Identitätspolitik reclaimed


Am 31. Mai fand in Wien die „pride reclaimed“ statt, als anti-kommerzielle Alternative zur Regenbogenparade. Obwohl so ein Ansatz auf viel Zustimmung in der Jugend trifft, blieb die Demo mit ca. 150 Teilnehmenden sehr klein und überschaubar. Von Moritz Hübler
Das hat damit zu tun, dass die Organisation der Demo selbst von identitätspolitischen und sektiererischen Methoden geprägt ist. So wurden politische Fahnen und der Verkauf von „Magazinen, Büchern oder anderem politischen Material“ verboten. In den „Demo-Guidelines“, die sich wie eine schlechte Satire auf Linke lesen, wurden auch bestimmte Frisuren untersagt (z.B. weiße Personen mit Dreadlocks). Weiße und „cultural outsiders“ wurden angehalten, kein Kufiya zu tragen, anstatt möglichst viel Solidarität mit Palästina sichtbar zu machen. Aber wer entscheidet denn, wer welche Frisur und Kleidung tragen darf? Zensur und ausschließende Vorschriften durch eine undefinierte und ungewählte Clique: Das ist nicht der Weg vorwärts gegen die Unterdrückung des bürgerlichen Staates sondern die gleiche Logik in Kleinformat innerhalb der Bewegung.
Dieser vollständig abgehobene und akademische Zugang isolierte die Demo: Für Passanten war überhaupt nicht ersichtlich, worum es hier geht. Es gab keine linken, ja nicht einmal Regenbogen- oder Palästina-Fahnen auf der Demo. Statt die Demo möglichst groß und kämpferisch anzulegen, ergeht man sich lieber in Szene-Gossip. Die Linkswende wurde schon letztes Jahr wegen Dreadlocks der Demo verwiesen (!), jetzt lesen wir, dass sie „Rassismus und Anti-Blackness reproduziert“. Die RKP wurde „ausgeladen“, weil wir angeblich „rape culture reproduzieren“ würden! Das ist eine schamlose Lüge und stützt sich auf Gerüchte, zu denen die involvierten Gruppen bereits Richtigstellungen erhalten haben – was sie nicht daran hindert, diese falschen Vorwürfe im bürokratischen Eigeninteresse ihrer Cliquen weiter zu streuen. Letztendlich untergräbt man mit einem derart unseriösen Umgang mit Rassismus und Sexismus nur die Glaubwürdigkeit der gesamten Bewegung. Dieser identitätspolitische Zugang spaltet und ist gefundenes Fressen für die Politik der Herrschenden. Die Organisatoren stehen einer größeren Demo selbst im Weg, obwohl der Bedarf nach einer kämpferischen Alternative zur Konzern-Pride groß wäre. In der Jugend gibt es einen wachsenden Hass, die Banken und Konzerne aus der Pride zu schmeißen, um wieder auf den Ursprung der Pride zurück zu finden: Dem Kampf gegen die Unterdrückung im System. The first pride was a riot!
(Funke Nr. 244/03.06.2026)