Wer mit dreißig kein Kommunist ist…


Mit 20 habe ich begonnen, mich Sozialist zu nennen, ohne verstanden zu haben, was das bedeutet. Von diesem Zeitpunkt an war ich die linkeste Person in meinem Umfeld. Alle Theorie, mit der ich ausgestattet war, hatte ich von Sahra Wagenknecht, Bernie Sanders und anderen, die mich an eine bessere Welt und einen besseren Staat glauben ließen. Von Konrad aus Tirol
Jahrelang bestand meine Agitation darin, Desillusionierten zu erklären, dass es nur linke Mehrheiten bräuchte, um die Welt gerechter zu machen. Wenn ich Kommunisten traf, die von Revolution sprachen, konnte ich nicht anders, als sie zu belächeln. Es war mir völlig unverständlich, wie man an so etwas Absurdes wie eine Revolution glauben konnte, waren wir doch nur ein paar Reallohnerhöhungen von einem „Paradies“ entfernt. Zu dieser Zeit habe ich mich politisch kaum weiterentwickelt. „Das Kapital“ habe ich damals allein gelesen und nichts davon verstanden, marxistische Theorie hatte sich damit für mich erledigt.
Die erste große Veränderung kam während der Pandemie. Zu jener Zeit wurden Demos von Maßnahmengegnern polizeilich begleitet und beschützt, selbst wenn sie gegen Auflagen wie Maskenpflicht und Abstände verstoßen haben, so auch in Innsbruck. Als dann im krassen Gegensatz dazu am 30. Jänner 2021 die „Grenzen Töten“-Demo mit Verweis auf unzureichende Einhaltung eben jener Auflagen niedergeknüppelt wurde, begann meine Radikalisierung. Dieser offensichtliche Akt ungerechtfertigter Repression hat meine Wahrnehmung für den staatlichen Gewaltapparat geschärft und endlich habe ich erkannt, dass die Polizei inhärent verdorben ist. Ein Kollaps meines Glaubens an den Reformismus war die Folge. Erst wurde ich verzweifelt, dann apathisch.
Über das Internet radikalisierte ich mich weiter, Influencer wie Dekarldent förderten mein revolutionäres Denken, wenn auch fernab jeder Theorie. Bei den Donnerstagsdemos sah ich zum ersten Mal die RKP, doch mein Interesse war mäßig, es fehlte mir an Energie für Bildung. Ich war doch schon Kommunist und versuchte mich an Agitation. Wozu noch Zeit in Theorie investieren? Mein Umfeld sollte mich eines Besseren belehren. Eine alte Freundin, zeitlebens unpolitisch, hatte zum ersten Mal Kontakt mit dem AMS und war von der Begegnung erschüttert. Selbstbewusst erklärte ich, dass dessen oberste Aufgabe die Schikane Arbeitsloser war, um den Gehorsam der Arbeiter zu erzwingen. Sie reagierte auf eine Art, auf die mich jahrelanges Diskutieren in Internetforen und Streit mit politisierten Freunden nicht vorbereiten konnten: „Aber was tun wir dann?“, fragte sie mich und ich sah ein, was für ein arroganter Narr ich war. „Auf die Straße gehen und Autos anzünden“, scherzte ich, wissend, dass ich keine Antwort für sie hatte. Einem Menschen, der ehrliches Interesse an meiner Ideologie hatte, konnte ich nicht erklären, was zu tun ist. Ich konnte mir diese Frage selbst nicht beantworten. Was tun? Doch ich erinnerte mich, wo ich die Antwort erlernen könnte.
(Funke Nr. 242/24.03.2026)