Agnes Primocic war eine lebende Legende des antifaschistischen Widerstands in Österreichs. Die kommunistische Arbeiterin rettete durch ihr mutiges Auftreten KZ-Häftlinge vor der Erschießung und half dem oö. Widerstandskämpfer Sepp Plieseis beim Ausbruch aus dem KZ. Wir veröffentlichen hier einen Text über sie und ein Interview mit dieser bemerkenswerten Genossin.

 

Unterstütze unsere Abo-Kampagne:
123/100

Eines von den "Tschikweibern"

von Lisl Rizy (www.kominform.at)

Agnes Primocic wurde 1905 in einer Halleiner Arbeiterfamilie geboren, wo sie als eines von sechs Kindern aufwuchs. Bei Ausbruch des 1.Weltkrieges sah sie als Kind zunächst den spontanen Jubel der einrückenden Soldaten und bald darauf die ersten Züge, die mit Verwundeten und Toten zurückkehren. Auch die Lebensbedingungen für die arbeitenden Menschen wurden noch schlimmer.

Im 3. Kriegsjahr erlebte das junge Mädchen zum ersten Mal die Kraft organisierter Aktionen, als sich die Halleiner Tabakarbeiterinnen gemeinsam wehren, um die ihnen zustehenden Lebensmittelrationen zu erhalten.

Eine Begebenheit, die einen bleibenden Eindruck hinterieß. Agnes Primocic arbeitete als Halleiner "Tschikweib", wie die Tabakarbeiterinnen genannt wurden. Unabhängig von der eigenen katastrophalen wirtschaftlichen Situation, führte sie als Betriebsrätin und Gewerkschafterin den Kampf für soziale Gerechtigkeit und für ein menschenwürdiges Leben der ArbeiterInnen.

Von 1933 bis 1938 gab es in Österreich die austrofaschistische Diktatur, den Ständestaat, der 1938 vom deutschen Faschismus abgelöst wurde: Gegen beide Diktaturen hat Agnes Primocic, Mutter dreier Kinder, aktiven Widerstand geleistet. Im Austrofaschismus kam sie vier Mal ins Gefängnis, unter Hitler wurde sie von der Gestapo mehrmals verhört und eingesperrt.

1933 besuchte sie mit einer Arbeiterdelegation die Sowjetunion. 1934 trat sie in die Kommunistischen Partei ein, deren aktives Mitglied sie bis heute ist. Als Folge ihrer politischen Aktivitäten wurde sie damals entlassen, was die wirtschaftliche Situation der Familie schier unerträglich macht, aber nichts an ihrer politischen Tätigkeit änderte. Sie unterstützte Widerstandsgruppen, sammelt für die "Rote Hilfe" Geld für die Familien politisch Verfolgter.. Die Hilfe von Freunden und Nachbarn verhinderte hier das Schlimmste.

Unmittelbar vor Kriegsende, befreit Agnes Primocic gemeinsam mit ihrer Freundin Mali Ziegleder in einer waghalsigen Aktion - indem sie den Kommandanten eines KZ-Nebenlagers in Hallein unter Druck setzen - 17 Häftlinge und rettet sie so vor dem Erschießen.

Nach dem Krieg war sie aktiv politisch am Wiederaufbau beteiligt, arbeitete mit französischen und amerikanischen Militärs und Zivilverwaltung zusammen, war verantwortlich für die Errichtung von Kindergärten und deren Versorgung. Sie verteidigte ab 1945 als kommunistische Gemeinderätin in Hallein weiter die sozialen Rechte der arbeitenden Menschen, einige Zeit war sie Stadträtin für Fürsorge. Auf Grund ihrer kommunistischen Überzeugung ließ sie sich auf keine faulen Kompromisse ein. das Silberne Verdienstzeichen der Republik Österreichs erhielt sie 1985.

Als Pensionistin besuchte sie als Zeitzeugin Schulen, wollte damit durchaus auch politisches Bewusstsein wecken und entwickeln, die Erinnerung wach halten und die Bedeutung der Geschichte für Gegenwart und Zukunft aufzeigen.

Agnes Primocic ist heuer im Januar 99 Jahre alt geworden, aber es klingt noch sehr kräftig, wenn sie sagt: "So bin ich der Meinung, dass es gerade die jetzt Zeit ist, die einen Rückblick auf die nichtdemokratischen Zeiten von 1934 bis 45 braucht!" Aber sie schätzte auch stets realistisch ein, dass viele Menschen nichts von der faschistischen Vergangenheit wissen wollen, weil es ihre Familien und damit ihr Leben zu sehr betrifft und sie auch in der Gegenwart nicht wirklich erkennen wollen, was im Kapitalismus mit den Arbeitenden geschieht. Das macht das Einfache, den Kommunismus so schwer.

Ernst Gold, der bis Beginn der 90er Jahre KPÖ-Gemeindevertreter in der 20.000 Einwohner Stadt Hallein war, bemühte sich besonders die Erinnerung an Agnes Primocic, die 1999 Ehrenbürgerin der Salinen-Stadt wurde, lebendig zu halten. Ein von Ernst Gold angeregtes und von Uwe Bolius, Robert Angst und Kerstin Dresing gestaltetes Filmporträt "Nicht stillhalten, wenn Unrecht geschieht!" lässt Agnes ihr Leben erzählen, mit Lebensfreude, Humor und Kraft.

Ihrer lebendigen Schilderung kann sich kaum jemand entziehen. Sie klagt, wenn überhaupt, nur leise, nur in Nebensätzen an. Stattdessen bleibt ein wie selbstverständlich wirkendes Bild einer Frau, die Zivilcourage hat und weiß wofür und wogegen sie kämpft.

Wie sehr diese Zivilcourage bis in die Gegenwart strapaziert wird, zeigte sich vor Kurzem. Nachdem Primocic in der ORF-Serie "Im Brennpunkt" über ihr Leben als Widerstandskämpferin berichtet hatte, bezichtigte ein Halleiner FPÖ-Gemeindevertreter sie der Lüge: Nie habe es in Hallein "ein KZ" gegeben, also könnten auch keine Menschen vernichtet worden sein, meinte er, die Vergangenheit umlügen zu können. Freilich steht historisch außer Zweifel, dass eine "Außenstelle von Dachau" - wie besagtes Lager bei Hallein - nach den gleichen grausamen Prinzipien geführt wurde wie die anderen Konzentrationslager des deutschen Faschismus.

Das Buch "Nicht stillhalten, wenn Unrecht geschieht", eben erschienen im Verlag Akzente Salzburg, erschließt erstmals das vollständige Interview-Material zum gleichnamigen, 2002 erschienenen Film und ergänzt es durch historische Kommentare zu einem persönlichen Zeitdokument.

Entschlossen, kreativ und mutig

1988 wurde von Eugenie Kain folgendes Gespräch mit Agnes Primocic anlässlich "70 Jahre KPÖ" geführt und in der 1989 erschienenen Broschüre "Frauen der KPÖ. Gespräche und Porträts", im Globusverlag veröffentlicht.

Am Telefon bitte ich Agnes Primocic, sie besuchen zu dürfen. "Am besten du fragst dich erst einmal durch bis zur Salzbergbahn. Dann ist es nimmer schwer. Du erkundigst dich einfach, wo die Agnes Primocic wohnt. Das wissen dort alle, dort kennt mich jedes Kind." Der Weg vom Bahnhof zur Salzbergbahn ist nicht zu verfehlen. Schilder weisen über die Salzach durch die Halleiner Altstadt. Wie aber weiter bei der Salzbergbahn? Um das Orientierungsverlangen zu stillen, frage ich bei einer Bushaltestelle zwei Frauen doch nach der Ehrenthalerstraße. Hilfloses Achselzucken. Die muss in dieser Richtung sein, nein, in der, oder doch eher dort? Die Straßen hier sind vor einigen Jahren umbenannt worden. Was soll denn dort sein, in der Ehrenthalerstraße? Ach so, zur Agnes Primocic wollen S'? Ja, das ist etwas anderes.

"Ich tu das gar nicht gern, dieses Niederschreiben von damaligen Geschehnissen, es hört sich so unwirklich an nach so langer Zeit und zeigt doch nichts von den tatsächlichen Gefühlen, von Sorgen und Ängsten", hat die heute Dreiundachtzigjährige einmal dem oberösterreichischen Historiker Peter Kammerstätter erklärt, der für seine Materialsammlung über die Widerstandsbewegung im Salzkammergut auch ihre Aufzeichnung brauchte. Denn ohne die Unterstützung von Frauen wie Agnes Primocic, ohne ihre entschlossene, kreative und mutige Hilfe hätte diese Widerstandsbewegung - ihr gelang es beispielsweise, die in der Alpenfestung im Ausseer Salzberg gehorteten Kunstschätze 1945 vor der Vernichtung durch die Nazis zu retten - niemals erfolgreich arbeiten können.

Diese Ängste, die kaum nachzuvollziehen sind, diese Sorgen, die einem niemand abnehmen kann. "Mein Mann und mein Sohn waren im Krieg, und ich hatte noch zwei kleine Kinder zu Hause." Schon während der Herrschaft des grünen Faschismus war sie viermal eingesperrt, weil sie für die Rote Hilfe gesammelt hatte, weil man bei einer Hausdurchsuchung Materialien über die Sowjetunion gefunden hatte, weil sie für ein illegales KJV-Treffen ihr Fahrrad und Proviant zur Verfügung gestellt hatte - für letzteres wurde sie zu einem Jahr Haft verurteilt.

"Wie kannst da an dich denken, wenn dich jemand bitt', sein Leben zu retten!"

Als der Mann eingezogen wurde, musste sie ihm versprechen, sich nicht mehr politisch zu betätigen, um sich nicht zu gefährden. Aber das konnte sie nicht: Ich hab' das so gesehen: Wenn ich nix tu gegen diese Tyrannei, heißt das doch, das ich einverstanden bin mit ihr." Also sammelt sie weiter für die Rote Hilfe, und als aus dem Halleiner Steinbruch, einem Nebenlager des KZ Dachau, die Botschaft zu ihr dringt, Möglichkeiten für einen Ausbruch auszukundschaften und Zivilkleidung und Waffen zu organisieren, zögert sie nicht: "Wie kannst da an dich denken, wenn dich jemand bitt', sein Leben zu retten."

Zu dieser Zeit hatte sie mit der Gestapo bereits Bekanntschaft gemacht. Auf den bloßen Verdacht hin, Gelder für die Rote Hilfe weiterzuleiten - nachweisen konnte ihr die Gestapo nichts, weil sie die Gelder mittels Quittungen für Schneidereiarbeiten getarnt hatte -, wurde sie in ihrer Wohnung verhaftet. Zurücklassen musste sie ihre Kinder, die vierjährige Tochter mit einer schweren Lungenentzündung im Bett, die andere, ein drei Viertel Jahr alt, konnte nicht einmal laufen. In den sieben grausamen Wochen im Kerker blieb sie ohne Nachricht von der Außenwelt, wusste nicht, das sich die Nachbarin ihrer Kinder angenommen hatte.

Agnes Primocic verhalf nicht nur dem Spanienkämpfer und späteren Mitbegründer der Widerstandsbewegung im Salzkammergut Sepp Plieseis zur Flucht, sie organisierte auch den Ausbruch von Genossen Leo Jansa und seinen Fluchtweg mit dem Fahrrad von Hallein nach Wien.

Viel wäre zu erzählen von ihrer Entschlossenheit und der Fantasie, mit der sie bei diesen Fluchtvorbereitungen vorging. Nicht einmal das Gefängnis - diesmal wurde sie wegen des Stauffenbergattentats auf Hitler "vorsorglich" eingesperrt - ließ sie diese Vorbereitungen unterbrechen. Während ihrer Haft kam das zerlegte Fluchtfahrrad für Genossen Jansa mit der Bahn an, "da musste ich meine Schwester einweihen", und sofort nach ihrer Entlassung nahm sie den Kontakt mit den Lagerinsassen wieder auf. Ihre Geistesgegenwart rettete sie aus vielen brenzligen Situationen.

Sozialdemokraten haben die Arbeiter verlassen

Aber es ist nicht nur die Unerschrockenheit, das Hintanstellen der eigenen Ängste, das für die Widerstandsarbeit notwendig war. Überlebensnotwendig war die Zusammenarbeit mit Menschen, auf die zu hundert Prozent Verlass war. So eine war Genossin Mali Ziegleder. Schon im Februar 1934 - damals arbeitete Agnes in der Halleiner Tabakfabrik - gingen sie gemeinsam in die Saline, in die Zellulosefabrik und in die Brauerei nach Kaltenhausen, um die Arbeiter von der Notwendigkeit eines Streiks zur Unterstützung des Schutzbundes zu überzeugen.

Allein, es blieben in Salzburg die Halleiner Tabakarbeiterinnen, die in ihrer Fabrik den Streik lückenlos durchführten. Zu diesem Zeitpunkt war Agnes Primocic schon Mitglied der KPÖ. Die Sozialdemokraten hatten sie vorher ausgeschlossen, weil sie in einer Versammlung begeistert über die junge Sowjetunion, die sie im Rahmen einer Eisenbahnerdelegation hautnah kennengelernt hatte, berichtete. "Aber damals wär' ich ohnehin schon von selber gegangen, weil ich gesehen hab', wie die sozialdemokratische Führung immer mehr auslässt und die Arbeiter im Stich lässt."

Mit 17 Jahren hat sie ihr erstes politisches Buch gelesen: August Bebel: Die Frau und der Sozialismus. "Mir hat das imponiert, was er geschrieben hat, vom Matriarchat, und wie das Zusammenleben der Geschlechter sein könnte. In der Fabrik hab' ich immer erzählt, was ich daheim gelesen hab'. Die Arbeiterinnen haben immer gebettelt, komm Agnes, derzähl uns wieder was. Sie haben mir beim Puppenmachen geholfen, das ist das Innere der Zigarre, das die noch weniger geübten Arbeiterinnen machen mussten, und ich hab' ihnen erzählt, was der Bebel schreibt. Die Frauen haben alle drei bis vier Kinder gehabt, verstanden haben sie aber nie, wie das zwischen Frau und Mann sein soll, und Zeit zum Lesen haben sie natürlich auch nicht gehabt."

Das Wissen um die Klassengegensätze haben ihr natürlich nicht nur die Bücher vermittelt. "Da bist hineingewachsen. Sozial gebildet haben wir uns, indem wir mitgetan haben bei den Kämpfen, in denen wir die Rechte gefordert haben, die den Arbeitern zustehen." Als Betriebsrätin der Halleiner Tabakarbeiterinnen hat sie die Methoden der Herrschenden zu spüren bekommen. Aber von Bestechungsversuchen ließ sie sich ebenso wenig beirren wie von massiven Drohungen oder gezielten Verleumdungen.

Nach der Befreiung wurde Agnes Primocic in Hallein Stadträtin für Fürsorge. Sie richtete drei Kindergärten ein, und um der Gerechtigkeit willen ging sie mitunter nicht zimperlich vor. Sie ordnete Hausdurchsuchungen bei Geschäftsleuten an, die es sich schon wieder gerichtet hatten, und ließ deren gehortete Lebensmittel für ihre Kindergärten beschlagnahmen. Als die Amerikaner die Wohnungen der Arbeitersiedlung bei der Salzbergbahn konfiszierten, um sie zwei Jahre später in völlig demoliertem Zustand zu verlassen, ist es Agnes Primocic, die den Kampf um die Rechte der ehemaligen Mieter aufnimmt. Sie strengt einen Prozess an und erkämpft 50 000 Schilling für die Renovierung der Wohnungen.

Aufrechte Menschen

Es gibt viele Gründe, warum man die Straßennamen nicht zu wissen braucht, um zu Agnes Primocic zu finden. Viele haben ihr die Hilfe während und nach der Nazizeit nicht vergessen, viele kennen sie als entschlossene Funktionärin des Mieterschutzverbandes, als engagierte Frauenaktivistin und Friedenskämpferin. Als aufrechten Menschen ganz einfach, der sich nicht dreht wie eine Fahne im Wind.


Unsere Arbeit kostet Geld. Dabei sind wir exklusiv auf die Unterstützung unserer LeserInnen und UnterstützerInnen angewiesen. Wenn dir dieser Artikel gefallen hat, zögere nicht und lass uns deine Solidarität spüren. Ob groß oder klein, jeder Betrag hilft und wird wertgeschätzt.

Der Funke  |  IBAN: AT48 1513 3009 5102 5576  |  BIC: OBKLAT2L

Artikel aus der Kategorie