In China gibt es eine Reihe von Internetphänomenen, die zum Ausdruck gebracht haben, dass immer mehr chinesische Jugendliche genug vom chinesischen Kapitalismus haben.

 

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Es begann mit Kritik an den extrem langen Arbeitszeiten, vor allem in Technologiebetrieben. Man nennt dieses Arbeitszeitmodell „996“: 9:00-21:00 an 6 Tagen der Woche. Im Frühling 2019 erschienen Protestseiten im Internet gegen dieses Modell. Am Höhepunkt dieser Kontroverse stellte sich heraus, dass Jack Ma, Gründer der Alibaba-Gruppe, Befürworter des 996-Systems ist. Er persönlich würde sogar ein 12-mal-12-System besser finden: 12 Stunden am Tag, 12 Monate im Jahr. So verlor Jack Ma sein Image als „Vater der Nation“.

Die Wut gegen die langen Arbeitszeiten richtete sich später gegen ein aufmerksamkeiterregendes Ereignis, bei dem sich der Staat auf die Seite der Bosse und gegen die Arbeiter stellte. Li Hongyuan kam für 251 Tage ins Gefängnis, weil die Polizei ihn der Erpressung des Konzerns Huawei beschuldigte. Und das nur, weil er das Unternehmen verlassen und, wie es in chinesischen Unternehmen gang und gäbe ist, einen Abschiedsbonus verhandeln wollte. Daraus entstand ein Meme, nämlich die Nummern 985, 996, 035, 251 und 404, die bedeuten: „Du besuchst eine der 985 Elite-Unis, arbeitest im 996-System, arbeitest hart, bis du 35 bist, zum Lohn bekommst du 251 Tage Gefängnis und wenn du versuchst, deine Rechte zu verteidigen, verlierst du alles – 404 (der Error-Code bei nicht vorhandenen Webseiten)“.

Ein paar Monate später erschien eine Reihe von Artikeln über Jack Ma, die ihn als „Milliardär des Volkes“, „sozialistischen Milliardär“ und „Milliardär und Parteimitglied“ lobten. In China seien Unternehmer anders als westliche Bourgeois, weil sie aus der Volksrepublik China kämen, wo sie die Regierung nicht kontrollieren könnten und deswegen zwar aus ökonomischer Sicht reich seien, aber politisch das Volk verträten und als Teil dieses Volkes an der Politik teilnähmen.

Diese absurden Behauptungen sollen einen Schleier über die brutale Ausbeutung der ArbeiterInnen von Jack Ma und seinesgleichen werfen. Die Jugend hat keine Angst mehr, dies anzuprangern. Videos von Jack Ma wurden bearbeitet, sodass Beleidigungen oder linke Zitate im Hintergrund stehen. Ebenfalls sind die meisten Kommentare unter Artikeln über ihn voller Kritik. Der einst beliebte Milliardär wird nun auf Chinas Straßen mit Rufen wie „hängt den Kapitalisten“ gegrüßt.

Am Jahrestag der „Bewegung des 4. Mai”, eines historischen Kampfes unter Führung der chinesischen Jugend gegen den Imperialismus im Jahr 1919, wurde ein Video veröffentlicht, in dem ein Mann im Anzug die Zuschauer lehrt, dass die „neue Generation“ nach Reichtum und Erfolg streben solle. Dazu zeigt das Video Aufnahmen von Jugendlichen aus reichen Familien, die rund um die Welt reisen, neue Sprachen lernen, tauchen gehen, alles Dinge, die normale Chinesen und Chinesinnen niemals erleben werden. 1,1 Mrd. Chinesen sind noch nie mit dem Flugzeug geflogen und nur 120 Mio. Menschen von 1,4 Mrd. Einwohnern haben einen chinesischen Pass. Die durchschnittliche Wochenarbeitszeit betrug im Mai 2019 46 Stunden, obwohl das Arbeitsrecht höchstens 44 Stunden vorsieht. Es herrscht eine extreme Einkommensungleichheit. Es ist nicht verwunderlich, dass im Video keine Fabrik- oder Transportarbeiter und -arbeiterinnen, Soldaten oder Hausmeister vorkommen und trotz der Pandemie werden Pflegekräfte nur zwei Sekunden lang gezeigt.

Früher wäre solchen realitätsfremden Botschaften der herrschenden Klasse mit stillem Neid oder Verachtung begegnet worden, doch diesmal wird dieser Hochmut nicht mehr einfach hingenommen. Bei einer Diskussion über das Video postete ein Nutzer den Text des sozialistischen Lieds „Warschawjanka“. Ein weiter Nutzer legte den Titel des Videos über Fotos von Arbeitern oder armen Kindern als Kontrast zum gezeigten Luxus und Erfolg. Beide Kommentare erhielten mehrere tausend Likes.

chinese video

Dieses Video ist unter den Jugendlichen berüchtigt. Das zeugt von ihrem steigenden politischen Bewusstsein. Sie erkennen, dass der „chinesische Traum“ – angelehnt an den „American Dream“ – von Präsident Xi Jinping nur ein Wunschtraum ist. Sie haben genug von der grausamen Ausbeutung ihrer Arbeit. Die Provokationen der Reichen haben einen massenhaften Zorn ausgelöst, der sich nicht nur in tausenden spöttischen und verachtenden Kommentaren, sondern auch in radikalen Handlungsaufrufen äußert. Die Jugendlichen erleben die Rückkehr von Massenprotesten und nehmen teilweise aktiv an solchen teil. Zusätzlich gab es hitzige Onlinediskussionen über Arbeitskämpfe im Restaurant-, Liefer- und Servicebereich gegen die räuberischen Kapitalisten.

Aufgrund all dessen denken viele Leute an Mao und die Kulturrevolution zurück. In diesem Rahmen erfährt der Film „Let the Bullets fly – Tödliche Kugeln“ neue Popularität. Darin geht es um eine Banditenbande in den 1920ern, die zum Wohl der armen Bauern die tyrannischen Großgrundbesitzer stürzen. Eine Interpretation dieses Films ist eine Kritik an der Entwicklung der Volksrepublik China nach der Chinesischen Revolution 1949, da die Hauptfigur, die für Mao steht, von seiner Bande hintergangen wird, die die herrschende Klasse repräsentiert, die Mao nachfolgte. Viele Menschen sehen das heutige kapitalistische Regime als direkten Gegensatz zu Maos Arbeiterstaat und denken unter den unerträglichen Bedingungen der heutigen kapitalistischen Gesellschaft an die „guten alten Zeiten“ der Planwirtschaft zurück.

Im Internet wird nicht nur dieser Film diskutiert. Es gibt zahlreiche neue Videos zu linken Themen, wie dem Konflikt zwischen UdSSR und Deutschland im Zweiten Weltkrieg, Videos zu Revolutionären, Kritik an der kapitalistischen Gesellschaft und über marxistische Themen bekamen während der Pandemie zahlreiche Klicks und die Flut an Uploads machte es unmöglich, alle zu zensieren.

All das deutet darauf hin, dass immer mehr junge Chinesen und Chinesinnen vom kapitalistischen System angewidert sind und dass während des Lockdowns diese Radikalisierung weiter gewachsen ist. Mehr und mehr Menschen verstehen, dass die herrschende Klasse sie unterdrückt. In Zukunft werden junge Chinesen die sozialistische Orientierung der KPCh hinterfragen, denn welcher sozialistische Staat toleriert einen 12-Stunden-Arbeitstag? Manche von ihnen werden sich weiter mit linken Ideen beschäftigen.

Obwohl die Radikalisierung der chinesischen Jugendlichen neue Höhen erreicht, gibt es wie immer auch Ebbeperioden. Nach sechs Monaten des Aufruhrs gab es einen Rückgang von radikalen Videos und ihrer Zuschauer. Das liegt teils daran, dass die Schule im September wieder begonnen hat und teils an härterer Repression im August. Die chinesische herrschende Klasse versteht, dass jede Protestbewegung beendet werden muss, wenn sie am schwächsten ist. Viele Videos und Nutzerkonten wurden bereits gelöscht.

Wie wir aus der Geschichte gelernt haben, ist die Stärke der Studenten und jungen ArbeiterInnen alleine nicht genug, um die Gesellschaft umzugestalten. Eine neue Generation junger Menschen beginnt wegen der allgemeinen Radikalisierung nach den Ideen des Marxismus zu suchen. In jüngster Zeit gab es Versuche, sich um die Ideen Maos zu organisieren, was angesichts der Traditionen in China verständlich ist. Wir Marxisten stehen Seite an Seite mit KlassenkämpferInnen und bieten ihnen die Ideen, die die Schwächen von Stalinismus und Maoismus erklären können. Diese werden eine neue Generation von militanten Chinesen und Chinesinnen zu befähigen, den Kapitalismus zu stürzen.

(Funke Nr. 189, 10.12.2020)


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