly befürchtete, dass sich die Arbeiter Englands zu spät in Bewegung setzen würden. Die Idee eines Aufstands hatte klare Gestalt in Connollys Kopf angenommen. Die Gefahr, dass England eine Wehrpflicht in Irland einführen würde, war das Hauptthema, das nicht nur Connolly, sondern auch die kleinbürgerlichen Nationalisten der Irish Volunteers beschäftigte. Deswegen drängte Connolly sie dazu, ein militantes Bündnis mit der Labour-Partei für einen bewaffneten Aufstand gegen den britischen Imperialismus einzugehen. Doch kurz vor dem Aufstand zogen sich die Führer der Volunteers zurück und ließen den Aufstand im Stich.
War es richtig von Connolly, zu diesem Zeitpunkt zu handeln? Diese Frage ist schwer zu beantworten. Die Voraussetzungen waren klarerweise unvorteilhaft. Es gab zwar bis zum Ausbruch des Aufstands in Irland Streiks, die irische Arbeiterklasse war aber durch die Strapazen des Lockouts sehr erschöpft und geschwächt. Es gab auch Gerüchte, dass die britischen Behörden planten, die irischen revolutionären Anführer zu verhaften. Connolly entschied sich schließlich dazu, alles in die Waagschale zu werfen. Er kam zum Schluss, dass es besser sei, zuerst anzugreifen. Sein Ziel war es, zuzuschlagen und das Eis zu brechen, um damit sogar, wenn es sein Leben kosten würde, der Arbeiterklasse den Weg aufzuzeigen. Zu kämpfen und zu verlieren war besser, als nichts zu tun und zu kapitulieren. Als Connolly an diesem schicksalhaften Tag zum letzten Mal Liberty Hall verließ, flüsterte er einem Genossen zu: „Wir werden abgeschlachtet werden.“ Als dieser ihn fragte: „Gibt es keine Chance auf einen Sieg?“, antwortete er: „Gar keine.“
Connolly war ohne Zweifel eine herausragende Persönlichkeit. Seine Taten waren die eines wahren Revolutionärs, im Gegensatz zum feigen Verhalten der Labour-Führung, die das imperialistische Abschlachten unterstützte – unter lautem Beifall der irischen bürgerlichen Nationalisten. Doch auch Connolly machte einige Fehler. Wir können und dürfen seine Fehler nicht verschweigen, auch wenn manche Connolly zu einem Heiligen machen wollen – während sie seine Ideen verwerfen oder verzerren. Es gab ernstzunehmende Schwächen im Aufstand. Es gab keinen Versuch, einen Generalstreik auszurufen. Am Montag, dem 24. April 1916, fuhren die Straßenbahnen in Dublin noch, und die meisten Menschen gingen ihrem gewohnten Alltag nach. Es gab keine Appelle an die britischen Soldaten.
Nur 1.500 Mitglieder der Dublin Volunteers und der ICA folgten dem Aufruf zum Aufstand. Die Nationalisten hatten sich bereits in die Redmonditen (die parlamentarische irische Gruppe, die den Krieg unterstützte) und den linken Flügel gespalten. Am Vorabend des Aufstands forderte der Führer der Volunteers, Eoin MacNeil, auch noch öffentlich alle Mitglieder dazu auf, zuhause zu bleiben. Wie schon so oft zuvor und seitdem verriet die nationale Bourgeoisie die Sache Irlands.
Der Verrat der nationalistischen Führer kam nicht überraschend für Connolly. Er sah den Kampf um die nationale Befreiung immer von einem Klassenstandpunkt aus. Niemals vertraute er den Bürgerlichen oder den kleinbürgerlichen Republikanern, und er arbeitete stets unermüdlich daran, eine unabhängige Bewegung der Arbeiterklasse aufzubauen, die er als die einzige Garantie für eine Rückeroberung Irlands sah. Seit seinem Tod gab es dutzende Versuche, seine wahre Identität als revolutionärer Sozialist auszulöschen und ihn lediglich als einen weiteren Nationalisten zu präsentieren. Das ist völlig falsch. Eine Woche vor dem Aufstand warnte er die Bürgerarmee: „Die Chancen stehen tausend zu eins gegen uns. Doch sollten wir gewinnen, gebt die Waffen nicht aus der Hand, denn die Volunteers könnten ein anderes Ziel haben. Erinnert euch, wir sind nicht bloß für die politische Freiheit, sondern auch für ökonomische Freiheit.“
Aus militärischer Sicht war der Aufstand von Anfang an zum Scheitern verurteilt – obwohl er weitaus erfolgreicher hätte sein können, wenn ihn die Volunteers nicht hinterrücks verraten hätten. So aber konnte die britische Artillerie das GPO (Zentrum der Rebellen) in die Knie zwingen. Donnerstag nachts, nach vier heroischen Tagen des Kampfes gegen übermächtige Feinde, waren die Rebellen zur bedingungslosen Kapitulation gezwungen.
Obwohl der Aufstand selbst in einer Niederlage endete, hinterließ er eine kämpferische Tradition, die weitreichende Folgen hatte. Das war es wahrscheinlich, was Connolly im Sinn hatte. Insbesondere die Gräueltaten der britischen Armee, die nach einem grotesken Schnellverfahren alle Führer des Aufstands kaltblütig erschoss, lösten eine Welle der Empörung in ganz Irland aus. James Connolly, der so stark verletzt war, dass er nicht mal mehr stehen konnte, wurde gefesselt auf einem Stuhl erschossen. Doch die Briten haben sich verschätzt. Die Kugel, die das Leben dieses großen Märtyrers der Arbeiterklasse beendete, erweckte eine neue Generation von Kämpfern, die darauf brannte, das Unrecht, das Irland angetan worden war, zu rächen.
Der Osteraufstand hallte wie eine Kirchenglocke durch ganz Europa. Nach zwei Jahren der imperialistischen Barbarei wurde das Eis endlich gebrochen! Ein mutiges Wort wurde gesprochen, das über dem Lärm der Bomben und des Kanonenfeuers gehört werden konnte. Lenin nahm die Nachricht vom Aufstand begeistert auf. Dies war verständlich, wenn man seine Position berücksichtigt. Der Krieg erzeugte massive Schwierigkeiten für die marxistischen Internationalisten. Lenin war mit einer kleinen Gruppe von Unterstützern isoliert. Von allen Seiten kamen Kapitulation und Verrat. Der Klassenkampf war vorübergehend stillgelegt. Die Labour Führer gingen in Koalitionsregierungen mit Sozialpatrioten. Die Ereignisse in Dublin standen dem völlig entgegen. Deswegen war Lenin über den Aufstand so begeistert. Doch er hob hervor, dass:
„Das Unglück der Iren besteht darin, daß ihr Aufstand nicht zeitgemäß war, da der Aufstand des europäischen Proletariats noch nicht herangereift ist. Der Kapitalismus ist nicht so harmonisch aufgebaut, daß die verschiedenen Aufstandsherde sich von selbst, ohne Mißerfolge und Niederlagen, sogleich miteinander vereinigen könnten.“ (LW 22, S. 366)
Hätte der Aufstand ein paar Jahre später stattgefunden, wäre er nicht isoliert gewesen. Er hätte mächtige Unterstützung in Form einer revolutionären Massenbewegung gehabt, die aufgrund der Oktoberrevolution ganz Europa erfasste. Doch Connolly konnte das nicht wissen.
Manche bemitleidenswerte Ex-Marxisten, wie Plekhanow, kritisierten den Osteraufstand von einem rechten Standpunkt aus. In einem Artikel in der Nashe Slovo, datiert auf den 4. Juli 1916, verurteilte Trotzki Plekhanovs Bemerkungen über den Osteraufstand als „erbärmlich und beschämend“ und fügte hinzu: „Die Erfahrung des irischen Nationalaufstands ist vorbei… die historische Rolle des irischen Proletariats beginnt gerade erst.“
Bedauerlicherweise wurde diese Vorhersage durch die Geschichte widerlegt. Die Tragödie der irischen Arbeiterklasse bestand darin, dass Connolly im Gegensatz zu Lenin keine revolutionäre marxistische Partei schuf, die mit Theorie ausgestattet seine Arbeit nach seinem Tod fortsetzen konnte. Das war sein größter Fehler und der mit den schlimmsten Konsequenzen. In gleicher Weise wie der Mord an Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht die deutsche Revolution köpfte, nahm der Mord an Connolly der irischen Arbeiterbewegung jede Chance, eine revolutionäre Bewegung gegen den britischen Imperialismus zu führen. Dies war ein hoher Preis!
Connolly gründete die irische Labour-Partei, die über eine feste Basis in den Gewerkschaften und der Arbeiterklasse verfügte. Am Ende des Tages waren es die Arbeiter der ICA, die den Osteraufstand anführten, nicht die kleinbürgerlichen Volunteers. Faktisch spielte Sinn Féin KEINE Rolle im Aufstand, während die irischen bürgerlichen Nationalisten die Bewegung offen verrieten.
Dennoch waren es die Bürgerlichen und Kleinbürger, die nach Connollys Ermordung die Kontrolle über die Bewegung übernahmen. Tragischerweise waren die Führer der irischen Labour-Partei, ohne Connollys Einsicht in die marxistische Theorie, komplett unfähig, die Aufgaben zu bewältigen, die die Geschichte ihnen stellte. Anstatt Connollys Kampf für einen unabhängigen Klassenstandpunkt weiterzuführen, liefen sie den Nationalisten hinterher und traten sogar in den Wahlen nach dem Krieg zugunsten dieser zurück.
Unter der Führung der bürgerlichen und kleinbürgerlichen Nationalisten wurde die Bewegung zuerst in Guerillakämpfe abgelenkt und dann verraten. Verängstigt von der Perspektive einer Revolution schmiedeten die verrotteten irischen Bürgerlichen einen Pakt mit London, um Irland aufzuteilen. Alle Warnungen Connollys über die verräterische Rolle der Bürgerlichen wurden in den schrecklichen Geschehnissen rund um die Spaltung Irlands bestätigt. Die Nachwirkungen dieses Verrats sind bis heute spürbar.
In den letzten 85 Jahren haben die irischen bürgerlichen und kleinbürgerlichen Nationalisten ihre komplette Unfähigkeit unter Beweis gestellt, die Aufgaben des irischen nationalen Befreiungskampfes zu lösen. 1922 unterschrieben die Bürgerlichen die Teilung Irlands. Dieser Konflikt kann nicht auf kapitalistischer Basis gelöst werden. 30 Jahre lang versuchte die 1969 gegründete „Provisional IRA“ das Problem durch eine sinnlose Kampagne von Bombenanschlägen und Schießereien zu lösen. Diese Methoden von individuellem Terrorismus haben nichts mit den Methoden von Connolly und der IRA gemein. Seine Methoden beruhten immer auf Klassenpolitik und sie waren organisch mit dem Proletariat und den Arbeitermassenorganisationen verbunden.
Was haben die Methoden der „Provisional IRA“ nach 30 Jahren erreicht? Über dreitausend Tote; die Zerstörung einer ganzen Generation von jungen Iren; die Spaltung der Bevölkerung des Nordens in zwei feindliche Lager; ein schreckliches Vermächtnis von wahnsinnigem Sektierertum. Und was wurde erreicht? Wurde die Grenzfrage gelöst? Reden wir Klartext: Nach drei Jahrzehnten des sogenannten bewaffneten Widerstands ist die Aussicht auf eine irische Wiedervereinigung weiter weg denn je. Schändlicherweise haben die Führer der „Provisionals“ für ein paar schwache Ministerpöstchen komplett kapituliert. Weder für die Katholiken noch für die Protestanten wurde irgendetwas gelöst.
Dies ist das erbärmliche Erbe von jahrzehntelangem individuellem Terrorismus und eines völligen Mangels an jeglicher klassenpolitischer oder sozialistischer Perspektive. Es stimmt, dass es in der Vergangenheit eine tiefe Spaltung zwischen Katholiken und Protestanten in Nordirland gab. Aber statt einer Spaltung haben wir jetzt eine tiefe Kluft. Nichts davon wäre nötig gewesen, wenn Connollys Ideen und Methoden sich durchgesetzt hätten.
Zu seinen Lebzeiten kämpfte Connolly immer für die Einheit der Arbeiterklasse über alle nationalen oder religiösen Grenzen hinweg. Weil er sich auf den Klassenkampf konzentrierte, konnte er katholische und protestantische Arbeiter gegen ihren gemeinsamen Feind, die besitzende Klasse, vereinen. Dies ist der einzige Weg, der uns aus dem aktuellen Chaos befreien kann. Der einzige Weg, die nationale Frage in Irland zu lösen, ist der revolutionäre Kampf für die sozialistische Revolution! Das war ein Fakt, als Connolly lebte, und hat sich seitdem nicht verändert. Eine Wiedervereinigung Irlands ist nicht möglich, solange die Arbeiterklasse durch konfessionelle Grenzen gespalten ist.
Die sozialistische Revolution in Nordirland ist untrennbar mit der des Südens und Englands verbunden. In anderen Worten: Sie kann nur mit einer proletarischen und internationalistischen Politik gelöst werden. Es gibt immer noch einen Hoffnungsschimmer in Nordirland. Trotz allem sind die fundamentalen Organisationen der Arbeiterklasse, die Gewerkschaften, vereint. Sie sind wahrscheinlich die letzten überkonfessionellen Massenorganisationen, die noch existieren. Das ist das Fundament, auf dem wir aufbauen können! Das wäre zweifellos die Botschaft von James Connolly, wenn er heute noch leben würde.
85 Jahre später ist es notwendig, dass wir alle historischen Fantasien und nationalistischen Mystifizierungen rund um den Osteraufstand überwinden und die Schlüsselrolle des Proletariats erkennen. Welch große Chance wurde mit dem Tod von James Connolly vertan! Doch die neue Generation muss sich diese Lektion zu Herzen nehmen. Connolly scheiterte, weil er nicht, wie Lenin, das notwendige Werkzeug zur Veränderung der Gesellschaft schuf: eine revolutionäre Partei und eine revolutionäre Führung!
Heute stellen wir uns in die Verteidigung des politischen Erbes dieses großartigen Marxisten, Kämpfers und Märtyrers der Arbeiterklasse. Wir müssen Connollys Ideen, die von Leuten, die nichts mit ihm, dem Sozialismus oder der Arbeiterklasse gemeinsam haben, gestohlen und zur Unkenntlichkeit entstellt wurden, retten. Wir müssen weiterhin für Connollys Ideen kämpfen – die einzigen Ideen, die den letztendlichen Sieg garantieren können. Wir müssen die notwendige revolutionäre Organisation aufbauen, die fest auf dem Programm, der Politik und den Methoden des Marxismus steht. Und wir müssen verstehen, dass diese Organisation fest mit jenem Boden verwurzelt sein muss, in dem sie wachsen und gedeihen kann: den Gewerkschaften und Massenorganisationen der Arbeiterklasse in Irland, sowohl im Norden als auch im Süden, und auch auf der anderen Seite der Irischen See.
Der Osteraufstand war ein glorreicher Vorbote dessen, was noch kommen wird. Die Aufgabe blieb 1916 ungelöst. Nun liegt sie auf unseren Schultern. Gewappnet mit den Ideen von Marx, Engels, Lenin, Trotzki – und Connolly – werden wir nicht scheitern!