Kniefall statt Kampf: Warum der Handels-KV ein Reallohnverlust ist und wie wir uns die Gewerkschaft zurückholen


Am Abend des 24. November 2025 endete im österreichischen Handel nicht nur eine Verhandlungsrunde. Es endete die Illusion, dass man mit „bitten und betteln“ im Konferenzraum der Wirtschaftskammer (WKÖ) die Existenzgrundlage von über 400.000 Beschäftigten sichern kann. Das Ergebnis der dritten und letzten Runde zwischen der Gewerkschaft GPA und den Vertretern des Kapitals ist mehr als nur eine Enttäuschung – es ist eine Bankrotterklärung der vorherrschenden Politik der Sozialpartnerschaft. Von Zenon Khayat
Ausgehandelt wurde eine Erhöhung von 2,55%. Die rollierende Inflation beträgt 3,008%.
Das bedeutet im Klartext: Wer im Handel arbeitet, hat seit Januar real weniger Geld in der Tasche als zuvor. Das ist nun das dritte Jahr Reallohnverlust in Folge! Während die Preise für Miete, Energie und den täglichen Einkauf weiter steigen, sinkt die Kaufkraft derjenigen, die den Laden am Laufen halten. Wie konnte es dazu kommen, nachdem die Gewerkschaftsführung in den Wochen zuvor auf den Betriebsversammlungen noch so laut auf die Trommel gehauen hat?
Nicht nur das, es gibt nun auch eine Änderung, was die Samstagsregelung betrifft: „Von der bisherigen Regelung, dass auf einen gearbeiteten Samstag ein arbeitsfreier Samstag folgt, kann auf Antrag der Arbeitnehmerin mit Zustimmung des Betriebsrats, sofern vorhanden, abgegangen werden“, hieß es von der Gewerkschaft. Somit öffnet sich hier die Tür in den Betrieben ohne Betriebsrat, Druck auf die Angestellten zu machen, damit diese „freiwillig“ jeden Samstag arbeiten. Auch in Betrieben mit Betriebsrat wird das zu mehr Druck führen, weil „man muss ja manchmal die Zähne zusammenbeißen“, wenn es gerade wirtschaftlich enger wird.
Um das volle Ausmaß dieses Debakels zu verstehen, müssen wir zurückblicken. Der Grundstein für diesen Reallohnverlust wurde bereits im Jahr 2024 gelegt. Damals feierte die Gewerkschaftsführung einen Zweijahresabschluss als Erfolg der Stabilität. Vereinbart wurde für 2024 ein Reallohnverlust von 0,5 %, um für 2025 eine „Erhöhung“ um die Inflationsrate plus 0,5 %.
Doch wie so oft im Kleingedruckten des Klassenkampfs von oben, gab es eine vergiftete Klausel: Diese Formel sollte nur gelten, wenn die rollierende Inflation nicht über 3,0 % steigt. Wäre die Inflation also stabil geblieben, hätten die Beschäftigten zumindest 2,9 % (und damit eine Erhöhung, die zumindest die Inflation der letzten 12 Monate im Nachhinein ausgeglichen hätte) erhalten.
Da die Inflation jedoch zum Zeitpunkt der Verhandlungen bei 3,008 % lag – also knapp über der „magischen Grenze“ –, griff die vereinbarte Aussetzungsklausel. Wir sehen hier die ganze Perfidie der bürgerlichen Verhandlungslogik: Die Arbeitenden sollen „Kompromisse“ eingehen, wenn es der Wirtschaft schlecht geht, aber sie werden auch dann zur Kasse gebeten, wenn die Inflation durch die Gier der Konzerne angeheizt wird. Die Gewerkschaftsführung hat sich auf ein Glücksspiel mit der Inflation eingelassen – und die Beschäftigten haben verloren.
Das zentrale Argument der WKÖ und ihrer medialen Sprachrohre war bei den Verhandlungen die schwierige wirtschaftliche Lage. Man verweist auf die Rezession in der Industrie, auf strauchelnde Zulieferer und die globale Unsicherheit. Tatsächlich haben 43% der Menschen in Österreich Angst vor einem Jobverlust, 40% müssen bereits einsparen.
Doch uns muss bewusst sein: Insbesondere die großen Handelsketten – die Rewe Group (Billa, Bipa, Penny), Spar, Hofer und Lidl – haben ganz und gar kein „schlechtes Jahr“ hinter sich. Im Gegenteil. Die Umsätze waren stabil, teilweise gab es ein sattes Plus – insgesamt inflationsbereinigt etwa +1% im vergangenen Jahr, wie wir alle im Weihnachtsgeschäft am eigenen Leib spüren konnten. Vor allem die Profite sprudeln. Die Preiserhöhungen im Supermarktregal, die wir alle an der Kassa spüren, sind nicht nur gestiegenen Kosten geschuldet, sondern dienen der Profitmaximierung (Profit-Price-Spiral).
Die Wahrheit ist: Die Großkonzerne haben das Geld im vergangenen Jahr eingenommen – es landet nur nicht in den Taschen der Beschäftigten, sondern in den Taschen der Aktionäre und Eigentümerfamilien. Dass trotzdem ein Abschluss unter der Inflationsrate akzeptiert wurde, zeigt, dass es hier nicht um ökonomische Notwendigkeiten geht, sondern um ein Machtverhältnis: In Erwartung schlechterer Zeiten wollen die Kapitalisten noch möglichst viel aus den Unternehmen herauspressen – zu Kosten der Beschäftigten. Die Kapitalisten geben nichts freiwillig ab. Und die reformistische Gewerkschaftsführung ist nicht bereit, es sich zu holen.
Was in den Wochen vor dem Abschluss geschah, kann man nur als politisches Theater bezeichnen. Auf Betriebsratshauptversammlungen und Konferenzen gab sich die Spitze der GPA kämpferisch. Es wurde gedroht, gefordert und lautstark verkündet, dass man sich „nicht abspeisen“ lassen werde. Es wurde versprochen, dass es laut GPA Chefverhandler Mario Ferrari und Martin Müllauer, Vorsitzender des GPA-Wirtschaftsbereichs Handel, dass es eine “nachhaltigen Beitrag zur Kaufkraftsicherung” geben müsse.
Doch was folgt auf die Worte? Nichts. Es gab keine Streiks. Es gab keine nennenswerten Kampfmaßnahmen. Es gab nicht einmal symbolische Aktionen, die den normalen Geschäftsablauf gestört hätten. Die Drohgebärden dienten lediglich dazu, Dampf abzulassen, um die Basis ruhigzustellen, während man hinter verschlossenen Türen bereits den Stift zückte, um die Kapitulation zu unterschreiben. Der “nachhaltige Beitrag” war schließlich Reallohnverlust.
Dieses Muster ist symptomatisch für die österreichische Sozialpartnerschaft. Die Führung betrachtet die Gewerkschaft nicht als Kampforganisation, sondern als Co-Manager des Kapitalismus. Ihr oberstes Ziel ist der „soziale Frieden“ – was nichts anderes bedeutet als Ruhe an der Front, damit die Profite ungestört fließen können. Ein Reallohnverlust wird hingenommen, um den Konflikt mit dem Kapital zu vermeiden. Dieser „Frieden“ wird auf dem Rücken der Kassiererinnen, Regalbetreuer und Lagerarbeiter ausgetragen.
Warum passiert das immer wieder? Warum lassen wir uns das gefallen? Das Problem liegt in der Struktur und dem Selbstverständnis der Interessenvertretung. Eine abgehobene Schicht von Funktionären, einer Bürokratie, die oft seit Jahren keinen Betrieb mehr von innen gesehen haben, entscheidet über die Lebensrealität von Hunderttausenden. Sie haben mehr Angst vor einer unkontrollierbaren Bewegung der Basis als vor den Drohungen der Wirtschaftskammer.
Die Gewerkschaft ist – oder sollte sein – das kollektive Instrument der Arbeitenden, um sich gegen die Angriffe auf Lohn, Arbeitsbedingungen und Lebensumstände zu wehren. Passivität der Beschäftigten ist in diesem Zusammenhang tödlich. Die Kolleginnen und Kollegen wurden von der Bürokratie systematisch daran gewöhnt, ihr Schicksal in die Hände „derer da oben“ in der Gewerkschaftszentrale zu legen. Aber die Gewerkschaft ist kein Dienstleister, bei dem man Mitgliedsbeiträge einzahlt und dafür automatisch Lohnerhöhungen geliefert bekommt, wie bei einer Amazon-Bestellung.
Wir stehen an einem Scheideweg. Wenn wir so weitermachen, werden wir alles verlieren. Die Angriffe auf die Arbeitszeiten (Stichwort: 12-Stunden-Tag, Sonntagsöffnung), auf die Zuschläge und auf das reale Einkommen werden zunehmen. Das Kapital kennt keine Gnade, wenn es um seine Rendite geht.
Es reicht nicht, über den schlechten Abschluss zu jammern oder aus der Gewerkschaft auszutreten. Austritt ist Kapitulation. Wir müssen die Gewerkschaft zurückerobern und zu dem machen, was sie sein muss: Eine Kampforganisation.
Das beginnt im Kleinen, im eigenen Betrieb:
Der vergangene Abschluss war eine Niederlage. Aber er kann ein heilsamer Schock sein. Er zeigt uns, dass der Weg des „sozialpartnerschaftlichen Dialogs“ in eine Sackgasse führt. Der erste Schritt ist es, die harte Wahrheit an – und auszusprechen. Es gibt keinen „fairen Ausgleich“ zwischen Kapital und Arbeit in einem System, das auf Ausbeutung basiert.
Wir haben die Kraft. Ohne uns dreht sich kein Rad, ohne uns bleibt jedes Regal leer, ohne uns piept keine Kassa. Die Handelsangestellten haben eine enorme strategische Macht – sie müssen sich ihrer nur bewusst werden.
Eine kämpferische Basisbewegung, aktiv in den Betrieben, kann den Druck aufbauen, der nötig ist. Wir müssen diejenigen sein, die in den Pausenräumen die Diskussionen anstoßen. Wir müssen diejenigen sein, die den Kollegen erklären, dass 2,55 % bei 3 % Inflation ein Lohndiebstahl sind – und dass wir uns wehren können, wenn wir gemeinsam kämpfen. Und wir müssen diejenigen sein, die beim nächsten Mal nicht auf die Anweisung von oben warten, sondern den Widerstand von unten organisieren.
Dieser schlechte Abschluss darf nicht das Ende sein. Er muss der Startschuss sein für eine Erneuerung der Gewerkschaftsbewegung im Handel. Für eine Gewerkschaft, die nicht bittet, sondern fordert. Die nicht kniet, sondern kämpft.
Schließ dich der RKP an. Organisiere dich. Für einen Handel, in dem der Mensch zählt und nicht der Profit.