Das Coronavirus hat einen Börsencrash ausgelöst. Überall hat es am „Schwarzen Montag“ Einbrüche gegeben. Die jüngste Epidemie ist ein historischer Zufall, der die tiefe Krankheit im kapitalistischen System aufgedeckt hat, das jeden Moment in eine noch tiefere Rezession als 2008 geraten könnte, erklärt Rob Sewell (Herausgeber von Socialist Appeal).

 

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„Die Menschen haben Angst“, so Andrew Sullivan, Direktor bei Pearl Bridge Partners, einem Makler in Hongkong.

Es ist eine Neuauflage des „Black Monday“. Auf der ganzen Welt, von London bis Tokio, befinden sich die Aktienmärkte im freien Fall. Alles deutet auf eine Wiederholung von 2008 hin, aber auf einer höheren Ebene. Mit anderen Worten: Wir stehen kurz vor einem tiefen Einbruch der Weltwirtschaft.

„Die wirtschaftlichen Probleme werden sich genau wie das Virus ausbreiten", erklärt Ray Dalio, der Milliardärskapitalist, in einem scharfsinnigen Kommentar.

In Europa brachen die Aktien überall ein, als die Börse öffnete. Der Londoner FTSE 100 fiel um 7,7 Prozent. Der S & P 500 der Wall Street fiel um 7 Prozent, löste einen 15-minütigen Handelsstopp aus und erlebte dennoch den schwersten Rückgang seit der Finanzkrise im Jahr 2008. Der deutsche Dax und der französische Cac 40 fielen um mehr als 6 Prozent. Der Stoxx Europe 600-Index, der die größten Unternehmen der Region verfolgt, ist um fast 8 Prozent zurückgegangen. Rohöl war auf dem Weg zu seinem größten eintägigen Rückgang seit dem Golfkrieg von 1991.

Das Wachstum in China bricht zusammen. Es ist von 6 Prozent auf 2 Prozent gefallen und erreicht wohl bald zum ersten Mal seit 1976 den negativen Bereich. Die Exporte sind zusammengebrochen und die Importe sind gesunken. Im Februar verzeichnete das verarbeitende Gewerbe in China den stärksten Rückgang seiner Geschichte. Jüngste Zahlen der Financial Times gehen von einer Auslastung der Produktionskapazitäten von nur 20 Prozent aus. In der Vergangenheit war China die treibende Kraft des Weltkapitalismus. Nun kehrt sich das um, was katastrophale Folgen mit sich bringt.

Europa steht vor einer Rezession, ebenso Japan. Den „Schwellenländern“ blüht ein massiver Rückgang ihres Wirtschaftswachstums. Die OECD hat bereits gewarnt, dass das Weltwachstum auf 1,5 Prozent sinken könnte, aber selbst das scheint optimistisch.

„Der Wirtschaft steht das Schlimmste in den kommenden Monaten noch bevor", meint Joachim Fels, globaler Wirtschaftsberater beim US-Vermögensverwalter Pimco. Er fügte hinzu, dass eine Rezession in den USA und in der Eurozone in der ersten Jahreshälfte nun „eine eindeutige Möglichkeit" sei, und dass sich Japan „sehr wahrscheinlich bereits" in einer befinde.

börsen crash news flickr pingnewsBild: Flickr/pingnews. (CC BY-SA 2.0)

Herr Fels ist offenbar nicht auf dem Laufenden. Der Einbruch vollzieht sich vor unseren Augen. Alle Zombie-Unternehmen, die durch die Politik der niedrigst möglichen Zinsen am Leben erhalten wurden, werden bald untergehen.

Der Kommentar des Analysten von Gavekal Research, Tom Holland, ist schon zutreffender: „Wer sich jemals gefragt hat, was passieren würde, wenn man eine Handgranate in ein Blutbad schleudert, weiß es jetzt. Es sieht nicht hübsch aus“.

Die Krankheit im System

Die Coronavirus-Epidemie ist nicht die Ursache der Krise, sondern ein Auslöser für eine wirtschaftliche Kettenreaktion. Dies wird sich in dem Maß verschärfen, wie immer mehr Wirtschaftszweige von der Krise betroffen werden. Es wird wie die Kernschmelze in Tschernobyl sein: Der Prozess war nicht mehr aufzuhalten, als er einmal eingesetzt hatte.

Als Auslöser spielt das Virus dieselbe Rolle wie die Ölkrise von 1973, der weltweite Einbruch von 1974 oder das Platzen der Dotcom-Blase, das die Rezession 2000-2001 auslöste, oder auch das Platzen der Subprime-Kreditblase, das den Einbruch von 2008-9 auslöste. Sogar der Einbruch von 1929 bis 1933 wurde durch einen Crash an der Wall Street ausgelöst und war Ergebnis der vorhergehenden Spekulation.

Jeder dieser Auslöser fungierte auf seine Weise als Katalysator für eine tiefe Wirtschaftskrise, die sich bereits abgezeichnet hatte. Alles hätte sie auslösen, jeder Zufall diese Rolle spielen können.

Der "Black Monday" im Jahr 2020

Alle Maßnahmen, die die Zentralbanken ergriffen haben, um die sogenannte „Erholung“ - die längste verzeichnete Erholung der Geschichte - zu verlängern, werden sich in ihr Gegenteil verwandeln. Sie haben im Grunde ihre gesamte Munition verschossen, um den kommenden Einbruch aufzuschieben. Aber wenn er schließlich doch kommt, wird er weitaus schlimmer sein als zuvor. Das geschieht jetzt.

Die weltweite Staatsverschuldung ist seit dem Einbruch von 2008 in die Höhe geschossen und hat ein in Friedenszeiten noch nie dagewesenes Niveau erreicht. Eine Analyse der Deutschen Bank zeigt, dass die wichtigsten Volkswirtschaften der Welt eine astronomische Verschuldung aufweisen. Es ist die höchste seit 150 Jahren und sie ist nicht mehr tragbar.

Schätzungen der Financial Times zufolge übersteigt die weltweite Verschuldung inzwischen 250 Billionen US-Dollar, was satten 320 Prozent des weltweiten Bruttoinlandsprodukts entspricht, wovon die Hälfte sich in Japan, China und den USA befindet. Es ist ein Kartenhaus am Rande des Zusammenbruchs. Jetzt stehen sie vor der Aussicht, massive Rettungsaktionen durchführen zu müssen, die zu keinem schlechteren Zeitpunkt hätten kommen können.

„Durch ihre aggressive Politik im letzten Jahrzehnt haben sich die Zentralbanken praktisch selbst dazu gezwungen, immer weiter in die Anleihenmärkte zu intervenieren. Es gibt wohl schon kein Zurück mehr für sie“, so Jim Reid von der Deutschen Bank.

Bei Zinssätzen nahe Null befinden sich einige Banken derzeit in großen Schwierigkeiten. Ihre Gewinne schrumpfen zusammen. Die US-Notenbank Fed hat gerade ihren Leitzins gesenkt und andere werden wohl mitziehen, aber dies wird keinen Unterschied für die Gesamtwirtschaft machen und einige Banken werden davon weiter destabilisiert werden.

Allein, sie haben keine Alternative. Während JP Morgan viel Geld verdient, haben andere, wie die Bank of America mit ihrer billigen Einlagenbasis, in nur wenigen Wochen Marktkapitalisierung in Höhe von 80 Mrd. USD verloren. Die Silicon Valley Bank hat mehr als ein Drittel ihres Wertes verloren. In den USA gibt es 5.200 kleine und mittlere Banken, die kurz vor einem schweren Schlag stehen und bald von den großen Banken verschlungen werden.

Die Ausbreitung der Globalisierung kam dem Kapitalismus zugute, weil sie den Welthandel intensivierte. Sie kehrt sich jetzt um. Die umfangreichen Lieferketten, die Just-in-Time-Produktionslinien, sind massiven Störungen ausgesetzt. Alle Faktoren, die den Boom gefördert haben, verwandeln sich dialektisch in ihr Gegenteil.

Laut Resilinc, einer in Kalifornien ansässigen Gruppe, die Millionen Bauteile verfolgt, um die Lieferketten abzubilden, wurde festgestellt, dass in den Quarantänegebieten Chinas rund 1.800 hergestellte Komponenten hergestellt wurden.

„Das Schlimmste, was uns auffällt, ist, dass die meisten Teile [hergestellt in und um Hubei] Kappen und Widerstände sind - winzige Dinger, die niemanden interessieren - sowie thermische Komponenten, Kunststoffe und Harze sowie Bleche", so Bindiya Vakil, CEO von Resilinc.

boerse system krank pixabayDas System ist krank. Bild: pixabay

Dies ist das moderne Äquivalent dazu, einen Schraubenschlüssel ins Getriebe einer Produktionsanlage zu werfen. Oder zu Schmetterlingsflügeln, deren Flattern am anderen Ende der Welt einen Sturmwind erzeugt.

Sie warnt davor, dass „keine Lieferkette unversehrt bleiben wird“ und prognostiziert, dass 70 Prozent der globalen Industrieunternehmen von der Lieferung von Ersatzteilen abgeschnitten werden könnten. Ford befand sich 2011 in dieser Situation und verlor Milliarden.

Peter Hasenkamp, der am Lieferkettenplan für das Tesla Model S beteiligt war, meint: „Man braucht 2.500 Teile, um ein Auto zu bauen, aber nur eines, um es nicht zu tun.“

Kernschmelze

Das Coronavirus droht zu einer Pandemie zu werden und verstärkt so den wirtschaftlichen Zusammenbruch. Zentralbanken und Regierungen machen einen hilflosen Eindruck.

Ray Dalio, der Milliardär und Co-Vorsitzende von Bridgewater Associates, gab eine pointierte, aber realistische Warnung heraus. „Wenn man in der Geschichte nach Perioden sucht, in denen diese Verkettung von Umständen auftrat", sagt er bedrohlich, „dann war das letzte Mal in den 1930er Jahren".

„Jeder, der sich auskennt und ehrlich ist, wird Ihnen sagen, dass die negativen wirtschaftlichen Auswirkungen des Coronavirus-Ausbruchs wahrscheinlich groß sein werden, dass die Geldpolitik wenig dazu beitragen wird, dem entgegenzuwirken, und dass ein koordiniertes Vorgehen zwischen Politik und Zentralbanken so essenziell wie unwahrscheinlich ist.“

„Obwohl das Auftreten des Coronavirus und die daraus resultierenden wirtschaftlichen Erschütterungen eine Überraschung sind, war vieles schon seit einiger Zeit offensichtlich ... es war klar, dass ein wirtschaftlicher Abschwung bevorstand, für den es früher oder später irgendeinen Auslöser geben musste." (Financial Times, 03.09.20)

Er hat absolut recht. Es wird eine gewaltige Krise sein, in der Größenordnung der 30er Jahre. Aber die Politik, die die Bourgeois normalerweise anwenden würden, um sie zu bewältigen, ist jetzt weitgehend nutzlos.

Die Weltlage war noch nie so instabil. Darüber hinaus ist das Coronavirus ein „Zufall“ und sollte nur als „Auslöser“ angesehen werden, da die Wirtschaftskrise zu einem früher oder später unvermeidlich eintreten musste.

Er fährt fort:

„Was werden die Folgen davon sein, dass die beiden gesundheitlichen und wirtschaftlichen Schocks, die durch den Ausbruch verursacht wurden, zusammenkommen? Viele Unternehmen werden lähmende Umsatzverluste erleben. Einige sind wegen des anhaltend billigen Geldes und anderer Anreize zur Kreditaufnahme zu hoch verschuldet. Sie sind gezwungen, Löhne zu kürzen und sich für zahlungsunfähig zu erklären.“

Die Unternehmen werden also die Löhne senken und ihre Schulden nicht zurückzahlen. Es wird weit verbreitete Insolvenzen geben, die weitere Auswirkungen nach sich ziehen werden. Die Bourgeoisie befürchtet, dass die Unternehmensschuldenmärkte, auf denen die Gesamtverschuldung („Leverage“) gestiegen ist, im Fall einer allgemeinen Zahlungsunfähigkeit leicht zusammenbrechen könnten. „Finanzielle Belastungen, die den Abschwung verschlimmern könnten, stellen eine große Gefahr dar", sagt Adam Slater, leitender Ökonom bei Oxford Economics.

Während die Fed die Zinsen leicht senkt und sie in weiterer Folge wohl weiter auf Null senken wird, versucht die Europäische Zentralbank (EZB), nachzuziehen. Nachdem sie der europäischen Wirtschaft vor wenigen Wochen noch rosige Aussichten bescheinigt hat, gibt es jetzt eine Rezession, in der ein Drittel der italienischen Bevölkerung bereits unter Ausgangssperre steht. Die Volkswirtschaften Frankreichs und Italiens sind im letzten Quartal des vergangenen Jahres geschrumpft, während die Deutsche stagniert ist. Für die Wirtschaft der Eurozone, die sich 2019 mit 1,2 Prozent bereits auf die niedrigste Wachstumsrate seit sieben Jahren verlangsamt hatte, könnte die Krise kaum zu eine weniger passenden Zeitpunkt kommen.

„Die Eine-Milliarde-Dollar-Frage lautet: Wie lange wird es dauern?" fragt sich Jörg Asmussen, ehemaliger Chefökonom der EZB. „Geht es überhaupt vorbei? Wenn ja, in wievielen Monaten?“

Die Hoffnung währet ewiglich. Nach ein paar Monaten, so denken sie, wird alles wieder normal sein. Angesichts des Ausmaßes der Krise, an deren Anfang wir erst stehen, rechnen viele mit neun Monaten oder einem Jahr. Doch wir haben Neuland betreten.

Christine Lagarde, die Leiterin der EZB, steckt in der Klemme. Im Gegensatz zur Fed hat die EZB die Zinssätze auf Null gehalten und damit keine Optionen mehr. Bereits im September wurden die Zinsen auf ein Rekordtief von minus 0,5 Prozent gesenkt. Das bedeutet in Wahrheit, dass man die Bank dafür bezahlen muss, damit sie einem das Geld bewacht, weil andere Optionen, es aufzubewahren, noch größeren Wertverlust mit sich brächten.

Lagarde selbst sagte kürzlich, dass dies „den Spielraum erheblich reduziert“ habe, um die Zinsen weiter zu senken. Na, sowas aber auch. Und diese Leute sind die Top-Strategen des Kapitals. Kein Wunder, dass es in der EZB offene Meinungsverschiedenheiten gegeben hat. Am Rande eines ausbrechenden Vulkans stellt klares Denken eine Herausforderung dar.

Die Finanzmärkte glauben, dass die EZB zum Handeln gezwungen sein wird. Sie haben eine weitere dürftige Zinssenkung auf minus 0,6 Prozent eingeplant. Aber das bringt sie auch nicht weiter. Diese verzweifelte Politik ist wie die Einnahme von Steroiden, die in kleinen Dosen hochwirksam sein können, längerfristig aber das System schwächen. Einfach gesagt, die Medizin ist wirkungslos.

Hier jetzt über neue Kredite an Unternehmen zu reden, ist, als ginge man mit einer Fliegenklatsche auf eine Heuschreckenplage los. Es zeigt, wie machtlos sie angesichts dieser Krise des Kapitalismus sind.

Es sieht nach einer Wiederholung des Einbruchs von 2008 aus, aber möglicherweise tiefer. Damals gelang es ihnen, das kapitalistische System zu retten und eine neue Depression noch einmal abzuwenden. Dies war auch den kolossalen Ressourcen zu verdanken, die in die chinesische Wirtschaft gepumpt wurden und die Weltwirtschaft am Leben hielten.

Kein Ausweg

Die Handelskonflikte haben schon seit längerem zugenommen, und trotz eines fragilen Abkommens herrscht ein aufkeimender Handelskrieg zwischen China und den Vereinigten Staaten und zwischen den Vereinigten Staaten und Europa. Mit dem Zusammenbruch der Weltwirtschaft und des Welthandels werden die kapitalistischen Mächte versuchen, ihren Problemen zu entkommen, indem sie sie anderen aufzwingen.

Dies kann dazu führen, dass die verschiedenen Staaten zu einer extrem egoistischen Politik übergehen, wie es 1930 der Fall war. Die Annahme des Smoot-Hawley Tariff Act (ein am 17. Juni 1930 erlassenes Bundesgesetz der Vereinigten Staaten, mit dem die US-Zölle für über 20.000 Produkte auf Rekordniveau angehoben wurden, Anm. d. Ü.) in den USA und die Eröffnung eines Handelskrieges waren katastrophal und endeten mit der Weltwirtschaftskrise der 1930er Jahre.

us china flags us dpt of agricultureBild: US Dpt. of Agriculture/flickr

Mit Trump im Weißen Haus und seiner „America First“-Politik kann leicht dasselbe geschehen. Instinktiv neigt er zum Protektionismus, was einen Einbruch sehr leicht in eine Depression verwandeln kann. Sobald es damit losgeht, wird es extrem schwierig sein, aufzuhören. Es wird eine Kettenreaktion sein, bei der auch andere Länder Protektionismus anwenden, um ihre Interessen zu wahren.

Wir erleben bereits einen Handels- (Preis-) Krieg zwischen Saudi-Arabien und Russland sowie Russland und den Vereinigten Staaten um die Ölpreise, bei dem der Rohölpreis von 65 USD pro Barrel auf 30 USD pro Barrel heute gefallen ist. Es ist der größte Preisverfall seit dem Golfkrieg 1991, aber ein weiterer Fall, möglicherweise auf 20 US-Dollar, ist überhaupt nicht ausgeschlossen. Der Abwärtstrend ist deutlich steiler als damals.

Unter bürgerlichen Ökonomen gibt es eine Debatte darüber, welche Art von Krise wir haben, eine Angebotskrise, eine Nachfragekrise, einfach einen finanziellen Schock - oder eine Kombination aus den dreien?

Sie können nicht verstehen, dass es sich um eine klassische Krise des Kapitalismus handelt. Sie wurden unter der Prämisse ausgebildet, dass es im Kapitalismus niemals tiefe Krisen gibt. Sie haben aus dem Einbruch von 2008 nichts gelernt: Wir stecken in der tiefsten Krise des Kapitalismus in seiner Geschichte.

Ihr Dilemma wurde Mitte 2009 von Martin Wolf, Chefökonom der Financial Times, zusammengefasst:

„Heute haben wir es mit der tiefsten Rezession seit den 1930er Jahren, einem Bankensystem, das nur noch künstlich von der Regierung am Leben erhalten wird, und mit einer Deflationsgefahr zu tun. Wie konnte alles so schief gehen?

Er fuhr fort: „Die meisten von uns – jedenfalls ich - dachten, wir hätten endlich den Heiligen Gral gefunden. Jetzt wissen wir, dass es sich um eine Fata Morgana gehandelt hat. “ (FT, 05.06.09).

Die Krise ist unvermeidlich

Es war Karl Marx, der die widersprüchlichen Gesetze der kapitalistischen Wirtschaft aufdeckte, was den bürgerlichen Ökonomen ein Gräuel ist. Sie stehen in der Tradition des französischen Ökonomen Jean Baptiste Say, der die Auffassung eines wirtschaftlichen Gleichgewichts im Kapitalismus verteidigte. Aber es gibt kein solches Gleichgewicht.

Die heutigen Ökonomen, wie David Ricardo vor ihnen, können nicht zugeben, „daß die bürgerliche Produktionsweise Schranke für die freie Entwicklung der Produktivkräfte einschließe, eine Schranke, die in den Krisen und unter anderm in der Überproduktion – dem Grundphänomen der Krisen – zutage tritt“, wie Marx es ausdrückte. ("Theorien über den Mehrwert“, MEW 26,721)

Die Entwicklung des Kapitalismus enthält in sich den Keim eines Einbruchs. Die Bürgerlichen können das kapitalistische System mit Krediten und anderen künstlichen Mitteln am Laufen halten, aber das stößt früher oder später an seine Grenzen.

„Bank und Kredit werden aber dadurch zugleich das kräftigste Mittel, die kapitalistische Produktion über ihre eignen Schranken hinauszutreiben“, erklärt Marx und fügt vielsagend hinzu: „und eins der wirksamsten Vehikel der Krisen und des Schwindels.“ (Kapital Bd. 3, MEW 25,620f.)

Er erklärt weiter:

„In einem Produktionssystem, wo der ganze Zusammenhang des Reproduktionsprozesses auf dem Kredit beruht, wenn da der Kredit plötzlich aufhört und nur noch bare Zahlung gilt, muß augenscheinlich eine Krise eintreten, ein gewaltsamer Andrang nach Zahlungsmitteln. Auf den ersten Blick stellt sich daher die ganze Krise nur als Kreditkrise und Geldkrise dar.“ (ebenda, S. 507)

Die Produktivkräfte des Kapitalismus sind dem Markt entwachsen. Es gibt riesige Mengen Autos, Stahl, Aluminium und andere Waren, und es gibt noch mehr Fabriken, die stillstehen oder langsam laufen, weil die Auftragsbücher leer sind. Die bürgerlichen Ökonomen sagen „Überkapazität“ dazu. Aber das ist nur eine Ausdrucksform der Überproduktion und der Tatsache, dass das System an seine Grenzen gestoßen ist.

article marxengelsgrafikDer Marxismus kann die Krise erklären.

Deshalb können sie in einem Boom nur 80 Prozent der Kapazität und in einem Einbruch nur 70 Prozent der Kapazität nutzen. Im November 2019 betrug die Kapazitätsauslastung in der US-amerikanischen Industrie 75,1 Prozent. In China lag die industrielle Auslastung im dritten Quartal 2019 bei 76,1 Prozent, was auf eine weit verbreitete Überkapazität selbst bei einer „Erholung“ zurückzuführen ist.

Hier zeigt sich die organische Krise des kapitalistischen Systems. Privateigentum und Nationalstaat sind zu absoluten Hemmnissen für die Entwicklung der Gesellschaft geworden. Die Grundlage der Krise im Kapitalismus finden wir dort, wo das System an seine Grenzen stößt. Das Hindernis für die Entwicklung des Kapitals ist nach Marx das Kapital selbst. Die Arbeiterklasse kann das Produkt, das sie produziert, nicht zurückkaufen. Während die Kapitalisten diesen Widerspruch überwinden können, indem sie diesen Mehrwert in Kapitalinvestitionen ableiten, erhöht dies nur die Produktionskapazität und führt zu mehr Produktion. Der Markt kann damit nicht Schritt halten und ab einem bestimmten Punkt tritt die Überproduktionskrise ein.

Der Grundstein für jede kapitalistische Krise wird in der vorhergehenden Periode gelegt. Dazu braucht es jedoch noch einen „Zufall“, der das System über den Abgrund stößt. Das ist jetzt passiert. Alle Faktoren, die den Boom gefördert haben, kommen jetzt zusammen, um den Abschwung zu verstärken, bis er möglicherweise zu einer Depression wird. Angesichts des weltweit vorhandenen brennbaren Materials kann dieser Einbruch verheerend sein.

Ein solches Szenario wird die Regierungen überall erschüttern. Sie werden versuchen, die Arbeiterklasse wie in der Epoche der Sparmaßnahmen 2008-2020 für die Krise bezahlen zu lassen. Die Arbeiterklasse aber wird sich wehren. Mehr als je zuvor wird die Frage nach dem Sturz des Kapitalismus ins Bewusstsein der Massen eindringen. Revolutionäre Bewegungen stehen auf der Tagesordnung.


Lesetipps zur marxistischen Krisenanalyse:


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