Die Coronaviruspandemie hat nach offiziellen Angaben eine Million Menschen das Leben gekostet. Das Ausmaß dieser Tragödie ist ein direktes Produkt des Kapitalismus und seiner Repräsentanten. Ihre Missachtung für die ArbeiterInnen, Jugendlichen und Armen sowie ihre stümperhaften Versuche, das System zu retten, haben nur noch mehr Chaos erzeugt. Von Joe Attard.

 

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Es handelt sich um eine der tödlichsten Pandemien der letzten 100 Jahre: Ebola- (11.000 Tote) und Schweinegrippe-Ausbrüche (500.000 Tote) während der letzten 10 Jahre hat COVID-19 bereits überholt, mit der Asiatischen Grippe in den 50ern ist es etwa gleichauf.

Wir können davon ausgehen, dass COVID-19 diese Rangliste weiter nach oben klettern wird: die fortgeschrittenen kapitalistischen Länder stehen einer zweiten Welle gegenüber, während viele Teile der Welt überaupt erst noch mit der ersten zu kämpfen haben. Das Institute for Health Metrics sagt eine mögliche Verdopplung der Todeszahlen bis zum Ende der Pandemie voraus, was den großen Choleraausbruch Anfang des 20. Jhdts. übertreffen würde.

Dieser „quälende Meilenstein“ von einer Million Toten (um UN-Generalsekretär António Guterres zu zitieren) ist noch nicht einmal alles. Der Spezialist Prof. Alan Lopez (University of Melbourne) erklärt: diese Zahl erfasst nur Todesfälle, die „getestet wurden und deren Sterbeurkunde von einem Arzt korrekt ausgefüllt wurde“.

In den ärmsten Teilen der Welt (ländliche Gebiete mit nur wenigen Krankenhäusern) sind wohl viele Tote gar nicht registriert worden. Wenn man das mit der „Übersterblichkeit“ von Menschen mit chronischen Krankheiten kombiniert, entweder verschlimmert durch COVID-19 oder durch Entfall von entsprechender Versorgung wegen der Überlastung der Gesundheitsdienste, kommt man zum Ergebnis: „die Zahl der COVID-Toten ist weit über der Million, die wir sehen“ (Lopez). Das alles ohne Erwähnung der erhöhten Suizidrate, die zB. in England und Wales bei Männern am höchsten Stand seit zwei Jahrzehnten steht. Erhöhter psychologischer Druck und finanzielle Unsicherheit befördern diesen Trend.

Eine Krise wie keine andere

Das volle Ausmaß dieser Pandemie ist mit den Pestepidemien des Mittelalters vergleichbar, die den Feudalismus an den Rand des Zusammenbruchs geführt haben. Auch die Coronavirus-Pandemie hat eine wirtschaftliche und eine soziale Krise produziert, die sich seit Jahren angebahnt hatte und nun den Kapitalismus in die Knie zwingt.

Der IWF warnt vor einer „Krise wie keine andere“ und sagt einen Rückgang der Weltwirtschaft um 4,4% zum Jahresende voraus, den tiefsten Einbruch seit den 1930ern. Selbstverständlich sind es die Arbeiterklasse und die Armen, von denen verlangt wird, die Last dieses Desasters zu schultern.

Die Arbeitslosigkeit in den USA ist von 4% vor der Krise auf 10% gestiegen. Und Millionen ArbeiterInnen in Ländern wie Frankreich, Italien und Großbritannien stehen an der Klippe. Sie sind zwar noch offiziell angestellt, aber in Wirklichkeit auf staatlich finanzierten Zwangsurlauben und in Kurzarbeit. Gleichzeitig tragen tausende kleine Geschäfte in den fortgeschrittenen kapitalistischen Staaten, die nur noch mittels staatlicher Unterstützung überlebt hatten und jetzt vor der Schließung stehen, zu fortschreitender Arbeitslosigkeit, Schulden und Obdachlosigkeit bei. Und das alles ungeachtet der Misere der ArbeiterInnen in den ärmsten Ländern, die überhaupt keine soziale Unterstützung erfahren.

Armut tötet – sie trägt (in normalen Zeiten) zu etwa einem Drittel der globalen Todesfälle bei. Und die UN schätzt, dass etwa 265 Mio. Menschen aufgrund der Effekte der aktuellen Krise vor dem Verhungern stehen. Das bedeutet, dass diese Pandemie viele Millionen Opfer fordern wird, und das abzüglich derjenigen, die am eigentlichen Virus sterben.

Dieser Virus hat die Klassenlinien in der Gesellschaft auf brutale Weise offengelegt. Während die Reichen den Virus einfach an den Türen ihrer teuren Wohnsitze vorbeiziehen lassen, hat die Arbeiterklasse oft nicht den Luxus, sich selbst isolieren oder von zu Hause aus arbeiten zu können. Die Reichen können sich die beste Gesundheitsversorgung leisten, während die Armen dazu gezwungen sind, auf die überlasteten staatlichen Gesundheitsdienste zu vertrauen (wo es sie denn gibt), oder aber Geld für Spitalsrechnungen auszugeben, das sie gar nicht haben.

In sozial benachteiligten Gemeinden ist die COVID-19-Todesrate doppelt so hoch, wobei ethnisch unterdrückte Minderheiten noch stärker getroffen werden. Und in den ärmsten Regionen der Welt hat die Pandemie überhaupt erst begonnen. In Nigeria zum Beispiel, dem „Armenhaus der Welt“, mit der dritthöchsten Ansteckungsrate in Afrika, gibt es für die 50% Slum-Bevölkerung keine Chance auf Selbstisolierung oder regelmäßiges Händewaschen.

Gleichzeitig erklären Leute wie Charles Robertson, Chefökonom bei Renaissance Capital (eine Investmentbank), dass arme Länder „keine Lockdowns durchführen sollen – sie funktionieren einfach nicht und sind die ökonomischen Verluste nicht wert“. Egal ob Lockdowns zielführend sind oder nicht: Robertson scheint sich weniger um die „Verluste“ der Menschen in armen Ländern zu sorgen, als um die seiner Aktionäre. Ihre Möglichkeiten, in diesen Ländern weiter zu schmarotzen, werden torpediert, falls deren Wirtschaft zusammenbricht.

Während die Arbeiterklasse und die Armen mit Infektionen, Arbeitslosigkeit und Armut konfrontiert sind, werden die Reichen nur noch reicher. 20.000 Amazon-Mitarbeiter wurden positiv auf Corona getestet, während CEO Jeff Bezos 13Mrd.$ an einem einzigen Tag verdient hat. Das ist mehr als das BIP von 80 Ländern.

Weiters hat eine Spekulationsorgie die Aktienmärkte fest im Griff, indes die reale Wirtschaft abstürzt. An demselben Tag im August, an dem Großbritanniens Wirtschaft um 20,4% eingebrochen ist – der tiefste Fall seit Beginn der Aufzeichnungen –stieg der Börsenindex FTSE um 2%.

Kurzfristig mögen sich diese elitären Parasiten an ihrer Beute erfreuen, doch ihr System befindet sich gerade mitten im Zusammenbruch. Und ihre schamlose Profitmacherei inmitten des großen Leids heizt einen Klassenhass an, der eher früher als später an die Oberfläche bersten wird.

Ein Desaster nach dem Andern

Die USA, Brasilien und Indien teilen sich etwa 450.000 Todesfälle. US-Präsident Donald Trump hat sich vor kurzem mit dem Virus infiziert. Als er nach drei Tagen Behandlung wieder aus dem Spital kam, prahlte er damit, „immun“ zu sein und erklärte den Amerikanern rücksichtslos, sie sollten „keine Angst haben“ vor dem Virus. „Es geht zurück an die Arbeit, wir werden wieder vorne liegen“, erklärte er, und versprach, dass ein Impfstoff „sofort“ zur Verfügung stehen würde.

Selbstverständlich hat Trump die beste zur Verfügung stehende Behandlung erhalten, finanziert durch Staatsgelder – anders als die Mehrheit der Fälle in der amerikanischen Arbeiterklasse. Er ist entschlossen, zur wirtschaftlichen Normalität zurückzukehren, um wieder Profite erwirtschaften zu können. Aber unverantwortlicherweise seine Erholung als „Beweis“ dafür zu nehmen, dass der Virus ungefährlich wäre, wird seine Verbreitung nur noch verstärken. Diese bedauernswerte Episode geschah mitten in einem geradezu lachhaften Präsidentschaftswahlkampf, in dem die Arbeiterklasse und die Jugend die Wahl zwischen Pest und Cholera hat: vier weitere Jahre Trump oder den Handlanger des Establishments, Joe Biden.

Ähnlich hat es der reaktionäre, demagogische Präsident Jair Bolsonaro in Brasilien abgelehnt, den Virus ernst zu nehmen, auch wenn es ihn selbst erwischt hat. Er war wie Trump wegen der Wirtschaftsfolgen unwillig, Lockdowns und social-distancing-Maßnahmen umzusetzen – mit dem Ergebnis, dass der Virus sich ungezügelt weiter verbreiten kann.

Das spürten vor allem die Bewohner der Armutsviertel und die Indigenen. Letztere sind nun gefangen zwischen Virus und einer neuen Welle von Waldbränden, die von von der Regierung unterstützten Holzbaronen ausgelöst werden.

Indien hat mittlerweile ebenfalls die 100.000-Marke an Todesfällen überschritten, und das noch bevor die erste Welle ihren Höhepunkt erreicht hat. Nach einem abrupten Lockdown Anfang März, der für Millionen Landarbeiter pures Chaos bedeutet hatte, ist Premierminister Narendra Modi mittlerweile dazu übergegangen, von religiösen Festen zurückkehrenden Muslimen die Schuld an der Verbreitung des Virus zu geben.

Der prekäre Zustand des indischen Gesundheitssystems, mit fehlenden Betten in den öffentlichen Krankenhäusern, bedeutet für Millionen Menschen, den Profithaien im privaten Gesundheitsbereich vertrauen zu müssen.

In diesen Ländern und auf der ganzen Welt ist das kapitalistische System in eine tiefe Krise gestürzt, und Zorn und Verbitterung sieden bereits. Die gewaltige Black Lives Matter-Bewegung, an der 10% der Amerikaner teilgenommen haben und die globale Ausläufer hatte, ist die Vorbotin jener Schlachten, die noch folgen werden.

Blut an ihren Händen

Man würde sich inmitten dieses Chaos von den führenden Wissenschaftlern einen koordinierten Versuch erwarten, die Pandemie zu stoppen. Stattdessen sehen wir einen Wettlauf der privaten Pharma-Firmen als erstes einen Impfstoff auf den Markt zu bringen, wobei staatliche Regulierungen und Testerfordernisse ausgehebelt werden.

Ihr Ziel ist es nicht, Leben zu retten, sondern sich ein Patent und damit die Profite zu sichern – und eine kleine Zahl reicher Länder sichert sich mehr als die Hälfte der globalen Versorgung der aussichtsreichsten Kandidaten.

Da Russland und China quasi ungetestete Kandidaten zulassen, führen verständliche Zweifel über diese schnellen Zulassungen zu einem wachsenden Gefühl von Verwirrung und Skepsis gegenüber dem Virus, der Wirksamkeit potentieller Impfstoffe und den offiziellen Eindämmungsmaßnahmen. Das wiederum könnte zu nur noch mehr Toten führen, wenn Menschen eine Impfung verweigern oder sich nicht mehr an die Abstandsregeln halten. Dafür, und auch für die Frustration der Menschen, liegt die Schuld direkt bei der Kapitalistenklasse und ihrer Repräsentanten. Sie haben sich bei jedem Schritt der Krisenbekämpfung als unfähig erwiesen.

Der Virus war das Ergebnis von Klimawandel, Armut und rücksichtslosen Produktionsmethoden. Seine rasante Ausbreitung ist Resultat der Weigerung der Regierungen, die Produktion zurückzufahren, ehe es zu spät war. Die Gesundheitssysteme waren nach Jahren der Kürzungspolitik ungenügend ausgerüstet, um dem Virus adäquat zu begegnen. Es gab keine global koordinierte Antwort aufgrund des Wettbewerbs zwischen den Staaten. Und die zweite Welle wurde verschärft durch den unbedingten Willen der Bosse, die Wirtschaft und die Profite wieder zum Laufen zu bringen.

In einer sozialistischen geplanten Wirtschaft hätte man alle diese Fallen umgehen und die Auswirkungen des Virus minimieren können. Im Augenblick ist die Menschheit einer Katastrophe ausgeliefert, die der Kapitalismus erzeugt hat und unfähig ist, sie wieder zu lösen.

Das Blut von Millionen Menschen klebt an den Händen der Bosse. Es ist unbedingt notwendig, dass die Arbeiter und Jugendlichen dieser Welt dieses überlebte System stürzen, bevor es noch weiteren Schaden anrichten kann.

(Funke Nr. 187/13.10.2020)


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