Ein neuer Fall eines Frauenmordes erschüttert derzeit Großbritannien und hat eine Protestwelle ausgelöst, die sich gegen Gewalt, Unterdrückung und ganz allgemein gegen die unsicheren Lebensbedingungen von Frauen im Kapitalismus richtet. Ein Bericht von Konstantin Korn.

 

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Die 33jährige Sarah Everhard machte sich nach einem gemeinsamen Abendessen mit einer Freundin in Südlondon auf den Heimweg, kam jedoch nie in ihrer Wohnung an. Sie wurde Opfer eines Kapitalverbrechens. Mittlerweile wird ein Polizist verdächtigt, Sarah Everhard entführt und ermordet zu haben. An dem Platz, wo die Ermordete das letzte Mal lebend gesehen wurde, hielten Frauen am 13. März eine friedliche Mahnwache ab, um ein Zeichen gegen Frauenmorde zu setzen.

Unter dem Vorwand, die Covid19-Maßnahmen durchsetzen zu müssen, ging die Polizei brutal gegen die Menge vor und löste die Kundgebung gewaltsam auf. Das war das sprichwörtliche Öl, das ins Feuer gegossen wurde. Die Folge war eine Welle von kämpferischen Protesten gegen Frauenunterdrückung und Polizeigewalt.

Eines der Plakate auf der Demo in London trug den Schriftzug: „Von dem System getötet, von dem man sagt, es würde uns ‚beschützen‘“. In den letzten Tagen haben unzählige Frauen begonnen, über traumatisierende Erfahrungen zu erzählen, die sie tagein tagaus in diesem System machen müssen. Unzählige Frauen sind sich bewusst, dass ihnen dasselbe Schicksal erfahren hätte können wie Sarah Everhard. Ein Slogan dieser Frauen lautet: „Wir sind die 97 Prozent“ – eine Bezugnahme auf eine jüngst erschienene Studie, wonach 97 Prozent aller jungen Frauen in Großbritannien auf die eine oder andere Weise von sexueller Belästigung betroffen sind.

Polizeigewalt und Heuchelei

Die Tatsache, dass nun ein Polizist beschuldigt wird, macht diesen Fall besonders brisant. Die Polizei wollte von Anfang an die friedliche Mahnwache unterbinden und drohte den Organisatorinnen mit einer hohen Geldstrafe wegen Verstoßes gegen die Corona-Regeln. Als die Trauerkundgebung trotzdem abgehalten wurde, ging die Polizei brutal vor. Blumen und Kerzen wurden niedergetrampelt, Demonstrantinnen gestoßen, geschlagen und verhaftet.

Diese skandalöse Polizeigewalt hat für sehr viel Empörung gesorgt. Der Aufschrei war so groß, dass sich sogar die konservative Regierungspartei gezwungen sah, Kritik an der Polizei zu äußern. Dass dies reine Heuchelei ist, ist aber vielen Frauen bewusst. Immerhin waren es die Tories, die mit ihrer permanenten Austeritätspolitik Frauenhäuser und andere soziale Fraueneinrichtungen aushungerten. Und die Tory-Regierung hat erst vor kurzem das „Spy Cops“-Gesetz verabschiedet, das Polizeispitzeln im Fall von Verbrechen gegen politische AktivistInnen – einschließlich Belästigung und Vergewaltigung – Immunität zusichert.

Die Protestbewegung fordert den Rücktritt des Innenministers und der Polizeipräsidentin von London, die für die Polizeigewalt gegen die Mahnwache verantwortlich sind. An den spontanen Demos beteiligten sich Tausende Menschen, Männer und Frauen. Bezeichnend ist auch, dass der Vorsitzende der Labour Party, Keir Starmer, sich bislang weigert, zu diesen Protesten aufzurufen.

Kapitalismus und Unterdrückung

Frauenunterdrückung ist nichts „Natürliches”, sondern ein Produkt der jahrtausendealten Klassengesellschaft. Und es sind in erster Linie die KapitalistInnen, die von dieser Unterdrückung profitieren, weil die Frauen dadurch noch leichter als billige Arbeitskraft ausgebeutet und je nach den Bedürfnissen des Kapitals in den Arbeitsmarkt integriert oder eben wieder zurück in den Haushalt gedrängt werden können.

Es sind dies die materiellen Bedingungen, auf denen auch in der modernen kapitalistischen Gesellschaft Sexismus und Frauenfeindlichkeit gedeihen. Dieses System unterjocht die arbeitenden Menschen – Frauen wie Männer – und kann keinen dauerhaften Fortschritt für die Mehrheit der Menschheit sicherstellen.

In Zeiten der Pandemie und der Wirtschaftskrise wird dies für Millionen immer deutlicher spürbar. Frauen sind häufiger von Arbeitslosigkeit betroffen und die Doppel- und Dreifachbelastung der Lohnarbeit, Hausarbeit und Kindererziehung ist für viele nicht mehr zu ertragen – vor allem in jenen Familien, die unter beengten Wohnverhältnissen leben. Mit Arbeitslosigkeit, sinkenden Reallöhnen und Armut steigt auch die wirtschaftliche Abhängigkeit von vielen Frauen, was es oft noch schwieriger macht, aus Gewaltbeziehungen auszubrechen. Dies zeigt wie eng verknüpft der Kampf gegen Gewalt mit dem generellen Klassenkampf ist.

Der Mord an Sarah Everhard ist kein Einzelfall, sondern die Spitze eines Eisbergs. Gewalt gegen Frauen ist ein massenhaftes Phänomen, das in vielen Ländern der Welt (Mexiko, Chile, Pakistan, Polen und jetzt in Großbritannien) massive Proteste hervorgerufen hat, weil immer mehr Frauen nicht bereit sind, diese ständige Bedrohung einfach hinzunehmen.

Viele Frauen haben ein schlechtes Gefühl, ja Angst, alleine unterwegs zu sein. Millionen junger Frauen sind sich bewusst, dass dies kein Leben ist, und dass eine solche Angst in einer menschlichen Gesellschaft keinen Platz haben darf. Sie sind die Speerspitze einer neuen Generation, die für Frauenrechte auf die Straße geht und ein Leben in Gleichheit, Würde und in gegenseitigem Respekt will. Eine solche Gesellschaft wird es aber erst geben, wenn wir durch eine revolutionäre Überwindung der kapitalistischen Klassengesellschaft jeglicher Frauenunterdrückung die Basis entziehen.

(Funke Nr. 192/17.3.2021)


 Buchtipp: Der Ursprung der Familie, des Privateigentums und des Staats

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  • ISBN: 978-3-902988-18-8
  • Taschenbuch, 248 Seiten, 180x125cm
  • 8€ im Funke-Online-Shop

Zum Frauentag, dem 8. März 2021, veröffentlichten wir Friedrich Engels‘ Werk „Der Ursprung der Familie, des Privateigentums und des Staats“ neu. Dieser Klassiker zählt zur Pflichtlektüre für MarxistInnen und liefert – unter anderem – den bis heute gültigen Schlüssel zur Überwindung der Frauenunterdrückung.

Erstmals 1884 erschienen, stützt sich das Werk auf die Forschungen des Anthropologen Lewis Henry Morgan und zieht daraus revolutionäre Schlussfolgerungen: Die Familie ist keine ewig gleichbleibende Institution, sondern hat sich im Laufe der Geschichte immer wieder grundlegend verändert. Engels zeigt auf, wie die wirtschaftlichen Grundlagen einer Gesellschaft bestimmen, welche Formen die Familie annimmt.

Aus seiner historisch-materialistischen Analyse geht auch hervor, dass die Frauenunterdrückung nicht schon immer existiert hat und auch nicht in den biologischen Unterschieden zwischen Männern und Frauen begründet ist. Die Unterdrückung entstand Hand in Hand mit den Klassengesellschaften. Ebenso wie für die Familie gilt dies für den Staat, der keine „neutrale Instanz“ ist, sondern immer, mal offener, mal versteckter, im Sinne der herrschenden Gesellschaftsklassen fungiert.

Diese revolutionären Erkenntnisse sind wichtige Waffen im Arsenal der RevolutionärInnen, denn sie zeigen, warum die Frauenunterdrückung und der Staat historisch entstanden sind und wie sie überwunden werden können.


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