Eine Lehrkraft gibt Einblicke in den Schulbetrieb in Zeiten der Pandemie

 

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Während der Corona-Pandemie unterrichte ich an zwei steirischen Mittelschulen auf dem Land. Das augenscheinlichste Problem ist das Fehlen von Ressourcen. So wurden etwa bereits vor dem ersten Lockdown bestellte Desinfektionsmittelspender erst in den letzten Schulwochen vor den Sommerferien geliefert. Die von der Landesregierung gestellten Masken für KollegInnen und SchülerInnen sind nicht mehr als ein zu kleiner Stofffetzen. Noch viel schlimmer sieht es bei der Unterstützung der SchülerInnen bei Home-Schooling etc. aus. Die von der Regierung groß angekündigte Laptop-Offensive erweist sich als schlechter Scherz, ist sie doch nur auf Bundesschulen beschränkt. SchülerInnen aus ärmeren Familien, die eine Mittelschule besuchen, haben keinen Anspruch darauf und sind auf das Wohlwollen der Landesregierungen angewiesen. Weder ich noch meine SchülerInnen haben bis heute einen einzigen Laptop des Landes Steiermark in der Hand gehalten.

Das größte Problem zeigt sich aber bei den Lehrpersonen. Gerade in ländlichen Regionen sind die Mittelschulen und die Personalreserve so knapp besetzt, dass zahlreiche KollegInnen trotz starker Erkältungssymptome arbeiten gehen mussten, da keine Vertretungen vorhanden waren. Dasselbe trifft auf KollegInnen aus den Risikogruppen zu. Die Direktorin an meinem letzten Standort – selbst Angehörige einer Risikogruppe – bat uns vielsagend, nicht krank zu werden.

Einen anderen negativen Aspekt des österreichischen Bildungssystems hat uns die Pandemie ebenfalls aufgezeigt: die Pest des Föderalismus. So sind in Österreich in erster Linie die Gemeinden für den Erhalt der Mittelschulen verantwortlich. Es zeigte sich, Schulen aus „reicheren“ Gemeinden konnten durchaus besser mit Home-Schooling umgehen als Schulen aus strukturschwachen Regionen. Das betrifft auch Maßnahmen wie zusätzliche Betreuung für Kinder, die zu Hause nicht betreut werden können, oder Schulsozialarbeit.

Die Corona-Pandemie hat uns als PädagogInnen wieder einmal deutlich gezeigt, wie wenig die Bildung der Kinder im Kapitalismus wert ist. Momentan befinden wir uns in einer Situation, die für die SchülerInnen psychisch extrem belastend ist und uns vor unlösbare Aufgaben stellt. Schuld daran sind aber weder LehrerInnen noch SchülerInnen, die sich entgegen den Unterstellungen der Bundesregierung sehr verantwortungsbewusst benehmen. Verantwortlich für diese untragbare Situation sind ein unfähiger Bildungsminister und eine Regierung, die Kapitalinteressen vor das physische und psychische Wohl der Menschen stellt.

(Funke Nr.188/11.11.2020)


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