Frauenkampftag 2026: Zwischen Biedermeier und Revolution


Riesige Demonstrationen und Radikalität einerseits – kapitalistische Vereinnahmung und Entpolitisierung andererseits: Der diesjährige Frauenkampftag zeigt uns in all seiner Widersprüchlichkeit etwas Tieferes über die politische Lage in Österreich.
Von Yola Kipcak
Am 9. März waren die Genossinnen der RKP in Dornbirn gerade dabei, sich Socken über die Finger zu stülpen, um in Biedermeier-Manier das kommunistische Programm als „Sockenpuppentheater” aufzuführen. Denn der erste sogenannte Frauenstreik in Vorarlberg war als möglichst unpolitisches Event konzipiert, bei dem es kein Material wie Zeitungen oder Organisationssymbole geben sollte – und auch keinen Streik, sondern primär Kunstperformances. Da traf eine Gruppe von über 30 Schülerinnen und Schülern aus Götzis ein und mischte dieses Konzept auf: Sie hatten spontan und aus Eigeninitiative beschlossen, an diesem Tag gegen Sexismus und Frauenunterdrückung in einen tatsächlichen Streik zu treten. „Um kämpfen zu können, müssen wir laut sein!“, erklärte eine Jugendliche vor Ort.
Diese Anekdote veranschaulicht die krass gegensätzlichen Tendenzen des diesjährigen Frauenkampftages: Ein Wunsch nach ernsthaften Antworten, eine Bereitschaft, zu kämpfen traf auf eine großteils entpolitisierte Konzeption der Proteste.
Im ganzen Land waren die Demonstrationen rund um den 8. März größer als in den letzten Jahren. Mindestens 20.000 in Wien; in Graz mit 4500 eine Verdopplung zum letzten Jahr. Die wahrscheinlich historisch größten Proteste dazu gab es in Innsbruck (5000), ebenso in Linz und Salzburg. Neu waren auch eine Demo von 100 vorrangig jungen Schülerinnen in Klagenfurt, ausgerufen von aks und VSSTÖ, und eine Kundgebung von über 100 in St. Pölten, die wir, wie die Demo in Bregenz, maßgeblich mitorganisierten. In mehreren Städten gab es weitere Termine, unter anderem mehrere symbolische „Frauenstreiks“ (Wien, Dornbirn, Salzburg u.a.) am 9.3. mit jeweils einigen hundert Teilnehmerinnen, oder die jährlich stattfindende öffentliche Betriebsversammlung einiger Sozialbetriebe in Wien.
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Die RKP beteiligte sich tatkräftig, um den Frauenkampftag zum größtmöglichen Erfolg zu machen: durch Online und Offline-Bewerbung, Mitorganisierung von Protesten, Reden in Graz, Innsbruck, Vorarlberg und St. Pölten und auf der Sozialbereichskundgebung in Wien, durch Veranstaltungen und Publikationen. An die 200 Personen reihten sich im revolutionären und lautstarken Block an der Wiener 8.März-Demo ein, große Kontingente hatten wir auch in Innsbruck, Linz, Graz, Bregenz, St. Pölten und Kärnten. Wir sehen es dabei als absolut notwendige und zentrale Aufgabe an, die kommunistischen Ideen zur Frauenbefreiung in der Bewegung so breit und weit wie möglich bekannt zu machen.
Die österreichische Regierung greift das Thema Feminismus bewusst auf, um Unterstützung für sich zu generieren. Das trug auch dazu bei, die Proteste groß zu machen, allein deswegen, weil man hier ohne Angst vor Druck von Lehrern, Vorgesetzten oder Medien auf die Straße gehen konnte. Dabei achten sie tunlichst darauf, die gesellschaftliche Unzufriedenheit möglichst zu individualisieren. Der Ursprung von Sexismus und Gewalt wird im psychologischen Versagen von Männern – ganz besonders ausländischen – gesucht, Konkurrenz zwischen Mann und Frau in den Mittelpunkt gerückt. Kurz: Frauenunterdrückung soll für Kulturkampf und Spaltung ausgeschlachtet werden.
Die Herrschenden bewegen sich damit jedoch auf dünnem Eis. Denn die Jugend ist keine hirnlose Verschubmasse, und die tiefergehende Politisierung ist nicht wegzukriegen.
Die Riesendemo in Wien wird seit letztem Jahr von den Medien praktisch totgeschwiegen, weil sie deklariert pro-Palästina ist. Beispielhaft ignorierte das liberale Schmierblatt „derStandard“ die Wiener Demo zugunsten einer schmalzigen Reportage über Graz. Darin wird der Verzicht der KPÖ-Bürgermeisterin gelobt, diesen wichtigen Kampftag zu politisieren, indem sie keine Rede hielt.
Da die Gewerkschaften und die SPÖ zu 100% in die Sparregierung eingebunden sind und seit Jahrzehnten keinen Auftrag für eine proletarische Frauenbewegung mehr sehen, wird diese Lücke am 8. März von mehr oder weniger zufälligen Personen und Gruppen gefüllt. Das befördert die Verbreitung bürgerlich-feministischer Vorurteile, eine Betonung auf persönliche Leiden oder Single-Issue-Initiativen und eine Entpolitisierung. Etwa auf der „Männerdemo“ in Wien, initiiert von einem Neos-Sympathisanten, oder durch den Versuch, kollektive Organisierung durch Einschränkung von Fahnen und Bannern auf der „take back the streets“-Demo unsichtbar zu machen. Hier verwendete eine Clique von dezidierten RKP-Hassern in „Ordner“-Funktionen ihre ganze politische Energie sogar darauf, Gespräche unserer Genossinnen und Genossen zu unterbrechen, um die Verbreitung der anscheinend besonders gefährlichen Ideen des Marxismus in Form des „Funke“ zu unterbinden (was in mehreren Fällen zu solidarischen Zeitungskäufen seitens verdutzter Personen führte).
Am deutlichsten wurde die Kluft zwischen Potenzial und politischem Angebot bei den diversen Frauenstreik-Initiativen. Der richtige Instinkt, auf die Zumutungen des Systems mit einem STREIK zu reagieren, dieses mächtige Kampfinstrument der Arbeiterklasse, wurde hierbei als symbolische Geste interpretiert. So animierte eine Initiatorin von „stillgelegt“ in Wien Kolleginnen aus dem Sozialbereich, deren Streikwelle unlängst von der Gewerkschaftsführung gebrochen wurde, dazu, sich für 5 Minuten auf die kalte Mariahilferstraße zu legen und dies als Streik zu bezeichnen. Eine Blasenentzündung ist keine adäquate Antwort auf Unterdrückung und Sparpolitik!
Die Aufgabe der Arbeiterorganisationen wäre es, das riesige Kampfpotenzial rund um den 8. März in tatsächlichen Massenstreiks und Demos an Schulen, Unis und Betrieben zu bündeln, antikapitalistisch zu befruchten sowie eine Organisierungsoffensive von jungen Menschen, insbesondere Frauen, zu starten!
Unter den Demo-Teilnehmerinnen war allerorts eine hochpolitische Grundstimmung spür- und sichtbar. Sexismus, Gewalt, Sparpolitik, die Frauen besonders trifft (etwa die Schließung der Geburtenstation in Dornbirn), Stolz und Kampfbereitschaft waren präsente Themen. In hunderten Gesprächen, die wir führten, war auch der allgemeine Hass auf die „Epstein-Klasse“, auf das ganze System, auf den Kapitalismus, den Imperialismus und die Kriege spürbar. Über 400 Interessierte kauften bei den Demonstrationen den „Funke“, so viel wie noch nie zuvor am Frauenkampftag; Dutzende Neue beteiligten sich an unseren Events.
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Der 8. März in Österreich zeigte eines sehr klar: Wir befinden uns in einer Übergangsphase. Wut, Politisierung, der Wille, die Welt zu verändern, werden täglich geschürt. Momentan wird dies durch die von oben aufgezwungene Verwirrung noch zurückgehalten. Doch es ist nur eine Frage der Zeit, bis dieses Potenzial durchbricht. Und eines ist völlig offensichtlich: Frauen und Mädchen werden hier an vorderster Front kämpfen.
Der Funke Nr. 242