Internationalismus: Der Hauptfeind steht im eigenen Land!


Auf den internationalen Sozialistenkongressen von Stuttgart 1907, Kopenhagen 1910 und Basel 1912 wurde angesichts der steigenden Kriegsgefahr zur internationalen Solidarität aufgerufen. Das bedeutete, den Kriegsanstrengungen „der Regierung ihres Landes den Widerstand des Proletariats“ entgegenzustellen. Von Lukas Frank
Im Basler Manifest wurde einstimmig festgehalten: Falls der Krieg ausbrechen sollte, ist es die Pflicht, für dessen rasche Beendigung einzutreten und mit allen Kräften danach zu streben, die durch den Krieg herbeigeführte wirtschaftliche und politische Krise zur Aufrüttelung des Volkes auszunutzen und dadurch die Beseitigung der kapitalistischen Klassenherrschaft zu beschleunigen.
Doch stattdessen stellten sich 1914 fast alle Arbeiterführer hinter die Kriegsanstrengungen ihrer eigenen Herrschenden. So stimmten im Deutschen Reichstag am 4. August 1914 96 sozialdemokratische Abgeordnete für die Kriegskredite, 14 enthielten sich – es gab keine Gegenstimme. Zwei Tage zuvor schlossen die Gewerkschaftsführer einen Burgfrieden mit den Unternehmern, in dem sie für die Dauer des Krieges ein Streikverbot zusicherten. In den sozialdemokratischen Zeitungen und Parlamentsreden war es ab jetzt ein nationaler Verteidigungskrieg gegen die Aggressionen Russlands. Diesen Führern stand der militarisierte Staatsapparat zur Seite: Oppositionelle sozialdemokratische Führer wurden eingesperrt, unruhige Arbeiter an die Front geschickt, Arbeiterzeitungen geschlossen oder die Redaktionen ausgetauscht.
Die internationalistischen Aktivisten, die weiterhin gegen die Kriegsunterstützung für die eigenen Herrschenden standen, waren auf ein kleines Häufchen reduziert, demoralisiert und verwirrt. 38 Delegierte trafen sich zu ihrem ersten Kongress in Zimmerwald im Herbst 1915. Ende April 1916, vor genau 110 Jahren, trafen sich 45 Internationalisten noch einmal, diesmal in Kiental. Selbst in diesem kleinen Rahmen weniger Aufrechter vertrat nur eine Minderheit die Perspektive einer Revolution. Ihr bekanntester Wortführer war Lenin, der davon ausging, dass ein baldiger Umschwung des Massenbewusstseins von Kriegsunterstützung hin zu offenem Hass auf die Herrschenden stattfinden wird. Daher drängte er auf die Vorbereitung einer neuen Internationale.
Lenin argumentierte gegen Internationalisten, die an der politischen Einheit mit den opportunistischen Führern festhalten wollten. Karl Kautsky, die theoretische Autorität der Zweiten Internationalen, versuchte, die Wiederherstellung der Einheit von Patrioten und Internationalisten theoretisch zu untermauern: (Handels-)Krieg, Aufrüstung, Kolonien – das alles schade der weltweiten Wirtschaft. Man könne daher vielleicht die Imperialisten von einer „rationalen“ Politik überzeugen. Überhaupt hätten die Großkonzerne und Banken doch einen so guten Einblick in die Weltwirtschaft, dass sie sich künftig ohne Krieg und friedlich die Welt zur Ausbeutung aufteilen könnten. So könne eine neue, friedliche Entwicklungsphase des Kapitalismus eingeleitet werden. Die alten Führer hätten daher keinen Verrat begangen, denn mit Revolutionsgebärden hätten sie den Dialog mit den friedlichen Teilen der Herrschenden unmöglich gemacht.
Lenin zerlegte Kautskys Thesen der Klassenzusammenarbeit. Er unterzog die realen Verhältnisse und Entwicklungsmöglichkeiten des internationalen Konzerne-Kapitalismus einer peniblen Analyse. Dabei kam er zu folgendem Ergebnis: „Der Imperialismus ist monopolistischer, faulender, sterbender Kapitalismus.“
Die Herrschenden einer Handvoll mächtiger Staaten machten nicht nur Profite auf dem Rücken der eigenen Arbeiterklasse, sondern auch durch die Ausbeutung und Unterdrückung dominierter Länder. Diese zusätzlichen Profite ermöglichten es, einen Teil der eigenen Arbeiterklasse sozial besser zu stellen, beginnend mit den Führern und Funktionären der Arbeiterbewegung. Die Kapitalisten brauchten diese politische Unterstützung aus der Arbeiterklasse, denn mit Gewalt allein kann man nicht auf Dauer regieren. Schon vor 1914 kristallisierten sich auf dieser Basis zwei Flügel in der Arbeiterbewegung heraus – ein revolutionärer, der am alten Anspruch der Revolution festhielt, und ein opportunistischer, der für die ewige, harmonische Zusammenarbeit mit den Herrschenden eintrat.
Der Kriegsausbruch war keine „willkürliche“ Entscheidung der Herrschenden. Die dauernde Wirtschaftskrise zwang die einzelnen imperialistischen Mächte zu Aufrüstung, bewaffneten Raubzügen für Einflussgebiete und Handelskriegen. Der Weltkrieg – eine Zerstörung von Menschen und Produktivkräften in nie dagewesenem Ausmaß – war der deutlichste Ausdruck davon, dass der Kapitalismus zu einer Sackgasse der Menschheit geworden war.
Lenins Argumentation fand ihren Weg in die Klasse. Unter der Betondecke von Kriegsrecht und der Komplizenschaft der eigenen Führer bahnte sich die glühende Wut ihren Weg. In Deutschland stimmte schon Ende 1914 Karl Liebknecht als einziger SPD-Parlamentarier gegen die zweite Tranche der Kriegskredite und wurde zu einem internationalen Symbol der Kriegsopposition. Im Mai 1915 gab es in Berlin, Stuttgart und Leipzig erste kleine Demonstrationen von Frauen gegen Hunger und für Frieden. Liebknechts Mut inspirierte die Kriegsopposition innerhalb der SPD, die in öffentlichen Aufrufen begann, das Ende der Unterstützung für den imperialistischen Krieg zu fordern:
„Der Hauptfeind des deutschen Volkes steht in Deutschland: der deutsche Imperialismus, die deutsche Kriegspartei, die deutsche Geheimdiplomatie. Diesen Feind im eigenen Lande gilt’s für das deutsche Volk zu bekämpfen, zu bekämpfen im politischen Kampf, zusammenwirkend mit dem Proletariat der anderen Länder, dessen Kampf gegen seine heimischen Imperialisten geht.“
Nach einer Kampagne der Spartakisten – einer geheimen Gruppe revolutionärer Sozialdemokraten um Liebknecht und Luxemburg – kamen im Mai 1916 am Potsdamer Platz 10.000 Arbeiter zusammen. Liebknecht sprach die Versammelten so an: „Nieder mit dem Krieg! Nieder mit der Regierung!“. Seiner darauffolgenden Verurteilung wegen Hochverrats folgte ein Streik von 55.000 Arbeitern einer Munitionsfabrik in Stuttgart. Ein zerknirschter Karl Kautsky schreibt an seinen Freund Victor Adler in Wien:
„Der Extremismus entspricht den gegenwärtigen Bedürfnissen der ungebildeten Massen. Heute ist Liebknecht in den Schützengräben der beliebteste Mann.“
Doch Liebknecht verkörperte lediglich die Revolution. Er war zu einem Symbol des Hasses auf die kaiserliche Regierung und das anhaltende Gemetzel geworden. Für die SPD-Spitze hingegen wurde es immer unmöglicher, die Kriegsopposition in den eigenen Reihen in Schach zu halten. Nach einer Versammlung von Oppositionellen im Januar 1917 spaltete sie die Partei, indem sie Mitglieder oder ganze Ortsgruppen aus der Partei ausschloss.
Lenins Perspektive bestätigte sich. Aus dem dunkelsten Elend des Ersten Weltkrieges leuchtete im Oktober 1917 die Russische Revolution auf. Erstmals eroberte die Arbeiterklasse in einem Land die Macht und beendete so die imperialistische Kriegsbeteiligung ihrer Herrschenden. Nicht zufällig stand an ihrer Spitze die bolschewistische Arbeiterpartei Lenins. Keine andere Partei der Arbeiterklasse hätte diese Aufgabe bewältigen können. Die erfolgreiche Revolution für „Land! Brot! Frieden!“ war eine weltweite Inspiration für revolutionäre Massenaufstände. Allen voran: die Arbeiter und Jugendlichen Österreich-Ungarns, die im Jänner 1918 in den Massenstreik für den Frieden traten. Der Sturz des Kapitalismus weltweit rückte in greifbare Nähe.
Überall kam es nun zur Gründung kommunistischer Parteien, die sich die Aufgabe der Machtergreifung der Arbeiterklasse stellten. Die Dritte Internationale, die Kommunistische, wurde 1918 gegründet. Sie stand vor der schwierigen Aufgabe, dieses Ziel nicht nur zu proklamieren, sondern die Mehrheit der Arbeiterklasse dafür zu gewinnen. Die Reformisten bemühten sich, den Kapitalismus zu stabilisieren. Dabei konnten sie auf die Unterstützung der Herrschenden hoffen, die ihnen – solange sie von der Angst vor ihrem Sturz getrieben waren – viel Spielraum für Reformen gewährten. 1918 wurde so der Achtstundentag in Österreich und Deutschland eingeführt.
Schlussendlich scheiterte die junge kommunistische Bewegung an der Aufgabe, die ihr die Geschichte stellte. Eine revolutionäre Partei kann man nicht im Feuer der Ereignisse improvisieren, man muss die Partei zuvor aufbauen, schulen und in der Arbeiterklasse verankern. Der Faschismus und der Zweite Weltkrieg waren der Preis, der bezahlt werden musste, dass eine solche Partei nur in Russland rechtzeitig vorbereitet wurde.
Heute stehen wir wieder in einer Periode von Kriegen, Krisen, Revolutionen und Konterrevolutionen. Doch die Arbeiterklasse ist unvergleichlich stärker als 1914, die Kapitalisten unvergleichlich schwächer. Wir können und müssen uns darauf vorbereiten, zu Ende zu bringen, was unsere Klasse zuvor nur beinahe geschafft hat: den Kapitalismus zu stürzen und die Unterdrückung tausendjähriger Klassengesellschaft insgesamt. Um aus dem Schrecken ohne Ende des Kapitalismus ein Paradies auf Erden zu errichten, in dem der Mensch sich zu seiner vollen Größe aufrichten kann.
(Funke Nr. 243/24.04.2026)