Ein Kommentar zum bürokratischen Umgang mit dichtenden Genossen in der SJ Steiermark. Von Emanuel Tomaselli.

 

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Es gibt viele revolutionäre Dichter, Majakowski ist einer, Brecht ein anderer. Letzterer dichtete:

In Erwägung ihr hört nur auf Kanonen,
andre Sprache könnt ihr nicht verstehn,
müssen wir dann eben - ja das wird sich lohnen,
die Kanonen auf euch drehn!


Auch der Genosse Ortsvorsitzende der SJ Bruck/Mur wurde am 9. August 2011 von der Muse geküsst und dichtete auf Facebook folgende Zeilen:

„Die Welt wird brennen wie Sterne am Horizont Banken Villen Parlamente alles ist bis auf die Grundsteine abgebrannt… Die Krise sie wird uns alle schnappen doch wir lassen uns nicht mehr täuschen durch die Politattrappen es wird Zeit aufzustehen auf die Straße zu gehen und ein jeder wird verstehen dass die Reichen bald ihr Ende sehen…. Angesicht zu Angesicht werden sie geschlachtet und ihre Gründe an Obdachlose verpachtet wir werden sie entmachten diese Schweine wie sie über uns lachten doch ihren Reichtum werden wir uns stehlen danach werden wir sie quälen….. Reiche entmachten jetzt!!“

Der Bezirksvorsitzende bewunderte die Geschwindigkeit mit der sein Genosse diese Lyrics hingeworfen hat und drückt „Gefällt mir“.

„Reiche entmachten jetzt“ ist sicher richtiger als sie nur besteuern zu wollen. Und auch sonst atmen diese Zeilen den Geist, der sich in den Straßen Madrids, Athens, Lissabons, Tel Avivs zu Massendemos der „empörten Jugend“ zusammenballt. Alle denkenden und fühlenden Menschen sagen sich heute, dass es auch in Österreich Zeit wird, dass sich was ändert. Tatsächlich ist es Zeit auf die Straßen zu gehen, und das Ziel muss sein, dass die Herrschenden ihr Ende sehen. Dies muss der Anspruch einer Linken sein, die sich selbst auch ernst nimmt.

Andere tun dies. Der Herausgeber der seriösesten heimischen bürgerlichen Zeitung, Michael Fleischhacker, fühlte sich am 20. August in einem einseitigen Leitartikel verpflichtet zu argumentieren, dass „das Recht an Produktionsmitteln nicht der Allgemeinheit sondern dem Einzelnen zusteht.“ Hallo, guten Morgen, Genossen und Genossinnen! Wenn auch ein Fleischhacker die Frage im Sinne seiner Klasse beantwortet, so hat er doch einen entscheidenden Vorsprung: Er stellt zumindest die richtigen Fragen!

Auch die Lyrics aus der Obersteiermark beschäftigen sich mit diesen relevanten Dingen. Doch wo steht ihr? Nehmen wir einen andern SJler aus der Steiermark. Max Lercher etwa hat deutlich gemacht, dass es für ihn keine Alternativen gibt: Keine Alternative zum Sparen, keine Alternative zur Großen Koalition, keine Alternative zum Kapitalismus, keine Alternative zum Funktionsverbot für die dichtenden Brucker Genossen. Warum machen er und seinesgleichen sich die Hände schmutzig für ein Geschäft, das nicht das unsere ist? Lernt denken! Wutbürger und Zornbanken, das ist eine Realität, die nicht mehr verschwinden sondern sich intensivieren wird. Destruktive Züge nimmt die Wut an, wenn die Arbeiterbewegung neben den Schuhen steht, der Realität entfremdet und dem Empfinden der Menschen (die man vorgibt zu vertreten) meilenweit entrückt ist. Linksradikalismus ist der Preis den man für den Verrat des Reformismus bezahlen muss, das wusste Lenin schon 1920.

Tatsächlich ist es Stumpfsinn und ein politischer Fehler, Reiche schlachten zu wollen. Sie sollen leben, so wie wir - ohne Kapital und die Macht über andere Menschen. Sie dürfen sich artikulieren, so wie wir – im Facebook und von Mund zu Mund, ja sie sollen sogar Zeitungen machen dürfen und die vor den Betrieben verkaufen dürfen – so wie wir (die Fernsehanstalten, die übernehmen allerdings die Arbeitenden und ihre Delegierten). Aus ihrer Charaktermaske „Kapital“ herausgerissen werden wir entdecken, dass nicht wenige von ihnen persönlich nette Kerls und dufte Tanten sind.

Eine Vermutung liegt nahe: Die Genossen in der Obersteiermark haben drauflos gedichtet und aus ihrem Herzen keine Mördergrube gemacht. Wer wünscht es sich denn nicht, es dem Gegner mal so richtig heimzuzahlen? Denen, die uns täglich verlachen mal zeigen was eine Kante ist. Jeder hat solche Phantasien, und die sind underdog, unfruchtbar und zugleich zutiefst menschlich. Gerne würde ich argumentieren können, dass die Genossen in der Obersteiermark unter den von ihnen verhassten Politattrappen ihren eigenen Landesvorsitzenden meinen. Einer der ausgezogen ist und eine starke Sozialistische Jugend aufgebaut hat, und heute immer, aber auch immer auf der falschen Seite steht. Allein das kann ich hier nicht behaupten, weil Max Lercher auch nach seinem Verrat an den Prinzipien und Beschlüssen der Sozialistischen Jugend im steirischen Landtag noch bis zuletzt große Autorität in der SJ Steiermark besessen hat, auch in Bruck/Mur.

Dieser Max ist tatsächlich ein steirischer Sturschädel. Einmal die Hand gehoben für das historische Sparpaket, das den Armen und Behinderten in der Steiermark 25 Prozent ihrer Gelder geraubt hat, geht er diesen Weg nun weiter. Dieses Phänomen ist nicht neu. Wer einmal nach links schlägt, der tut es wieder. Dies ist in der SJ Wien der Fall, und nun auch in der Steiermark. Die Genossen Dichter mit der dümmlichen Zeile zwischen viel Wahrheit - bisher noch geschätzte Funktionäre der Bewegung - werden ihrer Funktionen enthoben und vor ein Schiedsgericht gestellt. Diesmal vertritt Max Lercher nicht das Interesse der Bürgerlichen in ihrer Gesamtheit – sondern nur jenes des rechten Randes der Bourgeoisie.

Es war der Ring Freiheitlicher Jugend, der den Text entdeckt hat und sofort skandalisierte. Eine Schmutzkübelkampagne zieht sich seit über zwei Wochen durch Homepages der deutschen und österreichischen rechtsextremen Szene – was auf eine dementsprechende Vernetzung der obersteirischen Jungfreiheitlichen hindeutet. Ein Blick auf ihre Homepage zeigt wessen Geistes Kind sie sind: „Antifa in Österreich gegründet – ihre Ziele: Terror und Gewalt“ „Kroate überfällt Trafik in Kapfenberg“ „Obmann der SJ Bruck will Reiche abschlachten! UPDATE: Er tritt zurück.“ Der RFJ Bruck/Mur ist ein rechter Haufen.

Nun, in die Hitze des Sommerloches hat diese Episode der dichtenden Genossen den Weg in die Mainstreammedien gefunden. Anstatt zu relativieren, anstatt zu sagen „Die Genossen haben da was falsch verstanden, wir wollen niemanden schlachten sondern nur ihre Produktionsmittel enteignen. Es handelt sich hier um einen dümmlichen Reim in einem an sich interessanten Vers, eine Passage, die nicht unserem Programm entspricht, sondern allein der individuellen künstlerischen Freiheit entspringt. Wir werden dafür Sorge tragen, dass die Genossen das Grundsatzprogramm der Sozialistischen Jugend besser verstehen und ein dementsprechendes Bildungsprogramm durchführen.“, anstatt sich also vor die Genossen zu stellen, zögert Max Lercher nicht und stellt seine Genossen, die ihn noch bis vor kurzem trotz aller Verfehlungen seinerseits als politische Autorität anerkannten, vor die Türe. Und vor dieser Türe werden sie diffamiert in den Massenmedien, auf faschistischen Homepages bedroht, ihre Bilder und Namen werden zirkuliert. Dies ist unerträglich.
Lassen wir nicht zu, dass so mit Genossen umgesprungen wird!

Gegen die Linke zu schlagen, hat in der SJ wieder Methode. Angefangen hat es vor fünf Jahren mit dem Putsch in Floridsdorf, aufgehört hat es seither nie. Weil es grad so in ist, ein FB-Kommentar eines GPA-Hauptamtlichen vom 26. August: „früher hat man für funktionsverbot wenigstens noch trotzkistische splittergruppen aufbauen müssen, so ändern sich die zeiten.... :) “

Der Kollege hat recht. Es wird nach links geschlagen, nach links geschlagen, nach links geschlagen. Und nach rechts wird gebuckelt. Die Genossen aus Bruck gehören keiner der verteufelten linken Strömungen in der SJ an. Sie haben sich die Freiheit genommen zu schreiben, was sie sich denken. Diese Freiheit müssen sie haben. Insbesondere in der Sozialistischen Jugend.

Daher: Nein zum Funktionsverbot! Nein zu disziplinären Maßnahmen! Für eine breite Solidarisierung mit den Genossen der SJ Bruck/Mur!


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