Spitäler. Amtsträger reden von „ethischen Therapieentscheidungen“, Angehörige und Personal nennen es „Triage“. Emanuel Tomaselli berichtet, wie dem öffentlichen Gesundheitssystem die Luft ausgeht.

 

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Ein durchschnittlicher COVID-Intensivpatient ist aktuell Mitte Fünfzig, steht im Arbeitsleben und hat keine schwere Vorerkrankung. Die multi-morbiden Alten und Kranken sterben also wo anders: in Heimen (besonders in den privatisierten Einrichtungen der Steiermark), auf Normalstationen und vermehrt auch zu Hause, v.a. in Kärnten.

Gesamthaft sind im November etwa um die Hälfte mehr Menschen gestorben als im November-Durchschnitt der letzten fünf Jahre. Damit hat Österreich eine der höchsten Übersterblichkeitsraten in Europa. Jetzt tönt der Bundeskanzler nicht mehr, dass unser Land „besser als andere“ sei, jetzt wurde wieder mal was „reingeschleppt über die Balkanroute“.

Doch COVID ist keine Naturkatastrophe und kein Migrationsproblem (Wien hat die höchste Rate an Migranten und die niedrigste bei COVID), sondern eine Pandemie, der man begegnen könnte. Dazu braucht es allerdings eine politische Prioritätensetzung, die Menschenleben über den Profit stellt. Und dies wird von der Regierung nicht gemacht und von den Führungen der Arbeiterbewegung nicht eingefordert.

Was sich seit dem Frühjahr in den Spitälern verbessert hat, ist die Ausstattung mit Schutzmaterial und das Aufstellen von COVID-Betten. Was man – einmal mehr – ignoriert hat, sind professionelle Arbeitsbedingungen.

„Arbeiten am Limit“

So nennt es eine Pflegerin im Gespräch mit unserer Zeitung. Diese Wahrheit ist Teil einer manipulativen Medienstrategie der Regierung geworden. Die ehemaligen HeldInnen werden nun als überforderte Opfer stilisiert, als mahnende Warnung an die Bevölkerung, nicht krank zu werden. Was das Pflegepersonal überfordert, ist Profitpolitik und Managementfehler:

  • Jahrelange Personalknappheit, was heuer permanente Überarbeitung bedeutet.
  • Keine Berücksichtigung in der Personalplanung, dass COVID-Akut-PatientInnen mehr Betreuung erfordern als andere Intensivbehandlungen. Der geplante Betreuungsschlüssel ist zu niedrig und lässt sich in der Praxis nicht umsetzen (siehe Funke 187).
  • Mangelnde bis keine Einschulungen in die neuen Aufgaben.
  • Normalstationen (auch solche, die in der ersten Welle hervorragende Arbeit geleistet haben) werden geschlossen, um Wechselpersonal zu generieren. Dies führt zu Unruhe und Konflikten zwischen Stamm- und Wechselpersonal.
  • Das Schließen von Stationen hat weitreichende Folgen für die Rotation im Spital und das Patienten-Entlassungsmanagement. Es kommt zu einem Patienten-Rückstau.
  • Pflegeheime und mobile Dienste spreizen sich dagegen, Patienten nach der Akutbehandlung zu übernehmen, weil sie selbst zu wenig Personal beschäftigen.
  • In diesem politisch verursachten Chaos des Ressourcenmangels halten sich die Leitungsebenen den Rücken frei, indem sie sich offensiv weigern, Anordnungen ans Personal schriftlich zu formulieren. Damit wird die Verantwortung für „gefährliche Pflege“ auf die PflegerInnen am Bett abgeschoben.

Sozialpartnerschaft tötet

„Es gibt keinen klaren Gegner. Bei der Optierung war es allen klar: es liegt eine Ungerechtigkeit des Dienstgebers vor, jetzt aber ist eine Pandemie. Man nimmt wahr, dass die Regierung nicht konklusiv handelt, gleichzeitig ärgert man sich über Schulschließungen. Man ist zornig, und weiß nicht gegen wen“, so eine Intensivpflegerin im Gespräch über die Stimmung. Diese Unklarheit liegt in der Untätigkeit der Gewerkschaft und der politischen „Opposition“ begründet. Die „Initiative Gesundheit“ (eine Initiative mehrerer Gewerkschaften, siehe Funke 186) hat außer (schlechter) Pressearbeit gar nichts getan, um ihre Forderungen (u.a. mehr Personal) durchzusetzen. In der Praxis hat die Gewerkschaft younion ohne jegliche Debatte eine 1,45% Lohnerhöhung abgeschlossen und dies als „Erfolg“ verkauft. Dies wurde von der Belegschaft mit Spott und Hohn quittiert.

So kann kein neues Personal gewonnen werden. Im Gegenteil, in den öffentlichen Spitälern werden Kündigungsschreiben aufgesetzt, viele wollen so nicht mehr arbeiten – und es gibt Alternativen, etwa im wachsenden und besserdotierten, privaten Gesundheitssektor.

Personalreserven gäbe es, Tausende haben den Sektor verlassen, und Tausende sind in Ausbildung. Eine engagierte Politik würde darum kämpfen, diese KollegInnen an die Betten zu bekommen. Dies bleibt die Grundvoraussetzung um die Arbeit in der Gesundheitsversorgung erträglich zu gestalten und eine adäquate Behandlung der PatientInnen zu sichern. Sozialpartnerschaft im Jahr 2020 heißt hingegen, sich mitschuldig machen an der größten humanitären Katastrophe der 2. Republik.

Kämpferische Krankenhäuser!

Das Gesundheitspersonal macht weltweit tiefe Erfahrungen, was Profitgier bedeutet. In vielen Ländern steht es an der Spitze der gewerkschaftlichen und politischen Kämpfe gegen Sparpolitik und Privatisierungen. Auch in Österreich erinnern sich hunderte AktivistInnen auf überfüllten Stationen dieser Tage an die erfolgreiche Bewegung für die Optierung in ein besseres Gehaltsschema im Wiener Gesundheitsverbund. An dieser Perspektive halten wir weiter fest: Wir sind nicht euer Schlachtvieh! Wir sind weder HeldInnen, noch Opfer, wir sind professionell arbeitendes Gesundheitspersonal und werden uns den Respekt für unsere Arbeit zurückerkämpfen!

Der Funke und die „Liste Solidariät“ organisieren über die kommenden Wochen hinweg die (online-) Debattenreihe „Kämpferisches Krankenhaus: Jetzt reden wir“, zu der Interessierte herzlich eingeladen sind.

(Funke Nr. 189/ 10.12.2020)


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