Krimi um die Klunker der Kaiserin


Nach 100 Jahren sind die 1918 ins Ausland gebrachten Schätze der Habsburger wieder aufgetaucht, was für eine Neuauflage eines alten Rechtsstreits mit der Republik Österreich sorgen könnte.
Von Konstantin Korn
Am 30. Oktober 1918 begann die Herrschaft der Habsburger, die 650 Jahre Österreich regiert hatten, zusammenzubrechen. Hunderttausende Arbeiter zogen durch die Wiener Innenstadt und forderten die Republik. Kaiser Karl wurde bewusst, dass seine Kaiserwürde nicht „in seinem Hermelinmantel und in der Krone“ steckt, sondern einem Verhältnis zwischen Menschen erwächst. Trotzki schrieb dazu: „Der König ist nur darum König, weil sich in seiner Person die Interessen und Vorurteile von Millionen Menschen widerspiegeln. Wenn dieses Verhältnis vom Strom der Ereignisse weggespült wird, erweist sich der König bloß als ein verbrauchter Herr mit herabhängender Unterlippe.“
Aber zumindest wollten sich Karl und seine Gattin Zita „Hermelinmantel und Krone“ retten und ließen von ihrem loyalen Oberkämmerer den Großteil der Kronjuwelen aus der Schatzkammer in die Schweiz bringen. Dabei besagte ein Gesetz ausdrücklich, dass die Ausfuhr von Juwelen verboten ist. Zita begründete den Schritt damit, dass „bolschewistische Unruhen zu befürchten“ waren und „davor sollte das Wichtigste in Sicherheit gebracht werden“.
In der Tat lag an diesem Abend die Macht auf der Straße. Die machtvolle Arbeiterdemonstration hätte ohne großen Widerstand die Hofburg unter ihre Kontrolle bekommen und somit auch den Abtransport der Kronjuwelen verhindern können. Doch die Sozialdemokratie ließ bewusst „die Hofburg links liegen“ und die Massen vorbeiziehen. Sie wollte nicht die Machtübernahme durch die Arbeiterbewegung, sondern die Demonstration diente nur zur Unterstützung der neuen Koalition mit den Bürgerlichen zur Ausrufung der Republik.
Karl Habsburg war bis zuletzt nicht bereit abzudanken, aber schon ein höfliches Vorsprechen der sozialdemokratischen Parteispitzen im Schloss Schönbrunn war genügend Erschütterung, und er fiel wie eine faule Frucht.
Doch die Sozialdemokratie hielt die Lokomotive der Revolution auf halbem Wege an. Sie begnügte sich mit dem Ende der Monarchie. Dem letzten Kaiser gönnte man sogar die Ausreise ins Exil, von wo er umgehend an seinen Umsturzplänen tüftelte. Finanziert wurden seine Putschversuche mit den Erlösen aus dem Verkauf von Teilen der entwendeten Schmuckstücke aus der Schatzkammer.
Unter dem Druck der sozialen Revolution kam es im April 1919 zur Überführung des Vermögens des Hauses Habsburg in die Hand der Republik. Die Konsequenz der Bolschewiki im Umgang mit den Romanows ließ man aber vermissen. Das Privatvermögen der einzelnen Mitglieder wurde nicht angetastet. Und das, obwohl die „Arbeiter-Zeitung“ richtigerweise schrieb: „Über die ‚Privatmittel‘ dieser Herren kann man nur lächeln. Bekanntlich haben sie alles, was sie besessen und ausgegeben haben, aus dem Mark des Volkes gesogen und überhaupt Staat und Volk ausgeplündert.“ Die Sozialdemokratie wollte zwar die entwendeten Schmuckstücke aus der Schatzkammer zurück. Doch mit rein juristischen Mitteln war nichts zu holen, dafür sorgten schon die bürgerlichen Koalitionspartner und der alte Beamtenapparat.
Mehr als 100 Jahre später hat Kulturminister Babler (SPÖ) angekündigt, er will von Juristen prüfen lassen, ob die aufgetauchten Klunker nicht doch der Republik gehören. In Zeiten der Budgetkrise ließe sich das von der SPÖ gut vermarkten. Doch wie naiv ist es, zu glauben, man könne die Juwelen über den Rechtsweg zurückholen, wenn man in Zeiten der Revolution mit diesem Mittel nicht weit gekommen ist.
In der Zwischenzeit nimmt Kaiserenkel Karl Habsburg den aufgetauchten Schatz zum Anlass, sich in allen Medien zu inszenieren. Und über den „St. Georgs-Orden“, dem eine Reihe von Politikern aus ÖVP und FPÖ angehören, versucht er, hinter den Kulissen politisch mitzumischen. Die liberalen „Demokratieverteidiger“ sind dazu auffällig still.
(Funke Nr. 239)