…wird ein Feuer entfachen!

Als die US-Armee in den Irak stürmte, gab es in diesem Land keine Al-Qaida. Jetzt ist die gesamte Region im Griff des Dschihad-Wahnsinns. Das ist das direkte Ergebnis der Einmischung des US-Imperialismus. Von Alan Woods. 

Die Politiker in Washington haben damals nichts verstanden, geschweige denn die Folgen ihres Handelns vorhergesehen. Paradoxerweise haben sie durch die Zerstörung der alten Staatsmaschinerie Saddam Husseins das Kräfteverhältnis in der Region zerstört und ein Vakuum geschaffen, in das einerseits der IS und andererseits ihr alter Feind Iran getreten sind.

Die USA sind mit einer wachsenden dschihadistischen Gewalt konfrontiert, die sich wie eine nicht kontrollierbare Seuche durch den Nahen Osten und Nordafrika ausbreitet. Wie reagiert die größte Militärmacht der Welt auf diese Bedrohung? Durch Bombardierung aus großer Höhe. Die USA und ihre Verbündeten haben IS-Stellungen bombardiert und den Dschihadisten zweifellos einige Unannehmlichkeiten bereitet. Aber es ist klar, dass durch Bombardierungen allein noch kein Krieg gewonnen wird. Die Amerikaner brauchen Bodentruppen. Aber die infrage kommenden Truppen dürfen keine amerikanischen sein. Nach den Debakeln im Irak und in Afghanistan ist die US-Öffentlichkeit ausländischer Militärabenteuer überdrüssig geworden.

Wie kann das Problem gelöst werden? Einige unverbesserliche Optimisten haben ihre Hoffnungen in die irakische Armee gesetzt. Aber das war die sinnloseste aller sinnlosen Illusionen. Als die USA die irakische Armee zerstörten, beseitigten sie die einzige militärische Macht in der Region, die in der Lage war, als Gegengewicht zur Macht des Irans zu agieren. Jetzt sind die kläglichen Überreste dieser zerschlagenen Armee von sektiererischen Spaltungen durchlöchert, demoralisiert und nicht in der Lage, den IS oder sonst jemanden zu bekämpfen. Das Fehlen jeglicher Kampffähigkeiten zeigte sich im Sommer letzten Jahres, als die irakische Armee wie Kaninchen flüchtete und Mosul den IS-Horden überließ. Jetzt sehen sich die Damen und Herren in Washington mit einem Seufzer des Bedauerns, gezwungen auf die einzig machbare Option, ein Abkommen mit dem Iran, zurückzugreifen.

Die US-Amerikaner haben spät die katastrophale Lage erkannt, die sie selbst geschaffen haben und die jetzt bedrohlich für sie wird. Obama war aus innenpolitischen Gründen nicht in der Lage, militärisch im Irak oder Syrien zu intervenieren. Das Gleiche gilt für Großbritannien, wo es David Cameron nicht gelang, eine parlamentarische Mehrheit für die Bombardierung des Assad-Regimes zu gewinnen.

Russland interveniert

Russland hat die USA nun bei jedem Schritt ausmanövriert. In der Ukraine haben sie die Amerikaner daran gehindert, die Macht zu übernehmen und ihre eigenen Interessen militärisch de facto durchgesetzt. Die westlichen Sanktionen haben nicht den erwünschten Effekt gehabt, um Putin zu unterminieren. Im Gegenteil, sie haben – zumindest momentan – dessen Popularität gesteigert. Putin ist sich dieser Stärke bewusst und hat sich entschlossen, die Amerikaner auf der internationalen Bühne herauszufordern und Syrien dabei als sein Hauptwirkungsfeld ausgesucht.

Noch vor zwölf Monaten, nach den Auseinandersetzungen um die Ukraine, wurde der russische Präsident in der internationalen Politik quasi als Aussätziger gehandelt. Dann tritt Putin Ende September plötzlich vor der UN-Versammlung auf und rückt sich in den Mittelpunkt der Weltaufmerksamkeit. Er trifft sogar mit dem US-Präsidenten zusammen und es kommt zu einem öffentlichkeitswirksamen Handschlag.
Vermutlich wollte Putin hier das Terrain sondieren und die Absichten des US-Präsidenten erforschen, bevor er in Syrien zur Tat geschritten ist. Sein Hauptziel ist nun, Assad als zuverlässigen russischen Verbündeten an der Macht zu halten und das Vordringen der islamistischen Rebellen in der Region aufzuhalten. Zumindest kann man sagen, dass Putins Absichten klar und eindeutig sind. Das verschafft ihm den Eindruck von Stärke.

Im Gegenteil dazu hat Obama es mit einem tief gespaltenen Kongress, einer fanatischen Opposition von Republikanern und einer kriegsmüden Öffentlichkeit zu tun. Er muss das Abkommen mit dem Iran über die Nuklearwaffen, das von Saudi Arabien, Israel und deren republikanischen Freunden im Kongress gehasst wird, verteidigen. Kurz gefasst, er muss sich allen Herausforderungen gleichzeitig stellen. Das lässt ihn in der Öffentlichkeit schwach erscheinen. Der russische Präsident war so sicher, dass die Amerikaner in Syrien das Gleiche tun würden, wie in Bezug auf die Ukraine – d. h. nichts, was Konsequenzen nach sich ziehen würde.

Die Russen vervielfachten ihre Waffenlieferungen nach Damaskus und stationierten Anfang Oktober eigene Militäreinheiten in Syrien. Damit starteten sie eine anhaltende Serie vernichtender Bombenangriffe gegen den IS und andere oppositionelle Ziele. Anders als die Bombardierungen der Amerikaner, die mehr oder weniger ineffektiv waren, greift die russische Luftwaffe den Gegner tödlicher und gnadenloser an. Dies ist ein internationales, politisches Erdbeben.

Der Mythos von der gemäßigten Opposition

Die US-Geheimdienste versagten erneut, das Ausmaß und die Ziele der russischen Intervention in Syrien vorauszusehen. Augenscheinlich war die CIA zu sehr damit beschäftigt, die dschihadistischen Mörder bei ihren Bemühungen, Assads Armee zu besiegen, zu unterstützen, als dass man darauf geschaut hätte, wie die Stimmungslage in Moskau ist. Der Kongress hat mit einer Untersuchung dieses demütigenden Versagens begonnen. Washington blieb nur übrig zu protestieren, dass Russland nicht nur IS-Ziele sondern auch die der vom Westen unterstützten „gemäßigten Opposition“, welche die syrische Armee im Westen des Landes bedrängt, bombardieren.

Es scheint, als ob die aktuellen Kämpfe sich auf die Provinz Hama konzentrieren würden. Sie ist ein Schlüssel bei Assads Strategie, die Kontrolle über dicht besiedelte Zentren in einem Gebietsstreifen von Aleppo und Latakia im Norden über Homs, Hama und Damaskus zu festigen. Islamistische Rebellen haben über den Sommer versucht, die Kontrolle über die strategisch wichtige Ebene von Al-Ghab in der Provinz Hama zu erlangen. Die russische Strategie scheint in erster Linie darauf zu zielen, dieses Gebiet vor weiteren feindlichen Einfällen zu sichern. Hauptgegner dabei ist die Dschaisch-al-Fatah (Eroberungsarmee), eine Koalition verschiedener islamistischer Rebellengruppen abseits des IS. Diese reaktionäre Koalition eroberte in einer Frühlingsoffensive den größten Teil der nördlichen Provinz Idlib. Russische Kampfjets haben seit ihrem Kriegseintritt dort wiederholt Ziele bombardiert, was Anlass zu heftigen Proteste des Wesens gab, wonach Russland gar nicht den Islamischen Staat bekämpfen würde.
Diese Proteste riechen jedoch nach Scheinheiligkeit. Es ist bekannt, dass die Türkei, Saudi Arabien und Katar die Islamisten im Westen Syriens bewaffnet und finanziert haben, anstatt den IS im Osten des Landes zu bekämpfen. Dagegen hat Washington niemals protestiert, auch weil die CIA selbst an den gleichen Aktivitäten beteiligt war.

Tatsache ist, dass alle Gruppen, die Assad bekämpfen, aus reaktionären Fanatikern bestehen. Die sogenannten „Gemäßigten“ agieren als Brückenköpfe, um die von den Amerikanern geschickten Waffen an Al-Qaida zu schleusen. Die USA hatten angekündigt, eine ihnen vollständig loyale Kampftruppe von 5000 „Gemäßigten“ aufzustellen, müssen aber jetzt zugeben, dass davon nur noch fünf (!) Kämpfer übrig geblieben sind und sahen sich nun gezwungen diese teure und absurde Mission, die von der Türkei aus organisiert wurde, abzubrechen.

Es gibt in Wirklichkeit in Syrien keine „gemäßigte“ islamische Opposition. Es handelt sich um eine unverhohlene Lüge, um die öffentliche Meinung im Westen zur Unterstützung einer Kampagne zum „Regimewechsel“ in Syrien zu manipulieren, was bis vor kurzem das Hauptziel des US-Imperialismus war.
Woraus bestehen die „gemäßigten Rebellen“? Eine Quelle in der königlichen Familie in Saudi Arabien bestätigte, dass die sogenannte Eroberungsarmee, eine recht neue Koalition, welche die Provinz Idlib und große Teile Nordsyriens eingenommen hat, von den saudischen und katarischen Regimen unterstützt und bewaffnet wird. Die Jabhat Al-Nusra und Ahrar Al-Sham – zwei extreme dschihadistische Gruppen – stellen 90 Prozent der Soldaten in dieser Koalition. Die Saudis und Katarer haben sich bereit erklärt, für 40 Prozent der finanziellen Erfordernisse aufzukommen, während die Koalition selbst den Rest trägt, hauptsächlich durch Plünderung. Bei Jabhat Al-Nusra handelt es sich um einen Ableger von Al-Qaida und es wird vermutet, dass Ahrar Al-Sham auch sehr stark von Al-Qaida beeinflusst, wenn nicht sogar kontrolliert, wird. Das Gründungs- und Führungsmitglied von Ahrar Al-Sham, Mohamed Bahaiah, hat in sozialen Netzwerken preisgegeben, dass er ein hoher Funktionär von Al-Qaida ist. Sowohl Jabhat Al-Nusra als auch Ahrar Al-Sham hatten versprochen, ihre Verbindungen zu Al-Qaida abzubrechen, es aber in Wirklichkeit nie getan.

Ideologisch repräsentieren diese Gruppen die selben abartigen und reaktionären Anschauungen wie der IS. Sie sind extreme Dschihadisten, deren Unterschiede zum IS rein taktischer und nicht inhaltlicher Natur sind. Sie sind genau so begeistert von der Verhängung der Scharia-Gesetze, der Unterdrückung von Frauen, dem Abtrennen von Händen, Füßen und Köpfen, und davon, Syrien in einen Zustand der Barbarei zu versetzen.

Die NATO „reagiert”

Die russischen Luftschläge sind eindeutig mit dem Vorstoß der syrischen Armee und pro-iranischen Kräften gegen die oben genannten islamistischen Rebellen abgestimmt. Die USA beschweren sich jetzt erbost, dass die Russen sie nicht ausreichend über deren Ziele in Syrien informiert hätten. Aber das prallt an Russland ab, sie vernichten ihre Angriffsziele weiterhin gnadenlos. Das Schauspiel von russischen Langstreckenraketen, die im Kaspischen Meer abgefeuert wurden und Ziele im Inneren Syriens trafen, war eine eindrucksvolle Demonstration der russischen Militärmacht.

Da Russland über genügend Vorrichtungen in Syrien verfügen, um Raketen gegen den Gegner einzusetzen, war es aus militärischer Sicht unnötig, auf solche Methoden zurückzugreifen. Es war ganz deutlich ein Versuch, der Welt, und besonders Ländern wie der Türkei, zu zeigen, wozu sie in der Lage sind. Genauso war das Eindringen russischer Kriegsflugzeuge in den Luftraum der Türkei beabsichtigt, um das NATO-Land einzuschüchtern. Niemand glaubt den Unschuldsbeteuerungen des Verteidigungsministeriums in Moskau, dass es sich um ein Missverständnis gehandelt habe.

Die Türkei ist Mitglied der NATO. So klopfte Erdogan sofort an die Türen seiner Alliierten, um gegen die grobe Verletzung der türkischen Souveränität zu protestieren. Es ist Fakt, dass die herrschende Clique in der Türkei zusammen mit den gleichgesinnten Banditen, den Saudis und Katar, die nationale Souveränität Syriens über Jahre systematisch verletzt haben.

Auf einem Treffen der NATO-Verteidigungsminister in Brüssel einigte man sich also darauf, die NATO-Reaktionsstreitmacht zu stärken, um sie in Zukunft rasch in Krisengebiete verlegen zu können. Gemäß den Grundprinzipien der Solidarität hat die NATO auf eine Weise reagiert, die in Moskau weder Furcht noch Schrecken auszulösen vermochte: Sie hat mehrere Stellungnahmen abgegeben. US-Verteidigungsminister Ashton Carter etwa sagte: „Wir haben ein unprofessionelles Verhalten russischer Streitkräfte beobachtet. Sie verletzten den türkischen Luftraum. Sie schossen ohne Vorwarnung Cruise-Missile-Raketen vom Kaspischen Meer aus.“

Trotz des angeblichen „Mangels an Professionalität“ haben die russischen Militärs den dschihadistischen Kräften in wenigen Tagen mehr Schaden zugefügt als die Amerikaner in zwölf Monaten. Und wenn Carter derart beunruhigt über das Risiko von Zusammenstößen in der Luft ist, warum weigert er sich weiterhin seine eigenen Luftangriffe gegen den IS mit Russland zu koordinieren?

Was wird die NATO nun weiter unternehmen, außer scharf formulierte Stellungnahmen zu verfassen? Welchen Gebrauch macht man von der berühmten Reaktionsstreitmacht? Wird sie Fallschirmjäger nach Moskau schicken? Wird sie vielleicht Putin entführen oder ihn anderweitig loswerden, wie etwa Osama Bin Laden? Könnte man wenigstens erwarten, dass die Reaktionsstreitmacht in die Türkei als klarer Ausdruck der Unterstützung entsendet wird? „Wir müssen die NATO-Eingreiftruppe nicht stationieren, um eine abschreckende Wirkung zu erzielen. Das Wichtigste ist, dass jeder Gegner der NATO wissen muss, dass wir in der Lage sind, diese zu stationieren“, sagte NATO-Generalsekretär Jens Stoltenberg. Jetzt wissen wir es! In den Worten des Poeten: „Der Berg kreiste und gebar eine Maus.“

Die Proteste der NATO-Verbündeten ähneln eher dem Piepsen einer lächerlichen Maus. Die deutsche Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen sagte, Russland müsse erkennen, „dass es den IS stärkt, wenn er oppositionelle Gruppen in Syrien angreift, und das kann weder in Russlands, noch in unserem Interesse liegen“. Aber auch ein solch freundlicher Ratschlag wird im Kreml auf taube Ohren stoßen.
Die Ratten in Westminster tanzen auch alle nach dieser Pfeife. Der britische Verteidigungsminister Michael Fallon warnte ernsthaft, dass durch die russische Intervention eine „schwierige Situation in Syrien noch gefährlicher“ gemacht werde. Fallon sagte nicht, für wen es gefährlicher werde, sondern verkündete, dass das Vereinigte Königreich als einziger NATO-Staat entscheidende militärische Aktionen ergreifen würde, um Russland von seinen bösartigen Interventionen abzuschrecken. Er wolle hundert zusätzliche Soldaten schicken, aber nicht nach Syrien oder in die Türkei, sondern in die baltischen Staaten. Inwieweit die Anwesenheit von hundert oder mehr britischen SoldatInnen dem russischen Druck in Syrien oder auf dem Baltikum entgegentreten könnte, ist ein Geheimnis, dessen Lösung Mr. Fallons für sich behielt. Wenn die Situation nicht so ernst wäre, würde die Reaktion des Westens auf Russlands Eingreifen ausgezeichnetes Material für eine TV-Komödie liefern.

Die „regionalen Verbündeten“

Die einzigen Kräfte, die in der Lage sind, den IS zurückzudrängen, sind die russische Luftwaffe im Bündnis mit den Kämpfern der Hisbollah, der iranischen Armee und den Revolutionsgarden am Boden. Das erklärt, warum die Amerikaner gezwungen waren, ihre frühere kriegerische Haltung gegenüber Teheran aufzugeben, einen schwammigen Kompromiss mit dem Iran über dessen Nuklearprogramm zu erreichen und die Sanktionen gegen den Iran zu reduzieren. Das war zweifellos ein demütigender Rückzieher für Washington und ein wichtiger diplomatischer Triumph für Teheran. Der Iran besitzt jetzt eine effektive Kontrolle über den Irak und hat einen bedeutenden Einfluss sowohl in Syrien, als auch im Libanon, dem Stützpunkt der mächtigen pro-iranischen Hisbollah.

Die USA wird sich mit diesen Fakten anfreunden müssen. Dies ist derselbe Iran, der vor nicht allzu langer Zeit in der US-Presse als Teil der „Achse des Bösen“ dämonisiert wurde. Und es ist noch nicht lange her, dass die USA in Erwägung zog, den selben Iran zu bombardieren, um ihn von seinem nervenden Verlangen nach Nuklearwaffen zu kurieren.

Der Grund für diese bemerkenswerte Umgestaltung der amerikanisch-iranischen Beziehungen ist nicht schwer zu verstehen. Jeder weiß, dass die Hauptlast bei den Kämpfen im Irak von den vom Iran finanzierten schiitischen Milizen und den Revolutionsgarden getragen wird. Die Regierung in Bagdad ist stark vom Iran abhängig. In Saudi Arabien und anderen Staaten in der Region besteht die Angst, dass der Irak zu einer iranischen Provinz wird. Washington wünscht sich das natürlich nicht, aber es ist die logische Konsequenz der amerikanischen Politik in der Region.

Saudi Arabien

Die Kehrtwendung der US-Außenpolitik hat zu weiteren Komplikationen geführt. Sie hat vor allem die Saudis erzürnt, die im Iran ihren Hauptkonkurrenten sehen. Der Iran unterstützt die schiitischen Huthi-Milizen, die die Kontrolle über die Hauptstadt Aden übernommen und die dortige saudische Marionette vertrieben haben. Als Reaktion darauf befahl Saudi Arabien seiner Luftwaffe, die Rebellen zu bombardieren. Die Saudis haben eine konterrevolutionäre Koalition geschaffen, welche das Ziel hat, den jemenitischen Huthi-Aufstand in Blut zu ertränken. Sie haben das Land brutal bombardiert, seine Infrastruktur pulverisiert, Schulen und Krankenhäuser zerstört und eine große Anzahl Zivilisten getötet. Die „freie Presse“ im Westen, die Assad für die Brutalität seiner Bombardierungen regelmäßig anprangert, schweigt beharrlich über die Gräueltaten, die von ihren saudi-arabischen Freunden im Jemen und anderswo begangen werden.

Die herrschende saudische Clique, das Zentrum der Konterrevolution in der gesamten Region, schürt das religiöse Sektierertum und bewaffnet und finanziert die Al-Qaida-Truppen für ihr blutrünstiges Werk. Trotz der mörderischen Bombardierungen sind die Huthi-Milizen im Jemen jedoch nicht zerstört worden und in der Bevölkerung ist der Hass gegen die Saudis und ihre Verbündeten gestiegen.
Für Washington ist dies ein ernsthaftes Problem, hat es doch die reaktionäre saudische Monarchie stets unterstützt, sklavisch all ihre Grausamkeiten ignoriert und den ekelhaften Männern, die in Riad an der Macht sind, Lob gehudelt.

Die Herrscher von Saudi Arabien waren über das Abkommen mit dem Iran und noch mehr über die Untätigkeit der NATO und der Amerikaner angesichts der russischen Intervention in Syrien erzürnt. Nach Aussagen von Diplomaten waren sie über das Verhalten der Amerikaner „verzweifelt“. Minister aus Katar und der Türkei, den saudischen Partnern im Kampf gegen Assad, haben sich zu Gesprächen getroffen, um die nächsten Schritte zu beraten. Riads Zorn spiegelt sich wider in einer Erklärung von 55 führenden Geistlichen, einschließlich prominenter Islamisten, die alle „wahren Muslime“ dringend aufforderten, ihre „gesamte Moral, ihr Material und ihre politische und militärische“ Unterstützung bereitzustellen, um Assads Truppen und die der Iraner und Russen zu bekämpfen.
König Salman, seine Clique und seine Verbündeten am Golf sind bereit, der russischen Offensive entgegenzutreten. Wie wird diese „Begegnung“ aussehen? Saudi Arabien, Katar und die Türkei haben den dschihadistischen Banditen seit Jahren Waffen und Geld geschickt. Das Problem ist jetzt, dass immer weniger Dschihadisten am Leben sind, die diese Waffen nutzen können, weil sie durch russische Bomben und Raketen direkt ins Paradies befördert wurden.

Das saudische Regime spielt mit dem Feuer. In Saudi Arabien wächst die interne Unruhe in der unterdrückten, schiitischen Bevölkerung und die Armen und Unzufriedenen in Bahrain, die durch saudische Bajonette unterdrückt werden, könnten sich erneut erheben. Das waren auch jene Hauptfaktoren, welche die Reaktion der Saudis auf die Ereignisse im Jemen bestimmt hatten. Durch die militärische Intervention im Jemen würde Saudi Arabien aber riskieren, dass sein eigenes Regime destabilisiert wird und es zu einem Aufstand kommet.

Angesichts dieser Widersprüche versuchen die Amerikaner in dieser Situation zwei Herausforderungen gleichzeitig zu bewältigen, in deren Prozess sie sich in neuen, und sogar schlimmeren Widersprüche als in Syrien selbst, verwickelt haben. Diese diplomatischen Verrenkungen sind ein Indiz für das Chaos, in das sich die Amerikaner im Nahen Osten hineinmanövriert haben.

Türkei

Gemeinsam mit Saudi Arabien und Israel verkörpert die Türkei die wichtigste konterrevolutionäre Kraft in der Region. Das Erdogan-Regime ist jedoch nicht stabil. Die Massenaufstände, die sich vor zwei Jahren in der gesamten Türkei verbreitet hatten, kündigten an, dass die Tage des Regimes gezählt waren. Seit diesem Zeitpunkt hat Erdogan taktiert, um an der Macht zu bleiben. Ein Teil dieses Spiels sind die Angriffe gegen die KurdInnen, die als verzweifelter Versuch zu sehen sind, den türkischen Nationalismus anzufachen. Der andere Teil besteht aus außenpolitischen Abenteuern, besonders in Syrien. Keine dieser Taktiken entspricht den Interessen des US-Imperialismus.

Das reaktionäre Erdogan-Regime hat den IS bei seinem Bestreben, Assad zu stürzen, unterstützt, um damit die Pläne der Türkei, Syrien zu beherrschen, voranzureiben. Es hat die Dschihadisten mit Waffen sowie Geld versorgt und weggesehen, als tausende Dschihadisten über die Türkei problemlos nach Syrien eingedrungen sind, während die türkischen Behörden bewusst verhindert haben, dass PKK-Kämpfer die Grenze überqueren konnten, um den Verteidigern von Kobane beizustehen.

Die Beziehungen zwischen den USA und der Türkei verschlechtern sich ständig. US-Vizepräsident Jo Biden sagte bei einem Vortrag in Harvard kürzlich, dass die Türkei, Saudi Arabien und die Vereinigten Arabischen Emirate „jeden, der gegen Assad kämpfen wollte, mit hunderten Millionen Dollar und dutzenden, ja, tausenden Tonnen Waffen zu schützen.“ Allerdings belieferten sie auch Leute von Al-Nusra und Al-Qaida und die extremistischen Elemente der Dschihadisten aus allen Teilen der Welt.

Später entschuldigte sich Biden bei der Türkei und den VAE für jeden Anschein, wonach die Türkei oder andere Alliierte und Partner in der Region hätten „willentlich“ das Wachstum des IS oder anderer gewalttätiger Extremisten in Syrien gefördert. Natürlich war die Unterstützung syrischer Dschihadisten durch die Türkei beabsichtigt, genauso wie Bidens öffentliche Anprangerung. Dies alles offenbart die Existenz vieler Brüche und Trennlinien, sowohl innerhalb der US-Regierung, als auch zwischen den Staaten, die eigentlich Verbündete sind. In Wirklichkeit verfolgt die Türkei ihre eigene aggressive Politik in der Region und unterstützt dabei die Dschihadisten, besonders im Westen Syriens.

“C’est pire qu’un crime, c’est une faute” („Es ist schlimmer als ein Verbrechen, es ist ein Fehler.“) Diese berühmten Worte, die Louis-Antoine-Henri de Bourbon-Condé, Herzog von Enghien, gewidmet sind, könnten als passende Grabinschrift für die Außenpolitik der USA in den letzten Jahrzehnten dienen.
Seit dem Zweiten Weltkrieg sind die internationalen Beziehungen noch nie so spannungsgeladen gewesen. Die aggressiven expansionistischen Tendenzen des US-Imperialismus seit dem Zusammenbruch der UdSSR haben überall eine chaotische Situation geschaffen: Auf dem Balkan, im Nahen und Mittleren Osten, in Zentralasien, Pakistan und neuerdings auch in Afrika. Das rächt sich jetzt. Die Labilität in den Weltbeziehungen ist eine Widerspiegelung der Sackgasse, in der sich der Kapitalismus weltweit befindet.
Vor dem Zweiten Weltkrieg sagte Trotzki voraus, dass die USA sich zur führenden imperialistischen Macht entwickeln werden, aber er fügte hinzu, dass in ihr Fundament Dynamit eingebaut sei. Heute sehen wir, wie sehr dies zutrifft. Die unerträgliche Situation, die weltweit existiert, wird eine Explosion nach der anderen erzeugen: Wir sind in eine neue Periode eingetreten – eine Periode von Kriegen, von Revolution und Konterrevolution. Nur eine grundlegende Änderung der sozialen Ordnung kann eine Lösung bieten. Früher oder später wird die ArbeiterInnenklasse in dem einen oder anderen Land die Macht in ihre eigenen Hände nehmen. Das ist die einzige Hoffnung für die Zukunft der Menschheit.




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