Viele Eltern müssen seit Wochen den Balanceakt zwischen Arbeit und der Betreuung von Kleinkindern meistern, denn bis dato durften nur Eltern, die in „systemrelevanten“ Berufen arbeiten und keine andere Möglichkeit zur Kinderbetreuung haben, ihre Kinder in die Einrichtungen bringen. Von Natalie Ziermann.

 

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Homeoffice wurde in der Regel als Grund die Kinder in den Kindergarten zu bringen ausgeschlossen. Auch anderen Berufsgruppen wurde die Betreuung oft verwehrt. In anderen Fällen wurden von den Betreibern Bestätigungen vom Arbeitgeber verlangt, dass die Eltern wirklich unabkömmlich seien. Die Kinderbetreuung wurde binnen kürzester Zeit wieder vollständig in die Hände der Familie gelegt - insbesondere für viele Frauen bedeutete das in der Realität eine „Zurück an den Herd“-Politik. Zu der fehlenden institutionellen Kinderbetreuung kommt noch dazu, dass auch Spielplätze und viele Parks nicht benutzt werden dürfen – bis jetzt ohne Enddatum. Wer nicht das Glück hat, einen eigenen Garten oder ein Auto zu besitzen, um ins Grüne zu fahren, war somit die letzten Wochen weitestgehend in der eigenen Wohnung eingesperrt. Was das, sowie die fehlenden sozialen Kontakte für Kinder bedeutet, kann man sich gut vorstellen. Der Regierung scheint das völlig egal zu sein, eignen sich Kinder doch hervorragend als Sündenbock für die Virenverbreitung und, um von den wahren Schuldigen, wie beispielsweise der Tiroler Tourismusindustrie, abzulenken. So hat Kanzler Kurz erst kürzlich behauptet, bei der Betreuungssituation in den Kindergärten sei keine Änderung notwendig.

Seit dem 24. April gibt es einen neuen Erlass, der besagt, dass Betreuungsangebote für alle Kinder sichergestellt werden müssen, unabhängig von der Art der beruflichen Tätigkeit der Eltern bzw. der Erziehungsberechtigten oder davon, ob die Arbeit im Homeoffice verrichtet werden kann. Wie das die Länder in der Realität umsetzen, wird vermutlich höchst unterschiedlich gehandhabt. So hat Wien bereits am Tag zuvor einen Stufenplan zur Öffnung der Kindergärten präsentiert, am gleichen Tag hat die steirische Bildungslandesrätin Bogner- Strauß (ÖVP) einen Elternbrief ausgesandt, in dem sie Eltern davor warnt, das Angebot der Kinderbetreuung leichtfertig anzunehmen. Außerdem obliegt es laut ihr weiterhin den Einrichtungen über eine Aufnahme des jeweiligen Kindes zu entscheiden. Die Krippen und Kindergärten werden ausschließlich als Ort betrachtet, an dem die Kinder verwahrt werden können, während die Eltern ihrer Erwerbstätigkeit nachgehen, nicht als wichtiger Sozialraum für die kindliche Entwicklung und als elementare Bildungseinrichtung. Gerade im ländlichen Bereich, in dem sich alle gegenseitig kennen, ist somit ein Kindergartenbesuch mit einer enormen Stigmatisierung verbunden. Schon vor der Corona-Krise war die vorschulische Kinderbetreuung bei weitem nicht ideal (viel zu wenig Plätze, zu große Gruppen etc.), jetzt hat sich die Situation jedoch nochmals drastisch verschlimmert. Während es detaillierte Pläne für den Umgang von FrisörInnen mit KundInnen gibt, wird über Lösungen für Kleinkinder seitens der Regierung nicht einmal nachgedacht. Dabei würde es von kleineren Gruppengrößen bis hin zur vermehrten Nutzung von Außenbereichen genügend Ideen und Vorschläge geben. Die Prioritäten liegen in diesem System nur leider wo anders.

(Funke Nr. 183/27.4.2020)


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