Yankee Go Home (Funke Nr. 242)


Der Angriffskrieg gegen den Iran durch die USA und Israel entwickelt sich immer mehr zu einem strategischen Desaster für den westlichen Imperialismus. Das unmittelbare Ergebnis ist nicht ein Regimewechsel im Iran, sondern das Anheizen von Klassenkampf und Revolution – auch in Europa und den USA. Von Florian Keller
Die Verbrechen gegen die Zivilbevölkerung lassen unsere Herrschenden dabei völlig kalt. Ein US-Angriff auf eine Mädchenschule am ersten Kriegstag mit 168 Toten? Eine „tragische Fehlkalkulation“ ohne Konsequenzen. Der verheerende israelische Angriff auf die Ölinfrastruktur in der iranischen Hauptstadt Teheran, der 20 Millionen Menschen tagelang giftigen Qualm atmen lässt? Im besten Fall eine Randnotiz. Bisher sind über 1500 Zivilisten tot. Das Leid der Massen ist den Imperialisten nie eine Träne wert – außer es lässt sich für ihre eigenen Interessen in politisches Kleingeld ummünzen.
Was den Damen und Herren der Medienkonzerne, den Kapitalisten und den Staatsmännern von Wien bis Washington tatsächlich schlaflose Nächte beschert, ist, dass Trumps jüngster Angriff sich immer mehr als grandiose politische Fehlkalkulation herausstellt.
Militärisch haben die Luftwaffen der Angreifer eine enorme Überlegenheit. Aber der Iran hat sich systematisch auf so einen Krieg vorbereitet und zeigt keine Anzeichen eines Zusammenbruchs. Israels Kriegsziel ist ein vollständiger Zusammenbruch des Landes. Diese Perspektive hat das Regime in Teheran politisch stabilisiert, obwohl es zuvor angesichts der Wut der Massen über Armut, Korruption und Unterdrückung an einem seidenen Faden hing.
Der Iran antwortet auf jeden schweren Angriff mit dutzenden Drohnen und ballistischen Raketen auf Israel und die Infrastruktur der mit den USA verbündeten Golfstaaten. Neben den Militärbasen, vor allem die Öl- und Gasproduktion. Etwa drei Dutzend große Energieanlagen sind beschädigt und außer Betrieb, darunter die weltweit größte Flüssiggasproduktionsanlage in Katar.
Aber insbesondere mit der Blockade der Straße von Hormus, der Meerenge zwischen dem Iran und Oman, hat der Iran eine strategische Trumpfkarte. Hier werden 20% des weltweiten Erdöl und Erdgas verschifft, aber auch andere Waren, die entscheidend für die weltweite Düngemittel- und Chipproduktion sind. Diese Blockade ist daher ein schwerer Schlag für die gesamte Weltwirtschaft – und insbesondere die Verbündeten der USA im Nahen Osten, in Europa und Asien. Russland und der Iran profitieren derweil wirtschaftlich von hohen Ölpreisen. Die USA haben wegen der Versorgungsengpässe sogar die Sanktionen gegen russisches und iranisches Öl temporär ausgesetzt.
Die US-Notenbank schätzt, dass eine dreimonatige Blockade der Meerenge das Wachstum der Weltwirtschaft um 0,2% drücken würde, eine neunmonatige gar um 1,3%.
Der Iran nützt diesen Druck, die Straße soll erst wieder vollständig geöffnet werden, wenn seine Forderungen erfüllt werden: das Ende der Angriffe, Garantien gegen einen neuen Angriffskrieg und hohe Entschädigungszahlungen.
Militärisch wäre eine Erzwingung der Öffnung mit extremen Risiken verbunden. Deswegen lehnten selbst die Europäer, die sich sonst so unterwürfig Trump gegenüber verhalten, um weitere Unterstützung in „ihrem“ Ukrainekrieg zu bekommen, die Aufforderung nach Waffenhilfe bisher ab. Eine Invasion der anliegenden iranischen Küstengebiete ist extrem aufwendig, im besten Fall mit hohen Verlusten verbunden und könnte im schlimmsten Fall in einem militärischen Debakel enden. Spekuliert wird auch über eine Besetzung der Insel Kharg, wo 90% des iranischen Öls verladen werden. Doch neben den enormen militärischen Risiken würde durch den Ausfall dieser der Druck auf die Weltwirtschaft nur noch weiter steigen.
Clausewitz hielt fest, dass der Krieg ein Akt der Gewalt ist, um den Gegner zur Erfüllung des Willens zu zwingen. Donald Trump muss jetzt lernen, dass er das nicht kann. Das führt zu extrem erratischen Ausbrüchen: An dem einen Tag droht er mit der völligen Vernichtung des Iran. Dann redet er von extrem konstruktiven Gesprächen, die einen Frieden immer näherkommen lassen. Man spürt förmlich, wie der US-Präsident verzweifelt nach einem Ausweg sucht. Er hofft dabei auf den Willen zumindest eines Teils der iranischen Führung, ihr eigenes Leben und die Profite ihrer Wirtschaft mit einem Deal in Sicherheit zu bringen. Selbst das wäre nach den großspurigen Ankündigungen eines Regimewechsels ein riesiger Gesichtsverlust für die USA – aber ob es Spielraum dafür gibt, ist mehr als fraglich. Falls nicht, ist der notwendige nächste Schritt die weitere Eskalation des Krieges.
So türmen sich die Gegensätze im Weltkapitalismus weiter und weiter auf. Der Krieg sorgt für eine enorme Zuspitzung aller Widersprüche im Weltkapitalismus.
Vor allem die arabischen Verbündeten der USA sitzen auf einem Vulkan. Videos aus Ländern wie Jordanien oder Bahrain zeigen, dass Einschläge iranischer Raketen Jubel der Bevölkerung auslösen, weil die eigenen Regimes so verhasst sind. Ägypten muss jetzt schon mehr als dreimal so viel für Gas zahlen wie vor einem Monat. Steigende Brotpreise waren 2011 entscheidend für den Ausbruch der Revolution. Dass eine weitere militärische Eskalation die Regimes der Golfstaaten (allen voran Saudi-Arabien) immer weiter in Richtung einer direkten Beteiligung am Krieg zwingt, wird ihre schwache gesellschaftliche Basis nur noch schneller und deutlicher aufdecken.
Selbst in Israel spitzen die dauernden Massenmobilisierungen und Kriege und jetzt die täglichen Luftangriffe auf das Land die Widersprüche zu. Auch wenn derzeit noch eine absolute Mehrheit der jüdischen Israelis den Krieg unterstützt, untergräbt er doch die materiellen Grundlagen für den Zionismus. Zu einem gewissen Zeitpunkt wird auch ein entscheidender Teil der jüdischen Arbeiter Israels zu dem Schluss kommen, dass der Weg vorwärts nicht der permanente Krieg gegen, sondern der gemeinsame Kampf mit den arabischen Klassengeschwistern gegen die Kapitalisten ist. Eine Niederlage gegen den Iran wird diesen Prozess noch beschleunigen.
Und nicht zuletzt ist der Krieg auch ein gewaltiger Brandbeschleuniger für die Widersprüche im Herzen des westlichen Imperialismus. Die politische Ablehnung des Krieges durch die Mehrheit der Arbeiterklasse ist der entscheidende Grund, warum die USA etwa vor einer Bodeninvasion zögern. Der größte Flugzeugträger der Welt (die USS Gerald Ford) musste nach einem Großbrand zurückgezogen werden – mögliche Sabotage durch Besatzungsmitglieder wird untersucht. In Deutschland streikten schon zweimal 50.000 Schüler unter dem Slogan „Die Reichen wollen Krieg, die Jugend eine Zukunft“ gegen die Militarisierung (siehe S. 9), in Italien streikten letzten Herbst 2 Mio. Jugendliche und Arbeiter gegen den Völkermord in Palästina.
Diese Prozesse werden sich weiter beschleunigen, weil die Kapitalisten die Kosten für ihre imperialistischen Abenteuer auf die Massen abwälzen werden – in Form von höheren Preisen, Einsparungen für neue Waffenkäufe, verlorenen Arbeitsplätzen und toten Soldaten, die auf dem Altar des Profits geopfert werden. Die Arbeiterklasse muss daher den Herrschenden die Waffen aus der Hand schlagen, bevor es zu spät ist: Der einzige Weg ist der Sturz der Kapitalisten und ihrer Politiker in der sozialistischen Revolution. Nieder mit dem Krieg gegen den Iran, nieder mit den Kapitalisten!
24.03.2026
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