Im Jahr 2002 fassten die ArbeiterInnen in der Plastikfabrik Cipla in Joinville/Brasilien den Entschluss ihr Unternehmen vor dem sicheren Untergang zu retten. Der Eigentümer und das Direktorium des 653 ArbeiterInnen beschäftigenden Betriebes wurden nach dem Beschluss der Betriebsversammlung buchstäblich auf die Straße gesetzt. Seither erholt sich das Unternehmen wirtschaftlich, bietet gänzlich neue Sozial- und Arbeitsbedingungen und mauserte sich zum Zentrum des Kampfes um Arbeitsplätze und Sozialstandards. Emanuel Tomaselli berichtet aus Brasilien.

Cipla produziert Plastikpressteile, Fertigprodukte wie Gießkannen, Wannen, Fässer, Klobrillen usw. sowie Zwischenprodukte für die weiterverarbeitende Industrie, z.B. für die Autoindustrie in Sao Paolo. Seit das Unternehmen unter ArbeiterInnenkontrolle produziert, werden zudem innovative Produkte wie Fertigteilhäuser für den sozialen Wohnbau oder Mechanismen zur Klärung von Haushaltsabwässern, die in Brasilien zu 80% ungeklärt entsorgt werden, entwickelt. Schon auf den ersten Blick merkt man, dass hier was ganz besonderes passiert: das Unternehmen ist gut in Schuss, die Anlagen sehr sauber und gut organisiert, die einst stickigen Fabrikhallen werden nun durchlüftet. Am auffälligsten aber ist der Stolz der ArbeiterInnen auf ihre Fabrik und ihre neuen Arbeitsbedingungen.

Die neue Arbeitsorganisation

Das höchste Gremium von Cipla ist die Generalversammlung der ArbeiterInnen. Diese wählt einen Fabrikrat, der sich aus 20 von der Vollversammlung gewählten KollegInnen sowie je zwei VertreterInnen jeder Schicht zusammensetzt. Pro Schicht also zwei zusätzliche Delegierte, momentan sind das 6 ArbeiterInnen aus der Produktion, die im Dreischichtbetrieb geführt wird, sowie 2 Angestellte, die zusätzlich noch die MitarbeiterInnen aus den Büros, der Kantine und dem Call Center repräsentieren. Damit besteht das Leitungsgremium derzeit aus 28 KollegInnen. Der Fabrikrat wählt aus seinen Reihen Komitees für Verwaltungs- und Finanzangelegenheiten, die für die tägliche Leitung der Fabrik verantwortlich zeichnen. Um hier einer neuen Managerkaste vorzubeugen, sind in diesem Komitee auch aus jeder der drei Produktionsschichten und der Administration je ein/e KollegIn gleichberechtigt vertreten. Anfangs haben sich diese KollegInnen, so Serge Goulard, der politische Mastermind der brasilianischen Fabrikbesetzungen und selbst Mitglied dieses am häufigsten tagenden Leitungsausschusses, gegenüber der Überzahl von technischem und administrativem Personal schwer getan sich zu artikulieren. Heute jedoch nehmen diese KollegInnen eine zentrale Rolle ein, sie üben de facto ein Vetorecht aus, wenn sie in einer Diskussion sagen, dass dieser oder jener Schritt von ihren KollegInnen in der Produktionsstraße nicht akzeptiert werden würde.
Alle Leitungsfunktionäre sind jederzeit wähl- und abwählbar. Generell finden die Wahlen im Oktober statt, aber in zwei außerordentlichen Generalversammlungen wurden bereits einzelne Funktionäre ausgetauscht. Das Wahlprozedere ist nicht festgeschrieben, wird im Normalfall aber in offener Handabstimmung durchgeführt. Nur einmal wurde der Ruf nach geheimen Wahlen laut, diesem wurde auch stattgegeben, die vorgeschlagene Liste wurde jedoch mit neunzig Prozent der Stimmen gewählt.

Der Finanzverantwortliche legt täglich das Konto, alle Ein- und Ausgänge offen. Das Prinzip lautet: zuallererst müssen die laufenden Ausgaben für die Grundstoffe sowie die Löhne bezahlt werden können, der Rest des Geldes steht für die Entwicklung des Unternehmens und der Menschen, die darin arbeiten, zur Disposition.

Anders als in einem normalen kapitalistischen Unternehmen ist auch die Handhabe von Entlassungen und Einstellungen. In den letzten 12 Monaten verließen etwa 50 ArbeiterInnen das Unternehmen. Die Hälfe aus privaten und familiären Gründen. 25 ArbeiterInnen und Angestellte wurden jedoch gekündigt. Der einzige Entlassungsgrund bei Cipla sind disziplinäre Gründe. Wenn ein solcher vorliegt, wie etwa Diebstahl oder Alkoholismus am Arbeitsplatz, wird dem Betroffenen dreimal die Möglichkeit der Rehabilitation eingeräumt. Im Fall von Alkoholismus etwa werden dem Betroffenen Therapiemöglichkeiten zur Verfügung gestellt. Nützt dies nichts wird ein Entlassungsvorgang eingeleitet, der Gültigkeit hat wenn drei gewählte Ebenen zustimmen. Der/dem Entlassenen kann dagegen berufen. In drei Fällen wurde der Berufung stattgegeben, sie wurden wieder in die Fabrik aufgenommen, ihre Löhne im Nachhinein nachbezahlt.

Die BewerberInnen für Neueinstellungen präsentieren sich vor einem technischen Komitee, das die berufliche Qualifikation feststellt. In einem zweiten Schritt werden die BewerberInnen über die politische Situation in und rund um die Betriebe aufgeklärt.

Kooperation mit dem revolutionären Venezuela

VertreterInnen der besetzten Fabriken Brasiliens nahmen 2005 am 1. Lateinamerikanischen Treffen der besetzten Betriebe in Caracas teil und verabschiedeten dort ein Kooperationsabkommen mit der venezolanischen Regierung. Das sogenannte „Venezuela-Projekt“ der Cipla wurde so geboren. Die Fabrik bezieht viele Grundstoffe wie etwa Polyethylen von der neu geschaffenen staatlichen Unternehmensgruppe Pequiven. Im Ausgleich dafür haben sich die KollegInnen von Cipla dazu verpflichtet in Venezuela 6 Fabriken mit der Jahreskapazität von 60.000 Fertigteilwohnungen zu installieren. Die erste Fabrik wird gerade im Bundesstaat Carabobo errichtet. Innerhalb einer Woche stellten die KollegInnen einen 40 m² großen Prototyp zukünftiger Sozialwohnungen in Venezuela auf ihrem Fabrikgelände aus. Das Haus besteht aus Hartplastikfertigteilen, die mit Flüssigzement verfestigt werden. Die Projektgruppe in der Cipla wickelt das gesamte Projekt in Venezuela ab. Der gewählte Haustyp soll aber statt der vorgeschlagenen 40m² nun 70 m² haben und etwa 10.000 Dollar kosten.

Interessant sind auch die Erfahrungen der KollegInnen von Cipla mit der Bürokratie in Venezuela. Einerseits ist es ein Theater, dass die bestellten Grundstoffe pünktlich geliefert werden, andererseits erfuhren sie am eigenen Leib, wie die Bürokratie die Energie und den Wohlstand des Landes verschwendet. Statt einem Gespräch müsse das gleiche zehnmal durchdiskutiert werden, und dann passiert nur ein Viertel und der Prozess gehe von vorne los, so die KollegInnen der Cipla. Und allein das Fundament der Fabrik in Maracay habe das neunfache (!) von ihrem Kalkulationspreis gekosten. Zu viele BürokratInnen halten bei jeder Gelegenheit ihr Händchen auf, so die Einschätzung.

Der Leiter der Projektgruppe betont, dass dies für die Cipla selber ein wenig profitables Projekt sei, und sie dies aus politischen Gründen machen würden. Sie sind der Überzeugung, dass nur eine zahlenmäßig starke und gut organisierte ArbeiterInnenklasse den Erfolg der bolivarischen Revolution garantieren kann, und durch ihre Maßnahem werden Tausende Arbeitsplätze in Venezuela geschaffen werden. Gleichzeitig mit der Erstellung der Fabrik begannen die Vertreter der Cipla mit der Organisierung der zukünftigen Gewerkschaft in den Betrieben. Gleichzeitig nehmen die KollegInnen an den Aktivitäten der Front der bestezten Betriebe in Venezuela (FRETECO) teil und nehmen eine wichtige Beratungsrolle in der aktuellen Fabrikbesetzung in Sanatarios Maracay ein.

Sozialismus in einem Betrieb?

Cipla ist zentraler Teil von vier unter Arbeiterkontrolle funktionierenden Fabriken im Süden Brasiliens. Doch die führenden politischen Kader der Fabrik sind sich bewusst, dass Cipla in einem kapitalistischen Markt funktionieren muss und der Kapitalismus über den Markt täglich in die Fabrik hineinregiert. Stechuhren gibt es hier wie in jedem anderen großen Unternehmen, die Befreiung von der Lohnarbeit muss in einer kapitalistischen Gesellschaft Stückwerk bleiben, auch in einer Fabrik unter Arbeiterkontrolle. Die Besetzung der Fabrik wird vielmehr als Notlösung gesehen, um die Industrieanlagen und das damit verbundene Einkommen zu sichern. Die zentrale Übergangsforderung der Belegschaft ist die Verstaatlichung des Unternehmens unter ihrer Kontrolle, als nächster Schritt zu dieser Absicherung der Arbeitsplätze. Die Produktionskapazitäten sollen, ginge es nach der Fabrikleitung, für Sozialprogramme der Regierung Lula zur Verfügung gestellt werden. Dieser jedoch stellt sich gegenüber den Forderungen der Belegschaft der vier besetzen Betriebe taub. Die große politische Vision der politischen Führer des Kampfes der Cipla ist die völlige Überwindung des Kapitalismus, der, so sind sie sich sicher, nicht über ein langsames Hinüberwachsen, sondern nur durch einen vollständigen Bruch mit der kapitalistischen Produktionsweise erreicht werden kann. Cipla sieht sich daher nicht als Teil einer von der reformistischen Linken angepeilten „Solidarwirtschaft“, sondern vielmehr als „Schule des Sozialismus“ mit Vorbildcharakter für die gesamte brasilianische und lateinamerikanische ArbeiterInnenklasse.

Die Unterschiede zwischen einer „solidarwirtschaftlichen“ Genossenschaft und einem Betrieb unter ArbeiterInnenkontrolle sind keineswegs zweitrangig und ziehen sich durch das gesamte Unternehmen durch. Sofort auffällig ist die Betonung von Qualität und Produktivität. Cipla agiert nicht in einem Nischenmarkt sondern muss sich auf dem „Markt“ durchsetzen, Produkte billiger und in besserer Qualität produzieren. Hier gibt’s keine alternative Gemütlichkeit. Von einem „fairen“ Tauschhandel von Gießkannen mit Bananen, davon könnten die 653 ArbeiterInnen und Angestellten nicht leben.

Politischer Kampf

Cipla gehört offiziell noch immer dem ehemaligen Unternehmer, allein er hat keinen Zugriff mehr auf das Unternehmen. Die Fabrik befindet sich quasi im rechtsfreien Raum, und das wird solange so bleiben bis die Forderung nach der Nationalisierung der Fabrik politisch durchgesetzt ist. Für die Führung des Unternehmens ist es ausgeschlossen, dass eine Zwischenlösung in Form einer Genossenschaft abgeschlossen wird. Dies würde aus den Beschäftigten Kleineigentümer machen, und die Belegschaft aus der ArbeiterInnenbewegung abspalten, was auf jeden Fall verhindert werden soll. Der rechtsfreie Raum, in dem sich die besetzten Betriebe bewegen, wird durch eine permanente Mobilisierung zugunsten der Belegschaft gehalten. Der Konflikt, der zur Besetzung und Aussperrung des Eigentümers führte, wurde sehr hart geführt. Die Belegschaft verstand es dabei die Unterstützung der gesamten Stadt zu bekommen. Vor der Fabrik entstand eine riesige Zeltstadt in Solidarität mit den ArbeiterInnen. Der Zeitpunkt der Besetzungen von Cipla und ihrem Schwesterbetrieb wurde zudem bewusst in einer heißen politischen Phase unternommen: in der letzten Woche des Wahlkampfes, aus dem Lula als Sieger hervorging. Die ArbeiterInnen zwangen lokale und regionale PolitikerInnen von Lulas Arbeiterpartei PT sich im Betrieb und der Zeltstadt für sie auszusprechen. Dieses Unterstützungsnetzwerk wird bis heute aufrechterhalten und ist der einzige Schutz der Belegschaft vor der Rückkehr des Unternehmers. So existiert etwa eine Abmachung mit dem regionalen Polizeichef, dass jedes Mal wenn ein Gerichtsurteil die zwangsweise die Räumung der Fabrik anordnet, die Polizei bekannt gibt, dass sie nicht genügend Kräfte habe, dies zu bewerkstelligen. Diese, der Polizei abgerungene Forderung ist mittlerweile auch beim Gericht bekannt, und die Richter, die klarerweise nicht an einer permanenten Beugung des „Rechtsstaates“ interessiert sind, verzögern alle Gerichtsverfahren, in denen die Eigentumsfrage bei Cipla gestellt wird.

Der Umgang mit dem bürgerlichen Staat an sich ist, um es leger auszudrücken, schleißig. Man kann sich etwa vorstellen, was in einem Finanzbeamten vorgeht, wenn er statt der jährlichen Steuererklärung ein politisches Manifest auf den Tisch bekommt. Darin steht in etwa Folgendes: „Wir werden keine Steuern zahlen, weil wir kein Geld dafür haben. Wir brauchen den Profit unserer Arbeit, um ihn in der Fabrik zu reinvestieren und unsere sozialen Leistungen zu finanzieren. Falls was übrig bleiben würde, würden wir euch gern was abgeben, aber das ist nicht der Fall. Gerne jedoch unterstützen wir die Verstaatlichung des Unternehmens unter Beibehaltung der jetzigen Arbeitsverfassung.“

Andererseits gelang es den ArbeiterInnen immer wieder eine Reihe von Menschen, die die Rückkehr vom Unternehmer betrieben, hinter Schloss und Riegel zu bringen. So tauchte etwa ein „Bischof“ samt Gefolge an Priestern und Ministranten im Betrieb auf, um das gottlose Treiben in der Cipla abzustellen. Es stellte sich rasch heraus, dass dieser Bischof seine Würden nicht von Gott und Papst, sondern allein vom ehemaligen Unternehmer bezogen hatte. Dieser Hochstapler hat sich darauf spezialisiert in ganz Brasilien ArbeiterInnen, die sich in einem Arbeitskonflikt befinden, zum Guten zu bekehren. Er fand in den ArbeiterInnen von Cipla schließlich seinen weltlichen Meister. Er sitzt heute im Gefängnis von Curitiba und soll dort unter den Inhaftierten für die Gründung einer neuen Kirche werben.

Diese politische Arbeit wird vom `Comite Movilisao` betrieben. In diesem Komitee sind die politisch aktivsten KollegInnen organisiert. Für ihre politische Arbeit werden sie bei vollen Bezügen von der Lohnarbeit freigestellt. Ihr wichtigstes Instrument ist ihre im zweiten Jahrgang erscheinende Zeitung „Fabricas Occupadas“. Um die Belegschaften über den Betrieb hinaus zu organisieren wurde die „Associacao Ferreirinha“ (AF) gegründet. Die Mitgliedschaft in dieser Organisation ist für alle ArbeiterInnen offen, und die Teilnahme an ihr ist freiwillig. So sind in der Cipla in etwa 80 Prozent der Belegschaft organisiert, in der Interfibra sind es 90 Prozent. Der Mitgliedsbeitrag beträgt 0"5 Prozent der Lohnsumme, die Mitgliedschaft muss jedes Jahr erneuert werden. Eine Zwangsmitgliedschaft wird abgelehnt, da man davon ausgeht, dass die klarerweise erwünschte Mitgliedschaft aus eigener politischer Überzeugung erfolgen soll. Damit stellt sie einen wichtigen Gradmesser für die Stimmung in den Betrieben dar. Mit den Mitgliedsbeiträgen wird der politische Kampf der besetzen Fabriken finanziert. Die so aufgebrachte Summe reicht jedoch nicht aus. Deshalb wird bei jedem Vortrag, den die AF organisiert, eine Sammlung für den politischen Kampf durchgeführt. Man wendet sich auch an gewerkschaftliche Basisorganisationen, an Befreiungstheologen und ihre Gemeinden, die Landlosenbewegung usw. In den Vorträgen wird die Bedeutung des Kampfes der besetzten Betriebe erklärt. Der politische Kampf um die Verstaatlichung der Unternehmen ist völlig selbstfinanziert. Kein Real wird aus dem wirtschaftlichen Bereich des Unternehmens dafür verwendet. Der Erfolg der Solidaritätsarbeit liegt auch darin, dass man mit der Unterstützung der Cipla/Interfibra nicht nur der dortigen Belegschaft was Gutes tut, sondern auch sich selbst im eigenen Betrieb. Seit der Besetzung der zwei Betriebe in Joinville gab es keine Massenentlassungen in der Stadt mehr, einmal versuchte eine Metallfabrik 1000 ArbeiterInnen auf die Straße zu setzten, ließ aber davon ab, nachdem eine Delegation von Cipla/Interfibra vor dem Fabriktor erschien. Das politische Kräfteverhältnis ist der zentrale Schlüssel zum Erfolg: Gesetze, Unternehmerentscheidungen, Polizei, alles wird durch die Mobilisierung aufgewogen und ausgehebelt. Gleiches gilt für das Bündnis mit der Bewegung der Landlosen MST. Die KollegInnen unterstützen alle Kampagnen der MST, nahmen etwa auch am 60tägigen Marsch in die Hauptstadt Brasilia teil. Dreimal wöchentlich können die Landlosen in einem extra auf dem Fabrikgelände eingerichteten Marktraum ihre Produkte verkaufen. ArbeiterInnen der besetzten Betriebe kaufen zu einem Sonderpreis ein, der Markt ist jedoch für die BewohnerInnen des gesamten Viertels offen.

Ein zentraler Unterschied zwischen ArbeiterInnenkontrolle und Solidarwirtschaft liegt auch im Umgang mit der Gewerkschaft. Die regionale Chemiearbeitergewerkschaft des Bundesstaates Santa Catherina ist eine gelbe Gewerkschaft, die keinem Dachverband und schon gar nicht dem nationalen Gewerkschaftsdachverband CUT, angehört. Trotzdem rufen die politischen AnführerInnen des Kampfes in den besetzten Fabriken dazu auf Mitglied dieser Gewerkschaft zu werden und diesen Zustand zu ändern. Solange dieses Ziel nicht erreicht ist, kooperieren die KollegInnen hauptsächlich mit dem nationalen Chemieverband der CUT. Jeder soziale Fortschritt in der Fabrik wird in Form eines Kollektivvertrages mit der CUT abgeschlossen. Dies ist ein Bekenntnis zur ArbeiterInnenbewegung, und die Betriebsvereinbarungen in Cipla/Interfibra liegen deutlich über dem Landesschnitt. Mit der Absegnung durch die Gewerkschaft möchte man auch erreichen, dass das generelle Niveau der Betriebsvereinbarungen erhöht wird. ArbeiterInnen in allen Fabriken sollen sich auf die Betriebsvereinbarung in Cipla/Interfibra berufen können, um selbst eine bessere Verhandlungspositionen zu haben. Augenzwinkernd fügen die KollegInnen in der Cipla hinzu, dass dies nicht unbedingt allen Gewerkschaftshauptamtlichen recht sei. Denn Cipla ist eine Vorzeigefabrik was die Produktivität betrifft und bietet gleichzeitig unglaubliche Sozialstandards, nicht nur für brasilianische sondern auch für österreichische Verhältnisse. „Das geht nicht! Das können wir uns nicht leisten! Das schädigt den Standort!“ wird hier täglich widerlegt; lassen wir die Tatsachen sprechen.

ArbeiterInnenkontrolle konkret

Im letzen Monat der privatkapitalistischen Diktatur über das Unternehmen, wurden Waren im Wert von 240.000 Euro verkauft, im letzten Monat waren es 720.000 Euro, und dies obwohl das geschäftliche Umfeld für die Fabrik nicht eben besser geworden ist. Einige Kunden, wie etwa Volvo gaben bekannt, dass sie für Produkte aus einem Betrieb, der unter ArbeiterInnenkontrolle steht, keinen Bedarf hätten. Damals war das Rohstofflager voll und die Versandhalle leer. Heute ist es genau umgekehrt.

Als das Unternehmen übernommen wurde, funktionierten noch ganze 14 Maschinen - heute sind es 52, alle von den ArbeiterInnen und Technikern von Cipla in Eigenregie wiederhergestellt. Und in einer der Hallen steht seit kurzem eine eben erst neu erworbene Verarbeitungsmaschine - die erste Erneuerung des Maschinenparks der Fabrik seit Jahren.

Im letzten Jahr der privatkapitalistischen Diktatur über Cipla gab es 157 Arbeitsunfälle, im ersten Jahr unter ArbeiterInnenkontrolle waren es nur noch 13, heuer noch nicht mal vier, der letzte Arbeitsunfall ereignete sich vor 22 Tagen, der bisherige Rekord liegt bei 225 Tagen ohne Arbeitsunfall, was auf einer großen Tafel am Fabrikgelände verkündet wird. Die Opfer eines Arbeitsunfalls haben das Recht in der Firma zu bleiben und eine ihnen angemessene Arbeit zu leisten.
Während früher die schwermetallhaltigen Abfälle der Chromierung (etwa der Mercedessterne, die hier produziert werden) im Freien gelagert wurden und das Grundwasser verschmutzten, werden diese nun sachgemäß in Fässern gelagert und vollständig recycelt. Auf die Qualität der Produkte wird großen Wert gelegt, jedes Werkteil wird vor der Spedition nochmals geprüft und Cipla garantiert dass 100 Prozent der ausgelieferten Ware voll funktionsfähig sind.

Doch das schönste an all diesen Erfolgen ist, dass die Produktions- und Verkaufssteigerungen nicht, wie wir es aus privatkapitalistischen Unternehmen gewohnt sind, mit dem Schweiß und den Nerven der ArbeiterInnen bezahlt werden, sondern im Gegenteil gleichzeitig eine massive Humanisierung der Arbeit stattfindet.

Heute hat Cipla eine eigene Krankenstation, in der nicht nur Erste Hilfe geleistet wird, sondern auch den Folgeerscheinungen von Fabrikarbeit begegnet wird: Physiotherapie auf Fabrikkosten, Gymnastik etc. gehören heute zur normalen gesundheitlichen Vorsorge im Betrieb. Lüftungsanlagen und Aircondition wurden ausgebaut, in der Kantine wird reichliches und gesundes Essen angeboten. Zwei Räumlichkeiten der Fabrik (für 700 und 100 Sitzplätze) stehen für Versammlungen, Theater, Lesungen usw. zur Verfügung. Und es fehlt nicht an Symbolik: das ehemalige Direktionsgebäude wird gerade zum firmeneigenen Kindergarten ausgebaut. Die Leitungsgremien und die Administration haben neue, allen zugängliche Räume bezogen. Nur ein wuchtiges Ledersofa wurde übernommen, Cipla muss schließlich Privatkunden empfangen. Eine weitere tiefe Symbolik liegt im Adresswechsel der Fabrik. Früher benutzten die Direktion und die Angestellten einen Eingang, der einen direkten Zugang zur Direktion bot. Über dieses Tor wurden der ehemalige Eigentümer und seine Mannschaft schnellstmöglich auf die Straße gesetzt. Heute müssen alle ArbeiterInnen, Angestellten und Besucher das Fabrikgelände über den ehemaligen Zugang der ArbeiterInnen betreten. Die Angestellten müssen zuerst an den Produktionshallen vorbei, um an ihre Arbeitsplätze zu kommen. Nachdem sich staatliche Inspektoren, die Polizei usw. nicht an diese Regel hielten, wurde der ehemalige Direktorenzugang niet- und nagelfest verschlossen: Hier kommt niemand mehr durch!
Das zentrale Projekt zur Verbesserung der Lebensqualität der in Cipla arbeitenden Menschen steht jedoch in diesen Wochen vor der Umsetzung: die Arbeitszeitverkürzung bei vollem Lohnausgleich! Die kollektivvertraglich geregelte Arbeitszeit in Brasilien liegt bei 44 Wochenstunden. Nun wird bei Cipla auf ein Vierschichtmodell umgestellt, das bedeutet, dass die künftige Arbeitszeit nur noch 30 Wochenstunden ausmacht. Gleichzeitig werden zwischen 150 und 200 ArbeiterInnen zu den allgemeingültigen Bedingungen aufgenommen. Ein Teil der neu gewonnenen Freizeit kann in der Fabrik verbracht werden: jeweils zum Schichtwechsel wird es Tai-chi zum körperlichen und geistigen Ausgleich geben.




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