Libanon im Feuer: Imperialismus, Krieg und die Krise der herrschenden Klassen


Seit dem 2. März 2026 ist der Libanon erneut Kriegsschauplatz. Das ist das Ergebnis jahrzehntelanger imperialistischer Einmischung und Verbrechen. Die libanesische herrschende Klasse kann dem Volk nicht einmal die grundlegendsten Lebensbedingungen sichern. Von Zenon Khayat
In den letzten Jahren wurden trotz eines „Waffenstillstandes“ bei israelischen Bombenangriffen hunderte Menschen getötet. Nachdem am 28. Februar 2026 Israel und die USA den Iran angriffen, antwortete die Hisbollah, die vom Iran finanziert und bewaffnet wird, mit Raketenbeschuss. Das wiederum nutzte Israel als Vorwand, um mit einer beispiellosen Kampagne von Bombenangriffen, Massenvertreibungen und einer Invasion zu antworten. Bereits am ersten Kriegstag, dem 2. März, wurden laut libanesischem Gesundheitsministerium mindestens 52 Menschen getötet.
Den blutigen Höhepunkt bildete der 8. April, der im Libanon als „Schwarzer Mittwoch“ bekannt ist: Innerhalb von nur zehn Minuten feuerte die israelische Armee über 100 Raketen auf mehr als 150 Ziele gleichzeitig – mitten in belebten Wohnvierteln Beiruts, in Sidon und im Bekaa-Tal. Über 300 Menschen starben, mehr als 1.150 wurden verletzt. Krankenhauskorridore füllten sich mit Verletzten; das American University Hospital Beirut rief dringend zu Blutspenden auf, weil die Vorräte zur Neige gingen. Besonders zynisch: Der Angriff erfolgte wenige Stunden, nachdem Pakistan einen Waffenstillstand zwischen den USA und dem Iran vermittelt hatte. Israel erklärte, dieser gelte nicht für den Libanon.
Bis Mitte April hat die israelische Armee so über 2.000 Menschen getötet und mehr als eine Million Menschen – ein Fünftel der Gesamtbevölkerung – vertrieben. Wer keine Verwandten im Norden hat, landet in überfüllten Notunterkünften. Die israelische Armee hat damit begonnen, ganze Dörfer in Grenznähe dem Erdboden gleichzumachen.
Doch während Wohnviertel in Trümmer fallen, warten die Offiziellen auf „grünes Licht“ von Israel, bevor die Aufräumarbeiten beginnen. Die libanesischen Streitkräfte, zu einem erheblichen Teil von den USA finanziert und ausgerüstet, fungieren mehr als Ordnungsmacht gegenüber der eigenen Bevölkerung denn als Schutz vor Bomben. Das konfessionelle System – festgeschrieben im Taif-Abkommen von 1989, das den Bürgerkrieg beendete – teilt alle staatlichen Posten nach Religionszugehörigkeit auf. Es ist ein klassisches System von „Teile und herrsche“: Der Präsident muss Christ sein, der Ministerpräsident Sunnit, der Parlamentspräsident Schiit. Das Ergebnis ist ein System, in dem keine der herrschenden Fraktionen ein Interesse an echter staatlicher Entwicklung hat – sie alle profitieren von Chaos und Spaltung.
Die Wirtschaftskrise von 2019/2020 hat die Ersparnisse der Arbeiterklasse vernichtet. Banken froren Konten ein, die Währung verlor 90 Prozent ihres Wertes. Der Staat lieferte kaum noch Strom oder Wasser. Die Explosion im Beiruter Hafen 2020, verursacht durch jahrelange Korruption und Gleichgültigkeit der Regierung gegenüber 2.750 Tonnen illegal gelagertem Ammoniumnitrat, tötete über 200 Menschen – und niemand wurde zur Verantwortung gezogen.
Die Hisbollah präsentiert sich als einzige Kraft, die dem israelischen Imperialismus standhaft gegenübertritt. Sie hat auch für viele Menschen im Südlibanon und in den Vororten Beiruts Schulen, Krankenhäuser und soziale Einrichtungen aufgebaut, wo der Staat versagte. Diese Basis ist real und führte dazu, dass ihr Bündnis 2018 die Wahlen gewann und in die Regierung kam.
Aber: Die Hisbollah ist keine Befreiungsorganisation der Arbeiterklasse. Sie ist eine islamistisch-konservative Partei, deren Führung eng mit dem iranischen Regime und eigenen Kapitalisten verbunden ist. So kam es schnell zu einer Desillusionierung unter den Massen und 2019 brach eine revolutionäre Situation aus. Hunderttausende auf den Straßen Libanons riefen „Kellon ya’ni Kellon“ – „Alle bedeutet Alle“ – und meinten damit, gegen alle Parteien und Führungsfiguren zu sein, auch die Hisbollah. Diese ging gemeinsam mit der Armee gegen Demonstranten vor.
Ohne eine revolutionäre Führung geriet die Bewegung in eine Sackgasse. Die Wahlen 2022 gewannen die prowestlichen Fraktionen der Kapitalisten. Weil diese jetzt zeigen, dass sie nicht einmal die grundlegendste Selbstbestimmung des libanesischen Volkes sicherstellen können, hat die Hisbollah wieder gewisse Unterstützung zurückgewonnen.
2019 zeigte der Libanon der Welt etwas Seltenes: Schiiten, Sunniten und Christen demonstrierten Seite an Seite gegen „alle“ Herrschenden. Arbeiter aus dem Südlibanon und aus christlichen Vororten Beiruts sangen gemeinsam.
Heute werden diese Menschen gemeinsam zerbombt. Eine schiitische Arbeiterfamilie aus Dahiyeh und eine christliche aus dem Norden teilen dasselbe Schicksal: keine Arbeit, kein Strom, kein Schutz. Der Libanon brennt – als Resultat des Weltkapitalismus und seiner regionalen Handlanger. Die Antwort darauf kann keine neue konfessionelle Führung sein – weder in Form der korrupten Regierung noch in Form der Hisbollah. Die Antwort ist eine unabhängige Arbeiterbewegung, die die nationalen und religiösen Grenzen überwindet und auf Klassenbasis gegen Kapitalismus und Imperialisten kämpft!
(Funke Nr. 243/24.04.2026)