Bei FIAT, dem größten Industriekonzern Italiens, wurden in den letzten Monaten Arbeitsbedingungen geschaffen, die viele von „Faschismus in der Fabrik“ sprechen lässt.

 

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Die Würde der ArbeiterInnen hat in diesem neuen Fabrikregime keinen Platz mehr. Die WCs sind versperrt, wer aufs Klo muss, muss den Vorarbeiter um den Schlüssel bitten. Ist dieser gnädig, muss man durch die Werkshalle sprinten, um in der kurzen Pause sein Geschäft verrichten zu können. Nicht selten werden die arbeitsrechtlich vorgeschriebenen Pausen aber kurzerhand von den Vorarbeitern abgeblasen. Das heißt für die ArbeiterInnen, noch zwei Stunden ununterbrochen weiterarbeiten zu müssen. Was das bedeutet, beschreibt Antonio Di Luca aus Pomigliano: „Der Rücken schmerzt schon, die Beine sind schwer, der Mund trocken. Du glaubst, verrückt zu werden.“ Doch selbst mit Arbeitsende ist der Schrecken noch nicht vorbei. Dann müssen alle ArbeiterInnen zum Büro, das sich in der Mitte jeder Werkshalle befindet. Dort warten ein Mikro, der Direktor und alle Vorgesetzten. Die Versammlung wird mit einem detaillierten Bericht der Vorarbeiter und Teamleader eröffnet, der alle von den ArbeiterInnen begangenen Fehler anführt. Dann müssen die SünderInnen Buße tun. ArbeiterInnen, die Fehler begangen haben, müssen ans Mikro treten und sich vor versammelter Belegschaft dafür entschuldigen. Dann entscheiden die Vorarbeiter und der Direktor nach Belieben, ob Strafen ausgesprochen werden oder nicht. Im schlimmsten Fall kann dies zur Entlassung führen.

Stefania Fantauzzi, FIAT-Arbeiterin und FIOM-Aktivistin, berichtete uns über die neuen Arbeitsverträge, die ihnen aufgezwungen wurden: „Sie verlangen von uns größere Flexibilität bei immer weniger ArbeiterInnen in der Fabrik. Sie haben die Zahl der möglichen Überstunden von 40 auf jetzt 120 erhöht pro Monat. Und sie können die Überstunden auch mitten in der Schicht anordnen. Nach dem alten Vertrag wurden die Überstunden mit einem Zuschlag von 50% bezahlt. Jetzt, so hat man uns versprochen, sollen wir einen Zuschlag von 70% bekommen. In Wirklichkeit erhalten wir die 70% erst ab der dritten Überstunde pro Tag. Für die ersten beiden wurde der Zuschlag auf 25% gesenkt. Durch die vielen zusätzlichen Überstunden nehmen sie uns die nötige Zeit uns körperlich zu erholen.“ Durch eine neue Arbeitsorganisation, die man aus Japan übernommen hat, wird die Fließbandarbeit immer produktiver. Pro Minute wird ein Auto fertig gestellt. „Wir sind wie Roboter. Wenn du zum Arbeitsplatz gehst, hörst du schon eine Stimme, die dir sagt, was du heute alles tun musst. Niemand von uns hätte sich vor ein paar Jahren vorstellen können, welche Methoden jetzt in den Fabriken Einzug halten.“ Stefania erklärte uns auch, wie die Frauen unter den neuen Regelungen noch mehr leiden als ihre männlichen Kollegen: „Die Männer können nach Schichtende schlafen gehen, für uns ist die körperliche Erholung viel schwerer. Besonders schwierig ist die Situation von Müttern. Ich verdiene als Arbeiterin 1000 Euro im Monat. Damit es meinen Kindern gut geht, hab ich sie in einen privaten Kindergarten schicken müssen, der kostet aber 350 Euro monatlich. Früher hatte ich als Mutter Gleitzeit, ich fing um 7.45 Uhr an und arbeitete bis 16.15 Uhr. Selbst da war es schon sehr schwierig meine Tochter in die Schule zu begleiten. Mittlerweile werden uns nicht einmal mehr diese Arbeitszeiten gewährt. Aber für Mütter ist es fast unmöglich, in einem 3-Schichtbetrieb zu arbeiten und sich trotzdem um die Kinder zu kümmern.“
Ebenfalls verschärft wurde die Regelung bei Krankenständen. Wer aus der Sicht des Managements zu lange krank ist, verliert den Anspruch auf die jährliche Produktionsprämie von 600 Euro.

Fiat weigert sich seit 1.1.2012 den Kollektivvertrag für die Metallindustrie und alle bisher gültigen Betriebsvereinbarungen anzuerkennen. Dafür gelten die neuen Arbeitsverträge nach dem Abkommen von Pomigliano mittlerweile in allen Fabriken des Fiat-Konzerns. Wie wir oben bereits geschildert haben, werden damit die Arbeitsbedingungen massiv verschlechtert. Darüber hinaus werden demokratische Grundrechte der ArbeiterInnen (wie das Recht zu streiken oder sich in der Gewerkschaft seiner freien Wahl zu organisieren) außer Kraft gesetzt. Die Metallergewerkschaft FIOM, die aus Protest dieses Abkommen nicht unterschrieben hat, wird somit nicht mehr vom Fiat-Konzern anerkannt. Sie hat ihre Büros in den Betrieben verloren, kann keine Betriebsräte mehr stellen, FIOM-AktivistInnen bekommen keine Freistellung mehr, um während der Arbeitszeit ihre KollegInnen zu vertreten usw. Es ist nur eine Frage der Zeit, bis sich alle anderen Unternehmen die neue Linie von Fiat zum Vorbild nehmen.

Was FIAT-Boss Marchionne in seinem Konzern durchgesetzt hat, wird von der „Expertenregierung“ von Mario Monti durch deren Arbeitsmarktreform fixiert. Montis vorrangiges Ziel ist die Abschaffung des Kündigungsschutzes in Betrieben mit mehr als 15 Beschäftigten (Art. 18 des Statuto dei Lavoratori, einer der wichtigsten Errungenschaften des Heißen Herbst 1969). Kündigungen waren bisher nur bei „gerechtfertigen Gründen“ (z.B. Diebstahl, schweren disziplinären Verfehlungen) möglich, nun sollen die Betriebe bei wirtschaftlichen Problemen auch Personal abbauen können. Gleichzeitig wird die Kurzarbeitsregelung massiv verschlechtert. Bisher hatten ArbeiterInnen zwischen 3 und 5 Jahren eine soziale Absicherung, wenn ihr Betrieb in der Krise war und die Produktion eingeschränkt oder ganz eingestellt wurde. In Zukunft soll nach 12 Monaten Schluss damit sein. Wer in den vergangenen zwei Jahren aber weniger als 52 Wochen angemeldet war, hat nicht einmal diesen Anspruch. Wer oft arbeitslos war oder nur prekäre Jobs hatte, bekommt also gar nichts. Wer arbeitslos wird, steht in Zukunft vor einer existenzbedrohenden Situation. Stefania Fantauzzi bringt es auf den Punkt: „Wenn du keinen anderen Job findest, kannst du nicht mehr überleben. Mit dieser Maßnahme nimmt man vielen das tägliche Brot.“ Dieses soziale Kettensägenmassaker lässt das Kapital jubilieren. Was Berlusconi in zehn Jahren nicht geschafft hat, bringt Monti vor dem Hintergrund der Krise nun wahrscheinlich durch. In Italiens Betrieben droht ein echtes Terrorregime errichtet zu werden.

Politische Perspektiven

Was bedeutet das zukünftig für die Arbeit der Gewerkschaften? In der Gewerkschaftsführung gibt es einen Sektor, der meint, man solle die Vorgaben des Kapitals akzeptieren, um in Zukunft zumindest weiter im Werk aktiv sein zu können. Das hieße, die Erpressungsversuche kampflos hinzunehmen. Zweifelsohne hat das Regime Marchionne unter den Fiat-ArbeiterInnen Angst und Schrecken erzeugt, und das dämpft in einer ersten Phase die Kampfbereitschaft. Dies hat dazu geführt, dass selbst linke Betriebsräte aus der FIOM ausgetreten sind und sich den regierungsnahen Gewerkschaften angeschlossen haben. Die Linke in der FIOM, in der die UnterstützerInnen der marxistischen Strömung “FalceMartello” eine bedeutende Rolle einnehmen, will sich aber nicht erpressen lassen. Sie bemüht sich um den Aufbau von Komitees aus FIOM-Mitgliedern, SympathisantInnen und ArbeiterInnen, die in Kurzarbeit sind (die cassaintegrati), die in und außerhalb der Fabriken Initiativen gegen das Modell Marchionne organisieren. In der Provinz Modena haben sie einen beispiellosen Streik zur Verteidigung des Kündigungsschutzes organisiert, wobei die 10.000 ArbeiterInnen (Ferrari, Masrati, Terim u.a.), die an der Demo teilgenommen haben, auch gleich die Autobahn über Stunden besetzt hielten. Die Genossen in Pomigliano leisten hervorragende Arbeit bei der Organisierung der Cassaintegrati. Die FIOM verfügt über keine offiziellen Kanäle mehr, um mit den ArbeiterInnen zu kommunizieren. Was sie jetzt machen muss, ist eine Art „Untergrundarbeit“, die an die Frühzeit der Gewerkschaftsbewegung erinnert. Die MarxistInnen stehen in diesem Kampf an vorderster Front. Ihr Ziel ist es dem „Faschismus in der Fabrik“ einen neuen „Partisanenkampf“ entgegenzuhalten.

Es ist klar, dass sich unter diesen Bedingungen Gewerkschaftsarbeit nicht auf auf einen rein ökonomischen Kampf beschränken kann. Erfolgreicher Widerstand gegen die Arbeitsrechtsreform, Massenentlassungen und die Zerstörung des Kollektivvertrags erfordert angesichts der Kompromisslosigkeit, mit der das Kapital seine Angriffe vorträgt, eine politische Perspektive. Dies wird dadurch erschwert, dass die italienischen Linksparteien in einer schweren Krise sind. Seit die Rifondazione Comunista nicht mehr im Parlament vertreten ist, beschränkt sie ihre Politik darauf Teil eines Wahlbündnisses mit der Demokratischen Partei zu werden, das ihr künftig wieder Parlamentssitze garantieren würde. Aufgrund dieser Ausrichtung spielt sie kaum eine Rolle in realen Klassenkämpfen. “FalceMartello” versucht in der ArbeiterInnen- und Jugendbewegung, in den sozialen Bewegungen die Notwendigkeit einer “Partei der Klasse” zu erklären. Diese Partei wird nicht von kleinen linken Organisationen aus dem Nichts aufgebaut werden, sondern kann nur aus den gegenwärtigen Arbeitskämpfen und sozialen Bewegungen entstehen und wird von den besten Teilen der Rifondazione, der FIOM, der Gewerkschaftslinken und der Jugendbewegung getragen werden.


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