Die Grenze des menschlich Leistbaren war für PflegerInnen schon vor der Pandemie erreicht und es geht immer weiter. Geredet wird über die „Helden“ viel, aber bessern tut sich nichts. Warum nur? fragt Emanuel Tomaselli.

 

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Der Gesundheitssektor ist ein strategischer Sektor, dessen Kapazität das Ausmaß des Lockdowns entscheidet. Daraus ergab sich aber keine Besserung der Arbeitsbedingungen. Die Bewältigung der zusätzlichen Dauerbelastungen wird auf dem Rücken des Gesundheitspersonals ausgetragen: Arbeitsrechte reduziert, Arbeitszeit verlängert. Die Öffentlichkeit glaubt, dass es um die Krankenhäuser gut steht, weil die Probleme verschwiegen werden. Unter dieser Situation leiden Beschäftigte und viele suchen nach Lösungen, um endlich jene „Wertschätzung“ zu erfahren, über die ständig geschrieben wird.

Mangels anderer Alternativen legen sich dabei viele individuelle Strategien zurecht.

Die erste lautet Kündigung. JedeR im Krankenhaus kennt (mindestens) eine Person, die ihr Kündigungsschreiben bereits aufgesetzt hat, die meisten kennen mehrere, die solche Vorbereitungen treffen. Einige nehmen Abschläge in Kauf und retten sich frühzeitig in die Pension, andere vermuten, dass es in anderen Häusern (insbesondere in privaten, wo auch besser bezahlt wird) besser sein könnte. Private Betreiber werben auch gezielt an öffentlichen Krankenhäusern.

Simmernde Wut und oft auch Verzweiflung kondensierten nun auch am Umstand, dass Leitungen und die Politik voraussetzen, dass das Personal jetzt jedenfalls geschlossen zur Impfung antritt. Das Magazin „der Spiegel“ gibt den Kurs vor: „Für sie gilt dasselbe wie für eine Soldatin, die nicht kämpfen möchte: Beruf verfehlt.“

„Die Presse“ appelliert:

„Bitte, liebe Pflegenden, die Sie sich auch sonst so gut um uns wichtige Menschen kümmern: Kümmern Sie sich noch einmal um uns, bilden Sie noch einmal die Speerspitze, und gehen Sie mit gutem Vorbild voran. Wir werden folgen.“

In die Managementsprache eines österreichweit anbietenden privaten mobilen Pflegedienstes übersetzt, reduziert sich die sozial-medizinisch gebotene Impfempfehlung an die Angestellten dann als offene dienstrechtliche Drohung.

Im ganzen Gesundheitssektor gilt: die kolportierte Wertschätzung bleibt weiterhin außer Sichtweite. Dies unterstreicht auch der neue Arbeitsminister, Wirtschafts-Experte Martin Kocher: „Offensichtlich wird der Wert von Pflege gering bemessen, weil sie kaum spezifische Fähigkeiten erfordert, und es zu viel Angebot am Arbeitsmarkt gibt.“ Diesem derben und mehrfach falschen Urteil kann man individuell nicht entkommen und mit Empörung gegen Impfungen nicht ankommen. Wir schlagen vor, das passivierende Konzept der „entgegengebrachten Wertschätzung" überhaupt zu verwerfen, es entspricht nicht der realen Situation.

Die Praxis der Arbeiterbewegung in der Vergangenheit und Gegenwart zeigt, dass man sich Respekt nur erkämpfen kann. Gesundheitsberufe weltweit machen diese Erfahrung und üben diese im Sektor neue Praxis. Dazu brauchen auch wir ein Netzwerk von engagierten AktivistInnen über alle Stationen hinweg. Die Fähigkeit gemeinsam an einem Strang zu ziehen, am besten die Streikfähigkeit am Krankenhaus herzustellen, muss entwickelt werden, und dies müssen wir auch zur Mehrheitsposition in der Gewerkschaft machen.

Dafür organisieren die Liste Solidarität im Wiener Gesundheitsverbund und die MarxistInnen an den Krankenhäusern aktuell eine gemeinsame Kampagne, die du persönlich stärken kannst indem du mit uns in Kontakt trittst:

(Funke Nr. 190/20.1.2021)


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