Leserbriefe – Funke Nr. 244


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Als Arbeitsloser im Kapitalismus ist man ständigen Schikanen ausgesetzt – was sich in der jetzigen Krise noch weiter verschärft.
Ich bin mittlerweile seit Sommer 2023 arbeitslos. Und seitdem ist es kontinuierlich schlimmer geworden. 2025 habe ich noch jede Woche mehrere Vermittlungsvorschläge vom AMS bekommen, doch mittlerweile ist es ein Wunder, mehr als einmal im Monat welche zu bekommen.
Und selbst wenn du welche bekommst, ist die Chance hoch, dass es Stellen sind, für die einem die Qualifikationen fehlen. So z. B. eine Stelle, bei der ein Staplerschein Voraussetzung war, obwohl ich keinen habe. Ein Fakt, der dem AMS bekannt ist. Das Schlimmste dabei ist aber, dass wenn man sagt, mir fehlen Voraussetzungen für eine Stelle, ich bewerbe mich nicht, es passieren kann, dass sie behaupten, dass man alle Anforderungen erfülle und gegen seine Betreuungsvereinbarung verstoße. Die Folge: Es wird dir acht Wochen lang das Geld gestrichen.
Uns Arbeitslosen wird vorgeworfen, Sozialschmarotzer, eine Belastung für die Gesellschaft zu sein. Dabei sind es die Kapitalisten, die sich in einem Investitionsstreik befinden – sie sind die wahre Belastung für unsere Gesellschaft!
Das sieht man auch in den Zahlen. So haben wir in Österreich 80.000 offene Stellen auf 368.000 Arbeitslose! Das heißt, auf jede Stelle folgen fast fünf Arbeitslose. Im Vergleich zum Juni 2025 hatten wir 280.000 Arbeitslose und 85.000 offene Stellen. Die Anzahl der Arbeitslosen wächst, während die offenen Stellen zurückgehen.
Man sieht: Der Imperialismus ist das Zeitalter der allgemeinen Fäulnis. Es wird immer schwieriger, einen guten Job zu finden oder zu behalten, wodurch eine Armee von Langzeitarbeitslosen produziert wird. Selbstbestimmte und erfüllende Arbeit bei einer zeitgleichen massiven Arbeitszeitreduktion wird erst durch den Sturz des Kapitalismus möglich sein.
Daniel aus Graz
Als die Demo gegen die Sparmaßnahmen an der Uni angekündigt wurde, habe ich dies, wie schon öfters bei anderen Demos, mit meinem Umfeld geteilt. Doch dieses Mal war die Reaktion anders. Viele von denen, die sonst eher zögerlich bei solchen Sachen reagierten, sagten sofort zu.
Bevor die eigentliche Demo begann, haben sich schon einige Leute von der Boku zu einer Vollversammlung getroffen, an der ich auch teilnahm. In den Gesprächen hatte ich das Gefühl, dass die direkte Betroffenheit von den Sparmaßnahmen von großer Bedeutung war und die Möglichkeit geboten hat, über die darunterliegenden Probleme zu diskutieren. Ein weiterer Aspekt, der den Einstieg in Gespräche einfacher gemacht hat, ist, dass die Verantwortlichen für die Vollversammlung uns offen mit dem Megaphon denunziert haben (politische Parteien hätten hier nichts verloren). Bei allen, mit denen ich geredet habe, ist diese Aktion auf Unverständnis gestoßen.
Während der Demo hatte ich zwei lange Gespräche mit Uni-Bekannten. In beiden Gesprächen war klar der Fokus, dass diese Sparmaßnahmen nicht einzeln zu betrachten, sondern Teil eines größeren Problems (des Kapitalismus) sind. Unsere klaren Positionen sind hier auch auf sehr viel Zustimmung gestoßen.
Im Großen und Ganzen würde ich sagen, dass die Stimmung in meinem Uniumfeld an dem Tag empört und (leicht) kämpferisch war. Viele von ihnen haben davor schon irgendwo verstanden, dass alle Probleme zusammenhängen, aber diese unmittelbare Betroffenheit hat ihnen gezeigt, dass es jetzt Zeit ist, was dagegen zu tun. So ist es mir gelungen, vier Zeitungen zu verkaufen und fünf Personen kennenzulernen, die sich die RKP anschauen wollen.
Einer von ihnen war nun schon auf zwei Ortsgruppen-Treffen und beteiligt sich auch aktiv. Mit einem anderen starte ich in den kommenden Wochen einen Lesekreis zu der Anti-AFD-Broschüre und eine weitere ist nun im aktiven Austausch mit einem Genossen, mit dem sie befreundet ist.
Luna aus Wien
Als langjährige Tagesmutter erlebe ich täglich, wie sich die Betreuungssituation von Kleinkindern unter drei Jahren verändert. Vielen Menschen ist gar nicht bewusst, wie schwierig die Lage gerade ist: Es geht nicht nur darum, dass Familien keinen Krippenplatz bekommen. Regelmäßig betrifft es auch Kinder, die bereits seit einem Jahr oder länger eingewöhnt sind, Freundschaften aufgebaut haben und ihren Alltag dort verbringen. Wird die Mutter erneut schwanger und geht in Karenz, ist es mittlerweile häufig, dass genau diese Kinder ihren Platz verlieren und plötzlich zu Hause bleiben müssen.
Diese Eltern melden sich dann oft bei mir, weil Tagesmütter sich zum Glück nicht daran orientieren müssen. Aber viele melden sich auch nicht oder wollen nur die nötigsten Stunden buchen, weil es auch nicht genug Tagesmütter gibt und weil die Betreuung noch teurer ist.
Das zeigt deutlich, in welche Richtung sich das System entwickelt. Unter Bedingungen knapper Plätze wird Betreuung danach vergeben, wer dem Arbeitsmarkt zur Verfügung steht. Wer in Karenz oder finanziell eingeschränkt ist, verliert an Chancen.
Dabei wäre es falsch, die Vergangenheit zu verklären. Auch früher war die Betreuung von Kleinkindern oft schlecht geregelt oder überhaupt Familiensache. Es gab zu wenige Plätze, viele Frauen galten schnell als „Rabenmütter“, wenn sie kleine Kinder außer Haus betreuen ließen, und das Familienmodell war ein anderes: In vielen Arbeiter- und Mittelschichtsfamilien reichte zeitweise tatsächlich ein Einkommen aus, um den Lebensunterhalt zu sichern und die Omas waren oft zu Hause. Heute hingegen sind viele Familien auf zwei Einkommen angewiesen, während gleichzeitig Betreuung knapp bleibt und teurer wird.
Betreuung hängt wieder stärker davon ab, wer arbeitet und wer zahlen kann. Für Kinder bedeutet das weniger Kontinuität und für Familien mehr Druck. Eine andere Perspektive wäre möglich: Betreuung als verlässliche soziale Infrastruktur und als Recht jedes Kindes – unabhängig vom Einkommen oder Erwerbsstatus der Eltern.
Anja aus Graz
Nach unserem Lesekreis zu historischem Materialismus auf der Donauinsel sind wir zu dritt noch Zeitungen verkaufen gegangen. Wir waren uns anfangs nicht sicher, ob wir die Leute nicht bei ihrer Entspannung stören, wenn wir sie fragen, ob sie den Kapitalismus stürzen wollen, aber wurden schnell vom Gegenteil überzeugt, aufgrund der großteils freundlich-gesinnten Reaktionen und der tief-durchdachten Fragen, die uns gestellt wurden:
Einer fragte uns, wie wir zu dem Vorwurf stehen, dass Lenin glaubte, dass sich allein mit dem Akt der Revolution alle Probleme in Luft auflösen würden. Das konnten wir einfach aufklären, indem wir ihm erklären, dass das Stalins Zugang war.
Ein anderer fragte uns, wie wir zu Antisemitismusvorwürfen gegen die RKP stehen. Wir haben nachgefragt, was er genau meint. Er konnte uns keine Antwort geben, aber wir konnten die Frage nutzen, um der gesamten Runde unsere Nahostposition zu erklären.
Viele wollen auch wissen, wie wir uns die Revolution in Österreich vorstellen und ob Österreich überhaupt eine Rolle spielen kann (weil es ja so klein und „unschuldig“ sei) – hier verwiesen wir auf den Artikel „Gangster in Rot-Weiß-Rot – der Werdegang des österreichischen Imperialismus“.
Es war eine völlig neue Situation für uns: Von 8 Gruppen, die wir ansprachen, wollten 6 Personen eine Zeitung kaufen. Zwei Leute aus Linz haben gleich jeder eine gekauft. Das ist echt ein Umschwung in der Offenheit der Jugend für kommunistische Ideen. Besonders cool war einer, der uns zu sich und seiner Freundin gewunken hat, als er uns mit der Zeitung gesehen hat. Er ist Zivi und überlegt sich, bei einer Veganer-Orga aktiv zu werden, aber er will kommende Woche auf die Ortsgruppe kommen, um die Frage des Aktivismus nochmal diskutieren können.
Philipp aus Wien
(Funke Nr. 245/08.07.2026)