…wird ein Feuer entfachen!

Viel Wirbel gibt es derzeit in Vorarlberg, wo am 20. September Landtagswahlen stattfinden, rund um die „Back To The USSR“-Parties der Sozialistischen Jugend Vorarlberg. Stein des Anstoßes ist der Flyer, mit dem die Veranstaltung beworben wird. Auf ihm ist das Abbild des russischen Revolutionärs Lenin zu sehen. Die Medien sprechen nun davon, dass die SJ einen Massenmörder auf ihren Flyern abbilde.

Merkwürdig ist das alles schon: Da kommen am 11. Juli 500 Jugendliche aus dem Bregenzer Wälder ins E-Werk in Andelsbuch auf eine Party, deren Slogan „Back to the USSR“ lautet und finden nichts dabei zum gleichnamigen Song der Beatles abzutanzen. Dann entdeckt plötzlich ein Redakteur von Antenne Vorarlberg (Teil des Russ-Konzerns), der DJ im E-Werk ist, den Bewerbungsflyer und macht ordentlich Wind – und die Nachrichtenagenturen des Landes zetern über die Abbildung des vermeintlichen Massenmörders Lenin. Wenn das keine klassische Überbrückung eines Sommerloches darstellt! „Ländle- SPÖ wirbt mit Lenin", heißt es etwa auf der Startseite von Vorarlberg Online. Ist sich das Vorarlberger Medienhaus bei der Qualität Lenins als Mörder noch sicher, wird bei der Quantität ordentlich geschwankt: Spricht man anfangs im hauseigenen Radiosender „Antenne Vorarlberg“ noch von mehreren MILLIONEN, die dem „Roten Terror“ zum Opfer gefallen sind, sind sich die Kollegen in der Online-Redaktion nicht ganz sicher und schreiben vom Tod „vieler TAUSENDER Menschen“. Soviel zum Anspruch eine gut recherchierte, wissenschaftlich fundierte Medienberichterstattung zu liefern.

Lenin gehörte zu den zentralen Figuren nicht nur der Russischen Revolution von 1917. Weniger bekannt ist, dass er schon vor dem Ersten Weltkrieg zu den wichtigsten Köpfen der internationalen Sozialdemokratie gehörte. Eines seiner Hauptanliegen war in dieser Zeit die Verhinderung des Weltkriegs sowie die Überwindung des Zarenregimes in Russland, einem der brutalsten Regime seiner Zeit.

Als 1917 die kriegsmüden ArbeiterInnen mit Unterstützung der Bauern den Zaren stürzten, wurde Lenin binnen kurzer Zeit einer der wichtigsten Führungspersönlichkeiten dieser Revolution. Das Ziel dieser Revolution definierte er mit zwei Losungen: „Brot, Land und Frieden“ bzw. „Alle Macht den Räten“. Im Zuge der Revolution hatten sich sowohl in den Fabriken und Städten wie auch in den ländlichen Dorfgemeinden Millionen Menschen in Räten (russisch Sowjets) organisiert und begannen ihr Schicksal nach Jahrhunderten der Unterdrückung, Ausbeutung, Armut und kultureller Rückständigkeit selbst in die Hand zu nehmen. Lenin erkannte, dass diese Form der direkten Demokratie die höchste Form der Demokratie darstellt, welche die Menschheit bisher hervorgebracht hatte. Er fordert daher, dass die Regierung nicht einfach nur alle vier, fünf Jahre gewählt werden solle sondern unmittelbarer Ausdruck dieser Rätedemokratie sein müsse. Und er sagte dies obwohl in dieser ersten Phase der Revolution seine politischen Gegner in diesen Räten die Mehrheit hatten. Lenin ergänzte sein Konzept einer sozialistischen Demokratie mit weiteren Forderungen wie jederzeitige Wähl- und Abwählbarkeit aller politischen VertreterInnen sowie Beschränkung der Einkommen aller politischen VertreterInnen auf das Niveau eines durchschnittlichen Facharbeiterlohns. Die Umsetzung dieser Konzepte wäre ein wichtiger Beitrag damit auch bei uns PolitikerInnen nicht nur wieder an Glaubwürdigkeit gewinnen würden, sondern dass sie überhaupt verstehen wie es den Menschen, von denen sie gewählt werden, tatsächlich geht und welche Probleme diese haben.

Bekanntlich übernahmen die Räte im November 1917 die Macht. Lenin ließ vom ersten Tag an der Spitze des Staates eine Reihe von Dekreten und Gesetzen verabschieden, die das Wohl von Millionen Menschen in Russland und darüber hinaus maßgeblich verbesserte. „Brot, Land, Friede“ blieb kein bloßes Versprechen. Unter Lenin erklärte sich Russland sofort bereit den Krieg zu beenden. Das Völkergemetzel des Ersten Weltkriegs musste ein sofortiges Ende haben. Millionen hatten bereits auf den Schlachtfeldern ihr Leben gelassen. In der Heimat herrschte bittere Armut. Die Verantwortlichen für diesen Massenmord, die Habsburger, die Romanows und all die anderen Herrscherhäuser dieser Zeit, werden bis heute von den bürgerlichen Massenmedien glorifiziert. Unter Lenin wurden die riesigen Ländereien der Kirche, des Adels und der feudalen Großgrundbesitzer auf die Bauern aufgeteilt. In den Fabriken hatten erstmals die ArbeiterInnen das Sagen. Unter Lenin erhielten Frauen erstmals das Wahlrecht, wurden rechtlich gleichgestellt und erhielten das Scheidungs- und Abtreibungsrecht. Die unter dem Zaren unterdrückten Nationalitäten erhielten das Selbstbestimmungsrecht.

Nur so nebenbei: Wäre die Revolution 1917 in Russland nicht erfolgreich gewesen, dann hätte das auch für Österreich wahrscheinlich bedeutet, dass der Krieg weiter gegangen wäre und dass die Monarchie nicht gestürzt würde. Die Gründung der Republik 1918 und die Schaffung der Grundlagen des heutigen Sozialstaats (Gesetze über Achtstundentag, Betriebsrat, Arbeiterurlaub, Kollektivvertrag und der Ausbau der Sozialversicherung wurden unter dem Eindruck und nach dem Vorbild der Russischen Revolution auf Initiative der Sozialdemokratie verabschiedet) wären damals undenkbar gewesen.

Das sind wohl genügend Gründe, dass wir Lenin auf einem unserer Flugblätter abbilden. Unsere Kritiker werden natürlich antworten: „Was ist aber mit dem Roten Terror? Und dem Stalinismus?“

Die Revolution von 1917 ging nahezu ohne Blutvergießen über die Bühne, was zeigt, wie wenig Rückhalt die alten Herrscher in der russischen Gesellschaft hatten. In allen den bürgerlichen Revolutionen der Geschichte (egal ob in England 1640, Frankreich 1789 oder auch Österreich 1848) gab es weit mehr Todesopfer.

Die Mächtigen, die dadurch ihre hohe Stellung, ihr Eigentum und ihre Privilegien verloren haben, haben sich das naturgemäß nicht gefallen lassen und organisierten den Widerstand – die sogenannte „Weiße Armee“. Dieser konterrevolutionären Kraft kamen 21 Armeen aus dem Ausland zu Hilfe, um die Revolution niederzuschlagen und die alten Verhältnisse wieder herzustellen. Wer zweifelt das Recht der Bevölkerung an, sich in einem solchen Fall selbst zu verteidigen? Ein solcher Standpunkt verurteilt auch den Sklaven, der sich gegen seinen Herren erhebt und einen Aufstand organisiert. Dieser Bürgerkrieg konnte gewonnen werden, doch die Folgen der wirtschaftlichen Verwüstung und des hohen Blutzolls (nicht zuletzt in den Reihen der Arbeiterschaft aufgrund des konterrevolutionären Terrors) waren verheerend, was der Rätedemokratie die materielle Grundlage entzog und zum Aufstieg der Bürokratie führte.

Lenin selbst bekämpfte zwischen 1918 und seinem Tod im Jahre 1924 nachweislich alle Bürokratisierungstendenzen in der frühen Sowjetunion. Noch in seinem Testament warnte er vor Stalin, den er nicht als seinen Nachfolger wollte. Seine Witwe N. Krupskaja schrieb wenige Jahre nach seinem Tod vor dem Hintergrund der einsetzenden Verfolgung von vielen RevolutionärInnen durch Stalin: „Wäre Lenin heute noch am Leben, würde er ebenfalls im Gefängnis sitzen.“ Es ist kein Zufall, dass alle wichtigen MitstreiterInnen Lenins aus dem Jahre 1917, allen voran Trotzki, in der Folge ermordet oder in den Selbstmord getrieben wurden. Stalin machte sich zwar geschickt das hohe Ansehen Lenins zunutze und instrumentalisierte es für seine Ziele. Gleichzeitig musste er jedoch all jene vernichten, die die Ideen Lenins weiterhin unterstützten, denn die Ziele der Revolution waren unvereinbar mit jenen der Bürokratie, die sich rund um Stalin geschart hatte und langsam die Macht in der Sowjetunion erobert hatte.

Wenn man Lenin für die Verbrechen des Stalinismus verantwortlich macht, dann hat das soviel historischen Wahrheitsgehalt wie der Vorwurf Jesus sei für die Kreuzzüge und die Inquisition verantwortlich. Wir bleiben lieber bei der historischen Wahrheit.

Quelle: Sozialistische Jugend Vorarlberg




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